Bewegende Aufführung: Wenn du verschwindest

Die Familie Gassenhauer spielt auch 2018 ein Bühnenstück. Und wieder gibt es Theater. Letztes Jahr erlebten 1500 Zuschauer in der Auricher Stadthalle eine Aufführung mit Happy End. Diesmal gibt es ein Open End…

… denn glückliche Ausgänge sind beim Thema Demenz kaum zu erwarten. Um diese Erkrankung dreht sich das neueste Stück „Wenn du verschwindest“.

Es ist eine Nachricht für sich, wie intensiv die Kinder und Jugendlichen der Theaterfamilie das Thema verkörpern. Viele von ihnen haben bereits Gewalt erfahren müssen: Im jüngsten Stück wenden sie sich empathisch und authentisch dem Leid oft viel älterer Menschen zu.

Als unlängst ein Trailer für das Werk in der katholischen St.-Ludgerus-Kirche zu sehen war, sagte ein Gast: „Das geht unter die Haut!“

Szene aus dem neuesten Stück, die unlängst in der St.-Ludgerus-Kirche zu sehen war. Wie Dämonen umringen die Begleiter von Demenz eine Kranke – Unsicherheit, Verzweiflung, Angst, Einsamkeit und wie sie alle heißen.

Die jungen Akteure hatten ihre Botschaften von Nähe und Ferne, Liebe und Einsamkeit, Hilfe und Überforderung, Vergessen und Verzweiflung so eindringlich herübergebracht, dass das Publikum zwischendurch kaum wusste, ob es lachen oder heulen sollte. Was gerade noch wie Komik aussah, entlud sich im nächsten Moment als Katastrophe, die über eine Familie hereinbricht.

Eine der Szenen: Oma Rot findet ihre Schlüssel nicht. Sie liegen da, wo sie immer liegen. Die Angehörigen sind genervt. Oma hat zudem vergessen, dass Opa seit zehn Jahren tot ist. Sie will unbedingt in die Küche, um für ihn zu kochen. Kinder und Kindeskinder scheitern mit ihren Versuchen, Oma in die Realität zu holen. Sie bekommen zu spüren, wie groß der Unterschied zwischen Realität und Wirklichkeit sein kann.

Oma Rot hat eine eigene Wirklichkeit. Für sie ist das Tischtuch ein eleganter Umhang. Immer wieder mopst sie ihn vom Tisch. Sie macht das wunderbar kess. Natürlich darf gelacht werden. Und doch ahnt jeder, dass sie mit ihrem Umhang unterwegs ist in eine Küche, in der das Wesentliche fehlt: ihre versunkene Welt mit Opa und all den anderen altvertrauten Schätzen, die ihr einmal Halt gegeben haben. Sie ringt die Hände, resigniert. Sie weiß nicht, was los ist.

Kleine Verständigungspause während der Proben.

Die jungen Darsteller sind – unterstützt von einigen erwachsenen Akteuren – stark darin, die verschiedensten Gefühlslagen von Erkrankten, Angehörigen und Pflegekräften darzustellen. Ihre Texte sind anspruchsvoll und klingen manchmal wie Nonsens – z.B. als plötzlich die Vertreterin eines Pflegeheims für Demenzkranke erscheint, im Publikum Prospekte verteilt und ihrem Haus Qualitätsgüte im DIN-A-3-Format zuspricht. Über solche Sätze, die noch das Kranksein in eine Norm fassen, muss man erst einmal nachdenken…

… genauso wie über den Redefluss einer Psychologin, die ihrer Selbsthilfegruppe eine „persönliche Mitte für alle“ verpassen will und nicht begreift, dass jedes Schicksal seine eigene Not hat.

Während der Proben für die Aufführung gibt es immer wieder auch viel Spaß.

… und manchmal gespielte Verzweiflung, jedenfalls beim Regisseur (rechts im Bild liegend Claus Gosmann). Dem Spaß der Theatergruppe tut das allerdings keinen Abbruch.

