2015-02-25 Gedenkgottesdienst

Trauer um verstorbene Kinder als Teil des Lebens

Von Delia Evers | Sonntag ökumenischer Gedenkgottesdienst in St. Ludgerus Aurich

Eltern auf der ganzen Welt fürchten mehr als alles andere den frühen Tod eines eigenen Kindes. Dieses Trauma haben Mütter und Väter erlebt, die für Sonntag, 1. März, 15 Uhr, in die St.-Ludgerus-Kirche am Georgswall 13a in Aurich zu einem Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder eingeladen werden.

Seit 2003 organisieren Christen jährlich ostfrieslandweit diesen ökumenischen Gottesdienst. Einige von ihnen haben selbst Kinder verloren. Sie wissen, dass die Trauer sie ihr Leben lang begleitet. Sie verändert sich, lässt nach, flammt auf und lässt die Betroffenen nicht los. Manchmal fühlen sie sich noch Jahre nach dem Tod ihres Kindes in die Anfänge ihrer Trauer zurückgerissen.

Trauerbegleiterin Erna Campen aus dem Orga-Team hat selbst ein Kind verloren. Sie sagt: „Man will die Trauer nicht loswerden. Wenn sie weg wäre, wüsste ich nicht, ob die Beziehung zu meinem Kind Bestand hätte.“ Ihre Tochter ist in diesen Tagen vor 19 Jahren gestorben. „Man kann nur lernen, es auszuhalten. Die Trauer wird zum Bestandteil des Lebens.“

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Pfarrer Johannes Ehrenbrink, Pastorin Gretchen Ihmels-Albe, Trauerbegleiterin Erna Campen, Diakonin Anke Kaun und Jana Siebert als betroffene Mutter (nicht auf dem Foto sind Landessuperintendent Dr. Detlef Klahr und Präses Hilke Klüver).

Der Gottesdienst möchte trauernden Eltern, Geschwistern und Großeltern, Verwandten und Freunden Raum für ihre Trauer geben – gleich ob sie ein Ungeborenes verloren haben, ein Säugling den plötzlichen Kindstod gestorben ist, ein Kind durch Unfall oder Krankheit zu Tode kam oder betagte Eltern ein erwachsenes Kind hergeben mussten.

Jeder, das ist die Erfahrung des Orga-Teams, trauert auf eigene Weise. So ist der Gottesdienst offen und fordert nichts: erst recht keine Stärke und kein Zusammenreißen. Stärke haben die verwaisten Eltern ohnehin längst an den Tag legen müssen, sonst hätten sie den Verlust kaum verkraftet.

Der Gottesdienst will nicht wie bei einer Beerdigung Möglichkeit zum Abschiednehmen sein. „Hier geht es um Gedenken“, sagt Jana Siebert aus dem Orga-Team, die vor zwölfeinhalb Jahren ihr Töchterchen durch Plötzlichen Kindstod verloren hat. Schon die Tatsache, dass sie die Frage nach dem „Wann“ nicht mit „zwölf“ oder „dreizehn“, sondern mit „zwölfeinhalb“ beantwortet, macht deutlich, wie intensiv gestorbene Kinder in ihren Eltern präsent bleiben.

Erna Campen berichtet von der Hemmschwelle einiger Eltern, nach der Beerdigung ihres Kindes in die Kirche zu gehen, weil sie fürchten, dass dann „alles wieder hochkommt“. Doch die Resonanz auf den Gedenkgottesdienst zeige, dass gerade er den Trauernden gut tue.

Für Pastorin Gretchen Ihmels-Albe ist wichtig, dass die Trauer öffentlich ausgesprochen werden darf. So wird sie in der Gemeinschaft mitgetragen. Dechant Johannes Ehrenbrink sagt: „Die gemeinsame Trauer vieler Menschen schafft Verbundenheit.“ Die Betroffenen spüren allein durch das ähnliche Schicksal Solidarität. Schon dieser Beistand, der untereinander nicht einmal Worte braucht, verringert die Last.

Genau das hat einigen Verwaisten gefehlt. Sie wurden in ihrer Trauer allein gelassen, nicht verstanden und mit den wohlmeinenden Ratschlägen derer traktiert, die dachten, Trauer könne man nach Ablauf eines Jahrs beerdigen: „Nun ist dein Kind schon so lange tot…!“ „Lenk‘ dich mal ab!“ „Mach was richtig Schönes!“ „Jetzt muss es langsam gut sein.“

Es ist nicht gut. Das Kind bleibt gestorben, „gleich ob es vor einem Monat, einem Jahr oder 30 Jahren gehen musste“, sagt Johannes Ehrenbrink. Erinnerungen und immer wieder Gedanken daran, wie das Kind jetzt aussähe, wie es eingeschult würde, einen Partner fände und vielleicht eigene Kinder großzöge, gehen den Lebensweg der verwaisten Eltern mit bis an ihr eigenes Ende.

