08.04.16 | Zwei Totenscheine

Gestern berichtete mir eine Freundin aus meiner alten niederrheinischen Heimat, dass eine betagte Bekannte gestorben ist. Sie wurde 86 Jahre alt. Vor drei Jahrzehnten hatte sie ihren Mann verloren. Einige Zeit später verliebte sie sich in einen anderen Herrn. Der Altersunterschied: 22 Jahre. „Sie könnte seine Mutter sein“, hieß es im Dorf. Das Gerede blühte. Jünger zu sein als der Partner – das war Aufgabe der Frauen, nicht der Männer.

Die beiden blieben ein Paar in inniger Liebe. Das Gerede verstummte. Bis zum Tod der alten Dame vor wenigen Tagen pflegte der Mann sie aufs Beste. An ihrem Todestag wartete er auf den Arzt, der den Totenschein ausstellen sollte, und während er wartete, starb er selbst einen leisen Tod. Der Arzt stellte zwei Totenscheine aus.

In dieser Woche feierte die Familie ein Doppelbegräbnis und freute sich in der Trauer, dass keiner der beiden untröstlich zurückgeblieben war.

Herzlich eure
Turmflüsterin

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