40 Jahre Sangeskunst – Oder: Der Chor geht vor

Samstag, 11. November 2017, feierte der Kirchenchor von St. Ludgerus Aurich in der Vorabendmesse 40 Jahre Sangeskunst. Gern durfte er sich auch ein bisschen selbst feiern: Denn er ist eine „tolle Gruppe“…

Das sagt Chordirigentin Isburga Dietrich. Sie muss es wissen, denn sie leitet die Sängerinnen und Sänger seit fast 30 Jahren musikalisch an.

So alt ist Isburga schon? Nein-nein! Sie hat nur früh angefangen. Sie war noch ein Twen, als sie aus Lüdenscheid (die Westfalen sagen „Lünsche“) nach Ostfriesland zog. Zur Freude von St. Ludgerus war sie schon damals katholisch. Das hatte Folgen: Pfarrer Norbert Krümel machte sich persönlich auf den Weg, um das neue Mitglied seines Beritts willkommen zu heißen und in Augenschein zu nehmen.

Seine Freude war groß, als er hörte, dass Isburga es auch mit den Tönen hatte. Die damalige Chorleiterin Gisela Hess war aus gesundheitlichen Gründen wenige Monate vorher von ihrem Dirigat zurückgetreten. Krümel kam (zu Isburga), sah (dass sie gut in die Gemeinde passen würde) und siegte (er blockierte dreist in den Stimmbändern dieser Frau, die herrlich mit Worten witzeln kann und eigentlich nie um eine Antwort verlegen ist, das Wörtchen „nein“).

So sagte Isburga zu ihrer eigenen Überraschung „ja“.

Isburga Dietrich freute sich 2016 über ein Geburtstagsständchen von Chor und Gemeinde.

Sie hatte in ihrer „Heimatpfarrei“ in Lüdenscheid eine Jugendschola geleitet und dirigierte inzwischen an ihrem neuen Wohnort in Ostfriesland, in Middels, einen gemischten Chor. Dann, befand Norbert Krümel, könne sie sich, bitteschön, auch für St. Ludgerus  stark machen.

Das war ein gewagtes Unternehmen, denn Isburgas Vorgängerin Gisela Hess hatte elf Jahre lang die großen Klassiker der Kirchenmusik geprobt. Unter ihrem Dirigat sangen die Chorschützlinge „Schütz“ und „Praetorius“ rauf und runter.

Isburga hatte anderes im Sinn.

Gründungsmitglied und Chorleiter Georg Meyer.

Aber schauen wir zunächst auf die allerersten Anfänge der Chormusik in St. Ludgerus. Sie gehen auf das Jahr 1901 zurück.

Damals trafen sich sangesfreudige Katholiken auf Einladung von Pastor Karl Niemann in „Jansens Garten“ (heute Hotel Stadt Aurich) hübsch weit draußen vor den Toren der Stadt.

Dann kam es zur Chorgründung. Georg Meyer, einer der Männer der ersten Stunde, leitete den Chor und forderte den Seinen einiges ab.

Die Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der St. Ludgerus-Kirche 1949 hielt fest:

„Der Pflege der Kirchenmusik und der Ausgestaltung der Gottesdienste diente der spätestens seit 1902 bestehende Kirchenchor, der seinerseits dem allgemeinen Cäcilienverein in Deutschland angeschlossen ist. Abgesehen von seiner Mitwirkung in der Kirche trägt er durch musikalische Darbietung (Aufführung von Weihnachtsoratorien) zur Ausgestaltung von Gemeindeveranstaltungen bei.“

Gerhard Kubetschek leitete den Chor nach dem Krieg.

Spätestens 1902? Eher 1901, denn in den Chroniken ist vermerkt, der Kirchenchor habe das Weihnachtsoratorium von Dechant Müller einstudiert (dafür wird er ein paar Proben gebraucht haben) und am 12. Januar 1902 aufgeführt. Gemeint ist vermutlich der Priester und Komponist Heinrich Fidelis Müller, * 1837 in Fulda; † 30. August 1905 ebenda.

Für die Zeit zwischen den Weltkriegen liegen kaum Aufzeichnungen vor. Namen sind erst nach 1945 wieder verbürgt. Zu den Vertriebenen und Flüchtlingen aus Schlesien, die nach Aurich kamen, zählte Hauptlehrer Gerhard Kubetschek. Er war in Jakobowitz zu Hause gewesen und hatte mit der Kirchenmusik wenigstens ein kleines Stück Heimat in den Westen gerettet. Er übernahm die musikalische Leitung der Ludgerus-Sänger.

