Stamm, Horst | Rendant von Kita und St. Ludgerus

Seit 20 Jahren ist der Ostfriese Rendant, Impuls- und Ideengeber | Von Delia Evers

Am 19. März 1997 fasste der Kirchenvorstand von St. Ludgerus einen Beschluss. Zum 1. April 1997 wählte das Gremium Horst Stamm zum Rendanten der Pfarrgemeinde. Bis heute kann sie mit ihm rechnen.

Am Samstag, 1. April 2017, war Horst seit 20 Jahren Herr der Zahlen und anderer Größen.

Er hatte schon immer eine Schwäche für seine Stärke: die Mathematik. Zahlen und Zahlenoperationen sind für ihn nichts Abstraktes, sondern Mittel, um konkret etwas zu bewegen. Das ging schon in seiner Kindheit los.

Da blieb ihm eines Tages der Mund offen stehen. Über einen Acker stapften Männer mit eindrucksvollen Instrumenten und vermaßen geodätisch das Land. Horst war hingerissen.

Kommunionkind Horst mit seinen Eltern Margerethe und Heyo Stamm samt Bruder Helmut.

Aber fangen wir vorn an. Horst kam im November 1950 im südlichsten Zipfel von Ostfriesland, im Steenfelderfeld Nr. 106, zur Welt. Straßennamen gab es nicht im Dorf. Ohnehin war der nächste befestigte Weg vom Stamm’schen Landarbeiterhaus einen halben Kilometer entfernt. Hausarzt Dr. Christophers assistierte Gretchen Stamm bei ihrer ersten Geburt. Bald hielt sie einen prächtigen Knaben im Arm. Fünf Jahre später folgte auf demselben Weg Bruder Helmut.

Die ersten Jahre verbrachte Horst vor allem in Gesellschaft von Mutter und Großmutter. Vater Heyo war im Krieg in Russland durch einen Granatsplitter schwer verwundet worden. Die Verletzung zog eine Knochentuberkulose nach sich. Sie wollte nicht heilen und zwang den Vater über Jahre immer wieder für lange Zeit in ein Sanatorium. Ostern 1957, zwölf Jahre nach dem Krieg, fehlte er besonders: Horst wurde eingeschult.

Als der Vater endlich ganz nach Hause kam, konnte er lange Zeit nicht zupacken. Er blieb behindert. Mutter Gretchen und Großmutter Gesine unterhielten den kleinen Selbstversorgerbetrieb mit Kuh, zwei Schweinen, reichlich Geflügel, Kaninchen und zwei Hektar Land. Früh beherrschte Horst, was in Stall, Hof und Flur zu können war.

Der Betrieb warf fast alles ab, was die Familie brauchte. Losen Tee und Kandis in Tüten besorgte Horst im zwei Kilometer entfernten Kolonialwarenladen.

Ansonsten holte er mit einer Sichel das Getreide herunter, stellte es in Hocken zum Trocknen auf und karrte die Gaben zu einer Standdreschmaschine in die Nachbarschaft. „Das war ein schwerer Deutz“, erinnert sich Horst und tuckert wippend das Geräusch nach, als säße er im Sattel. Damals beobachtete er gespannt, wie viel Korn die Ähren abwarfen und wie viel Ernte er mit nach Hause nehmen würde.

Die Säcke mussten über eine Leiter auf einen Trockenspeicher gebuckelt werden. Das Korn diente als Saatgut, Viehfutter und Mehlvorrat. Die Steenfelder Mühle war nicht weit entfernt. Zum Mahlen schleppte Horst die Säcke vom Speicher herunter, wuchtete sie in den warmen Monaten auf den tief liegenden Rahmen eines Damenrads, im Winter auf einen Schlitten und arbeitete sich über morastige Wege zur Mühle vor.

Er half klaglos. Er sah, was zu tun war, und fragte nicht, ob die Arbeit für ein Kind geeignet war. Er molk die Kuh, fütterte die Kaninchen und füllte den Futtertrog der Schweine. Mutter und Großmutter hatten selbst alle Hände voll zu tun. Zärtlichkeit und Zuwendung kamen im Alltag kaum vor. Horst fand seine eigene Art, den beiden Frauen nah zu sein. Er sorgte verlässlich und treu für ihre Entlastung.

