Gerdes, Christa | Pfarr-Haushälterin a.D.

2016-04-20 Christa Gerdes5_1Von Delia Evers | Am 20. April 2016 wurde Christa Gerdes, Haushälterin von Dechant Johannes Ehrenbrink, 65 Jahre jung. Am 19. April hatte sie zum letzten Mal für ihn gekocht. Da kannten sie sich seit elf Jahren.

Christa Gerdes steht am Herd, wird gerade von der Turmflüsterin interviewt und erzählt. Ihre Hände arbeiten einfach weiter und schneiden selbsttätig zwischen den Fingern eine faustdicke Zwiebel. Christa erzählt von ihrer ersten Begegnung mit Pfarrer Johannes Ehrenbrink. Für ihn bereitet sie gerade Linsensuppe zu; die Finger greifen automatisch in eine Lade, fischen Gewürze heraus und lassen sie erfahren in die simmernde Brühe rieseln.

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… und ihre Finger schneiden mitten im Gespräch einfach weiter die Zwiebel klein.

Im Jahr 2005 war drei Jahre nach ihrem Sohn Dieter und kurz vor der Silberhochzeit ihr Mann Manfred gestorben, der lange Zeit an einer schweren Nervenkrankheit gelitten hatte. Christa hatte ihn zu Hause gepflegt – begleitet u.a. von der Ludgerus-Gemeinde in Aurich. Auch der neue Pfarrer war gekommen – Johannes Ehrenbrink. Sie sprachen über Christas Verhältnisse.

„Bis dahin war ich Hausfrau gewesen. Wir hatten gebaut. Ich musste Geld verdienen.“ Sie ging bei anderen Leuten putzen.

Nach dem Besuch von Johannes läutete bei ihr das Telefon. Er war am Apparat. Er brauche eine Haushälterin; ob sie die Stelle antreten wolle. „Beim Pastor!“, sagt sie heute noch mit Nachdruck. „Ich war so erzogen, dass der Pastor eine hohe Respektperson war.“ Ihr flatterten ein bisschen die Nerven; „andererseits“, dachte sie, „bin ich dann sozialversichert.“

Und was sollte groß passieren? Einen Haushalt zu führen, war für sie kein Problem. 1951 in Burlage in eine immer größer werdende Familie hineingeboren, hatte sie als Jugendliche bereits in Börgermoor zwei Jahre lang in einem Haushalt gearbeitet, zu dem ein Ehepaar mit zwei Kindern, ein Lebensmittelgeschäft und ein Frisörsalon gehörten. Das hatte prima geklappt.

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Die Blumen-Christa in Pastors Garten.

„Kochen konnte ich von zu Hause.“ Sie sagte dem Pfarrer zu und war schnell eine Kraft, auf die er sich verlassen konnte. Christa hielt dreimal in der Woche das Priesterhaus blitzblank, kümmerte sich um die Wäsche, verschönte die Wohnung mit kunstvoll gehäkelten Regalborten, Tischdecken und Gardinen, pflegte die Gartenbeete und kochte am liebsten ihre ostfriesische Hausmannskost. Johannes nahm sie dankbar ein. Während Christa für die Grundwürze der Gerichte sorgte, ließ Johannes, der selbst gut und gerne kocht, sie sich für die Feinabstimmung auf der Zunge zergehen.

Bald ergab sich am Mittagstisch eine Änderung. Die Tür zwischen der Wohnung und den Büros blieb jetzt immer offen. Bratenduft zog durchs Haus; und da man fleißige Menschen nie nur schnuppern lassen sollte, wurde es am Esstisch immer voller. Manchmal gruppierten sich zehn Gäste und mehr um den Tisch – aus den Dekanats- und Caritaseinrichtungen vor Ort ebenso wie aus dem eigenen Büro und aus dem Schwesternhaus.

Christa lernte schnell, wer was mochte. Im Zweifelsfall sorgte sie für Alternativen.

Sie war froh, wenn sie möglichst viele Töpfe bis unter den Deckel füllen konnte. „Und das Schönste war für mich, wenn sie am Ende leer waren.“ Ihre Erklärung für das eher übervolle Kochgeschirr: „Es könnte ja immer noch mal jemand nachkommen, mit dem ich nicht gerechnet habe.“

Und hat sie wenigstens einmal mit ihren Künsten danebengelegen? Mit ihren Künsten nicht, wohl mit einem Einkauf. Johannes Ehrenbrink hatte sich zu einem Weihnachtsessen mit vielen Gästen Zunge gewünscht. Christa hatte sie noch nie zubereitet, kaufte tapfer ein und sprach Johannes vorwurfsvoll an, wie sie denn mit sooo einer kleinen Zunge sooo viele Mägen satt bekommen solle: „Die reicht ja nie!“ Christa hatte eine Schweinezunge erstanden (die hätte Johannes im Zweifelsfall allein verputzt). Auf seinen Rat hin kaufte sie noch schnell eine Rinderzunge, und das Sättigungsgefühl aller Gäste war gesichert.

Jetzt freut Christa sich auf die neue „Epoche“. Sie möchte ihr Heim in Ihlow verschönen, in dem auch Sohn Klaus wohnt. Und sie möchte mehr Zeit mit ihrem Lebensgefährten Jürgen verbringen.

Das Interview ist fast beendet. Johannes Ehrenbrink schaut zur Küche herein, kann die Finger nicht vom Deckel auf der Linsensuppe lassen, lupft ihn und sagt: „Hmmm, riecht das gut. Ich könnt‘ mich reinlegen.“

Gemeindereferentin Kyra Watermann freut sich: „Bei Christa gibt es nichts, was nicht schmeckt. Hier esse ich sogar Kohlrabi.“ Sie guckt glücklich: „Und immer ist Nachtisch da. Obst mit Vanillesauce, die noch warm ist.“

Elf Jahre lang war Christa Gerdes für die Belegschaft und all ihre Gäste ein bisschen so etwas wie der Herd in der Küche – eine Quelle, die Wärme spendet und mit dieser Wärme in jeder Hinsicht andere nährt.

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Christa im Esszimmer samt Schrank mit handgehäkelten Regalborten und Deckchen – und mit Händen, die ein Leben lang zugepackt haben.

Was bleibt noch zu sagen? Das Schlusswort von Johannes Ehrenbrink:

„Es war eine tolle Zeit mit dir, Christa. Nur mit deiner  Hilfe war es möglich, ein so offenes Pfarrhaus  zu haben. Wir fanden bei den gemeinsamen Mittagessen Kraft für Seele und Leib, für Arbeit und Freizeit. Christa: Vielen Dank und alles Gute für viele gesunde Jahre. Und ich bin sicher: Wir sehen uns, wir werden zusammen essen, trinken und feiern und noch viele nette Stunden gemeinsam erleben.“

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