Schon damals trafen sie sich immer dienstags um 20 Uhr. Ihre Stimmen erhoben sie nun in der katholischen Volksschule. Gerhard Kubetschek, geboren am 7. Mai 1886, starb am 21. September 1960 mit 74 Jahren. Mit ihm endete auf Jahre hinaus das Chorleben.

Kurzes Gastspiel: Rudolf Rechmann.

Mitte der 1960er-Jahre gab Studienrat Rudolf Rechmann, geboren am 25.3.1930, ein kurzes Gastspiel als neuer Chordirigent. 1968 verließ er Aurich, um Geschäftsführer des Philologenverbands in Hannover zu werden. Die Sänger saßen wieder ohne Vormann da.

Und eigentlich gab es den Chor nicht mehr wirklich, da kam am 6. September 1977 Gisela Hess und läutete mit ihrem strengen Regiment eine neue Ära ein, fast können wir sagen: Der Chor war wie neugeboren (weshalb er jetzt sein 40-Jähriges feiert).

Gisela Hess war eine Frau mit einer bewegenden Geschichte. Sie stammte aus einer jüdischen Familie, war evangelisch getauft und später zum katholischen Glauben konvertiert. Sie hatte ein schweres Leben hinter sich, als sie nach Aurich kam. Prag, England und Portugal waren in der „braunen Zeit“ ihre Fluchtstationen gewesen, ehe ihr 1944 die Emigration in die USA gelang.

Chorleiterin Gisela Hess.

In einer Aufzeichnung heißt es: „Dort konnte sie endlich ihr Germanistik- und Musikstudium beenden und arbeitete als Lehrerin an verschiedenen Colleges.“

1971 kehrte Gisela Hess nach Deutschland zurück und unterrichtete am Ulricianum in Aurich Deutsch und Musik.

Ab 1977 leitete sie mit Freude und viel Ehrgeiz den Kirchenchor von St. Ludgerus und studierte mit den Sängerinnen und Sängern vor allem Liedgut ihrer geliebten „alten Meister“ ein.

Gisela Hess forderte die Mitglieder; und manche waren überfordert.

Das klang mitunter, so berichten Zeitzeugen, für geschulte Ohren deutlich heraus. Die Chordirigentin blieb bei ihrem anspruchsvollen Repertoire.

Bei ihren Sängerinnen und Sängern galt sie, wohl aufgrund ihrer schweren Lebenserfahrung, als unnahbar. Sie blieb auf Distanz und konnte zugleich mit ihrem Humor Brücken bauen.

Der Kirchenchor mit Gisela Hess bei einem seiner legendären Ausflüge. Das Foto zeigt v.l. über die Reihen hinweg Annette Eggersglüß, Anni Hahnenkamp, Irmgard Rademacher, Karin Bludau, Elisabeth Funke, Helga Hoppe, ?, Hildegard Volkmann, Elisabeth Köhler, Elke Meyer zu Bergsten, Gretchen Rüter, ?, Eva Schaub, Johannes Funke, Ilse Rosenberger, Manfred Rauer, ?, Hans Pohl, Gisela Hess und Leo Riedel.

Elisabeth Funke, seit Jahren Vorsitzende des Kirchenchors, erinnert sich, wie sie und ihr Mann Johannes Funke einmal bei Gisela Hess zu Tee und Kuchen eingeladen waren. Irgendwann fragte die Dirigentin Elisabeth, ob sie noch Gebäck wünsche. Elisabeth verneinte artig; sie habe bereits zwei Stückchen gehabt. Da sagte Gisela Hess: „Es waren drei, aber hier zählt ja sonst keiner mit.“

Als sie die Leitung nach elf Jahren Dienst aufgeben musste, weil sie gesundheitlich angeschlagen war, löste sich der Chor am 16. Februar 1988 auf.

Das war ein unhaltbarer Zustand. Pfarrer Krümel sorgte (siehe oben) für den Dirigentennachwuchs und läutete damit eine Phase größter Konstanz ein, die bis heute anhält. Die Konstante hieß und heißt Isburga Dietrich. Am 16. August 1988 ließ sich die Sonderschulpädagogin für geistig behinderte und für sprachbehinderte Menschen, die Musik studiert hat und als Chorleiterin für Sonderpädagogik ausgebildet ist, den Stab in die Hand drücken. Sie sortierte das Liedgut, siebte kräftig aus und schüttete viele moderne und „frohe Noten“ ins neue Repertoire.

