2019-10-29 | Das war nicht ihr Problem…

Gestern spazierte ich hinter einer Großmutter und ihrer Enkelin her. „Oma humpelt“, sagte die Oma zu der Kleinen, die vielleicht acht Jahre alt war. „Ich seh‘, dass du humpelst“, sagte das Kind.

Und die Oma fuhr fort: „Ich hatte eine Operation. Jetzt muss ich erst wieder laufen lernen.“ Das Mädchen sagte leichthin: „Das ist nicht mein Problem.“ Mir stockte der Atem, obwohl ich die beiden nicht kannte. Die Oma schwieg sekundenlang.

Dann meinte sie leise: „Das ist nicht nett, dass du das sagst. Ein bisschen Mitgefühl würde mir gut tun. Du könntest sagen – ‚das tut mir Leid, Oma‘ oder ‚du übst ja fleißig, das wird schon!‘, irgendetwas Nettes…“

Das Mädchen überlegte nicht lange: „Aber es tut mir nicht Leid. Ich habs ja gesagt. Das ist nicht mein Problem.“ Die Oma sagte nichts mehr.

In einem Punkt hat das Kind recht: Mitgefühl und Herzenswärme kann selbst eine Oma nicht einfordern, auch wenn die Kälte ihr weh tut. Sie können nur verschenkt werden, zum Beispiel von Eltern an ihre Kinder. Sie begreifen dann oft von allein, dass Mitgefühl und Herzenswärme für beide Seiten ein Geschenk sind und Aufgaben sich auf beiden Seiten leichter meistern lassen.

Dann sagt vielleicht eines Tages eine Enkelin scherzend zu ihrer humpelnden Großmutter: „Ach Oma, dein Problem ist mein Problem. Stütz‘ dich ruhig auf meine Schulter“,

meint herzlich eure
Turmflüsterin

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