Ökumene: Im Alltag den Schulterschluss wagen

„Katholiken und die Reformation – Wir feiern ein Christusfest“. Die Ökumene war Donnerstag im Bonihaus das Thema in der Reihe „Der Glaube im Gespräch“. Am Ende stand die Idee, „im Alltag den Schulterschluss zu wagen“.

Betonen könnte man jedes der vier Worte und damit unterschiedliche Schwerpunkte setzen: „Wir feiern ein Christusfest“…

Und jedes Wort könnte Mut machen, dem „kommenden Christus“ in der Ökumene gemeinsam entgegenzugehen. Doch so richtig sprang der Funke Donnerstagabend nicht immer über. Referent des Abends war der Beauftragte des Bistums Osnabrück für die Ökumene, Domkapitular Reinhard Molitor.

Er sprach eher gemütlich-freundlich und sparte sich über weite Strecken packende Erzähllust. Gern hätte er die Gäste des Abends nach 500 Jahren Kirchentrennung zum Reformationsjubiläum mit ein bisschen Zuversicht anstecken dürfen: Immerhin gibt es hoffnungsvolle Zeichen auf dem Weg zu der einen Kirche Christi.

Der Domkapitular zeigte versiert den großen Leitfaden auf. Er zitierte den Magdeburger Bischof Dr. Gerhard Feige (in der Deutschen Bischofskonferenz Vorsitzender der Ökumenekommission) mit drei großen Vorschlägen: Die Gespräche zwischen Katholischer und Evangelischer Kirche bräuchten Versachlichung, dann werde Versöhnung möglich. Daraus wachse Verständigung.

Molitor tat Blicke in die Geschichte, ließ sich viel Zeit für Aufzählung und Würdigung von Büchern und Beiträgen namhafter Autoren, die über Luther geforscht und geschrieben haben, und stellte Luther selbst vor. Kein Zweifel blieb: Molitor ist belesen und sehr sachkundig.

Jahrhundertelang sei Luther von Gegnern diffamiert worden. Sogar als Geisteskranker „im Verkehr mit dem Teufel“ sei er abgestempelt worden. Mit seinen Thesen habe sich kaum jemand befasst. Heute könne er, Molitor, sagen, dass beide Konfessionen eigentlich so gut wie alle Thesen unterschreiben könnten.

Reinhard Molitor referierte im Bonihaus.

Rund 20 Gäste aus allen Neuauwiewitt-Gemeinden und teils weit darüber hinaus waren zum Abend „Der Glaube im Gespräch“ ins Bonihaus gekommen.

Spannend erzählte Reinhard Molitor dann, wie die Reformation letztlich auch die katholische Kirche reformiert habe.

Er erinnerte an die Erfurter Rede von Papst Benedikt XVI. 2011, in der er Luthers Christuslehre und seine ewige Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ gewürdigt habe.

Molitor zitierte einen Zeitungstext des FAZ-Korrespondenten in Rom, Jörg Bremer. Papst Franziskus sehe im Gedenkjahr 2017 die Möglichkeit, den Menschen „neuerlich die radikale Neuheit Christi und die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes vor Augen zu führen, so wie einst schon die Reformatoren.“

An diesem Punkt zeigte Reinhard Molitor eigene Bewegtheit. Der Papst, Hirte der Katholiken, wünsche sich im 21. Jahrhundert, so radikal auf Christus zu sehen wie einst schon die Reformatoren vor 500 Jahren. Das ist eine Aussage, die Sensationswert hat.

Dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland Bischof Heinrich Bedford-Strohm traue der Papst zu, „im geschwisterlichen Miteinander mutig und entschlossen auf eine vollkommene Einheit zuzugehen.“

Hoffnungsvolles Zeichen sei ein neues Taufverständnis, so der Papst, „das uns schon jetzt zu Brüdern und Schwestern macht, in einer versöhnten Verschiedenheit mit geistlichen und theologischen Gaben, so wie wir sie von der Reformation empfingen.“

Da war er erneut: dieser radikale Bezug des Papstes zu Luthers radikaler Sicht auf Christus. Gaben, so wie wir sie von der Reformation empfingen… Dieses Franziskus-Wort muss man sich als katholischer Christ erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Und was kommt jetzt? Wie bringen wir unsere unterschiedlichen Gaben zusammen? Sicher nicht über eine Ökumene des kleinsten Nenners, bei dem unterm Strich alles wegfällt, was nicht beiden gemeinsam ist, sagte Reinhard Molitor.