Einige wenige Mitglieder hätten gern klassisch mit „Praetorius“ weitergemacht und schieden aus. Denn für „Praetorius“ war Isburga nicht angetreten. Sie entwickelte mit dem Chor eine Vorliebe für Taizé-Gesänge und neues geistliches Liedgut.

Immer mal wieder tun sich die Sängerinnen und Sänger der verschiedenen „Ludgeruschöre“ stimmfreudig zusammen – wie hier unter Leitung von Isburga Dietrich (links) und begleitet von Doris Bigalski am Keybord im November 2016.

In der ersten Zeit wähnte sie sich kritisch beäugt: Würde sie nach der Vollblutmusikerin Hess mit dem neuen Ansatz bestehen können? Heute sagt Isburga lächelnd: „Ich hatte Angst, alles falsch zu machen.“

Doch offenkundig war sie genau im richtigen Takt.

Isburga hätte allerdings nicht viel ausrichten können, wären ihr die Sängerinnen und Sänger abhandengekommen. Viele von ihnen bilden die zweite große Konstante und sind von Anfang an oder doch seit Jahrzehnten dabei.

Sie haben viel für ihren Zusammenhalt getan, sind über eine lange Zeit jährlich zu legendären Ausflügen aufgebrochen (das ist deutlich weniger geworden) und haben zu runden Geburtstagen kräftig miteinander gefeiert. Das können sie bis heute aufs Beste.

Zudem liebäugeln sie für die Zukunft mit einem gemeinsamen Chor-Wochenende ohne große Anstrengung …

Der Kirchenchor (hier mit der Kinderschola) ist ein Glück für St. Ludgerus – hier im März 2017 bei der Vorstellung der Erstkommunionkinder.

Der Chor ist die Ehrenamts-Gruppe in St. Ludgerus, die über die Jahrzehnte mit Abstand am häufigsten zusammenkommt, um für die ganze Gemeinschaft aktiv zu sein und mehrfach im Jahr die Gottesdienste mitzugestalten. Die Mitglieder treffen sich dienstags (außer in den Ferien) im Bonihaus und üben von 20 bis 21.30 Uhr; dann kommen die Auftritte hinzu, die bereits eine Stunde vor dem offiziellen Anflöten durch Isburga mit dem Einsingen beginnen.

Bei den Proben geht es nicht nur um den guten Gesang, sondern auch um die gute, tragfähige Gemeinschaft. Hier haben alle ihren Platz, auch wenn bei dem einen oder anderen die Sangeskraft die besten Tage hinter sich hat oder die Gruppe um persönliche Probleme weiß. Isburga Dietrich sagt: „Wir halten zusammen wie Pech und Schwefel.“

Hans Pohl (†) hatte es angesichts vieler Verpflichtungen, die einen ereilen können, einst so auf den Punkt gebracht: „Der Chor geht vor.“

Isburga Dietrich: „So denken die meisten.“

Sie selbst hat die Tragfähigkeit ihres Chors zu spüren bekommen, als sie wegen einer Krankheit ein halbes Jahr pausieren musste. Die Mitglieder schrieben ihr Briefe, besuchten sie, beteten für sie, steckten Kerzen an und trafen sich wie gehabt zu den Proben. Sie hielten den Chor aus eigener Kraft in Gang und Gesang und trugen ihre Dirigentin auf diese Art weiter. „Das war für mich eine unglaubliche Erfahrung.“

Wer bei den Chorauftritten hinschaut, sieht es immer wieder – wie im vergangenen Jahr zum Jubiläum von Pfarrer Johannes Ehrenbrink beim Lied „Gut, dass wir einander haben.“ Dann singen die Mitglieder, was sie von Herzen gern sagen möchten. Dabei schauen sie dem lächelnd in die Augen, den sie ehren möchten.

Samstag war die Gemeinde herzlich eingeladen, den Kirchenchor anzulächeln.

Text und Fotos (4): Delia Evers
Fotos Alt-Archiv (5): Elisabeth Funke

Der Kirchenchor im Mai 2017 mit einem besonderen Geburtstagsständchen für Johannes Ehrenbrink: Gut, dass wir einander haben.

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