Reisetag 6: Ostfriesen 4000 Meter tief in der Erde

4000 Meter in die Tiefe sausten die ostfriesischen Trier-Reisenden in Andernach. Ein Aufzug oder besser: ein Abzug katapultierte sie binnen Minutenfrist ins Innere der Erde. Jules Verne hätte seine helle Freude gehabt.

Im Geysier-Zentrum Andernach wurde es dunkler und dunkler rund um die Reisenden. Dabei waren sie doch nur arglos von einem Vorraum in oben besagten Aufzug gestiegen. In Wahrheit war die rasante Fahrt eine Simulation tief hinein in ein altes Bergwerk – bis zum Magma, dem Ursprung jenes Kaltwasser-Geysirs, der ganz in der Nähe unter allen Kaltwasser-Brüdern der Welt die höchsten Fontänen in die Luft speiht.

Dieser Geysir ist keine Simulation. Den gibt’s „in echt“. In Andernach.

Kehren wir vorerst in den imaginären alten Stollen zurück. Die erste Berührung mit dem Bergwerk fiel ernüchternd aus: Das „Felsgestein“ erwies sich bei näherem Hinklopfen als bemaltes Pappwerk. Die Wasserrinnsale, die sich ihren Weg über die Farbe bahnten, waren mit Patex aufgebracht.

Blick in die Ausstellung: In den Röhren kann das Verhalten von Gasblasen unter Druck erprobt werden.

Spannender kam die eigentliche Ausstellung daher, denn „tief unten in der Erde“ liegen die Lösungen für fast alle Fragen rund um den Kaltwasser-Geysir begraben. Schnell waren Forscher- und Forscherinnendrang geweckt: Interaktive Exponate, Experimentierstationen und Medieninstallationen förderten viel Interessantes zu Tage.

Zum Beispiel die Antwort auf die Frage: Wer oder was hat dem Geysir das Spucken beigebracht?

Spucken braucht viel Kawupptich. Beim Geysir geht das so: Aus glühender Lava tritt tief in der Erde gasförmiges Kohlenstoffdioxid (CO2) aus, trifft auf Grundwasser und löst sich darin, bis das Wasser von CO2 gesättigt ist. Gasbläschen, denen das Wasser nun die Aufnahme verweigert, weil’s halt pappsatt ist,  steigen im Bohrbrunnen nach oben. Je höher sie kommen, desto geringer lastet auf ihnen der Druck der Wassersäule. Die Bläschen plustern sich auf und verdrängen Wasser. Der Brunnen läuft über. Das verringert den Wasserdruck weiter. Noch mehr Gasbläschen befreien sich, noch mehr Druck weicht, noch und nöcher gehts weiter, bis meterlange Gasblasen Wasser mit sich reißen und bis zu 60 Meter hoch aus dem Schlot schießen.

Ein alter Fräskopf ist eindrucksvoller Bestandteil der Ausstellung. Ina und Wolfgang demonstrieren durch ihre „Kleinheit“ die Größe des Teils.

Es dauert keine zehn Minuten, dann hat sich der Schlot geleert; CO2 löst sich, Grundwasser strömt nach (alles weitere siehe oben).

Wer den Vorgang zu Hause studieren möchte, greift sich eine Mineralwasserflasche, schüttelt sie kräftig und öffnet den Verschluss. Die Fontäne ist, versprochen, keine 60 Meter hoch, zeigt aber hübsch den Vorgang: Mit einem Schlag verringert sich der Druck in der Flasche, CO2-Bläschen steigen auf, sie reißen Wasser mit und sprudeln ins Freie.

Etwa alle zwei Stunden wiederholt sich der Vorgang im Schlot.

Dieses Wissen erschlossen sich die Ostfriesen im Geysir-Zentrum. So waren sie ausreichend gerüstet, um dem Spucke-Schlot persönlich zu begegnen. Ein Schiff brachte sie und viele weitere Interessierte auf die Rhein-Halbinsel Namedyer Werth, ein Naturschutzgebiet, das den Geysir beherbergt.

Gemütliche Überfahrt zur Halbinsel. Für einen Kaffee war auch noch Zeit.

Vogelgezwitscher empfing die Gäste dieses kleinen Eilands, das noch andere Töne hören ließ, z.B. die der Autobahn, die  aufgeständert über dem Naturschutzgebietchen schwebt.

