Klüngeltüngels auf den Spuren von Flüchtlingen

Bei ihrem Treffen am 20. März beschäftigten sich über 20 Klüngeltüngels mit einem Teil deutscher Geschichte: mit der Situation von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg – und der Situation heutiger Flüchtlinge.

Sie fuhren nach Norden zur Gnadenkirche Tidofeld, eine „Dokumentationsstätte zur Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Niedersachsen und Nordwestdeutschland“. Hier begrüßte Anna Jakobs, Vorsitzende des Vereins „Gnadenkirche Tidofeld“, die Gruppe und führte sie in die Ausstellung ein. Anschaulich und persönlich erzählte sie zum einen vom Leben in den Baracken und zum anderen von der Entwicklung der Gedenkstätte und deren Wirkung auf viele Besucher.

1946 wurden die ersten Vertriebenen aus den Ostgebieten in die Baracken des ehemaligen Militärlagers eingewiesen. Das Lager bestand aus 28 Wohnbaracken, zehn Wirtschaftsbaracken und einem z. T. fertigen Kasernengebäude.

Geflüchtet und wenigstens vorläufig angekommen (Fotoplakat in der Ausstellung).

Fast erweckten die Darstellungen den Eindruck, man könne den lebensgroß abgebildeten Menschen darauf begegnen.

In einem ungenutzten Raum fanden Versammlungen statt und zudem Gottesdienste, bevor im Mai 1948 eine Barackenkirche eingeweiht wurde, die von der evangelisch-lutherischen, der katholischen und der Baptisten-Gemeinde genutzt wurde. Aufgrund ihrer Größe und Lage inmitten der Vertriebenensiedlung galt diese Kirche als eine der bemerkenswerten Vertriebenenkirchen Deutschlands.

Kinder spielten Flucht (Fotoplakat in der Ausstellung).

Ab 1958 wurden die Baracken abgerissen und durch Siedlungshäuser ersetzt. Auch eine neue Kirche wurde gebaut, die 2006 aufgrund rückläufiger Kirchenbesucherzahlen als Gottesdienststätte aufgegeben und 2007 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Im November 2013 wurde in diesem Gebäude die Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld feierlich eröffnet und ist in der bestehenden Form einmalig in Deutschland. Sie soll dazu beitragen, dass die Geschichten der Flüchtlinge nicht verloren gehen.

Die Ausstellung dokumentiert die Geschichten der Menschen, die durch Flucht und Vertreibung den Verlust ihrer Heimat zu beklagen hatten und haben. In Säulen der Erinnerung sind Originalexponate ausgestellt, auch Gebrauchsgegenstände, die den langen Fluchtweg begleitet haben. Über Kopfhörer können Zeitzeugeninterviews gehört werden.

Das Modell des Flüchtlingslagers lässt die Dimensionen des Lagerlebens erahnen. So wird die einmalige Geschichte dieses Ortes und der Menschen sehr anschaulich bewusst gemacht.

Anna Jakobs stellte das Modell des Lagers vor.

Nach der Einführung nahmen sich die Klüngeltüngels sehr viel Zeit, um an den Informationssäulen mit Hilfe moderner Technik z.B. Interviews mit Geflüchteten – auch aus der Jetztzeit – zu sehen und zu hören. Die Stätte befindet sich in der ehemaligen Kirche. Das Kreuz hat seinen Originalplatz noch inne.

1950 gab es 25.000 Vertriebene im Kreis Norden, davon über 1000 allein in Tidofeld. Insgesamt haben etwa 6.000 Menschen das Lager Tidofeld durchlaufen. Das Leben im Barackenlager war geprägt von Entbehrungen, Enge, Wohnraumknappheit und Arbeitslosigkeit. Aber im Laufe der Jahre entwickelte sich das Leben: Eine Poststelle wurde eingerichtet, ein Fleisch- und Wurstwarengeschäft eröffnet, eine Drahtzaunfabrik und eine Wäschefabrik.

1950 gab es drei Schulklassen, als erste Schule in Norden mit Werkunterricht. 1952 wurden die Baracken winterfest gemacht, 1958 die ersten Siedlungshäuser in Tidofeld errichtet und 1961 ein neues Gotteshaus, die Gnadenkirche Tidofeld, eingeweiht.

Auch zur aktuellen Flüchtlingssituation gibt es eine Station „Ausblick“ mit aktuellen Filmen und Beispiele für die Herausforderung angesichts heutiger globaler Migrationsbewegungen. Geplant ist eine Erweiterung der Anlage, um die Geschichte der in den 1970er bis 1990er Jahren nach Deutschland geflüchteten Vietnamesen – der sogenannten Boatpeople – darzustellen.

Die Ausstellung benennt deutlich, wie mit Menschen umgegangen wurde.

Die Sonderausstellung „Alles brannte“ berichtet u.a. über das Schicksal eines Norder Liebespaars. Am 24. Juli 1935 führten SA-Männer Christine Neeman und ihren jüdischen Freund Julius Wolf durch die Stadt. Sie mussten Schilder tragen: „Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich von einem Juden schänden lassen“ und „Ich bin ein Rasseschänder“.

Die Klüngeltüngels waren tief beeindruckt von den Ausstellungen, die berühren, verstören, belasten, zum Nachdenken anregen und für viele auch Erinnerungen aufleben lassen. Einige der „Interviewten“ waren persönlich bekannt, so dass das Interesse noch einen anderen Wert bekam. Sicherlich sind einige nicht zum letzten Mal in dieser Gedenkstätte gewesen.

Text: Hildegard Lüken, Fotos: Delia Evers

Wie immer nach ihren Ausflügen saßen die Klüngeltüngels anschließend noch bei einer Tee- und Kaffeetafel zusammen.

Anna Jakobs, die die Tafel „ausgerichtet“ hatte, präsentierte noch eine kleine Überraschung: eine in Papierröllchen gedrehte Lebensweisheit für jede und jeden.

Die Röllchen machten die Runde.

Ein Teil der Klüngeltüngels nach dem Besuch vor einer alten stählernen Kirchenglocke der ersten Barackenkirche von 1948. Hildegard Lüken (4.v.r.) und Elisabeth Funke (7.v.r.) halten Blumensträuße in der Hand: ein Dankeschön der Klüngeltüngels für die immer gute Organisation der Unternehmungen.

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