Erst Jahre später entdeckte er beim behinderten Vater ein ähnliches Muster. Heyo Stamm hatte endlich Fuß gefasst. So gut er konnte, half er im Dorf denen, die es nötig hatten. Für ihn war klar: Helfen konnte nur verschenkt werden. So hielt es auch Horst. Helfen – das war und blieb seine Sprache, auch um Gefühle mitzuteilen.

Mit Mutter und Bruder.

Großer Bruder Horst und kleiner Bruder Helmut.

Seine Eltern erzogen ihn von klein auf streng und streng katholisch. Horst hatte Angst vor dem Fegefeuer und dem zürnenden Gott, der es lodern ließ. Die Eltern drohten mit dem Höllenfeuer und nutzten die „erzieherische“ Wirkung. „Eine Sünde war etwas ganz Schlimmes.“ Sonntags liefen die Stamms vor dem Frühstück kilometerweit bis zur Kirche in Flachsmeer.

Horst mit 34 Jahren.

Horst fand in der Kirche eine Art zweite Heimat. Gott war selbstverständlich zugegen, so wie zu Hause die Familie samt Arbeit zugegen war. Also tat Horst, was er zu Hause tat. Er stellte sich zur Verfügung. Noch vor seiner Erstkommunion zog er als „lüttjete Dener“ mit Jonny, dem „groote Dener“, samt Priester in die Heilige Messe. Horst war so klein, dass er das Evangeliar nur vom Lesepult auf den Hochaltar gehievt bekam, wenn er es auf vorgerecktem Bauch hochkant zwischenlagerte und dann weiterschob, bis es sauber zu liegen kam.

Zum Confiteor nach der Eröffnung lagen der Lüttjete und der Groote auf dem Kirchboden. Sie fühlten die Kälte. „Unsere Nasen berührten fast die Altarstufen, und unsere Augen waren auf ein Täfelchen geheftet. Wir lasen die fremden lateinischen Worte des Schuldbekenntnisses ab.“

Er war 14 oder 15 Jahre alt, da schickte ihn die Gemeinde als Lektor an den Ambo. Er las gern und kraftvoll.

Erzählungen und Bilder aus der Apostelgeschichte schilderten einen Gott, der Menschen für seine Werke der Nächstenliebe einsetzte. Horst kam Gott näher.

Jugendliche scharten sich um Horst. Er arbeitete Freizeitprogramme aus und zog mit den Kameraden ins benachbarte Völlenerkönigsfehn. Dort hatte das Bistum eine Kapelle gebaut und ein Jugendheim eröffnet. Die Mädchen und Jungen hörten in den neuen Räumen Musik, klönten und bildeten Ministranten aus.

In der Schule war er gut. In seiner Klasse, die vier Jahrgangsstufen vereinte, half er auf Bitten der Lehrer selbst älteren Kameraden. Das war kein leichtes Unterfangen. Im Dorf sprachen alle Platt; nur seine Eltern, beide in Steenfelderfeld geboren, hatten sich in den Kopf gesetzt, dass Horst allein mit Hochdeutsch aufwachsen sollte. Die Plattproater hänselten Horst wegen seiner „Vörnehmtuerei“. Er lernte ihre Sprache auf der Straße.

Horst (Mitte) mit Nachbarsjungen im eigenen Gärtchen, das er bewirtschaftete.

Ein junger Pädagoge empfahl für Horst eine weiterführende Schule. Das war unerhört. In Steenfelderfeld blieb man auf der Volksschule, bis man fertig war, und suchte sich eine anständige Arbeit.

Schließlich erlaubten die Eltern, dass Horst für zwei Wochen nach Papenburg ging. Dort sollte er sich an der Realschule den Aufnahmeprüfungen stellen. Für Horst kein Problem. 1961 begann seine weiterführende Schulbildung. 1966 hatte er die Mittlere Reife.

Da war er den eingangs beschriebenen Männern mit den spannenden Instrumenten längst begegnet. Die Eltern hatten in Flachsmeer einen Acker gekauft, der vermessen werden musste. „Die Männer stellten sich mitten auf das Feld, und einer von ihnen sagte: ‚Hier grav‘ ma.‘ Ein anderer grub. Nach 30 oder 40 Zentimetern stieß er, wie von dem Sprecher vermutet, auf Tonrohre: die unterirdische  Vermarkung eines Vermessungspunktes.“ Die Männer nutzten ihn, um den nächsten Grenzstein zu finden. „Sie hatten ein Stück Erde identifiziert.“

Horst, noch ein Kind von elf oder zwölf Jahren, ahnte etwas von der unsichtbaren Vermessung der Welt, auf der man offenkundig jeden Standort und damit seinen eigenen Standort bestimmen konnte. „Wo bin ich?“ Diese Frage wollte er beantworten können. Und er beschloss: „So etwas mache ich auch!“

Horst mit seinem Vermessungstrupp in Meppen samt elektronischem Tachymeter in den 1980er-Jahren.

