2019-12-01 | Sr. Magdalena und ihr Besuch aus Ostfriesland

„Das ist schön zu hören!“, rief Schwester Magdalena im Dresdener St.-Joseph-Stift, als sie Besuch aus Aurich erhielt. Horst und Turmflüsterin Delia hatten sie mit „Moin“ begrüßt.“

„Moin!“, grüßte sie zurück. An vier Tagen lauschten wir über viele, viele Stunden Schwester Magdalena. Sie schilderte ihr Leben und schloss die Auricher und die Dresdner Zeit ein. Sie sprach mit reichster Erfahrung und durchaus ein bisschen weise. Heiteres und Bitteres und Normales erschien vor ihren Augen und vor unseren Ohren: ihr Leben als Kind, als Jugendliche, als junge Frau und Ordensschwester in der atheistischen DDR, kleine Freiheiten, die sie und ihre Familie sich stiekum herausnahmen, lebensgefährliche „Abenteuer“ vor allem eines Bruders, der „rübergemacht“ hatte und immer mal wieder illegal über die steinwurfnahe Landesgrenze zwischen Hessen und Thüringen nach Hause fand.

Die Kapelle im St.-Joseph-Stift, in der wir sonntags die Heilige Messe mitfeierten. Im Bild ist sie hergerichtet für einen nachfolgenden orthodoxen Gottesdienst.

Nach der Heiligen Messe beschenkten uns die Schwestern im Stift mit einem üppig hergerichteten Frühstück. Ein herzlicher Dank stellvertretend an die Leitende Schwester Birgit, die uns während der vier Tage freundlich und jederzeit hilfsbereit begleitet hat.

Vor Horst und der Turmflüsterin entfaltete sich eine andere Magdalena als die, die wir in Aurich bis zur Auflösung des Elisabeth-Konvents 2018 als Oberin gesehen hatten. Wir entdeckten die lebensfreudige Elisabeth (so hieß Magdalena bis zu ihrer Einkleidung), die im thüringischen Fachwerkstädtchen Treffurt von Jahr zu Jahr mit einem Schlitten von der hoch gelegenen Burg Normannstein ins Werratal gesaust war. Das hatte einen trifftigen Grund: Ihr war das Amt der Schließerin für die Burg-Gaststätte anvertraut worden. Wenn die Treffurter dort Karneval feierten, ging Elisabeth als letzte, oft spät in der Nacht. Sie schloss ab und fühlte sich für alles verantwortlich, was vom Fest übrig geblieben war. Das betraf auch einen jungen Mann, der nicht hatte gehen wollen. Sie packte ihn kurzerhand auf ihren Schlitten, und los ging’s den Berg hinunter.

Als Magdalena uns davon erzählt, scheint in ihrem Gesicht das Mädchen von damals durch – eine Jugendliche mit Lebensmut, Kraft, Freude und dem Drang, ihren eigenen Weg zu finden. Etwas weiter in ihrer Erzählung sehen wir sie in ihrer Ausbildung in einem Drogistenlabor stehen und Kräuteressenzen brauen. Wir schauen zu, wie in einer Dunkelkammer unter ihren Händen Schwarz-Weiß-Negative Kontur gewinnen. Sie belichtet Fotopapier, taucht es mit Zangen in die Entwickler-Pfanne und hebt es vom Wasserbad in den Fixierer.

Schwester Magdalena liest mit Freude eine der Grußkarten, die wir mitgebracht haben.

Mit einem verschmitzten Lächeln beichtet sie, wie sie später arglos Babybilder einer berühmten Fotografin abkupfert, vervielfältigt und auf Wohltätigkeitsbasaren verkauft. Immer wieder bestückt sie Basare, auch mit selbst genähten Schals zum Fest der Heiligen Elisabeth von Thüringen, das an jedem 19. November groß gefeiert wird.

