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Hahnenkamp, Anni † | Rendantin war für viele ein Segen

[1]Am Freitag, 3. Januar 2020, ist im Alter von 77 Jahren Anna „Anni“ Hahnenkamp gestorben. Gut 15 Jahre lang hat sie als Rendantin für den Kindergarten von St. Ludgerus gearbeitet und sich ehrenamtlich in vielen weiteren Bereichen der Gemeinde engagiert.

Über Jahrzehnte war sie für andere da – in ihrer Familie, im Freundeskreis und in der Gemeinde. „Sie hatte ein Kümmerer-Gen“, sagt Sohn Klaus. Ziemlich sicher entfaltete dieses Gen seine Wirkkraft schon, als Anni ein Kind war. Sie wuchs als Zweitälteste unter neun Geschwistern der Familie Bicker im Emsland auf und erzog die Jüngeren gleich mit.

Die Eltern arbeiteten hart. Sie waren zu Beginn der 1940er-Jahre kurz nach ihrer Hochzeit zwangsumgesiedelt worden. Die Nazis hatten ihren Heimatort Wahn im Hümmling-Kreis dem Erdboden gleich gemacht, da das Regime Platz für den Kruppschen Schießplatz Meppen brauchte. Die Bickers und 1000 weitere Bewohner erlebten, wie ihre Antonius-Kirche, der „Dom vom Hümmling“, zerstört wurde. Diese Untat beschäftigte Jahre später auch Anni, obwohl sie den Abbruch von Dorf und Kirche nicht miterlebt hatte. Aber der Schmerz über den Heimatverlust blieb in der Familie wach.

Annis Eltern erhielten wie andere Vertriebene aus Wahn im nahen Rastdorf eine Siedlerstelle. Der Boden war karg. Schnell bekam das Paar seine ersten Kinder: 1941 Annis ältere Schwester und kaum ein Jahr später, am 18. Dezember 1942, Anni selbst.

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Anni (r.) mit einer Kameradin 1956 im letzten Schuljahr in ihrer Bank.

Nach der Volksschulzeit in Rastdorf und einer Handelsschulzeit in Cloppenburg ließ sie sich zur Bankkauffrau ausbilden, lernte bei der Raiffeisenbank verschiedene Filialen kennen und arbeitete schließlich im nahen Lorup. Sie mochte die vielseitigen Aufgaben am Schalter, war zugewandt, freundlich und von allen gern gesehen.

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Glückliches Brautpaar 1968.

In Lorup kam Anni ihrem späteren Ehemann Heinrich Hahnenkamp, der in Lorup zur Welt gekommen war, schon ziemlich nahe. Doch es brauchte noch einige Verwicklungen, bis sie fürs Leben zueinanderfanden. Das geschah während der Hochzeit gemeinsamer Bekannter. Heinrich wollte unbedingt dorthin und hatte als Soldat bei der Bundeswehr „auf Lehrgang“ sogar schon die Freistellung erreicht, leistete sich aber eine ziemliche Keckheit. Er kürzte mit einem vorgesetzten Kumpel bei einem Gewaltmarsch seines Trupps den Weg unziemlich ab: Als ein Laster hielt und der Fahrer anbot, sie mitzunehmen, stiegen sie ein. Das flog auf. Heinrich brauchte seine ganze Überzeugungskunst und eine klitzekleine Übertreibung, um doch noch zur Hochzeit zu dürfen.

Er betrat das Hofgebäude mit der Festgesellschaft. „Auf der Diele wurde eingedeckt. Und da saß Anni. Es war der 9. Mai 1962. Das vergesse ich nie!“, erzählt Heinrich. Neben Anni war ein Stuhl frei. Den Platz an ihrer Seite gab Heinrich nicht mehr her. Am 31. März 1967 heirateten sie standesamtlich und am 30. August 1968 kirchlich.

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Die Hochzeitsgesellschaft der Hahnenkamps.

