Klüngeltüngels bei Fotograf aus dem Jahr 1849

Erst hatte es so ausgesehen, als müssten sie ihre Oktober-Fahrt mangels Masse absagen, doch dann machten sich doch noch elf Klüngeltüngels  auf den Weg in das „schönste Dorf Frieslands“ mit besonderem Fotograf.

Sie fuhren nach Neustadtgödens. Dort erlebten sie Kirche und Geschichte pur. Im Neuauwiewitt-Dorf angekommen, hatte das Navi Orientierungsschwierigkeiten. Kurzerhand wurde der einzige Mensch, der auf der Straße sichtbar war, nach dem Weg gefragt, und – oh Wunder – er wusste schon, wo die Klüngeltüngels hinwollten, denn es handelte sich um den von ihnen gebuchten Fremdenführer.

Im Gemeindesaal der Neuauwiewitt-Gemeinde St. Joseph erwartete sie Maria Döldissen-Schlömer mit einer liebevoll gedeckten Kaffee- und Teetafel und überaus leckerem Kuchen. Einige konnten es sich nicht verkneifen, vier Stücke zu verdrücken.

Die Klüngeltüngels im Garten von St. Joseph. In der Mitte mit Blümchen Maria Döldissen-Schlömer. Sie bewirtete die Gruppe aus Aurich überaus gastlich.

Nach geraumer Zeit holte Dirk Arnskötter, der nun schon bekannte Stadtführer, sie ab. Er begann seine Führung direkt an der St. Joseph-Kirche.

Der Clou im Garten von St. Joseph: Die Klüngeltüngels durften so viele Walnüsse sammeln wie sie wollten. Marlies war ein perfekter Aufnehmer, denn sie weiß um einige hochprozentige, pardon: hochwertige Rezepte mit eingelegten Früchten…

Sie wurde 1715 erbaut und war die erste  katholische Kirche nach Beginn der Reformation auf der ostfriesischen Halbinsel. Das Grundstück, das groß genug war für eine Kirche, einen Friedhof und ein Pfarrhaus, war ein Geschenk der Ehefrau des Schlossverwalters von Gödens.

Der Bau wurde möglich, weil der zur reformierten Kirche gehörige  Schlossherr sich 1639 eine katholische Gemahlin genommen hatte und ihr erlaubte, ihren Glauben frei auszuüben. So wurden alle neun Kinder des Paars katholisch getauft und erzogen.  Das führte dazu, dass der nachfolgende Erbe auf Schloß Gödens, Haro Burchard von Fridag, die Religionsfreiheit einführte.

Als die Kirche gerade mal ein Jahr alt war, wurden die Gläubigen 1717 während der Christmette von der Weihnachtsflut  überrascht und retteten sich auf den Dachboden. Durch ein weißes Kleidungsstück, das sie aus dem Fenster hängten, wurde im Nachbarort ein Bauer auf sie aufmerksam, und alle konnten lebend gerettet werden.

Arnskötter weiß viele Geschichten zu erzählen. Beim anschließenden Bummel durch’s Dorf berichtete er über den Deichbau, mit dem alles anfing. Er ging auf das Leben hinter Deich ein, auf die zahlreichen Zunftfahnen an den Häusern, die den Beruf ihrer Bewohner anzeigten, auf das Kaffeekannenmuseum mit Hunderten von Ausstellungsstücken, auf die Blaudruckfärberei und die Leinenweber mit ihren Bleichwiesen und auf die Staustraße, wo die Händler Markt hielten und ihre Waren stapelten.

Die Gruppe aus Aurich in der katholischen St.-Joseph-Kirche. Hier begann ihre Führung.

Zug um Zug und Straße für Straße breitete Dirk Arnskötter die Geschichte des Dorfs spannend und vielsagend vor ihnen aus. Sie lauschten gebannt, stellten viele Fragen und ließen sich immer tiefer in das alte Leben der Ortschaft führen.

Im Jahr 1511 war der Herrschaftssitz Gödens durch die Antoniusflut akut bedroht worden. Es begannen umfangreiche Eindeichungsmaßnahmen. Im Zuge dieser Arbeiten wurde ein Siel errichtet, die Keimzelle des neuen Ortes. Neustadtgödens entwickelte sich bald zu einem bedeutenden Handelsort, der wegen der Seeanbindung gute Handelsverbindungen zu anderen Häfen unterhielt.

Solche Wappenschilde halfen früher den Bewohnern, die nicht lesen konnten, die richtigen Häuser aufzusuchen – im Bild ein nachempfundenes Schild für einen Barbier, den Snutenschrabber.

Durch den Bau eines Damms wurde der Ort Anfang des 17. Jahrhunderts vom Meer abgeschnitten. Die Einwohner wandten sich nun vor allem dem Handel und der Weberei zu.

Wegen  der Religionsfreiheit kamen viele Glaubensflüchtlinge in den Ort. Die Mennoniten, die für die Taufe im Erwachsenenalter eintreten, waren eine der ersten Religionsgemein-schaften des Ortes. Viele von ihnen kamen als Deicharbeiter aus den Niederlanden. 1741 wurde ihnen als letzte christliche Konfession der Bau einer Kirche gestattet. Im Sinn der Mennoniten, die ein einfaches Leben führen und jeden Prunk ablehnen, ist die Kirche ein schlichter  Bau im Stil des Klassizismus.

