Auf der Spur von 40 Tataren rund um Vaidotai

Der Besuch bei Pfarrer Jurgis in Vaidotai geriet spannend. Er ließ uns an seiner vielfältigen Arbeit teilhaben und zeigte uns überraschende Besonderheiten seiner Gemeinden.

Herzlich empfing er uns in seiner St.-Paulus-Bekehrungskirche im Gemeindezentrum in Vaidotai.

Das Dorf liegt nahe der litauischen Hauptstadt Vilnius im Bezirk Trakai. Er freue sich sehr, die Neuauwiewitter zu sehen. Der Besuch aus Deutschland sei auch für die jungen Leute wichtig, die im vergangenen Jahr in Ostfriesland zu Gast gewesen seien: „Sie wollten euch wiedersehen.“

Vor der Kirche, die Jurgis betreut: die St. Paulus-Bekehrungskirche, ein eindrucksvoller neobarocker Kreuzbau mit Apsis.

Begrüßung in der Kirche.

Jurgis berichtete Johannes von seiner Arbeit.

Jurgis entführte seine Gäste in eine ganz besondere Dorfkirche in Keturiadesimt Totoriu. Das Holzkapellchen aus dem 19. Jahrhundert, das nicht von der Diözese, sondern kommunal unterhalten wird, hat alle Kriege und die Sowjetzeit mit ihren Einschränkungen und Verboten unbeschadet überstanden und präsentiert sich im Originalzustand. Das bestätigte die sehr alte Jenina Skurbutenai, die gerade in der Kirche weilte und ein bisschen mit Jurgis plauderte.

Der zeigte begeistert alte Kirchenbücher und weitere Schätze des Kirchleins, die auf viel Volksfrömmigkeit schließen lassen.

Vor dem Gotteshaus steht ein ungewöhnlicher Glockenturm mit Handzug, der nicht mehr genutzt wird. Jedenfalls war Jurgis verblüfft, als Horst fragte, ob er zum Mittagsgebet die Schnur ziehen dürfe, und „befürchtete“: „Dann glauben die Leute ja, dass irgendetwas passiert ist!“ Horst durfte trotzdem ran, und das Glöckchen tat erfreut seinen Dienst. Hoch oben unter der Glocke thront holzgeschnitzt eine Jesusfigur.

Jurgis zeigte alte Kirchenbücher. Die schwangere Živilė war auch vor Ort.

Die Kirche von innen mit traditionellem Schmuck.

Jenina hat einen Großteil der wechselvollen Geschichte des Kirchleins persönlich erlebt. Für sie ist das Gotteshaus ein Stück Heimat. Längst haben viele Bewohner das Dorf verlassen.

Holzgeschnitzte Jesusfigur im Glockenstuhl – mit Blickrichtung zur Kirche.

Jurgis führte uns weiter zu einer Moschee – eine Überraschung in dieser Gegend: In Keturiadesimt Totoriu leben Menschen unterschiedlicher Konfessionen und Sprachen friedlich zusammen. Das bestätigte Raissa, die den deutschen Gästen die Moschee zeigte und keinesfalls unfreundlich auf unsere Damen schaute, die bei brüllender Hitze mit Shorts und kurzärmeligen Hemdchen dahergekommen waren. „Gäste dürfen bei uns alles“, sagte sie und fühlte sich in ihrem hochgeschlossenen Kleid mit Kopftuch sichtlich wohl. Schon im 15. Jahrhundert gab es in der Gegend eine tatarische Gemeinde mit eigener Moschee, die Prinz Witold hatte errichten lassen. Auch die Gemeinde selbst soll auf Witold zurückgehen, der einst Tataren als Gefangene von einer Schlacht mitgebracht und in dem Dorf angesiedelt haben soll.

Der kleine Kerl versuchte es Horst nachzumachen und die Glocke zu bimmeln, aber er kam nicht an die Zugschnur.

Darauf, so erzählt eine Sage, geht der Name „Keturiadesimt Totoriu“ (polnisch: Sorok Tatary) zurück: 40 Tataren.

Geschichten berichten, Witold habe die kampfesstarken Tataren unbedingt halten wollen und ihnen deshalb ermöglicht, ihren Glauben zu pflegen und weiterhin in der Vielehe zu leben. Das heutige, rechteckige Holzgebäude stammt aus dem Jahr 1815 und trägt eine zwiebelförmige Kuppel mit einem Halbmond.

Männer und Frauen beten getrennt. Rund um die Moschee liegt ein Mizar, ein Friedhof, mit Grabsteinen aus dem 16. Jahrhundert.

Die Moschee ist eine von nur vier muslimischen Gebetshäusern in ganz Litauen. Raissa berichtete von der Toleranz der Gemeinde. Es komme letztendlich nur darauf an, mit welcher Liebe sich Menschen untereinander begegneten. Birute übersetzte: „Alle haben ein Herz und eine Seele. Es ist egal, was sie glauben. Sie glauben an einen Papa.“

Raissa führte durch die Moschee und zeigte den eindrucksvoll gearbeiteten Koran.

Zwischendurch musste unbedingt jemand im Schatten eine kleine Erholungspause einlegen.

Jurgis führte uns zurück zu seiner Hauptgemeinde in Vaidotai und zeigte die Kinder-Betreuung, die seit vier Jahren besteht und seit zwei Jahren in eigenen Räumen untergebracht ist. Živilė, im Hauptberuf Gymnasiallehrerin u.a. für Ethik, kümmert sich regelmäßig um 20 Kinder im Alter von zehn bis 14 Jahren und gibt ihnen ein Zuhause. „Man kann an den Kindern jetzt schon Veränderungen erleben“, sagte Živilė froh. Sie seien offener und lockerer geworden und kämen nach der Schule gleich ins Kinderzentrum – u.a. zum Mittagstisch. „Viele fühlen sich hier wohler als zu Hause.“

Viel Gutes bewirken die ehrenamtlicher Kräfte. Živilė geht bald in Mutterschutz, dann muss ihre Leistung aufgefangen werden.

Zu Gast im Kinderzentrum.

Alfred überreichte der ziemlich hochschwangeren Živilė Spielzeug für die Kinder.

Die Neuauwiewitter bekamen im Zentrum ein Mittagessen spendiert und den typischen Kaffee, bei dem gemahlene Bohnen mit heißem Wasser übergossen werden. Das Mahl war eine gute Gelegenheit, mit den Litauern ins Gespräch zu kommen. Gleich mehrere unter ihnen sind schon in Ostfriesland zu Gast gewesen, darunter zwei junge Frauen, die sich mit bestem Englisch und klaren Vorstellungen zu ihrer Zukuft äußerten.

Die Neuauwiewitter wollten wissen, wann Živilė niederkommt. In gut zwei Monaten! Als Živilė hörte, dass Frauen in deutschen Kindertagesstätten nicht mehr arbeiten dürfen, sobald eine Schwangerschaft festgestellt ist, rief sie fröhlich: „Dann komme ich nach Deutschland.“ Ihre Blicke sagten etwas anderes: „Mein Kinderzentrum verlasse ich nicht.“ Und das ist gut so!

Text und Fotos: Delia Evers

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