Caritasverband Ostfriesland: Interview mit Stefanie Holle

2016-06-23 Stefanie Holle3_1Von Delia Evers | 100 Jahre Caritas in Bistum und Neuauwiewitt. Hier ist der Verband stark im Netzwerken für den guten Zweck. Das sagte Geschäftsführerin Steffi Holle im Interview. Andere erheben Vorwürfe.

Vor wenigen Wochen gab es bundesweit Schlagzeilen. Bayerns AfD-Landesvorsitzender Petr Bystron meinte, kirchliche Wohlfahrtsverbände scheffelten „unter dem Deckmantel der Nächstenliebe“ mit ihrer Flüchtlingsarbeit Milliarden in ihre Kassen. Die Caritas: ein raffgieriges Wirtschaftsunternehmen?

2016-06-23 Stefanie Holle2Der nordrhein-westfälische Landeschef der Rechtspopulisten Marcus Pretzell twitterte: Die katholische Kirche sei [über die Caritas] ein „Asylindustrieverband“. Und Bundes-Vizechef Alexander Gauland kanzelte die vielen Tausend ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer als „nützliche Idioten“ ab.

Wir fassen die Meinungen zusammen: Die Caritas ist ein Geld scheffelnder Industrieverband mit menschenverachtender Personalführung.

Was sagen Sie dazu, Frau Holle?

Steffi schaut anders als die AfD nicht von außen auf ein Gebilde, das sie von innen nie erlebt hat: Sie sieht Caritas von den Menschen her, die Hilfe brauchen. Tiefer drin als sie stecken eher wenige.

Steffi: „Wenn die Wohlfahrtsverbände in der Flüchtlingskrise nicht gewesen wären, hätten wir eine Katastrophe erlebt. Hier haben Menschen anderen Menschen ein Zuhause und Sicherheit gegeben. Viele Flüchtlinge haben ein furchtbares Schicksal erlitten. Sie brauchen Leute, die ihnen zuhören und ihnen helfen bei dem, was ansteht.“

Da geht es nicht um Geld?

„Da geht es beim Handeln vor allem um Haltung: Mit welcher Haltung begegne ich einem Menschen? Wir dürfen ihn nicht zu einem Fall machen, dem wir eine Nummer zuordnen. Wir stellen ihn und seine Anliegen in der Caritasarbeit in den Mittelpunkt.

Die Probleme sind vielfältig. Wie kann der Caritasverband helfen?

Zu uns kommen Menschen mit unterschiedlichsten Anliegen: Flüchtlinge, Arme, Verschuldete, Alleinerziehende und Menschen in anderen schwierigen Lebenssituationen. Unsere Fachkräfte vor Ort klären viel. Wenn es selbst für sie zu komplex wird, helfen unsere Fachreferate in Osnabrück weiter. Das ist Gold wert. Denn die Vorschriften z.B. im Arbeitsrecht oder im Asylrecht werden immer spezieller. Unzureichende Antworten dürfen wir uns nicht leisten.

2016-06-23 Stefanie Holle3Der Caritasverband Ostfriesland ist personell relativ gut bedient, aber kann er allen Menschen gerecht werden, die um Hilfe bitten?

Wir brauchen selbst Hilfe und finden sie z.B. in den beiden Anpackerkreisen in St. Ludgerus Aurich. Darin arbeiten ehrenamtlich Menschen unterschiedlichster Profession. Sie alle sind bereit, ganz konkret Aufgaben zu übernehmen.

Das könnten zur Not auch Unternehmen. Warum sind die Anpacker so wichtig?

Sie sind die perfekte Ergänzung. Es kommt nicht nur darauf an, bei einer alten Dame, die selbst nicht mehr auf die Leiter steigen kann, an der Zimmerdecke eine Birne auszuwechseln oder bei einer alleinerziehenden Mutter eine Küche aufzubauen. Oft gehen die Anliegen tiefer. Wir müssen genauer in die Lebenswelten der Menschen schauen und vor Ort hinhören, um durchgreifend zu helfen und vielleicht auf Dauer eine ungute Situation zu ändern.