Sie ist längst als Elisabeth-Schwester in Halle eingesetzt, als sie 1981 zum 750. Todestag der Heiligen mit einem Auto selbst nach Erfurt fährt. Der Thüringischen Landespatronin verdankt sie ihren Ruf in den Orden. Magdalena und ihre Mitstreiterinnen verkaufen auch diesmal jede Menge Schals. Den letzten schlingt sie sich um den Hals, freut sich an der Wärme und fährt heim. An einer Raststätte macht sie Halt. Es ist bitterkalt. Sie trifft an der Toilettenanlage auf eine Frau. Die ist dürftig bekleidet und bibbert. Magdalena greift sich wortlos an den Hals, nimmt den Schal und legt ihn der Frau auf die Schultern. Der 19. November ist vom Fest des Heiligen Martin acht Tage entfernt. Magdalena würde eine solche Parallel nie ziehen.

Sie freut sich an ihrer vielfältigen Ausbildung zur Drogistin, zur Fotolaborantin und zur klinisch-chemischen Labortechnikerin mit Spezialisierung auf Hämatologie. Sie lernt, Blut unter dem Mikroskop selbst auszulesen. Bis heute sprudeln ihr die Fachbegriffe aus dem Mund, als müsste sie gleich auf eine Station, Blut zapfen und das „flüssige Organ“ mit den eigenen Augen in Lymphozyten, Thrombozyten und andere Zyten zerlegen.

Schwester Magdalena vermacht Horst einen Stadtplan von Dresden, damit wir nach unseren Besuchen bei ihr die schönsten Orte finden. Die Innenstadt ist in 20 Minuten zu Fuß erreichbar. Direkt am Haus gibt es Straßenbahn- und Bushaltestellen.

Horst und die Turmflüsterin erkunden abends Dresden, hier ein nächtlicher Blick auf Elbflorenz.

Sie wirkt in den ordenseigenen Krankenhäusern St. Elisabeth und St. Barabara in Halle. Die Hospitäler sind dank ihrer Verbindungen zum westdeutschen Caritasverband technisch gut ausgestattet. Doch auch gute Teile müssen überholt, ausgebessert oder repariert werden. Dann ist Magdalena gefragt. Sie setzt sich in ein Auto und kutschiert die Reparaturteile einmal im Jahr zur weltberühmten Leipziger Messe.

Da geht ihr das Herz auf. Sie begegnet Menschen, natürlich auch den westdeutschen Mechanikern, die schon wissen, was sie zu tun haben. Mit den reparierten Teilen und voller Sonne im Sinn kehrt sie nach Halle zurück. Die Mini-Geschichten erzählen viel über Magdalena und ihr bewegtes kleines, großes Leben.

Zwei dürfen noch angefügt werden. Es sind zwei aus der Jetztzeit. Magdalena freut sich bei unserem Besuch über die vielen Grüße und Geschenke, die Horst und die Turmflüsterin aus Ostfriesland mitgebracht haben. Eine Wonne ist für sie das kleine Video, das der Kirchenchor von St. Ludgerus Aurich für sie eingespielt hat und sich direkt an Magdalena wendet – mit einem Segenslied und zwei weiteren Wegbegleiter-Liedern.

Magdalena freut sich über das Video des Kirchenchors.

Sie hört und sieht es voll heller Freude an.

Die zweite, kleine Geschichte aus der Jetztzeit:

Magdalena hatte sich kurz nach ihrer Ankunft in Dresden im vergangenen Jahr bei einem Sturz einen Oberschenkelhals gebrochen. Sie kommt nicht mehr auf die Beine. Die Knie halten nicht durch. So liegt sie in ihrem schönen, großen Zimmer in den Kissen, von den Schwestern im Stift gut versorgt und doch meistens allein. Wir trauen uns zu fragen: „Wie ist es für dich, Magdalena? Du hast deine Ordensgelübde immer mit möglichst viel Freiheit verbinden können. Und jetzt?“

Magdalena schaut uns direkt ins Gesicht. Sie beginnt mit ihrer Altstimme leise eine Rockballade von Marius Müller-Westernhagen zu singen. Er brachte sie 1987 in Westdeutschland auf den Markt, während in Ostdeutschland der einzige ostdeutsche Katholikentag lief, der aus politischen Gründen Katholikentreffen genannt werden musste.

Und jetzt beantwortet Magdalena unsere Frage mit diesem Lied aus dem Jahr 1987. Sie singt: „Freiheit…“

Mit herzlichen Grüßen von Schwester M. Magdalena!
Eure
Turmflüsterin

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