Franz war seinen Brüdern die liebste Mutter

Kennen Sie Franz von Assisi? Das ist der Heilige mit der Sonne und den Vögeln, der erste Ökofreak der Kirche und liebste Mutter seiner Brüder. Wäre er unser Zeitgenosse, hätte er letzte Woche die Bischofskonferenz aufgemischt.

Wenn man ihn reingelassen hätte! Er trat schon vor rund 800 Jahren Seit an Seit mit der starken Klara auf, die vermutlich vor der Tür des episkopalen Treffs in Lingen abgewiesen worden und mit Franz friedlich und predigend auf den Lingener Marktplatz weitergezogen wäre.

Franz und Klara, platonisch tief verbunden, bildeten ein spirituelles Gespann sondergleichen. Sie beeinflussen bis heute die Weltgeschichte der Christen.

Die Botschaft der beiden ist aktueller und näher dran an der Kirche Christi als die starre und selbstgerechte Verkündigung vieler klerikaler Nachfolger. Der vollversammelten Mannschaft der Bischöfe, die in den letzten Tagen in Lingen berieten, würden sie wie einst Jesus die Füße waschen. Und den Kopf gleich mit.

Dr. Martina Kreidler-Kos.

Letzteres besorgte Donnerstag im Bonihaus auf Einladung der Pfarrgemeinderäte von Neuauwiewitt eine „heutige“ Frau. Sprachgewand und in kraftvollen Bildern referierte Dr. Martina Kreidler-Kos. Die Diözesanreferentin und übergemeindlich Verantwortliche für Frauenseelsorge, Ehe- und Familienpastoral im Bistum Osnabrück ist mit dem Heiligen Franziskus innig befreundet oder mindestens innig in seinem Leben und Wirken beheimatet.

Spannender und aktueller als der Heilige könnte heute kaum ein Kirchenmann sein. „Er war und ist eine franziskanische Inspiration für die Kirche“, sagt Kreidler-Kos. Sie habe auf der Fahrt nach Aurich im Radio gehört, dass die Bischöfe nun einen synodalen Weg einschlagen wollten. Zwar sei noch nicht klar, was das sein solle, aber sie hoffe auf eine stärkere Beteiligung aller Gläubigen und damit auf eine freie und geschwisterliche Kirche, auf eine Kirche von Männern und Frauen.

Mit diesem Satz beamt sie die Versammlung im Bonihaus acht Jahrhunderte zurück. Denn genau das ist die Botschaft von Franziskus und Klara: Freiheit und Geschwisterlichkeit.

Von Freiheit und Geschwisterlichkeit finde sie in der Kirche heute kaum eine Spur. „Sie ist in einer lähmenden Phase.“ Kreidler-Kos: „Wir brauchen einen Aufbruch und eine neue Inspiration.“

Stattdessen säßen in Lingen wieder nur die vielen alten Männer mit Machtfülle, pardon: die vielen Männer mit alter Machtfülle und blieben unter sich.

Die Referentin arbeitet gern visuell. Hier hat sie Glasmalereien von Franz und Klara an die Leinwand geworfen.

Kreidler-Kos spricht über den jungen Franziskus. Er will als Ritter Karriere machen und kommt erschüttert aus Krieg und Kriegsgefangenschaft zurück. Franziskus erlebt, wie er und die Menschen in seinem Blickfeld um sich selbst kreisen und keinen Platz lassen für Neugier, für Staunen, für Respekt vor den Andersartigen und für irgendetwas Höheres.

Das könnte aktueller kaum sein.

„Er ist ein junger Mann auf der Suche – ganz radikal auf der Suche nach einem Mehr in seinem Leben.“ Doch obwohl Assisi schon damals etliche Kirchen kennt, „findet der Suchende keine Anlaufstelle. Das ist spannend – wiederum im Hinblick auf heute“, sagt sie und wiederholt: „Der Suchende findet keine Anlaufstelle. Warum ist auch heute die spirituelle Kompetenz von Geistlichen nicht gefragt, egal ob es Mönche, Kanoniker, Pfarrer oder Bischöfe sind?“

Franziskus sucht nicht Macht. Er, der Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers, fragt sich, was es nützt, „modische Kleider zu tragen, wenn du innerlich leer und nackt bist?“ Er beginnt ein Wagnis, das seinen sozialen Abstieg bedeutet. Er zieht sich in die Stille zurück. Er will sich selber finden, schafft eine radikale Umkehr und beginnt ein Leben als Mann an der Seite von Aussätzigen und kümmert sich mit Liebe um die Ausgegrenzten des Lebens.

