Flüchtlinge fragen: „Was kann ich zurückgeben?“

2016-01-10 Empfang_1Von Delia Evers | Den gefühlt schönsten Satz sagte beim Auricher Neujahrsempfang Hans-Jürgen Bremer, Leiter der Polizeiinspektion Aurich/ Wittmund, am Ende der Podiumsdiskussion „Flüchtlinge in Aurich“. Die Steilvorlage dazu hatte Antje Heilmann, die Leiterin der Flüchtlings-Notunterkunft Aurich, mit dem Hinweis geliefert: Jeder der zurzeit 77 Bewohner in der Unterkunft kenne längst das ostfriesische Moin. Bremers Steigerung: „Und was sie alle können, ist ‚Dankeschön'“.

Einige Hundert Gäste waren in der Stadthalle versammelt, darunter Vertreter unserer St.-Ludgerus-Gemeinde, die sich an der Kirchdorfer Straße mit hohem Einsatz für elf Flüchtlinge engagiert. Nicht in einer einzigen Äußerung und nicht in einem einzigen Zwischenruf war beim Empfang auch nur ein Hauch von Pegida-Wut zu spüren – stattdessen dieser Mut-Macher: Die anfängliche Euphorie für ein frohes Willkommen mündet in Aurich in engagiert sachliche Arbeit für die Flüchtlinge und zunehmend mit ihnen.

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Die Stadthalle war bestens mit Gästen gefüllt.

„Zugpferd“ der Veranstaltung war Dr. Rudolf Seiters, Bundesminister a.D. und heute Präsident des DRK, der sich über die große Resonanz freute.

Moderator Ludger Abeln, Leiter für Netzwerkarbeit beim Diözesancaritasverband, förderte im Gespräch mit den fünf Podiumsteilnehmern – außer Bremer, Heilmann und Seiters auch Landrat Harm-Uwe Weber und Hausherr Bürgermeister Heinz-Werner Windhorst – unaufgeregt Fakten zu Tage.

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Das Podium in Bewegung mit (v.l.) Hans-Jürgen Bremer, Antje Heilmann, Heinz-Werner Windhorst, Harm-Uwe Weber, Dr. Rudolf Seiters und Moderator Ludger Abeln.

800 bis 1000 Flüchtlinge können in der Notunterkunft in der Kaserne Zuflucht finden. „Bei uns gibt es was für sie zu tun“, berichtete Antje Heilmann. Das bringe einen geregelten Alltag mit sich; und der biete in aller Unsicherheit ein Stück Sicherheit. Es gebe eine Teestube und eine Kleiderkammer; handwerkliche Projekte und eine Kinderbetreuung seien angedacht. Dort überall könnten sich Flüchtlinge engagieren, und sie täten es mit Freude.

Heilmann erwähnte das große Engagement von Aurichern und Auricher Verbänden, die ebenfalls Initiativen auf den Weg gebracht hätten – zum Beispiel einen Lauftreff [oder zusammen mit den Maltesern die Wiedereinrichtung der Kapelle].

Rudolf Seiters sah auf die Flüchtlingspolitik in Europa, die nicht ins Bild der europäischen Wertegemeinschaft passe. Es gebe zu viele Egoismen. Die oft geforderte Obergrenze für den Flüchtlingszustrom lasse sich mit unseren Gesetzen nicht in Einklang bringen: Das Recht auf Asyl könne nicht ab einer willkürlich gesetzten Flüchtlingszahl außer Kraft gesetzt werden.

Seiters hatte schon 2014 Flüchtlingslager im Nahen Osten besucht und sich gefragt, wie die Menschen das aushielten, ohne jede Perspektive festzusitzen. Ihm sei klar gewesen, dass sie sich irgendwann selbst auf den Weg machen würden, um eine eigene Perspektive zu suchen.