Das Ziel begleitete ihn über Jahre. Nach der Mittleren Reife begann er ein zweijähriges Praktikum im Papenburger Katasteramt, zog mit Bandmaß, geodätischen Instrumenten, mechanischen Rechenmaschinen und Logarithmentafeln, „die so dick waren, dass ich sie kaum tragen konnte“, über Land. Parallel besuchte er die Vermessungsklasse der Berufsschule in Leer und an zwei Abenden in der Woche einen Berufsaufbaukurs, um das Lernen nicht zu verlernen.

1968 hatte er die Fachhochschulreife in der Tasche und schrieb sich in Hamburg für ein Studium an der Hochschule für Bau- und Vermessungswesen ein. Er war 17 Jahre alt.

Da stand der Jugendliche aus dem tiefsten Ostfriesland mit einem Koffer an der Hand in der Weltstadt Hamburg am Hauptbahnhof und fühlte sich ziemlich einsam. Er kam im Kolpinghaus St. Georg in einem Doppelzimmer unter und fasste schnell Fuß. Nach einem Jahr zog er in ein neues Studentenwohnheim an der Alsterkrugchaussee. Wenn er aus dem Fenster sah, schaute er auf den Fluss und die pulsierende Stadt. „Es war traumhaft.“

Er, gerade 18, und „zehn andere Landeier“ freundeten sich an und entdeckten mit immer mutigeren Ausflügen die Stadt mit ihren vielfältigen und einschlägigen Angeboten. Einmal wagten sie sich auf die Reeperbahn und schoben sich – mit größtmöglichem Abstand zu den Etablissements und engstmöglich beieinander Schutz suchend – durch die Straße.

Ein anderes Mal betraten sie einen Club an der Herbertstraße. Frauen hatten keinen Zutritt. Das gab den jungen Studenten zu denken. Sie zahlten unwahrscheinliche 5 D-Mark für ein Bier und suchten das Weite.

Wirklich heiß her ging es in den 1968er-Jahren politisch. Der AStA verordnete Streiks und  Umzüge. Die Frischlinge gingen mit auf Straßendemos und wussten manchmal nicht, ob sie gerade für Hồ Chí Minh oder gegen Schah Reza Pahlavi demonstrierten.

Horst begeisterte sich für den HSV. Im Volksparkstadion feuerte er Uwe Seeler an. Der beste Mittelstürmer der Welt und seine Kameraden waren weit weniger technikbesessen als heutige Spieler. Ihr Kampfgeist war enorm. Bis heute ist Horst HSV-Fan. Erst Lichtjahre entfernt fiebert er für Werder Bremen.

Mit seinen Freunden besuchte er Konzerte mit Weltklassebands. Dafür ackerten sie in den übrigen Nächten. Horst stand bei Axel Springer an der Rotationsmaschine, griff sich „Die Welt“ und stapelte sie auf. Er bekam einen kleinen Lohn, ein Frei-Exemplar und – heiß begehrt – eine Essensmarke. Vom Fleisch fiel er nicht.

Das Studium litt nie. Im August 1971 hatte er sein Examen in der Tasche. Er war 20 Jahre alt und Diplom-Ingenieur der Vermessungskunde.

Im Januar 1972 zog ihn die Bundeswehr. Das Nachtleben endete abrupt. „Um 22 Uhr ging das Licht aus. Es war grauenhaft.“ Es dauerte ein bisschen, bis Horst heraus hatte, dass Regeln beim Bund nicht verhandelbar sind. Sein Vorgesetzter legte ihm ein Wort-Gefecht als Wehrkraftzersetzung aus und traktierte ihn mit Kriechübungen auf dem Koppelschloss durch Morast.

Horst, der schon als Kind eigene Arbeitspläne mit Zielvorgaben entworfen hatte, knabberte schwer an der Fremdbestimmung und musste immer mal wieder „gedrillte Sondereinsätze“ hinlegen und seinen Dickschädel durch Pfützen schieben.

