Klüngeltüngels auf den Spuren bekannter Auricher Bürger

Der Wettergott meinte es gut mit den acht Klüngeltüngels, die sich am letzten Sonntagnachmittag vom Bonihaus aus mit dem Rad auf den Weg machten, um ihre Heimatstadt zu erkunden.

Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel und kein Lüftchen regte sich. Hildegard  Lüken hatte eine Route ausgearbeitet, die sie zu Straßen führten, die nach bekannten Auricher oder ostfriesischen Bürgern benannt wurden.

Zuerst ging es Richtung Norden in die Heinrich-Reimer Straße. Heinrich Reimer (08.04.1879 – 22.07.1942) wurde in Aurich geboren, machte am Ulricianum sein Abitur und studierte Theologie und Geschichte. Bekannt wurde er durch zahlreiche Publikationen über die Geschichte seiner ostfriesischen Heimat, speziell über das Herrschergeschlecht der Cirksenas.

Über verschlungene Radwege erreichten die Klüngeltüngels die Enno-Hektor-Straße. Enno Wilhelm Hektor (21.11.1820 –  31.01.1874) wurde in Dornum geboren. Er war Schriftsteller und machte sich stark für das Plattdeutsche in der Literatur. Aus seiner Feder stammt das Lied: “In Ostfreesland is‘t am besten“.

Auf dem Weg in die Jann-Berghaus Straße kamen ihnen zwei Gemeindemitglieder entgegen, die ihrerseits den sonnenreichen Nachmittag für einen Spaziergang nutzten. Das Hallo war groß und die Gelegenheit günstig, um ein Foto mit allen Teilnehmern der Fahrradtour machen zu lassen.

Jann Janssen Berghaus (19.08.1870 – 17.02.1954) wurde in  Schirum geboren und im Auricher Lehrerseminar zum Lehrer ausgebildet. Nach mehreren Stationen in Ostfriesland wurde er Rektor an der Volksschule auf Norderney. Dort wurde er nach Ende des 1. Weltkrieges zum hauptamtlichen Bürgermeister berufen. 1922 erfolgte seine Ernennung zum Regierungspräsidenten in Aurich. Dieses Amt übte er bis 1932 aus. 1945 wurde er mit dem Neuaufbau der Ostfriesischen Landschaft beauftragt, deren Präsident er später wurde. Als Mitglied des Niedersächsischen Landtages eröffnete er am 9. Dezember 1946 als Alterspräsident die erste Sitzung des Landtages nach dem 2. Weltkrieg. Das Amt des Landtagspräsidenten übte er bis zu seinem Tode aus.

Weiter ging es in die in der Nähe liegende Hermann-von-Schleusen Straße. Der in Aurich geborene Hermann von Schleusen (15.06.1879 – 17.02.1965) machte eine kaufmännische Lehre und eröffnete 1903 an der Norder Straße ein Tee- und Kolonialwarengeschäft. Während der nationalsozialistischen Zeit verhielt er sich politisch abstinent. Aber schon 1946 zog er über die Liste der CDU in den Rat ein und wurde direkt zum Bürgermeister gewählt. Bei seiner letzten Wahl 1961 war er bereits 82 Jahre alt. Dass man die Geschicke der Stadt trotzdem noch einmal in seine Hände legte, zeugt von seiner außerordentlichen Popularität.

Nur einen Katzensprung entfernt befindet sich die Radbod-Straße. Radbod war von 679 bis 719 der König der Friesen. Über sein Leben und Wirken ist kaum etwas bekannt, vieles gehört in den Bereich der Legenden. Er soll durch seinen erfolgreichen Widerstand gegen die Missionierungs- und Christianisierungsbemühungen anderer Bevölkerungsgruppen einen nachhaltigen Eindruck in der friesischen Bevölkerung hinterlassen haben.

Als nächste Station war die David-Fabricius-Straße vorgesehen. Aber vorher mussten die Klüngeltüngels einen kleinen Abstecher in den Mühlenweg machen, um den köstlichen Brimbeer-Aufgesetzten zu probieren. Der schmeckte nach mehr, aber leider war die Zeit knapp bemessen und sie mussten weiter.

Bei soviel kompetentem Input gehört auch eine kleine Stärkung für Zwischendurch mit dazu.