Im Jahrhundert zuvor hatte es noch keine Religionsfreiheit in Neustadtgödens gegeben. Die Herrschaft in Gödens hatte sich früh der Lehre Calvins angeschlossen und 1558 ein Edikt über das Verbot zur öffentlichen Religionsausübung erlassen.

Mit einem solchen Schild lockte einst der Gerichtsdiener ins örtliche Kittchen, sinnigerweise genau dort angebracht, wo früher die schwedischen Gardinen hingen.

Die Bewohner wurden gezwungen, den reformierten Glauben anzunehmen. So gab es in Neustadtgödens  immer schon reformierte Christen, die aber in den ersten Jahren die Kirche im benachbarten Dykhausen mitbenutzen mussten. 1715 erhielten sie die Erlaubnis, ihre eigene Kirche zu bauen.

Die ersten Juden  ließen sich schon im 30-jährigen Krieg in Gödens nieder. Da es ihnen generell untersagt war, ein Handwerk auszuüben , betätigten sie sich vor allem als Viehhändler und als Schlachter. Anfang des 18. Jahrhunderts erhielten sie die Erlaubnis, ein Bethaus und einen Friedhof einzurichten.

Aufgrund der stark wachsenden Gemeinde – Mitte des 19. Jahrhunderts  war jeder 4. Einwohner des Ortes jüdischen Glaubens – wurde der Neubau einer Synagoge umgesetzt.

Der Baustil orientierte sich an einem von K.F. Schinkel geschaffenen Musterentwurf. Die Synagogen in Neustadtgödens und in Dornum sind die einzigen jüdischen Gotteshäuser im Ostfriesland, die die Novemberprogrome 1938 unbeschadet überstanden haben.

Die Synagoge in Neustadtgödens. Sie überstand die Reichspogromnacht, weil in ihr Farben gelagert waren. So mussten die Nazis fürchten, dass es beim Niederbrennen zu einer unkontrollierbaren Feuersbrunst – und damit zur Vernichtung des ganzen Dorfs – kommen könnte.

Bereits Ende des 17. Jahrhunderts stellten die Lutheraner durch Zuwanderung aus dem lutherischen Umland über die Hälfte der Einwohner.

Dieses Wappenschild zeigt den Humor der heutigen Bewohner. Sie zauberten es unter die „richtigen“ Wappenschilde. Angeblich war dort bereits 1849 und damit kurz nach Erfindung der Lichtbildkunst, ein Fotograf ansäßig. Da früher alle Abzulichtenden auf das berühmte Vögelchen warten mussten, hieß der Fotograf Kukuk. Vielleicht trug er den Namen aber auch nur, weil dieses Schild wie ein Kuckucksei unter die anderen geschmuggelt wurde.

Die lutherische Kirche wurde als erstes Gotteshaus im Jahre 1695 eröffnet. Der Kirchturm wurde später angebaut. Am Turm befindet sich ein Sandsteinportal mit den Wappen des Grafen Burchard Philipp von Fridag und seiner Frau – ein solches Wappen trägt auch die reformierte Kirche.

Dabei sollen die Kosten, wie übrigens für alle Kirchen des Orts, durch Spenden aus dem Volk aufgebracht worden sein. Der Schlossherr soll keinen einzigen  Kreuzer zur Verfügung gestellt haben.

Das Kostbarste in dieser Kirche ist das Altarbild, das den Gekreuzigten Christus zeigt, umgeben von  Engeln. Zu seinen Füßen liegen die Frauen und der Jünger Johannes. Es wurde von dem niederländischen Maler Augustinus Terwesten gemalt, der als Hofmaler König Friedrichs des I. von Preußen  berühmt wurde.

Es kam von Berlin über Emden zum Schloss Gödens und hängt als Leihgabe schwer gesichert in der Kirche.

Fast zwei Stunden hat sich Dirk Arnskötter für die  Stadtführung Zeit genommen, und die Klüngeltüngels waren beeindruckt von der Geschichte dieses Ortes.

Gerade in den Zeiten, da Konflikte unter den Religionen weit verbreitet waren und die Angehörigen anderer Glaubensgemeinschaften als natürliche Feinde angesehen wurden,  herrschte in dieser kleinen Gemeinde vom 17. bis ins 19. Jahrhundert ein Klima ausgesprochener religiöser Toleranz. Auf engstem Raum lebten fünf unterschiedliche Religionsgemeinschaften friedlich neben- und miteinander, nachvollziehbar an den noch heute gut erhaltenen Gotteshäusern der verschiedensten Konfessionen und Religionen.

Text: Elisabeth Funke, Fotos: Delia Evers

Weitere Informationen zur Geschichte von St. Joseph Neustadtgödens

Dirk Arnskötter an der Paterei.

Schönes Neustadtgödens – hier mit der lutherischen Kirche.

Der nächste Ausflug der Klüngeltüngels geht am 20. November in das  Schloss nach Jever.

Herzliche Einladung an alle, die klüngeltüngeln wollen.

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