Er hat ein Wort aus dem Korintherbrief im Ohr: „Alles vergeht. Was einzig bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe.“ Franziskus schreibt sein erstes Gebet.

DU
lichtvoll über allem | erleuchte die Finsternis meines Herzens
und schenke mir
einen Glauben | der weiterführt
eine Hoffnung | die durch alles trägt
und eine Liebe | die auf jeden Menschen zugeht
lass mich spüren | GOTT | wer du bist
und erkennen | welchen Weg du mit mir gehen willst!

Er sieht sich als Diener der Menschen, ohne seinen Glauben schon gefunden zu haben. Seine eigentliche Gotteserfahrung hat er noch vor sich. Sie widerfährt ihm in einer Kapelle vor der Stadt. In San Damiano unter einer Christusikone begegnet ihm der Herr.

Franziskus unter dem Kreuz von San Damiano (Fresko von Giotto di Bondone, um 1295). Er sieht noch gut betucht aus. Auch der Hausteil über ihm scheint in Ordnung zu sein, aber Dach und Mauerwerk der Kirche, in der das Kreuz hängt, sind marode.

Franziskus erfährt fortan tiefste Begegnungen mit Menschen und erkennt darin die Liebe Gottes. Er gibt sie weiter. Martina Kreidler-Kos über Franziskus: „All seine Schritte geschehen außerhalb kirchlicher Angebote und Gottesdienste.“

Der Satz sitzt. Franziskus wird nicht zwischen klerikalen Mauern zum Heiligen, sondern auf der Straße und vor den Toren der Stadt.

Er ist herausgetreten aus der Enge seines Lebens und der Enge seiner religiösen Erziehung.

Draußen wird der Aussteiger zum Nachfolger. Gefährten scharen sich um ihn. Papst Innozenz III. gestattet ihnen, einfache Bußpredigten zu halten. Sie beginnen da zu reden, wo die Menschen sind: auf Marktplätzen, in Gassen und Werkstätten, in Häusern und Hütten.

Martina Kreidler-Kos sagt – und es klingt ganz unschuldig: „Das könnten Sie auch mal in Aurich probieren. Raus gehen. Und predigen.“ Raus aus der Kirche, rauf auf den Markt. Das muntere Gelächter im Bonihaus gerät irgendwie ein bisschen schief. Tolle Idee, aber bei uns?

Kleine Stärkung im Foyer des Bonihauses.

Und muntere Gespräche.

Dahin gehen, wo die Menschen sind, wo sie Zweifel und Bedürfnisse haben, wo sie Not und Leid tragen; diesem Leid nicht ausweichen, sondern die Brüder und die Aussätzigen in ihrem sozialen Tod küssen; ihnen ein gutes Wort geben, die frohe Botschaft rein verkünden, dem Evangelium nichts hinzufügen, daraus keine Machtansprüche ableiten und arm sein wie die Jünger Jesu: So geht Franziskus durch die Zeit.

In seinem Testament schreibt er: „Der Größte hat mich unter die Kleinsten geführt. In der Begegnung mit ihnen ist mein Herz erwacht.“

Nur kurz geht Martina Kreidler-Kos auf Klara ein (für einen Vortrag über die Heilige kommt sie gern erneut nach Aurich). Unfassbar findet die Diözesanreferentin, dass seit 800 Jahren eine Frau in der Kirche derart entscheidend wirken kann und Frauen heute selbst vom Predigen noch ausgeschlossen sind (wenn man nicht gerade in Neuauwiewitt wohnt).

Bebilderter Vortrag – und immer mal wieder etwas zu lachen: hier über die beiden Franz-Männer (den Heiligen und den Papst, der sich nach ihm benannte) mit Schlappohren und einer Vorliebe für das Bescheidene.