Er nahm das Wort von der „versöhnten Verschiedenheit“ auf und ermunterte dazu, nicht so sehr auf die Person Luther mit ihren teils eklatanten Schwächen und Widersprüchen zu schauen, sondern auf seine Botschaft: „Wir müssen Christus und das Evangelium wieder in den Mittelpunkt stellen.“

Im Bonihaus wurde die Frage laut, wie das denn aussehen könne? Denn in der evangelischen Kirche gibt es nicht nur die Lutheraner, deren Theologie zum Abendmahl eng mit der katholischen zur Eucharistie verwandt ist.

Natürlich folgten auf solch existenzielle Fragen an diesem Abend keine einfachen Antworten. Molitor zitierte wiederum FAZ-Korrespondent Bremer, der seinerseits Bedford-Strohm zitiert hatte, es dürfe „keine Homogenisierung geben, die das Eigene verschluckt. Wir wollen kirchentrennende Identität einbinden und keinen Einheitsbrei.“

Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, habe gesagt, niemand müsse Angst haben, dass es „eine katholische Einheitskirche verschiedener Traditionen“ geben werde.

Vor der Veranstaltung und während einer Pause gab es Gelegenheit, bei Kaffee und Brötchen mit dem Referenten zu sprechen. Im Bild nutzt Pfarrgemeinderatsvorsitzende Beate Eggers die Möglichkeit. Nach der Veranstaltung bedankte sie sich bei Reinhard Molitor mit lieben Worten und einem kleinen Geschenk für sein Kommen und seinen Vortrag. Zuvor hatte sie vorgeschlagen, im Alltag den Schulterschluss zu wagen.

Viele weitere Fragen konnten im Bonihaus aus Zeitgründen nicht mehr beantwortet oder angesprochen werden. Welche Rolle spielen bei der Annäherung die Kirchengesetze, die nicht einfach ausgehebelt werden können? Wie werden die vielen weiteren christlichen Konfessionen eingebunden? Wie kommt Ökumene im Glaubensalltag vor Ort an? Wo gibt es Annäherung im Sinn der Frauen, die im 21. Jahrhundert in der Katholischen Kirche immer noch als diejenigen gehalten werden, die zwar mit gleicher Würde geschaffen sind wie Männer, aber bestimmte Würden nicht erlangen dürfen?

Pfarrer Johannes Ehrenbrink machte deutlich, dass in Aurich und umzu viel an Ökumene gelebt werde. So stünden im Reformationsjahr einige gemeinsame Veranstaltungen an: Kanzeltausch (gerade gewesen), Stadtfestgottesdienst, gemeinsamer Pilgerweg durch die Stadt mit starken und durchaus kritisch gewählten Stationen, ökumenischer Fastengang, ökumenischer Kreuzweg, ökumenischer Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder, gemeinsamer Gottesdienst am Pfingstmontag und mehr…

Trotz der guten gemeinsamen Aktivitäten empfinde er allerdings nicht unbedingt eine inhaltliche Annäherung: „Wir bewegen uns nicht wirklich aufeinander zu.“

Reinhard Molitor sprach dennoch von „sichtbaren Zeichen der Einheit“.

Johannes Ehrenbrink meinte, vielleicht müsse man nicht nur auf Gottesdienste schauen, sondern das Gemeinsame auch in anderen Lebens- und Alltagsbereichen betonen. So werde es schon im sozialen Kaufhaus in Aurich gemacht, wo Stadt, (evangelische) Diakonie und (katholische) Caritas erfolgreich für Bedürftige da seien (die Krankenhausseelsorge ist ein weiteres Beispiel).

Pfarrgemeinderatsvorsitzende Beate Eggers griff die Gedanken des Pfarrers in ihrem Schlusswort auf: „Wir können nicht darauf warten, dass von oben was kommt. Wir müssen hier vor Ort etwas tun und einfach im Alltag den Schulterschluss wagen, um das Gute in die Welt zu bringen.“

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