2014-10-18 Glaube im Gespraech

Jeder Selbstmord bleibt ein Skandal

Von Delia Evers | Glaube im Gespräch mit dem Thema „Von der Wiege bis zur Bahre“

Unter welchen Umständen kommen wir auf die Welt, und wie verlassen wir sie? In dieser Bandbreite diskutierten Donnerstagabend rund 30 Gläubige aus der ganzen Pfarreiengemeinschaft mit Dr. Klaus Klother – einem Mann, der vom Thema was versteht. Im Katholischen Krankenhausverband der Diözese Osnabrück berät der 34-jährige Theologe aus Lingen z.B. Ärztinnen und Ärzte in ethischen Fragen.

Ethische Fragen? Das sind die, bei denen unser Gewissen beteiligt ist und eine Entscheidung beeinflusst; Ethik ist das „Gegenteil“ von Gewohnheit; ethische Fragen tauchen oft da auf, wo es keine eindeutigen und immer gleichen Lösungen gibt.

Klaus Klother stellte seine Zuhörerinnen und Zuhörer vor ihrem geistigen Auge nächtens an eine rote Ampel, mit wachsender Wartezeit, wachsender Ungeduld und hinten noch ein Kind auf der Rückbank. Was tun? Fahren? Trotz des roten Signals, trotz der Kinderaugen und der Frage, die sicherer kommt als das grüne Signal („warum machst du, was ich nicht darf“)?

Schnell waren die Gäste im Bonihaus mitten im Thema, wägten kleinere und größere Übel ab und hatten bald die Theorie zur Praxis klar: Wichtig für eine ethisch wertvolle Entscheidung sind Ziel, Mittel und Folgen einer Handlung.

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Gute Gespräche zum Themenspektrum“Von der Wiege bis zur Bahre“ im Bonihaus.

Klaus Klother informierte in sehr breitem Spektrum über ethische Fragen, die sich rund um das Thema Schwangerschaft stellen können, vor allem bei den vorgeburtlichen Untersuchungen der werdenden Mütter und der Föten. Dabei gab der Theologe nicht den Moralapostel. Er stellte Argumente und Haltungen vor und tat selten seine eigene Auffassung kund.

Das ließ Raum für Diskussionen, und der Abend verlief anders als manch anderer. Zwar waren die Vortragsanteile ziemlich heftig ausgeprägt; aber auf Wunsch des Referenten wurden sie immer wieder durch Fragen, Meinungen und Informationen aus dem Plenum aufgelockert und ergänzt. Das klappte prima und offenkundig ohne Scheu.

Dis Diskussionen zeigten, wie viel wertvolles Wissen bei Menschen in unseren Gemeinden angesiedelt ist, welche Fragen sie bewegen und wie sehr sie die Oberfläche verlassen wollen.

Zu knapp wurde die Zeit für ausführliche Diskussionen beim zweiten Thema des Abends, das vor allem um Sterbehilfe in allen Schattierungen kreiste.

Klaus Klother zeigte wichtige Unterscheidungen auf, zum Beispiel zwischen Töten und Sterbenlassen:  Töten als aktive Form, einen Menschen umzubringen, und Sterbenlassen – vielleicht sogar über einen aktiven Akt wie das Abschalten eines Beatmungsgerätes – als Loslassen und der Krankheit ihren Lauf lassen, die einem Leben dann auf „natürliche Art“ ein Ende setzt.

Erneut zeigte sich bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Wunsch nach Tiefe, sicher auch angesichts der aktuellen Fälle von Schrifsteller Wolfgang Herrndorf und MDR-Intendant Udo Reiter, die sich umgebracht haben.

Ein Bekannter von Reiter wird in der jüngsten Wochenzeitung „Die Zeit“ zitiert: Der Jurist und Publizist Oliver Tolmein war schockiert über den Selbstmord von Reiter, obwohl der sich immer wieder für die Anerkennung von Suiziden eingesetzt hatte. Tolmein sagte: „Ich finde, dass man aus so einem Suizid nichts lernen kann und nichts lernen soll.“ Stattdessen forderte er – wie Donnerstagabend Gläubige aus unserer Pfarreiengemeinschaft und Klaus Klother – mehr Suizidprävention.

Tolmein ist gegen die Enttabuisierung von Selbstmorden und sagt: „Ich möchte, dass jeder Selbstmord ein Skandal bleibt.“

Oder wie es der SPD-Politiker Franz Müntefering sagte: „Hier soll aus Angst vor dem unsicheren Leben ein sicheres Ende gesucht und der präventive Tod zur Mode der angeblich Lebensklügsten gemacht werden.“ Diese Sätze klingen richtig und haben doch keine absolute Gültigkeit.

Ethische Fragen müssen immer wieder neu gestellt und beantwortet werden. Solche Hinweise machten den Abend wertvoll.

Die Vorsitzende des Pfarrgemeinderates St. Ludgerus Aurich, Beate Eggers, dankte Klaus Klother herzlich für sein Referat, das viele Anregungen für weitere Diskussionen hinterlassen hat.

Klaus Klother stellte freundlicherweise eine PDF-Datei seines Vortrags zur Verfügung. Alle Inhalte können so noch einmal nachvollzogen werden.

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Klaus Klother (Bildmitte) mit Teilnehmern des Abends. Der Pfarrgemeinderat hatte wie immer für einen Imbiss gesorgt. So konnten Interessenten direkt von der Arbeit ins Bonihaus kommen, ohne die Veranstaltung hungrig überstehen zu müssen. Außerdem bot der Imbiss gute Gelegenheit, locker ins Gespräch zu kommen.

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