Heinrich, studierter Agrar-Ingenieur, nahm eine Arbeitsstelle bei der gemeinnützigen Niedersächsischen Landgesellschaft an. Sie hatten gerade ein Haus gebaut, da erhielt Heinrich einen Ruf nach Aurich. Er und Anni beschlossen, die Chance wahrzunehmen und umzuziehen. Anni bewarb sich in Aurich als Bankkauffrau, doch sie war bereits schwanger mit ihrem ersten Kind. Sie bekam keine Stelle mehr. Anni war zufrieden. „Sie hat immer gesagt, dass sie nicht weiterarbeitet, wenn Kinder da sind. Sie wollte Mutter sein“, erzählt Heinrich. Im August 1969 kam Martina zur Welt.

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Die Eltern mit ihren drei Kindern.

Bald bauten die Hahnenkamps erneut… Im August 1971 war ihr Haus am Finkenburgweg fertig. Im September brachte Anni Klaus zur Welt. Ab August 1973 bereicherte Ute die Familie.

Und immer bereicherte Anni die Familie. Sie schenkte ihrem Mann und ihren Kindern ein Zuhause. „Sie war für uns da“, erzählt Klaus. Sie kämpfte wie eine Löwin mit Biss und Klugheit für die Anliegen ihrer Kinder und ließ sie spüren, wie viel Gutes mit Entschiedenheit und Einsatz erreicht werden kann.

Am Finkenburgweg 3 war Annis Wärme immer spürbar. Sie verströmte sie bei ungezählten Gelegenheiten, beim gemeinsamen Teetrinken ebenso wie bei den Mittagessen. „Sie war eine fantastische Köchin“, erzählt Klaus. Er schaut sich im elterlichen Wohnzimmer um und sagt: „Alles hier trägt ihre Handschrift.“

Sie begleitete die Kinder auf ihrem Werdegang in der Schule und in der Gemeinde St. Ludgerus. Als die drei in ihren Jahrgängen sich auf die Erstkommunion vorbereiteten, stellte Anni sich als Katechetin zur Verfügung.

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Sie gingen eine lange Wegstrecke gemeinsam.

Sie war früh eine „Anpackerin“. Sie besuchte Altersjubilare der Gemeinde und unterhielt sie aufs Beste, gern mit herrlich schwarzem Humor.

Sie engagierte sich in Familienkreisen, sang im Kirchenchor [7], putzte mit einer Frauengruppe das neu entstandene Bonihaus, backte für die Seniorennachmittage an den Herz-Jesu-Freitagen Kuchen und setzte sich zu den alten Menschen. Liebend gern half sie, die Kindergottesdienste vorzubereiten; und sie war Mitglied der kfd.

Sie arbeitete im Pfarrgemeinderat und kümmerte sich ab Mitte der 1980er-Jahre um die Rendantur des Kindergartens (2000 gab sie sie an Horst Stamm [8] weiter).

Schon damals liefen große Summen durch die Bücher – allein aufgrund der Gehälter für die Erzieherinnen. Anni arbeitete wie in der Bank: umsichtig, kenntnisreich, freundlich und in allem korrekt bis zu den Kommastellen.

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Anni im Kirchenchor.

Als ihre drei Kinder ins Jugendalter kamen, suchte sie sich eine Teilzeitarbeit und stieg als Buchhalterin bei einem Kfz-Betrieb ein. An manchen Abenden drückte ihr der Meister im Blaumann eine bunt gefüllte Tüte mit Belegen in die Hand. Anni verwandelte sie in eine geordnete Buchführung. Sie kontierte und veranlasste, dass althergebrachte Außenstände entschieden eingetrieben wurden und zum Wohl der Firma auf dem Betriebskonto und nicht mehr bei säumigen Zahlern wucherten.

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Da schwebte Anni.

„Sie wollte nichts für sich selbst“, sagt Heinrich. Vorlieben hatte sie gleichwohl. Sie mochte Tanzbälle. Immer mal wieder fuhr sie mit Heinrich nach Lorup und schwebte bei Kirmesfeiern und Schützenfesten ebenso dezent wie festlich gekleidet über die Dielen. Klaus erinnert sich mit Freude an eine solche Feier zu Beginn der 1990er-Jahre. Seine Mutter, damals noch keine 50 Jahre alt, stand an der Theke, umringt von mehreren Männern; sie war der lebhafte und strahlende Mittelpunkt.

