2019-02-06 | Die kleine Dame von vorne links

Hilke ist gestorben. Hilke? Das war die kleine Dame mit den kinnlangen Haaren, die immer etwas schwerfällig in die Auricher Kirche kam und links in einer der ersten Bänke gesessen hat.

Hilke liebte die Gottesdienste. Sie erinnerten sie an die längst vergangene Zeit mit ihrer betagten Mutter. Die hatte ihr stets liebevoll zur Seite gestanden. Denn Hilke brauchte Hilfe. Sie war geistig behindert. Über Jahre hatte der Bulli-Fahrdienst die beiden samstags in Tannenhausen abgeholt. Dann starb die Mutter.

Es reichte nicht, Hilke weiterhin abzuholen. Sie brauchte jemanden an ihrer Seite, der sie begleitete. Hilke erlebte keine Heiligen Messen mehr.

Wie gut, dass Schwester M. Magdalena Hilke vermisste! Irgendwann suchte die Oberin die Adresse der Familie heraus und traf eine Verabredung. Fortan holte sie Hilke mit ihrem blauen Polo nicht mehr samstags, sondern sonntags in Tannenhausen ab und brachte sie anschließend zurück. „Sonntags hatte ich Zeit“, sagt Magdalena, denn Claudia war für die Kirche da und Franziska für die Küche.

Hilke freute sich wie ein Kind. Das altvertraute Muster, wie mit der Mutter die Messe zu erleben, hatte plötzlich wieder Bestand – jetzt mit Mutter Oberin Magdalena.

Während der Fahrten erzählte Hilke von den Dingen ihres Lebens, von ihrem Hündchen, das sie liebte und wild betrauerte, als es starb, und von ihrer Arbeit in den Werkstätten für behinderte Menschen.

„Da war sie sooo gern“, erzählt Schwester Magdalena. „Die Werkstätten waren ihr ein und alles.“ Im August 2001 hatte sie in den wfbm in der Elektromontage zu arbeiten begonnen. „Die Ferien konnte Hille nicht leiden.“ Dann hatte sie Langeweile.

Kollegen beschreiben sie als aufgeschlossen, zugewandt und humorvoll. In den Sonntagsgottesdiensten brummte sie gern die Melodien mit, und manchmal sprach sie mitten in eine Predigt oder in Schweigezeiten hinein einfach drauflos. Dann brachte Magdalena sie sanft zur Ruhe. Sie begleitete sie zur Heiligen Kommunion bis vor den Altar und führte sie zurück in die Bank.

Als der Schwesternkonvent im Sommer 2018 aufgelöst wurde, verabschiedete sich Magdalena von Hilke. Das Herz tat beiden weh. Die Schwester sagt heute vorsichtig: „Ich kann mir vorstellen, dass sie laut geweint hat.“ Mit der Schwester war wieder eine liebe Bezugsperson und war wieder eine liebe Gewohnheit verschwunden.

Zu diesem Zeitpunkt war Hilke mit ihren 58 Jahren schon krank. Sie starb am 23. Januar 2019. Magdalena sagt: „Da hat es der Liebe Gott wohl gut mit ihr gemeint.“

Wir werden noch manches Mal auf Dienste stoßen, die unsere Schwestern über Jahre im Stillen verrichtet haben, um Menschen froh zu machen,

meint herzlich eure
Turmflüsterin

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