Er blieb zielstrebig und nahm alle Lehrgänge mit, die er bekommen konnte. Er hielt zwei Jahre durch, dankte lächelnd für die Vermittlung eines disziplinierten Lebenswandels und wechselte als Leutnant der Reserve zurück in die Zivilgesellschaft.

Horst als junger Mann auf seiner Santana an der Ruderpinne.

Er schrieb sich 1974 an der Hannoveraner Fachschule der Bundesbahn für das Fach Eisenbahnbauingenieurswesen ein und setzte damit die eigene Familiengeschichte fort. Schon sein Großvater war Stellwerksmeister bei der Reichsbahn gewesen; sein Vater hatte vor dem Krieg als Techniker auf einem Bauzug gearbeitet.

Die Anforderungen faszinierten ihn. Millimeter entschieden z.B. bei der Konstruktion und Linienführung einer Weiche darüber, ob ein Zug an der Abzweigung wie auf Schienen fuhr oder aus den Gleisen sprang. Schnell bekam er große überregionale Streckenabschnitte anvertraut. Sie waren für Züge mit einer Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern ausgelegt und sollten auf 130 hochgerüstet werden. Er stellte die Weichen für das Projekt in Hannover, Bremen und Mainz. „Das war gar nicht so leicht. Schließlich sollte der Teller auf dem Abteiltisch auch bei 130 Sachen sicher stehen bleiben.“

Immer wieder zog es ihn in die altvertraute Heimat. Als er Truppleiter im Amt für Agrarstruktur in Meppen werden konnte, griff er zu. Emsland. Immerhin. Er kümmerte sich um landwirtschaftliche Wege, Gewässerbau, Tiefkulturbau und Bauaufsicht.

Endgültig zurück in der Heimat war er im Mai 1983, als er Sachgebietsleiter der Bauabteilung im Landesamt für Agrarstruktur in Aurich wurde. Ökologie, Naturschutz und Feuchtwiesen zählten jetzt zu seinen Schwerpunkten.

Horst stieg nach einer Ämterneuordnung zum Projektleiter Bodenordnung auf und entwickelte mit seinem Trupp ganze Landstriche, tauschte Flächen, legte Umgehungsstraßen und neue Wirtschaftswege. Oft war ihre Tragkraft noch auf Pferdefuhrwerke ausgelegt. Dabei bretterten längst Schlepper mit einer Fracht von 10.000 Litern Gülle drüber weg.

Horst hatte gern mit den Landwirten zu tun, um deren Grund es ging. Er sprach mit ihnen Platt. Sie vertrauten ihm, fühlten, dass er ihre Anliegen ernst nahm und hörten interessiert zu, wenn er für den Naturschutz warb.

Viele Örtchen bekamen schmucke Kerne und freuten sich an identitätsstiftenden Maßnahmen, u.a. an neuen Dorfgemeinschaftshäusern, oft eingerichtet in erhaltenswerten historischen Gebäuden. Wieder galt es, langfristige Konzepte in den Blick zu nehmen und mit durchdachten Plänen Schritt für Schritt umzusetzen.

Im Jahr 2005 wechselte die Landesregierung. Die neue beschloss einen Stellenabbau in ihren Behörden. 3600 Landesbedienstete sollten gehen. Horst, der sich mit 38 anzurechnenden Dienstjahren einen guten Pensionsanspruch erarbeitet hatte, nahm mit 55 Jahren seinen Hut.

Er wusste schon, wie er seine Zeit füllen wollte. Frei würde sie nicht sein.

Horst und Alfred Dellwisch: ein erstklassiges Gespann mit ähnlichen Anlagen.

Längst hatte er andere Verbindungen geknüpft. Das hing mit einem großen Glück zusammen. Horst hatte Annemarie geheiratet und mit ihr am Kastanienweg nahezu in Eigenleistung ein Haus gebaut. Hauke kaum zur Welt.

Horst hat bis heute ungezählte Bilder von Hauke im Herzen, darunter das der winzigen Kinderhand, die sich vertrauensvoll um den Finger schließt, den der Vater dem Säugling hinstreckt. In der Osternacht 1986 taufte Pfarrer Norbert Krümel das Kind. Die Feier nahm Horst fast den Atem, so sehr berührte sie ihn.

