2016-07-03 | Hätte sie doch den Mund gehalten

Samstagabend radelten wir bei einem Langeoog-Besuch zur katholischen Kirche. Bis „St. Nikolaus“ hatten wir eine Viertelstunde Pedaltreterei zu leisten. Kaum saßen wir auf den Rädern…

brach ein Sturzbach vom Himmel. Nicht weit entfernt entluden sich Blitz und Donner. Das Ziel vor Augen, sausten wir zur Kirche und stellten vermutlich den Streckenrekord ein.

Auf den letzten Hundert Metern gab der Himmel noch einmal alles. Wir sahen eine Wasserwand und radelten blind hinein, bis wir die Umrisse der Kirche erkannten – und vor dem Portal ein breites Überdach.

Im Geiste dankte ich dem Architekten für seine Weitsicht und der Kirchengemeinde für ihre wörtliche Auffassung von „Schutz und Schirm“ zugunsten ihrer Schäfchen. Wir sprangen von den Rädern, klemmten sie unter unsere Arme und hechteten die Stufen zum Portal hoch.

Wir prusteten vor Regen und Lachen…

… hatten allerdings keine Ahnung, was uns erwartete.

Die Räder banden wir liebevoll einige Meter links vom Portal aneinander, klopften noch ein bisschen auf unsere Kleidung, um die inwärtigen Wasserblasen geordnet abfließen zu lassen und stellten fest, dass allein unsere ledernen Fahrradsättel und unser Sitzfleisch trocken geblieben waren.

In der Kirche bildeten sich unter unseren Füßen Pfützen. Unserer Andacht und unserer Sangeskunst tat das keinen Abbruch.

Der nahte erst, als wir das Portal durchschritten, um uns die Räder zu holen. Eine Dame in Begleitung trat wichtig neben uns. Sie gab uns ohne Verzögerung und Vorstellung Bescheid, wir hätten unsere Räder beim nächsten Mal, bitteschön!, in die Ständer zu stellen.

Wir malten ihr unsere Ankunft aus. Das beeindruckte sie nicht. Ja, ja, der Sturzregen! Den hatte sie auch bemerkt, war selbst aber von keinem Tröpfchen getroffen worden. Jedenfalls wirkte sie ausgesprochen trocken: ohne ein nettes Wort für uns, die wir das wasserführende Sturmgebraus auf dem Weg zum Gottesdienst durchpflügt hatten.

So sagte ich der Dame mit aller mir erhaltenen Liebenswürdigkeit: „Wie schön wäre es gewesen, wenn Sie sich mit uns gefreut hätten, dass wir uns unters Vordach ‚retten‘ konnten. Danach hätten Sie uns immer noch auf die Fahrradständer hinweisen können.“

Der Dame entfuhr ein schroffes „Nein!“ Die Ständer hätten sie extra angelegt; folglich müssten sie benutzt werden. „Ja, gern!“, sagte ich, aber ein bisschen flexibel müsse der Mensch in besonderen Situationen schon bleiben.

„Nein!“

Wir banden unsere Räder los. Horst sagte kraftvoll: „Und wenn Sie sich auf den Kopf stellen – wenn wir das nächste Mal im Regen hier ankommen, stehen unsere Räder wieder unterm Vordach.“ Die Dame zuckte mit den Schultern und schweifte ab: „Das ist ja nicht meine Kirche.“

Da hatte sie unbestritten Recht.

Mir fiel eine gute Predigt über den christlichen Grundsatz ein, wir sollten die Buchstaben des Gesetzes nicht über den Geist des Gesetzes stellen.

Kleine Übersetzungshilfe für unseren Fall: Wenn kladdernasse Menschen sich mit ihren Rädern unter das Dach einer Kirche flüchten und für eine Gottesdienstlänge ihre Räder mit noch trockenen Ledersätteln dort gern stehen lassen dürfen, ist ein solches Willkommen in einer unserer Kirchen vielleicht wertvoller, als hätten die Räder mit durchweichten Sätteln ordnungsgemäß in deren Ständern gestanden.

Herzlich eure
Turmflüsterin

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