Am Freitag, 21. September, werden die jungen Leute in zwei anderthalbstündigen Aufführungen – 10.30 und 19 Uhr – in der Stadthalle ihr Bestes geben. Für den Morgen sind Pflegeklassen aus Krankenpflegeschulen und Schulklassen mit Ethik-Unterricht eingeladen; sie füllen das Haus nicht. So sind zu dieser – und natürlich zur Abendveranstaltung – viele weitere Theaterfreunde herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei (gern darf gespendet werden).

„Schuld“ an der Aktion ist unter Vorsitz von Margret Fiebig-Drosten die Alzheimer Gesellschaft Aurich/Ostfriesland, die sich seit 2014 vor Ort engagiert.

Mitglieder hatten die Idee, die Gassenhauer mit einer Aufführung als Zugpferd für den Welt-Alzheimertag am 21. September zu gewinnen. Die Theaterfamilie mit ihren „Müttern“ Isburga Dietrich und Dr. Elke Warmuth ließ sich einspannen. Die Frauen sprachen mit ihren „Kindern“, freuten sich über deren „Ja“ und entwickelten Ideen. Theaterpädagoge Claus Gosmann nahm sie auf und machte ein Drehbuch daraus. Wie immer schrieb er jedem Jugendlichen eine Rolle auf den Leib.

Jann Janssen textete und komponierte Lieder, die das Geschehen verdichten. So singt Darsteller Pascal von seinem Leid: Seine Bühnen-Frau ist dement. Er erreicht sie nicht mehr. Das Lied ist herzzerreißend – wie die Folgen der Demenz. Die Psychologin und Tanzpädagogin Dr. Katharina Lühring kleidet sie in teils pantomimische Bewegung.

Die Initiatorinnen und Projektleiterinnen der Gassenhauer Dr. Elke Warmuth und Isburga Dietrich, im Hintergrund Liedermacher Jann Janssen.

In einem Gespräch sagte Pascal: „Durch das Theater bekommen wir Einblicke in die Situation anderer Menschen.“ Besonders angesprochen hat ihn die Gewissensnot, die er als Darsteller mimt. Er hat seiner Frau ewige Treue versprochen. Nun hat die Demenz seine Frau weit weggetragen. Er hat sich neu verliebt. Seine Sorge: „Bleibt mein Gewissen rein?“

Mit solchen Fragen befassen sich die jungen Leute, seit sie ihr Ja-Wort zum Thema gegeben haben.

Marvin besucht mit anderen Jugendlichen privat alle zwei Wochen demenzkranke Menschen im Pflegeheim Kursana. Er erzählt von den „ganz anderen Einblicken in das Leben. Da gewinnen wir Erfahrung“. Lea freut sich daran, dass sie über das Theaterspielen „einen neuen Zugang zu älteren und kranken Menschen“ bekommt.

Warten auf den Einsatz – diesmal spielen auch einige Erwachsene Hauptrollen.

Die Drei wollen es von der Regiebank genau wissen.

Das Drehbuch jedenfalls erfüllt die Anforderungen der Alzheimer Gesellschaft voll: Wie bei anderen Aktionen weltweit soll am 21. September auch das Gassenhauer-Stück die Krankheit und ihre Folgen in den Mittelpunkt rücken. „Es soll Betroffenen helfen, aus der Isolation herauszutreten, sich über die wohnortnahen Beratungs- und Hilfsangebote zu informieren und Unterstützungsangebote in der Stadt und im Landkreis vermehrt zu nutzen“, wünscht sich Margret Fiebig-Drosten.

Allein in Deutschland leben geschätzt 1,7 Million demenzkranke Menschen. Es gibt kaum jemanden, der keine Betroffenen kennt. Das unterstreicht den Wert der Aktionen zum Welt-Alzheimertag.

Die beiden Erwachsenen mimen Demenzkranke, die gerade „behandelt“ werden und sich wegen der mechanisch verabreichten Hilfe sichtbar unwohl fühlen.

Isburga gibt Anleitungen, um die Szene zu intensivieren.