Seinen Sohn, heute Doktorand der Bio-Chemie mit dem Spezialgebiet Leukämie auf dem Campus Forschung des Universitätsklinikums  Hamburg-Eppendorf, liebt und achtet er innig, ebenso wie die beiden Nachzügler-Zwillinge Luca Tjark und Noel Thies.

Mit der Taufe von Hauke war Horst der St.-Ludgerus-Gemeinde nah gekommen. Schnell wurde er Lektor. Bis heute liest er gern. „Dichter kann ich kaum an Gottes Wort sein.“

Kritischer Blick des Bauausschuss-Mitglieds an die Decke der Kita.

Bei den Wahlen für den Pfarrgemeinderat geriet Horst auf die Liste und arbeitete ab dem 14. Januar 1988 im PGR mit, hier vor allem im Arbeitskreis der Pfarrgemeinderäte auf Dekanatsebene und im Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit, Erwachsenenbildung und Ökumene. 1989 war er zudem Vertreter des PGR im Kirchenvorstand. Irgendwie rückte er immer näher an seine spätere Bestimmung heran.

Doch erst einmal machte er Pause. Bei der folgenden PGR-Wahl kandidierte er nicht mehr. Der junge Vater hatte zu viel zu tun und unterstützte seine selbstständige Frau, wo er konnte (später trennten sie sich; heute sind sie längst wieder freundschaftlich verbunden).

1997 erzählte Albert Werner, dass in St. Ludgerus die Stelle des Rendanten frei werde. Ob Horst nicht zugreifen wolle. Der sagte „Ja“. Rechnen konnte er, denken und planen auch. Die Finanz- und Vermögensverwaltung traute er sich zu.

Seine Vorgängerin Christa Kurth hatte jeden Buchungsposten noch von Hand auf Karteikärtchen gemalt. Horst, der Techniker, nahm Kontakt mit dem Generalvikariat auf, buchte bei seinem begeisterten Gesprächspartner einen Computerkurs, marschierte zu Aldi und kaufte seinen ersten PC.

Schon den laufenden Haushalt erstellte er digital. Er vernetzte Daten, konnte ganz neue Schlüsse ziehen, Übersichten erstellen und bei Entscheidungen im KV wichtige Hilfe geben. Schnell kam er zu dem Schluss, dass Albert Werner, sein Werber, geflunkert hatte, als er ihn mit dem Versprechen geködert hatte: „Maximal eine Stunde Arbeit in der Woche“…

Noch eine Überraschung gab’s. Schnell musste Horst einsehen, dass er unfähig war, es bei den buchhalterischen Aufgaben zu belassen. Er wollte nicht einfach rote und schwarze Zahlen addieren, sondern wissen, warum Ausgaben zustande gekommen waren, und wie er Einnahmen erhöhen konnte.

Er wollte dazu beitragen, die Kirchengemeinde mit Zahlen zu führen. „Controlling“ nennt man das im Betriebsmanagement.

Bald kam er an alle wichtigen Informationen. Bei der Kirchenvorstandswahl am 25. Juni 1997 zog er als Mitglied in das Gremium ein.

Die Zeit war günstig für Horst Stamm: Es gab viel zu tun. Die Orgel wurde aufwendig erneuert. Das Bonihaus machte als Sanierungsfall Schlagzeilen; die Decken waren mit Asbest belastet; Arbeiter, die in ihren Schutzanzügen wie Mondastronauten anmuteten, schleppten die verseuchten Platten heraus. Das Gemeindehaus stand Kopf.

Die Kirchensanierung ging weiter. Das ehemalige Pfarrhaus wurde umgebaut und an die Elisabethschwestern übergeben. Ihre ausgediente Klausur im St.-Ludgerus-Haus ging an das Dekanatsjugendbüro – natürlich nicht ohne Renovierung.

Horst 2014 bei einer Feier von Pastor Carl Borromäus Hack mit v.l. Pfarrer Johannes Ehrenbrink, Gemeindereferent Markus Husen und Schwester M. Claudia.

Bei alledem war in der Gemeinde zwischen Ehrenamtlichen und dem Nachnachfolger von Pfarrer Krümel ein erbitterter Streit ausgebrochen. Viele Ehrenamtliche warfen das Handtuch. Manche Verletzung hat die Zeit überdauert. Wer der Eskalation heute nachgeht, fasst sich an den Kopf über die unglaublichen Vorgänge.