Am liebsten war sie zu Hause – und reiste dennoch in viele Länder, zum Beispiel nach Italien, genauer: nach Venedig. Vor Ort knauserte Heinrich ein bisschen und „ersparte“ sich und Anni die obligatorische Gondelfahrt. Das fuchste Anni. Also mussten sie noch einmal hin…

Oft begleiteten Anni und Heinrich den beruflichen Werdegang von Klaus, seit Jahr und Tag Professor an der Universitätsklinik Greifswald und dort Klinikdirektor der Klinik für Anästhesiologie, Anästhesie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin. Einmal waren sie auf Hawaii, wo Klaus während einer Vorlesung einen internationalen Förderpreis erhielt. Während Heinrich sich die Vorlesung anhörte, passte Anni im Hotel auf Enkeltöchterchen Lotta auf. Überhaupt die sieben Enkelkinder: Bei Anni hatten sie eine liebende Anlaufstation.

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Anni und Heinrich mit Kindern, Schwiegerkindern und fünf Kindeskindern. Zwei stecken noch im herrlich runden Bauch von Ute.

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Am Strand mit Tochter und Enkelkindern.

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Anni und Heinrich mit ihren erwachsenen Kindern.

Anfang 2018 bekam sie ihre Krebs-Diagnose. Anni tat, was sie immer tat. Sie setzte sich mit aller Kraft dafür ein, dass alles zum Guten käme. Sie wollte ihre Hoffnung nicht aufgeben. Sie überstand Bestrahlungen und Chemo-Therapien, sanft begleitet von Heinrich und den Kindern Martina, Ute und Klaus, der über die Schmerztherapie wachte. Um Pfingsten 2019 hatte Anni noch einmal eine gute Phase. Als bald darauf in der engsten Familie eine weitere Krebsdiagnose verkraftet werden musste, versuchte sie, ihre gute Phase zu längen. Sie wollte der Erkrankten zur Seite stehen.

Auf eine neuerliche Chemotherapie Mitte Dezember 2019 reagierte ihr Körper mit zwei Thrombosen in kurzem Abstand. Sie kam schwer geschwächt nach Hause und sorgte weiter für die anderen: Sie sollten sich wohlfühlen. Sie legte Heinrich ans Herz, was die Enkel zum Weihnachtsfest geschenkt bekommen sollten. „Und sie hat mir noch meine Tabletten zurechtgelegt“, erzählt Heinrich. Dann war das Fest da. „Und wir haben Weihnachtslieder gesungen.“

Nach dem Fest brachte die Familie Anni nach Leer ins Hospiz. Heinrich und die Kinder waren ihr immer nah. Am Freitag, 3. Januar, hörte Heinrich die Lieder von Sternsingern im Foyer. Er holte die Kinder zu Anni. Sie sangen ihren Segen und schrieben mit Kreide die uralten Zeichen an die Tür. „Christus mansionem benedicat“, Christus, segne dieses Haus… und alle, die da gehen ein und aus.

Anni ging an diesem Freitag, 3. Januar 2020 – von Kindern gesegnet und in ihrem Leben selbst ein Segen.

Text und Foto (1): Delia Evers, weitere Fotos Familienarchiv Hahnenkamp
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Heinrich Hahnenkamp [14], Martina und Jörg Borm mit Niklas und Mareka, Klaus und Anke Hahnenkamp mit Lotta, Jan und Karla sowie Ute und Thorsten Tietz mit Julian und Felix begingen mit Angehörigen, Freunden und Weggefährten am Donnerstag, 9. Januar 2020, in der Friedhofskapelle in Aurich die Trauerfeier mit anschließender Beisetzung und Eucharistiefeier in der St.-Ludgerus-Kirche.

Pfarrer Johannes Ehrenbrink zeichnete während der Trauerfeier in der übervollen Friedhofskapelle ein eigenes Porträt von Anni [15].

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Anni und Heinrich 2015.