Die Leiterin einer Pflegeeinrichtung erklärt die Vorzüge ihres Hauses, während das Durcheinander hinter ihrem Rücken sie Lügen straft.

Am Samstag, 22.9., bietet die Alzheimer Gesellschaft daher von 11 bis 14 Uhr in der KVHS Aurich einen Informations- und Begegnungstag. Dort können Angehörige und Betroffene sich u.a. mithilfe von Kurzvorträgen die Krankheit tiefergehend erschließen und sich über Rechtsfragen informieren. Zudem gibt es ein Café-Angebot in Zusammenarbeit mit der Berufsfachschule Altenpflege Aurich BBS I. Hier können Angehörige sich austauschen. Betroffene werden derweil betreut (Näheres zum Programm auf diesem Flyer zu den Veranstaltungstagen).

Wie oft bei Auftritten der Gassenhauer sind die Fotografengruppe „Künstlerische Fotografie“ und das Fotoforum Aurich mit im Boot. Diesmal illustrieren zwölf Bildkünstler nicht die Arbeit der Theaterfamilie, sondern die Krankheit. Bewegende Fotos sind entstanden, die oft erst auf den zweiten Blick das Drama von Demenz entfalten.

Da ist eine gemütliche Tee-Szene zu sehen: Gebäck auf dem Tisch, eine Tasse mit Tellerchen, jemand hält eine Kanne ins Bild und gießt ein. Der Strahl trifft die Mitte der Tasse. Also alles klar? Ja. Die Tülle spendet: klares Wasser. So eindringlich kann Vergessen bebildert werden. Die Ausstellung mit 41 Fotos ist bereits ab Sonntag, 16. September, im Atrium der Kreisvolkshochschule zu sehen. Zur Eröffnung um 11 Uhr zeigen die Gassenhauer eine Szene aus ihrem Demenz-Stück.

Sie wird eindringlich sein. Wie Pascals Lied. Als er sich unlängst anschickte, es während der Probe zu singen, sagte er: „Ich habe jetzt schon einen Kloß im Hals.“

Text und Fotos (bis auf die Tee-Zeremonie unten): Delia Evers

Informationen zur Theaterfamilie Gassenhauer
Informationen zur Alzheimer Gesellschaft Aurich/Ostfriesland e.V.

Alles klar?             Foto: für das Fotoforum Siegfried Janssen

Und das durfte bei einer der Proben auch noch einen eigenen Platz haben: Die Gassenhauer gratulierten einem überaus treuen Familienmitglied, Dieter Ernsing. Er hatte in der Woche vorher seinen 70. Geburtstag gefeiert. Die Gassenhauer brachten ihm ein Ständchen. Dieter revanchierte sich mit einem erstklassigen Apfelkuchen.

Für Mittwoch, 12. September, hatten Gassenhauer und Alzheimer Gesellschaft zu einer Pressekonferenz eingeladen. OZ-Redakteurin Marion Luppen interviewte Isburga für die Online-Ausgabe der Zeitung. Isburga machte ihre Sache richtig gut.

Teilnehmer der großen Pressekonferenz, zu der Schirmherr und Bürgermeister Heinz-Werner Windhorst seine gute Stube zur Verfügung gestellt hatte: v.l. KVHS-Leiter Andreas Epple, Eva-Maria Hoffnung, ebenfalls KVHS, Projektleiterin der Gassenhauer Dr. Elke Warmuth, Vertreter des Fotoforums Aurich Rolf Schecker, die Gründungsmitglieder und Darstellerinnen der Gassenhauer Franka und Daria Schneider, die Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Aurich/Ostfriesland e.V. Margret Fiebig-Drosten, Mitglied Beate Prien, Gassenhauer-Oldie und Mädchen für alles Klaus Schütze, Projektleiterin Isburga Dietrich, Theaterpädagoge und Regisseur Claus Gosmann, Liedermacher Jann Janssen sowie Bürgermeister und Schirmherr Heinz-Werner Windhorst. Im Bildhintergrund die St.-Ludgerus-Kirche. Dort nahm die Geschichte der Gassenhauer quasi einst ihren Anfang.

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