Fremden gegenüber barmherzig und tolerant sein

2016-04-29 Wildgruber2_1Von Delia Evers | „Die ist aber jung“, meinte jemand über Dr. Regina Wildgruber*. Donnerstag sprach sie über das Thema „Kulturschock vorprogrammiert!? – Interkulturelle Begegnung mit Flüchtlingen“.

Die Referentin machte ihre Sache großartig. Das lag vor allem daran, dass sie gar nicht so sehr referierte. Sie nahm auf Einladung der Pfarrgemeinderäte von Neuauwiewitt im Bonihaus in Aurich wohlwollend und immer neu erfragt die Erfahrungen der rund 35 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit ins Gespräch und flocht die vielen Beiträge munter in ihren roten Faden ein.

Der gründete tief. Schnell hatte Regina Wildgruber deutlich gemacht, dass Kulturschocks nicht nur durch offensichtliche Unterschiede ausgelöst werden wie andere Kleidung, andere Ernährung oder andere Sprache. Die ließen sich anpassen. Auch tiefergehende Unterschiede wie andere Geschichte und Geschichten, Mythen und Religionen, Familienstrukturen und Gesellschaftsstrukturen seien nicht die größte Herausforderung. Schwierig werde es eher durch unterschiedliche kulturelle Grundannahmen.

Was für Dinger? Grundannahmen: Jede Kultur hat sie, ohne dass sie in der Regel bewusst wahrgenommen und hinterfragt werden. Ein Beispiel sind unterschiedliche Auffassungen über die Zeit. Deutsche, Skandinavier, Briten und Niederländer neigen dazu, ihre Zeit minuziös zu planen und sich vor allem an diese Pläne zu halten (das nennt man sequenzielles Zeitverständnis). Wer sich für 10 Uhr verabredet, kommt nicht um Zwölf.

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Interessiertes Publikum im Bonihaus.

In anderen Völkern gehen die Uhren anders. In den südeuropäischen Ländern – und dazu gehört schon Österreich – ist eine Verabredung für 10 Uhr kein ehernes Gesetz. Da reagieren die Menschen auf unvorgesehene Umstände, Gelegenheiten und Zufälle. Wer auf dem Weg zum Termin „mal eben so“ eine Freundin trifft, hat einen guten Grund, mit ihr einen Kaffee trinken zu gehen, ehe man sich in aller Ruhe wieder dem eigentlichen, vielleicht längst „verpassten“ Termin zuwendet (das nennt man synchrones Zeitverständnis).

Nordeuropäer neigen dazu, den „unpünktlichen“ Südeuropäern alles Mögliche zu unterstellen: Sie sind unzuverlässig, unhöflich, planlos und behaftet mit einem Hang zum Chaos. Südeuropäer halten Nordlichter für kalt (wie kann man eine Freundin nur stehen lassen, ohne sich ihr liebevoll zuzuwenden?), für verbissen, unflexibel und planhörig.

Die Frage, wer die bessere Zeit-Wahl getroffen hat – die pünktlichen Nordeuropäer oder die zugewendeten Südeuropäer – ist müßig. Wichtig ist vor allem zu erkennen, dass es solche unterschiedlichen kulturellen Grundannahmen gibt. Auf den Einwand hin, dass ohne termingerechte Planung ein geordenetes Wirtschaftsleben kaum möglich sei, zitierte Regina Wildgruber eine Untersuchung. Danach birgt das planvolle nordeuropäische Vorgehen, das sich oft auf einen einzigen, von vorn bis hinten durchdachten Lösungsweg konzentriert, Nachteile: Gerät ein Baustein aus den Fugen, wackelt das ganze Projekt. Das südeuropäische Vorgehen bezieht hingegen von vornherein ein, dass ohnehin nichts nach Plan läuft, hält mehr Möglichkeiten offen und kommt – so die Untersuchung – am Ende sicherer zum Ziel.

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Regina Wildgruber (2.v.l.) mit Markus Husen, den sie vor Jahren vor seinem „Russland-Jahr“ betreute, und Sr. Claudia.

Und was machen wir, wenn wir auf Menschen stoßen, die andere Grundannahmen haben als wir? Erkennen, dass wir anders ticken und unser Gegenüber mit Toleranz, Verzeihen und Barmherzigkeit begegnen!

Denn Flüchtlinge kommen oft ebenso wie ihre Helfer fast zwangsläufig nach einer ersten Euphorie an eine Grenze, an der sie am liebsten aufgeben würden. In dieser Phase Druck rauszunehmen, die Reize und zahllosen Anforderungen herunterzufahren und für die Flüchtlinge Möglichkeiten zu schaffen, Momente in ihrer eigenen Kultur zu genießen, seien dann das Gebot der Stunde.

Regina Wildgruber ermunterte auch die zahlreichen Helferinnen und Helfer, den barmherzigen Blick auf sich selbst anzuwenden.

Beate Eggers dankte der Referentin mit einem kleinen Geschenk für ihre inspirierenden Gedanken, die man allen, die mit Flüchtlingen zu tun haben, als Wegweiser wünschen mag.

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Wie immer bei den Veranstaltungen im Rahmen der Reihe „Der Glaube im Gespräch“ gab es einen kleinen Imbiss.

 

*Dr. Regina Wildgruber ist bischöfliche Beauftragte des Bistums Osnabrück für die Weltkirche; sie sammelte bereits viele Erfahrungen in diesem Bereich: Sie ist u.a. zuständig für die Freiwilligendienste des Bistums im Ausland und bereitet junge Menschen auf ihre Zeit in den verschiedensten Ländern der Erde vor.

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