2018-12-20 | Ein bisschen Ostern vor Heiligabend

Gestern kam der Anruf. Meine Schwiegermutter ist gestorben. Vielleicht hat es ihr gefallen, mit 103 Jahren kurz vor der Geburt des Erlösers heimzugehen. Sie war eine tief religiöse Frau.

Über viele Jahre hat Martins älterer Bruder sie im Elternhaus am Niederrhein rund um die Uhr betreut und gepflegt. Seit langem konnte sie kaum noch etwas aus eigener Kraft. Viele Stunden des Tags schlief sie. Die Familie versammelte sich bei ihren Besuchen gleichwohl um ihren Sessel und erlebte immer wieder, wie sie sich plötzlich mit klugen Sätzen zu Wort meldete.

Am Mittwoch vor Nikolaus saß ich zuletzt an ihrem Stammplatz. Auch jetzt schien sie zu schlafen. Ich sagte zu meinem Schwager: „Wie schön sie aussieht.“ So friedlich! Die Mutter kicherte verschmitzt. Von wegen Schlaf! Ich sprach sie direkt an: „Wie schön du aussiehst.“ Sie freute sich.

Mein Schwager hat sich in der Pflege für die Mutter aufgerieben. Er wollte es so. Er wusste, dass ich ihn mit „Zweitnamen“ Christophorus nannte: ein Mann, der die Last anderer Menschen mitträgt und ihr Gewicht zu spüren bekommt.

Die Mutter ist friedlich im Schlaf gestorben. Nach dem Anruf gestern fuhren Horst und ich an den Niederrhein, um in der Familie zu trauern. Wir kehrten spät heim. Heute kam ein zweiter Anruf. Mein wunderbarer Schwager, für mich ein Bruder, hat seine Last endgültig abgelegt. Er hat seine Mutter nur um Stunden überlebt.

Ich hoffe auf ein bisschen Ostern zu Heiligabend.

Herzlich eure
Turmflüsterin

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