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Gassenhauer, ihr ward unglaublich stark
Von Delia Evers | Premiere "Together we can chance the world"

Das war ganz tolles Theater. Mit fast allen Zutaten, die Theater groß machen: Verrat und Verwicklung, Angst und Aufruhr, Liebe und Liebesleid. Nur Mord und Totschlag blieben aus. Gottseidank, wollen wir sagen, denn die jungen Leute lösten das Drama um die Kiese Tannenhausen weit eleganter. Gemeinsam veränderten sie ihre Welt.

Bis es so weit war, bekam das Publikum eine tolle Vorstellung zu sehen - eine mit Lerneffekt: Denn erst einmal wurde es in die Welt der Jugendgruppen und ihrer unterschiedlichen Erscheinungsformen eingeführt.

Inmitten der prall gefüllten Stadthalle saßen gefühlt 100 Erwachsene, die zuvor keine Ahnung gehabt hatten, was Chillen ist und dass diese Methode, an der Kiese runtergekühlt auf Campingstühlchen vor sich hinzugähnen (und mit schlafmüder Zunge zu erklären: "Stimmungstechnisch bin ich kurz vor einem Vulkanausbruch), auch nicht schlechter ist als ein Kaffeekränzchen unter Damen - nur dass da mehr geredet wird - oder eine Kneipenrunde unter Herren - nur dass da weniger geredet wird.


Chiller an der Kiese im Haltestellenmodus.

Wen gabs noch? Eine Gruppe Punks, die die Bühne stürmte, laut, schrill, wegwerfend komisch und unbekümmert, und die sich an der Spielplatz-Rutsche neben der Kiese von einem Dreikäsehoch vertreiben ließ, der Karate konnte ("und das ziemlich gut"). Zack. Bumm. Weg war'n die Punks.


Bunt und schrill: Die Punks stürmten durch den Saal zur Bühne.

Sodann schleimte nicht nur ein Goth heran, sondern gleich eine ganze Gruppe im Gruftistil, die doch noch ein bisschen Vergänglichkeit auf die Bühne goss - toll unterlegt war der Gothic-Auftritt mit Leinwandbildern. Und toll der stampfende Tanz samt "liegender Fraktion".


Huuhh, Gothic-Damen zum Fürchten.

Überhaupt die Körperbewegung der jungen Leute: Tanzkünstler Keno Cassens hatte mit ihnen aufs Beste alle Steps studiert und legte vor dem Publikum samt Michael-Jackson-Griff einen Jumpstyl  hin, der aus Kenos Körper eine fluppende Gummipuppe machte.


Damit's auch alle mitbekamen: Die Gassenhauer spielten in Aurich - rechts Gummimann Keno Cassens.

Weniger beweglich kam eine Gruppe von Oldies daher - ausnahmslos Damen und Herren aus unserer Gemeinde, die an der Kiese baden wollten. FKK. Zum ersten Mal. Herrlich kabarettreif, wie sie sich in den Mut, den Bademantel vom vermeintlich hüllenlosen Körper gleiten zu lassen, erst einmal hinsteigern mussten. Was für ein Pech, dass ausgerechnet in dem Moment, da Johannes F. den Gürtel aufgeschnallt hatte, Jugendliche kamen und fragten, was die Alten denn da trieben. Niiiichts natürlich. Einschätzung eines Jugendlichen: "Wohl eine Demenzgruppe..."


Johannes F. wagte den Gürtelzug und war über das frivole Ergebnis genauso erschrocken wie die Damen. Links im Bild die Punks.

Fußballjungs tauchten auf. Ihr einziges Manko: Sie hatten keinen Ball.

Dann bekebbelten sich an der Kiese noch die beiden Männer, die sich als Aufpasser vor Ort Konkurrenz machten.

Damit waren alle Parteien vorgestellt, die das Leben an der Kiese auf unterschiedlichste Art und Weise genossen.

Doch das Verhängnis nahm seinen Lauf. Der machtgeile Auricher Möchtegernpolitiker Dr. Stephan Schmatzke ließ sich von den Berliner Immobilienhaien Hader und Lump fremdsteuern und schaffte es, mit hässlichen Intrigen und Nachstellungen das Kiese-Gelände als Wellness-Oase für Stinkreiche ausweisen zu lassen. Und schon stand der erste Bauzaun am Baggersee.


Schmatzke als Plakat (links, von oben bis unten), Schmatzke als Politiker (Bildmitte, sitzend) und Schmatzke als Gemälde (rechts). Das musste ja zu viel werden.