Kreidler-Kos bezeichnet sich selbst als franziskanische Frau und zeigt dabei ihr schönstes, superbreites Lachen. Schließlich läuft sie ja nicht in Kluft oder Kutte umher. „Ich bin verheiratet und habe vier erwachsene Söhne.“ Aber für Freiheit und Geschwisterlichkeit braucht sie weder Kutte noch Kluft oder Scheitelkäppi, sondern zum Beispiel: Franziskus, seinen Freiheitsgedanken und seine Idee von der Geschwisterlichkeit von Männern und Frauen.

„Wie gut würden uns heute Freiheit und Geschwisterlichkeit tun“, sagt sie und erzählt von einer wunderbaren Pilgerreise des Bistums nach Assisi, der Heimat von Franz. Über 170 Menschen mit und ohne Handycap reisten im Herbst 2018 dorthin. „Eigentlich hat jeder Mensch ein Handycap“, sagt sie und grinst wieder. Nur merken es nicht alle.

Die Reisegruppe erlebte, wie abenteuerlich, glaubensvoll, mitfühlend, hilfsbereit und Neugier weckend Kirche sein kann, die nicht unter ihren eigenen Ritualen und institutionellen Strukturen verkrustet.

Sie spricht über die franziskanische Freiheit, die Nachfolge Christi in der Fantasie der Liebe zu gestalten.

Fantasie der Liebe? Wenn sie sich frei entfalten darf, gebiert sie 1000 Formen der Hingabe, des Mitgefühls, der Güte, der Sanftheit und der Klugheit. Dann wird sie nicht eingeschränkt und wird die körperliche Freude nicht ausgegrenzt.

Kreidler-Kos erzählt, wie Franziskus das Idealbild eines Bruders fand. Er nahm von jedem seiner vielen Gefährten die vornehmste Eigenschaft und verstand: Nicht ein einzelner Mensch ist der perfekte Bruder oder die perfekte Schwester. Erst alle zusammen bilden mit ihren unterschiedlichen Ausstrahlungen und Talenten den Leib des Herrn.

Franziskus verstand zudem: Jeder muss seinen eigenen Weg der Nachfolge finden. Es gilt, die Gewissensentscheidung eines jeden und einer jeden zu würdigen. Niemand darf einem anderen vorschreiben, wie er Gott nahe zu bleiben hat.

Die Referentin zitiert aus dem Papstwerk Amoris Laetitia, über das sie 2017 einen wunderbaren Vortrag in Aurich hielt. Der Franziskus von heute schreibt darin, er vertraue darauf, dass Menschen dem Evangelium, so gut es ihnen möglich ist, entsprechen: „Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen.“

Der Heilige Franziskus von damals blieb seinem Herrn in vielfachen Identitäten nah und nannte sich selbst mitunter Mutter. Er war so frei. Seine Gefährten riefen ihn carissima madre: liebste Mutter. „Er hat seine Autorität mütterlich gestaltet.“

Franziskus habe gewusst: „Ein- und derselbe Geist hat Schwestern und Brüder bewegt.“ Diesen Satz, fährt Kreidler-Kos fort, „hätte ich gern den Bischöfen in Lingen gesagt!“

Zuhörer Horst Stamm ruft Martina Kreidler-Kos zu: „Sie hätten in Lingen dabei sein müssen.“ Das Publikum lacht, und Johannes Ehrenbrink ergänzt: „Die wissen, warum sie Sie nicht eingeladen haben.“ Steffi Holle verspricht: „Wir wären mitgekommen.“

Doch Frauen sind in Lingen nicht willkommen. Nicht einmal so eine wie die Referentin, deren ganze Ausstrahlung, Professionalität und Authentizität Zeugnis für die bewegende Kraft von Frauen gibt. So legt Horst nach: „Wir brauchen Frauen, damit es endlich vorwärts geht. Nur mit Männern? Das wird nichts!“

Bis sein Wunsch Wirklichkeit wird, müssen die Männer mit den Scheitelkappen allein und mit halbierter Weisheit ganze Lösungen finden. Ein doppeltschweres Unterfangen.

Text und Fotos: Delia Evers

Justinus Blaszczyk, der Vorsitzende des Pfarrgemeinderats von St. Ludgerus Aurich, dankt der Referentin und überreicht ihr aus der Nähwerkstatt des sozialen Kaufhauses eine Tasche mit Neuauwiewitt-Geschenken. Die Tasche ist aus einem Hungertuch gefertigt.

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