2015-03-01 Gedenkgottesdienst

Glaube über das Suchen und Fragen hinaus

Von Delia Evers | Ökumenischer Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder

Der ökumenische Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder in der St.-Ludgerus-Kirche Aurich hat begonnen. Der erste Satz ist noch nicht gesprochen, da ertönt aus einer Bank ein kurzer, fröhlicher Kinderruf. Ein gutes Vorwort.

Pfarrer Johannes Ehrenbrink spricht die Begrüßung für rund 50 Eltern, Geschwister, Großeltern, weitere Familienangehörige und Freunde von verstorbenen Kindern und sagt ihnen zu: „Wir möchten in dieser Stunde bei Ihnen und mit Ihnen sein und Ihr Suchen und Fragen mit aushalten.“

In einem Gebet bittet er: „Stärke uns durch die Gemeinschaft, die wir in diesem Gottesdienst erleben dürfen. Sei du unsere Kraft und Stärke, richte die auf, die voller Verzweiflung und Trauer sind, gib ihnen Hoffnung und Zuversicht und die Kraft, sich neu auf den Weg in die Zukunft zu machen, einer Zukunft, an deren Ziel du jeden von uns erwartest und in die Arme schließt.“

Diakonin Anke Kaun trägt den Psalm 42 behutsam und schön vor, als spräche sie ein Gedicht.

Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser,
so schreit meine Seele, Gott, zu dir.
Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.
Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?

Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht,
weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?

Wo ist Gott und wo war er, als die Kinder starben?

Trauerbegleiterin Erna Campen und Jana Siebert gehen mit einem Gebet von Dietrich Bonhoeffer auf die Frage ein. „Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.“

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Das Ostfriesische Kammerorchester spielt vor den Altarstufen.

Das Ostfriesische Kammerorchester spielt unter Leitung von Christoph Otto Beyer ruhige, klassische Musik. Spätestens jetzt sind die meisten Herzen weit geöffnet. Vorn im Kirchenschiff halten sich zwei Frauen umarmt. Etwas weiter hinten lehnt eine Frau ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes und bleibt in dieser Geborgenheit. Zwei Erwachsene schieben sich langsam ihre Hände vors Gesicht. Eine alte Dame sitzt sehr aufrecht in ihrer Bank. Die Mundwinkel beben. Niemand bleibt unbewegt.

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Gottesdienstbesucher geben einander Halt.

Alle teilen das gleiche Schicksal. Sie haben ein Kind verloren. Jeder trauert auf seine Art. Hier dürfen sie es gemeinsam tun, können unbefangen weinen, weil jeder in den Tränen des anderen die eigenen kennt.

Johannes Ehrenbrink sagt in seiner Predigt offen: „Ich kenne nicht das Gefühl, ein eigenes Kind sterben zu sehen und dann durch den Tod einen Verlust hinnehmen zu müssen, der größer wohl nicht sein kann.“ Dem Tod und der Trauer ist er allerdings in 39 Priesterjahren immer wieder begegnet und hat versucht, die Trauer mit durchzutragen.

Ehrenbrink spricht über das Suchen und Fragen, wie es im Inneren der Eltern aussieht, „welche Abgründe an Hoffnungslosigkeit und Trauer sich dort auftun, wie Hoffnungslosigkeit Ihr Inneres finster macht und wie Sie ausschauen nach einem Licht, das dieses Dunkel aufhellt.“
1-gedenkgottesdienst3Für jedes verstorbene Kind wurde ein Licht entzündet.

Der Pastor sagt: „Wir sind hier zum Gedenkgottesdienst, weil wir glauben oder zumindest die Hoffnung haben, dass unser Glaube über das Suchen und Fragen hinaushelfen kann.“

Er bezieht sich auf das Evangelium, das er vorgetragen hat. Jünger fragen Jesus, wo er wohnt. Jesus sagt: „Kommt und seht“ und führt sie in seinen Lebensraum, dorthin, wo niedergedrückte Menschen aufgerichtet werden, kurzum: Wo neues Leben beginnt – selbst wenn es scheinbar stirbt, so wie Jesus selbst starb.

„Gott ist stärker als der Tod. Das war die letzte und entscheidende Antwort, die die Jünger auf ihr Suchen und Fragen erhielten“, predigt Johannes Ehrenbrink. „Und wenn Gott mir nahe ist, so wie vielleicht jetzt in dieser Stunde, dann sind uns auch all die nahe, die in seiner Gegenwart leben. Ich wünsche Ihnen diesen Glauben und auch diese Erfahrung von ganzem Herzen.“

All die Menschen in der Kirche, die ein Kind verloren haben, schreiben die Namen der  Verstorbenen auf eine papierne Träne. Viele setzen liebevolle Sätze und ganze Sprüche dazu. Die Tränen werden im Altarraum niedergelegt und so vor Gott gebracht. Vorn am Ambo werden die Namen und die Zusätze langsam und ruhig verlesen. Jedes einzelne Kind ist gemeint und jedes einzeln gewürdigt. Noch mehr rücken die Menschen in der Kirche zusammen.

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Die Namen der verstorbenen Kinder werden verlesen und die Tränen  – vorbei an üppig sprießenden Frühlingsblühern – zu einem Baum neben dem Altar gebracht und hineingehängt.

Fürbitten werden vorgetragen – auch für die Eltern und werdenden Eltern, die sich über lebende und gesunde Kinder freuen dürfen.

Das Vaterunser, Musik des Kammerorchersters, schwer und leicht zugleich, und der Segen beschließen den Gedenkgottesdienst.

Viele Menschen gehen nach vorn in den Altarraum und schauen sich den Platz an, an dem die Tränen in den Zweigen hängen. Einige berühren sacht das Papier.

Später wechseln viele Gottesdienstbesucher ins Bonihaus und lassen die Feier bei Kaffee und Tee ausklingen. Das Reden unter Menschen mit vertrauten Erfahrungen tut gut.

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