Horst bekam wenig mit. Er war junger Vater und verantwortlicher Projektleiter einer Landesbehörde. Er hielt sich selten am Georgswall auf.

Oft hingegen saß er nach Dienstschluss im heimischen Büro über den Zahlen für die oben genannten Projekte. Allein die Sanierung des verseuchten Bonihauses sollte eine Million Mark kosten. Die Finanzierung über Eigen- und Fremdmittel musste geklärt werden. Horst stellte einen Plan auf (und überwachte ihn akribisch). Er schrieb Förderanträge, sprach mit Bistum, Stadt und Land und klärte die Modalitäten für einen Kredit der DKM Darlehnskasse Münster.

Er verschaffte sich einen Überblick über die Baumaßnahme, besorgte Genehmigungen, sprach mit Unternehmern und Handwerkern und begann die Gewerke zu koordinieren. Am Ende präsentierte er seine Schlussrechnung. Alles hatte gepasst.

„Nebenbei“ verwaltete und buchte er Kollektengelder, Miet- und Zinserträge, Bewirtschaftungs- und Unterhaltungskosten für Kirche, Pfarrhaus und Bonihaus sowie Personalkosten für die küsternden Schwestern, für Organisten, Hausmeister und Sekretärin.

Horst mit seinem heutigen Schiff, das er mit einem Schlepper aus dem Winterlager zum Hafen zieht. Gern liegt er ölverschmiert im Motorraum und schraubt an irgendwelchen Pumpen.

2000 hörte Anni Hahnenkamp als Rendantin der Kita St. Ludgerus auf. Horst stieg am 29. März in die Aufgabe ein. Am 13. Dezember 2006 wurde er in den Kita-Ausschuss des Kirchenvorstands gewählt und übernahm vier Jahre später den Vorsitz.

Wie es seine Art ist, wuchs die „neue“ Aufgabe von Anfang an in Tateinheit mit seinen Ideen. Ihm schwebte eine verlässliche Kindertagesstätte vor: 2008 regte er Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter drei Jahren an und beriet sich, wie so häufig, mit den gewieften Fachleuten im Generalvikariat. Sie ermunterten ihn heftig.

Familienministerin Ursula von der Leyen hatte Bundesmittel für den Neubau von Kitas in Aussicht gestellt. Horst beantragte bei der Stadt die Genehmigung für einen Neubau. Die Stadt sperrte sich. Erst müsse der Bedarf geklärt werden. Als der endlich feststand, bekam nicht etwa die Ludgerus-Gemeinde den Zuschlag, die als erste einen Antrag gestellt hatte: Fünf andere kommunale und private Einrichtungen kamen zum Zug.

Horst war stinksauer. Er ließ nicht locker. „Wir haben wirklich gekämpft!“ Gemeinde und Horst schalteten Presse, Landtags- und Bundestagsabgeordnete ein, schrieben Brandbriefe, zogen vor das Rathaus und ließen die Stadt schrecklich blass aussehen.

Schließlich kam die Genehmigung. Am 14. Oktober 2011 feierte die Gemeinde die Einweihung.

Bereits zwei Jahre zuvor hatte er mit der neuen Leiterin der Kita, Tina Hardy, eine Qualitätsoffensive gestartet. Das Bistum hatte sie unter dem Leitwort „Qualität – ein starkes Stück Zukunft“ angeregt. Es folgten über drei Jahre ungezählte Stunden Fortbildung für das Frauenpowerteam der Kita und ihren Rendanten. Sie erstellten ein Leitbild und entwickelten ein Handbuch des Bistums mit, das heute maßgebend für Qualitätsförderung in Kitas ist.

Die Aktion mündete in eine Auszeichnung. Die Kita ist seither ein Haus für Kinder und Familien mit vielfältigsten Aufgaben.

Für die Kita-Belegschaft organisierte Horst 2016 eine schöpferische Atempause auf Norderney.

Bischof Dr. Franz-Josef Bode besuchte 2016 die Kita – im Bild mit Leiterin Tina Hardy und Horst.

Natürlich kann niemand solche Erfolge einzelnen Personen zuschreiben. Aber immer wieder ist Horst Ideen- und Impulsgeber. Wenn notwendig, geht er mit dem Kopf durch die Wand. Dann neigt er zum Eigensinn (der verhilft seinem Dickschädel allerdings zu Mauerdurchbrüchen).