David Fabricius (09.03.1564 – 07.05.1617) wurde in Esens geboren und besuchte die Lateinschule in Norden. Schon als 20jähriger war er als Pastor in einem Nachbarort von Dornum tätig. Er beschäftigte sich intensiv mit der Astronomie und beobachtete Sonne, Mond, Sterne und Planeten, Kometen und Polarlichter und stand in dauerndem Briefwechsel mit den Gelehrten seiner Zeit, darunter auch Johannes Keppler. Außerdem setzte er sich mit der Meteorologie auseinander, wobei er seine Wetterbeobachtungen in ein „Calendarium“ eintrug, das bis heute erhalten ist. Mit einem Teleskop, das sein ältester Sohn aus der Universitätsstadt Leiden mitgebracht hatte, beobachtete Fabricius die Sonne und entdeckte dunkle Flecken. Aus deren Bewegung auf der sichtbaren Sonnenscheibe ermittelte er die Rotationsdauer der Sonne und veröffentlichte darüber als erster eine wissenschaftliche Abhandlung. Es gibt einen Mondkrater namens Fabricius, der nach ihm benannt wurde. Auf dem Friedhof in Osteel erinnert ein Denkmal an ihn und in Resterhafe eine Sandsteinplakette in der Kirche.

Als letzte Anlaufstelle auf ihrer kleinen Rundreise durch Aurich erreichten die Klüngeltüngels den Bgm.-Anklam-Platz hinter der Stadthalle. Hier wurden sie dann auch gleich über den Werdegang von Bürgermeister Hermann Hippen aufgeklärt, dessen Platz sich vor dem Rathaus befindet.

Der aus Pommern stammende Jurist Dr. Karl Anklam (1883 – 01.01.1961), dessen Laufbahn ihn durch die verschiedensten Verwaltungsstellen geführt und der sich durch Tatkraft und Dynamik ausgezeichnet hatte, wurde für die schwierigen Nachkriegsjahre nach dem 1. Weltkrieg als Bürgermeister für Aurich ausgewählt. Aufgrund kämpferischer Reden und Schriften gegen den Nationalsozialismus musste er die Stadt im Sommer 1933 verlassen. 1945 war Anklam 62 Jahre alt. Sein alter politischer Weggenosse Jann Berghaus, dessen Sohn inzwischen  Regierungspräsident war, veranlasste, dass sein Kampfgefährte erneut als Bürgermeister eingesetzt wurde. Als 1946 eine Verwaltungsreform durchgeführt wurde, musste er sich zwischen dem ehrenamtlichen, aber verhältnismäßig einflusslosen Bürgermeisterposten und dem hauptamtlichen, aber unpolitischen Stadtdirektorposten entscheiden. Da Anklams Ideal der politische Verwaltungsbeamte war, trat er aus dem Staatsdienst zurück.

Hermann Hippen (16.07.1907 – 18.02.1979) wurde in Aurich geboren und verließ das Ulricianum mit der Mittleren Reife. Eine kaufmännische Lehre schloss sich an. Von 1930 bis zu seiner Pensionierung 1969 arbeitete er als Verwaltungsamtmann in der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Aurich. Von 1939 bis 1946 war er Soldat und in Gefangenschaft. 1961 wurde er zum ersten Mal in das Stadtparlament gewählt, und als von Schleusen zurücktrat, wurde er Bürgermeister. Er hatte dieses Amt bis 1976 inne. In die 14 Jahre seiner Amtszeit fielen große Baumaßnahmen: das Industriegebiet Süd (1972), das Hallenbad (1972), die Fußgängerzone (1974), das Berufsbildungszentrum (1975) und das neue Rathaus. Das größte Ereignis in dieser Zeit aber war die Gemeindereform. Bürgermeister Hippen setzte sich sehr für die Reform ein. So entstand eine Stadt mit 34000 Einwohnern und 21 Gemeinden. Am 20. Mai 1972 wurde der Gebietsänderungsvertrag unterschrieben. Hermann Hippen genoss in der Bevölkerung großes Ansehen, und die Menschen hatten großes Vertrauen zu ihm. Durch seine freundliche und verständnisvolle Art fühlten sie sich angenommen und ernstgenommen. Bei seinem Rücktritt 1978 verlieh ihm der Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz und der Niedersächsische Ministerpräsident den Niedersächsischen Verdienstorden. Nur ein halbes Jahr nach seinem Rücktritt verstarb der allseits geachtete Bürgermeister.

Den Abschluss genossen die Radler bei einer leckeren Tassen Kaffee und einem ordentlichen Stück Kuchen.

Mit dem „Bimmeln“ des Pingelhuuses erreichte die Fahrradgruppe das Cafe „Wikinger“ in der Fußgängerzone, in dessen Garten vierzehn Plätze reserviert waren. Hier erwarteten sie sechs weitere Klüngeltüngels, die es sich schon  bei Kaffee und Kuchen gut gehen ließen. Gespannt hörten diese zu, als über das zuvor Erlebte berichtet wurde. So ging Kaffee trinkend und die Sonne genießend ein wunderbarer Nachmittag zu Ende.

Text: Elisabeth Funke
Fotos: Elisabeth Funke, Hildegard Lüken und Markus Husen

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