Längst ist der Gottesdienst für viele Trauernde zu einer festen Größe im Jahr geworden. Sie werden von Teammitgliedern am Kirchenportal begrüßt und bekommen Teelichte gereicht, die sie in aller Ruhe im Altarraum an der Osterkerze entzünden und aufstellen können.

Johannes Ehrenbrink erzählt: „Manche Eltern sind jedes Jahr dabei, andere kommen nur einmal.“ Und manchmal, sagt Gretchen Ihmels-Albe, „weinen Männer dort zum ersten Mal.“

Einen der berührendsten Momente während des Gottesdienstes schildert Diakonin Anke Kaun. Jeder Besucher erhält eine papierne Träne, auf die er, wenn er mag, den Namen des verstorbenen Kindes und gern ein paar persönliche Gedanken schreibt. All die Tränen – und damit das Leid der Angehörigen – werden im Altarraum niedergelegt und vor den Höchsten gebracht.

Anke Kaun sagt: „Dann nehmen wir jede Karte sehr behutsam in die Hand“, denn jede papierne Träne steht für die Trauer von Menschen um ein gestorbenes Kind. „Das berührt uns jedes Mal selbst ganz tief“, berichtet Erna Campen.

In einer ruhevollen Zeremonie verlesen Teammitglieder die Namen der Kinder – manchmal auch von Karten, die Eltern vor dem Gottesdienst selbst liebevoll hergestellt haben. Anke Kaun: „So gestalten Eltern den Gottesdienst mit.“ Für die meisten Besucher ist das Verlesen der Namen der persönlichste Moment. Ihr Kind ist nicht vergessen. Es wird – auch auf Erden – bei seinem Namen gerufen.

Fünf Kinder werden genannt und nach einem Kyrie-Ruf wiederum fünf Kinder – bis alle Namen verlesen sind. Die Karten werden an einen Lebensbaum gehängt.
Wichtiger Bestandteil der Feier ist die Musik. Das Ostfriesische Kammerorchester spielt unter Leitung von Christoph Otto Beyer ruhige, klassische Stücke. Den Kontakt hat Jana Siebert hergestellt.

Und natürlich singen die Besucher des Gottesdienstes selbst. Einige Lieder haben sich seit Jahren bewährt und bilden eine ganz eigene, gefühlvolle Ansprache. Liederzettel zum leichteren Mitsingen liegen aus. Erna Campen freut sich darauf, dass die Kirche geschmückt sein wird. „Frühlingshaft…“, verspricht Hausherr Johannes Ehrenbrink. „Ins Leben führend…“, ergänzt Gretchen Ihmels-Albe.

Während des Gottesdienstes wird eine Kollekte gehalten. Das Geld hilft, die wichtige Trauerbegleitung übers ganze Jahr sicherzustellen. Ansprechpartnerin ist Erna Campen, die für trauernde Menschen da ist (Tel. 04943 – 92 40 04 oder Erna-C@t-online.de).

Immer wieder hat das Team die Erfahrung gemacht, dass Eltern die erlebten und erlittenen Geschichten mit ihren Kindern erzählen möchten. Manche tun dies zum allerersten Mal, obwohl sie ihr Kind Jahre zuvor verloren haben. Gelegenheit zum Reden haben sie nach dem Gottesdienst im Boni-Haus, dem Pfarrheim der St.-Ludgerus-Gemeinde, quasi neben der Kirche bei einer Tee- und Kaffeetafel.

Entstanden ist die Initiative für Ostfriesland 2003, nachdem Erna Campen mit einem Wagen voll trauernder Eltern bei einem Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder in Bremen gewesen war. Diese stärkende Begleitung wollten sie auch zu Hause anbieten und brachten sie auf den Weg.

Seither bereitet ein Team in beinah unveränderter Besetzung die Gottesdienste ökumenisch vor: Trauerbegleiterin Erna Campen, Pfarrer Johannes Ehrenbrink, Pastorin Gretchen Ihmels-Albe, Diakonin Anke Kaun, Landessuperintendent Dr. Detlef Klahr, Präses Hilke Klüver und Jana Siebert als betroffene Mutter.

Der Gottesdienst in diesem Jahr steht unter dem Leitwort „Suchen und fragen und…“
Er bietet keine Patentrezepte für Trauerarbeit. Denn es gibt keine. Darum steht am Ende des Leitworts das und mit den drei Pünktchen. Das Team sucht und fragt selbst und will allenfalls „vorsichtig Anregungen ins Gespräch bringen, um nicht nur in der Trauer zu bleiben“, sagt Johannes Ehrenbrink, der Sonntag die Predigt hält. „Wir können unseren Glauben anbieten.“

Trauernde Menschen sind in ihrem Gefühlsleben nicht eingeschränkt, im Gegenteil: Sie leben mit der ganzen Palette – vom Schmerz bis zur Lebensfreude, von dunklen Tagen bis zu hellerer Hoffnung.

Der Termin im kommenden Jahr ist wiederum am zweiten Fastensonntag (Reminiscere), 21. Februar 2016.

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