Die Ehrenamtlichen sind die ausführenden Organe der Hauptamtlichen?

Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Die Hauptamtlichen sind auf die Ehrenamtlichen und ihren schnellen, verlässlichen und professionellen Einsatz angewiesen. Die Ehrenamtlichen brauchen die fachliche Koordinierung durch die Hauptamtlichen. Erst zusammen sind sie ein Team. Und erst zusammen können wir bedürftigen Menschen Hilfe aus einer Hand bieten – auch indem wir weitere Netzwerke oder Bündnispartner wie den Verein Subito einbinden.

Wie reagieren die Beteiligten?

Wenn Hilfe ankommt – und das tut sie sehr oft – motiviert das alle. Mit starren Strukturen würde das allerdings nicht gelingen. Wir brauchen Flexibilität, um Notleidenden schnell unter die Arme greifen zu können, Anliegen auf kurzem Weg per Mail oder Telefon abzustimmen und uns zu unseren Sitzungen zu treffen. Das geht schon mal in den Abend hinein: Trotzdem erlebe ich immer wieder die Freude, mit der alle zusammenkommen, Anliegen durchgehen und Knoten lösen.

Hier leistet Caritas Diakonie – eine der drei Grundvollzüge der Kirche: die Hilfe an Notleidenden. Wie steht es mit einem weiteren Grundvollzug: der Liturgie?

Zwischen Caritas und Liturgie gibt es viele Verzahnungen. Immer wieder findet der Alltag notleidender und helfender Menschen in den Gottesdiensten Raum – z.B. in Predigten, Fürbitten und Gebeten. Das wirkt bestärkend und ermutigend. In der Liturgie, der Tischgemeinschaft, ist es wie in unserer Arbeit: Jeder Mensch wird angenommen, wie er ist, und wir teilen mit ihm, was wir teilen können.

Da sind wir beim dritten Grundvollzug: der Verkündigung. Wir sind aufgefordert, unseren Glauben konsequent zu bezeugen und für die „Sache Jesu“, die Nächstenliebe, einzutreten.

Wir können vor Ort das Leben gestalten. Menschen mit Problemen gehören vor Ort und zu unserem Leben dazu. Ich kann es nur als Geschenk und nicht als Belästigung sehen, mich hier einzusetzen.

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Steffi Holle: selbst stark im Anpacken.

Was ist Caritas eher: ein Fachverband oder ein Stück Kirche?

Für mich ist Caritas eher ein Bestandteil von Kirche; sie ist die Caritas der Kirche.

Der Präsident des Deutschen Caritasverbandes Prälat Dr. Peter Nehrer hat gesagt: „Ohne die sicht- und greifbare Sorge um den notleidenden Menschen gibt es keine Kirche.“ Caritatives Handeln geschehe in der Nachfolge Jesu. „Die voraussetzungslose Liebe Gottes gilt es immer wieder neu im konkreten Handeln erfahrbar zu machen.“

Das ist unsere Aufgabe. So arbeiten wir durchaus ein Stückweit pastoral, also in der Seelsorge, während die Pastoralteams auch karitativ unterwegs sind. Die Menschlichkeit gegenüber Hilfesuchenden, eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Ehrenamtlichen hat einen hohen Stellenwert. Ich erlebe in all diesen Bereichen ganz viel Offenheit, Entwicklung und vor allem Wertschätzung.

Die wird auf Verbandsebene auch dadurch deutlich, dass Hunderte von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern eingeladen wurden, als Dankeschön anregende Theaterabende zu erleben.

Unsere Grundhaltung wird zudem deutlich durch die Aktion „100 gute Taten“. Gute Taten sind ja praktisch unser Geschäft. Zum Jubiläum gibt es darüber hinaus an vielen Orten im Bistum „100 gute Taten“. Eine davon beschenkt z.B. Menschen mit einem Urlaub, den sie sich aus eigener Kraft nie hätten leisten können.

Dann sind 100 Jahre Caritas für sehr viele Menschen ein Grund zum Feiern.

Ja, und ein Grund, weiterhin etwas zu tun.

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