Längst sind Tausende in Niedersachen angekommen und müssen untergebracht werden. Harm-Uwe Weber meinte, die zuständigen Ämter hätten die Grenze der Belastbarkeit erreicht. Sie müssten Unterkünfte finden und vorhalten. Das sei mit viel Arbeit verbunden. Allerdings werde nun die VHS Wohnraum erstellen und Flüchtlingen z.B. Praktika anbieten.

Heinz-Werner Windhorst kritisierte jene Wohnungsbaugesellschaften, die sich trotz Mietzahlungsgarantie weigerten, freien Wohnraum für Flüchtlinge auf den Markt zu geben.

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Die Gäste saßen und viele standen in dichten Reihen bis vor der Bühne.

Hans-Jürgen Bremer sprach – in Zusammenhang mit den Kölner Silvester-Ereignissen – die Kriminalitätsfurcht und damit die Frage an: Treiben die Flüchtlinge die Kriminalitätsrate nach oben? „Mit Angst ist keine Objektivität zu erreichen“, sagte Bremer. Es seien sehr viele Flüchtlinge ins Land gekommen. Da, wo mehr Menschen seien, komme es ganz allgemein zu mehr Delikten. Allerdings sei die Rate z.B. bei Diebstählen in Niedersachsen viel geringer gestiegen, als die Zahl der Flüchtlinge dies hätte erwarten lassen. Auch sei bisher nicht ein einziger sexueller Übergriff bekannt geworden.

Applaus bekam er für die Äußerung: „Derzeit habe ich keine Sorge, dass wir hier etwas bekommen wie in Köln. Ich habe eher Sorge vor Angriffen von außen [auf Flüchtlingsunterkünfte].“

Denn das darf niemand aus dem Auge verlieren: Es ist die Gewalt-Rate von ausrastenden Deutschen gegen Flüchtlinge, die erschreckend hochschnellt.

… gegen Flüchtlinge, die viele pauschal für integrations-unwillig halten. Antje Heilmann berichtete hingegen von vielen Flüchtlingen, bei denen sie trotz andersartiger kultureller Hintergründe eine Offenheit und eine Neugier spüre, sich in das Leben in Deutschland einzufinden. Sie sehe „einen großen Integrationswillen“. Die Flüchtlinge wollten wissen, „wie das funktioniert in Aurich und in unserer Gesellschaft.“

Und viele wollten wissen: „Was kann ich zurückgeben? Das ist allen enorm wichtig, etwas zurückzugeben.“

Sie habe als Frau zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, nicht respektiert zu werden.

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Rudolf Seiters im Gespräch mit Ludger Abeln.

Rudolf Seiters forderte von den Flüchtlingen, dies zu tun: Für die Hilfe, die sie in Deutschland erführen, müssten sie sich integrieren lassen, also Deutsch lernen und unsere Rechtsordnung und unsere Wertevorstellungen mittragen. Dann liege in ihrer Ankunft eine große Chance nicht nur für sie, sondern auch für Deutschland. Allein in den kommenden 15 Jahren werde die Zahl der Arbeitskräfte aufgrund des demographischen Wandels um 5 Millionen sinken. Deutschland brauche Arbeitskräfte.

Heinz-Werner Windhorst betonte, die Johanniter, die die Notunterkunft in Aurich federführend betreuen, hätten bereits jetzt 60 neue Arbeitsplätze geschaffen. „Das Ganze ist auch ein Konjunkturprogramm.“

Vor der Bühne stand wohl ein Dutzend Flüchtlinge und erlebte, wie eine ganze Halle voller Menschen sich mit ihnen, ihren Sorgen und ihrer Integration beschäftigte. Vielleicht hätten sie sogar die eine oder andere Frage ans Podium gehabt. Für Anliegen aus dem Publikum blieb allerdings keine Zeit.

Niemand kam auf die Idee, die Flüchtlinge zu begrüßen. Vielleicht ist das ja ein gutes Zeichen: Wer bei uns dazugehört, muss nicht extra erwähnt werden.

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