Zu den besten Szenen des Stücks mit größter Körperbeherrschung zählte die Versammlung aller Jugendgruppen an jenem Bauzaun. Sie schusterten sich gegenseitig die Schuld an der Misere zu; immer wilder wurden sie. Die Technik schickte irritierendes Flackerlicht, und schon begann eine Prügelschlacht sondergleichen. In Zeitlupe. Langsam fuhren die schlagenden Arme aus, die tretenden Beine. Köpfe und ganze Körper wallten unter vermeintlichen Treffern irre verzögert zurück und krümmten sich über viele Sekunden zusammen, Gesichter verzerrten sich, Hände griffen nach getroffenen Bäuchen, Schreie verließen Münder, nur dass nichts zu hören war, Menschen gingen in die Knie und kugelten zu Boden. Sezierte Gewalt. Unglaublich stark.


Prügelschlacht hinter'm Bauzaun: eine starke Szene.

Jann Janssen begleitete das gesamte Stück auf seinen Elektro- und Akustikgitarren. Die Musik hatte er passend zum Stück komponiert, die Lieder selbst getextet. Sie waren eine vorzügliche Bereicherung, besonders wenn er sang. Zudem begleitete er mit seinen Instrumenten die Stimme von Lena Klaassen. Die war eine Klasse für sich. Lena trat wie eine Ich-"Sprecherin" auf, die mit den Liedern das Geschehen kommentierte, begleitete und vorantrug.


Lena Klaassen sang solo: Sie war eine Klasse für sich.

Eine Extraklasse war auch Dr. Stephan Schmatzke (Klaus Schütze): Unnachahmlich, wie der Fatzke, eingerahmt von einem Riesenwahlplakat mit Schmatzke-Konterfei und einem Gemälde - natürlich auch mit Schmatzke drauf - Überlegenheitsposen übte und mit jedem Zentimeter erweiterter Brustschwellung an Lächerlichkeit gewann. (Schmatzke, Pardon Klaus Schütze, zeichnet übrigens über die Schülerfirma HandWert der IGS Aurich-West für die gesamten Requisiten verantwortlich.)

Die Jugendlichen ließen Krach und Krawall hinter sich und marschierten zum Rathaus, um gegen die Zweckentfremdung der Kiese zu demonstrieren.

Gäste im Publikum aus unserer Pfarreien-gemeinschaft.

(Teil des Theaterprojekts waren - unsere Leser wissen das - Filmaufnahmen, die der Berliner Kameramann Christoph Kube im November gedreht hatte.) Jetzt, während der Bühnenaufführung, wurde der Film auf die Leinwand gelassen, und alle konnten sehen, wie Bürgermeister in echt und Bürgermeister in unecht Heinz-Werner Windhorst sich für die Kiese stark machte.

Schmatzke hatte ausgespielt. Denn es gab einen weiteren Rückschlag: Ein abtrünniges Auricher Mädel, das zwischenzeitlich bei Hader und Lump gelandet war, war wegen ihrer verglühenden Liebe schnell zu ihren Kiese-Freuden zurückgekehrt und deckte alle Machenschaften auf.

Ende gut. Alles gut. Auf der Bühne versammelten sich begeisterte junge Menschen, die tolles Theater geboten hatten, darunter Eike im Rolling Wheel Shop, der junge Mann, der immer zur Stelle war, wenn an der Kiese etwas gebraucht wurde - vom Pariser bis zum Berliner.


Eike in seinem Rolling Wheel Shop: Hat für alle Spitzenfälle das volle Sortiment Gummis.

Die mutigen Initiatorinnen Isburga Dietrich und Dr. Elke Warmuth wurden auf die Bühne geholt und wie die Jugendlichen beklatscht. Das Duo zog Claus Gosmann in die Mitte. Der Theaterpädagoge und Schulsozialarbeiter hatte nicht nur Regie geführt und sich an der Prügelschlacht beteiligt, sondern auch das anspruchsvolle Text- und Drehbuch geschrieben und mehr zustandegebracht als ein Theaterstück. Echte Lachnummern, Komik, Tragik, Tänze, Lieder, bildstarke Filme, Texte - in dieser Bandbreite konnte sich jeder Jugendliche entfalten.


Die jungen Darsteller bedankten sich mit einem Transparent - auch bei Isburga Dietrich, Claus Gosmann und Dr. Elke Warmuth.


Bürgermeister Heinz-Werner Windhorst, Freund und Förderer der Familie Gassenhauer, beglückwünschte die Theatergruppe.



Die Gassenhauer-Familie nach dem letzten Akt.

Liebe Gassenhauer. Toll wars! Wann geht der Vorhang das nächste Mal auf?
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