Er ist nicht nachtragend und bleibt konsequent an der Sache, die ihm wichtig ist.

Manchmal muss er dafür deutlicher werden, wie unlängst, als bei einem Schadenfall in der Gemeinde ein auswärtiger Gesprächspartner am Telefon seine Macht ausspielen wollte – bis Horst in den Hörer blaffte: „Hareknitter! Sie erzählen Quatsch.“

Für Sekunden herrschte Stille. Als der Gesprächspartner wieder zu Atem kam, überschlug er sich mit klugen Vorschlägen.

Die hatte Horst selbst. Er verfügt über viel Fantasie. Er baut damit keine Luftschlösser. Der Ingenieur legt ein vernünftiges Fundament, schafft eine tragfähige Konstruktion und füllt das Ganze, solide durchgerechnet, mit Leben.

Ansonsten hat Horst, ein geselliger Typ, liebend gern mit Menschen zu tun. Er kegelt mit Nachbarn, segelt mit Familie und Freunden auf seinem eigenen Schiff, fiebert sich mit Johannes Ehrenbrink durch die Bundesliga und ihre Kellermannschaften, kocht lecker, stellt einen süffigen Eierlikör her und macht Tausenderlei auch in Anpackerkreis, Bauausschuss und PGR.

Bilder von Menschen in Not können ihn wegreißen – wie die Bilder von hungernden Kindern in Afrika. Er will mit seiner Hilfe vor der eigenen Haustür nicht Halt machen.

Die Caritasstiftung hat ihn 2015 für sein ehrenamtliches Engagement mit dem Sonnenschein-Preis ausgezeichnet. Sozialministerin Cornelia Rundt ehrte ihn und weitere Mitstreiter 2016 in Oldenburg für seinen Dienst an Flüchtlingen. Im April 2017 würdigte der Diözesanverband der Malteser ihn mit Medaille und Urkunde für sein außerordentliches Engagement in der Flüchtlingshilfe.

Schon als am 30. April 2006 in Aurich eine Malteser-Ortsgruppe gegründet wurde, war Horst dabei. Von Anfang an begleitete er Litauen-Transporte, fuhr Laster mit Hilfsgütern und konnte das Elend kaum fassen, das er erlebte. „Das hat mich erschüttert“, sagt er, „da musste ich was tun.“

Er sah in einem Universitätskrankenhaus in Kaunas Patienten unwürdig auf Bodenpritschen liegen und schaffte im Lauf der folgenden Jahre zusammen mit anderen Maltesern 300 Betten dorthin. „Da macht man dann gern mal 3.200 Kilometer.“

Hilfstransport 2016: Der 40-Tonner leerte sich mehr und mehr durch die Malteser, auf dem Laster v.l. Hans Lüken, Horst Stamm, Patrick Blaes, Alfred Dellwisch und unten Bildmitte Frank Buchholz.

Mehrfach hat er sich gefragt, wie es möglich ist, dass wir hier in Frieden und Wohlstand wohnen und oft nichts Besseres zu tun haben, als den Wohlstand vor denen zu verteidigen, die zu uns fliehen.

Er sah Menschen in Bussen mit leeren und verzweifelten Gesichtern und dachte: „Das geht uns was an!“ Denn andere Menschen, das er empfindet er bis heute, sind unsere Verbindung zu Gott.

„Wir müssen Gott nicht irgendwo da draußen suchen“, heißt es in einem Gebet. Gott wohne in uns, er sitze am Tisch unserer Gedanken und flüstere in unser Herz. „Auf das Flüstern können wir uns einlassen.“

Als die Kirchengemeinde 2015 ein Haus an der Kirchdorfer Straße erbte, war es Horst, der den Vorschlag machte, es für Flüchtlinge zu renovieren. Wochenlang kamen er und Alfred Dellwisch aus dem Bau kaum heraus. Es war ihre Art, den Flüchtlingen Mitgefühl zu zeigen.

Die Frage seiner Kindheit „Wo bin ich?“ hat Horst längst beantwortet: In Gottes Einer Welt – oder anders gesprochen und bei Hilfsbitten an Horst immer wieder von ihm zugesagt: „Keine Sorge. Ich bin da.“

Horst mit Sohn Hauke und den Zwillingen Noel und Luca auf einem Spielplatz.

Siehe auch Dankeschön von Pfarrer Johannes Ehrenbrink an Horst.

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