Der Geysir beginnt zu schießen.

Die Unseren eilten zur Ausbruchstelle und, richtig, schon nach wenigen Minuten erhoben sich über eisenroten Steinen stoßweise kleine Wasserfontänen und mitten drin milchig scheinende Gasblasen. Immer höher stiegen sie und faszinierten das ganze Publikum.

Säule in voller Pracht.

Beeindruckt kehrten alle aufs Schiff zurück. Eine Führung durch Andernach schloss sich an. Dr. Claudia Schittek, Fachfrau für Schul- und Unterrichtsentwicklung sowie Medienbildung und, Glück für die Neuauwiewitter, Andernacher Gästeführerin, nahm die Reisegesellschaft erst im Bus und dann zu Fuß mit zu den wahren Besonderheiten der Stadt. Kein Zweifel: Sie ist die beste Stadtführerin, die die Ostfriesen bei dieser Reise bisher gehabt haben.

Sie sprach über die „Essbare Stadt“ – ein Projekt, das seit einigen Jahren an vielen öffentlichen Plätzen Obst, Gemüse und Kräuter sprießen lässt. Bürger und Bürgerinnen schauen danach, dass dieses Gemeingut gehegt und gepflegt wird. Alle dürfen von allem essen. Verbotene Bäume gibts nicht.

Claudia Schittek war munter drauf. Als sie Thomas, den Busfahrer in eine denkbar enge Straße geführt hatte, bat sie ihn vor einer nicht minder engen Einmündung: „An der Ecke biegen Sie rechtwinkelig ab.“ Ungläubiges Schweigen im Bus. Dann kam der Nachsatz von Claudia Schittek: „Die Ecke ist schon kaputt.“

Die Säule wird immer schwächer. Deutlich zu sehen sind die Gasblasen. Sie zerplatzen in der Luft.

Thomas holte sich einen Sonderapplaus. Er umrundete die Ecke ohne weiteres Schadensereignis.

All die wertvollen Informationen über die schöne Stadt mögen sich Interessierte bei eigenen Erkundungsfahrten von Claudia Schittek berichten lassen, hier sei nur noch erwähnt, dass sie die Neuauwiewitter in eine kleine Kirche brachte, die eher ein Kapellendasein führt.

Dieses Kirchlein aus dem Jahr 1737 am St.-Nikolaus-Stiftshospital ist dem Heiligen Joseph geweiht, dem Patron der Sterbenden. Sie war ursprünglich eine Klosterkirche der Annunziaten-Schwestern. Der Orden wurde im Zuge der Säkularisation 1803 aufgehoben und das Eigentum – also auch die Kapelle – der Stadt überschrieben. Die nutzte die Kirche als Stall und Lagerraum. Später wurde sie wieder dem St.-Nikolaus-Stiftshospital angegliedert.

Die St.-Joseph-Kirche.

Das schlanke Kirchlein ohne Seitenschiffe und Glockenturm ist, ungewöhnlich für barocke Gotteshäuser, in Erdfarben gehalten, Grüntöne dominieren. Im unteren Drittel sind Fenster samt üppiger Vorhänge aufgemalt, die den Blick in schönste Natur öffnen. Alles wirkt freundlich und friedlich und so, als müsste man nur aus der Kirche in die Welt gehen, um Gottes Schöpfung zu empfangen.

Die Malereien der zweiten Etage zeigen eine andere Sicht: die Geschichte der Ordensgründerin Jeanne de Valois. Jeanne, eine buckelige, französische Königstocher im 15. Jahrhundert, wurde aus Erbfolgegründen im Alter von 12 Jahren mit einem Cousin verheiratet. Der wollte seine Ehe vom Papst annulieren lassen, da sie kinderlos war und er die Chance hatte, über die Ehe mit einer anderen Adeligen König zu werden. In einem für Jeanne überaus demütigenden Prozess schied der Papst die Ehe 1498. Jeanne steckte nicht auf.

Das Jesuskind turnt auf dem Arm von Vater Joseph – eine sehr seltene Darstellung.

Auch die Frontmauer wird von einer schönen Vater-Sohn-Darstellung geschmückt.

Drei Jahre später gründete sie den kontemplativen Orden der Annunziatinnen, später nahm sie den Namen Gabriela Maria an. 1950 sprach Papst Pius XII. sie heilig.

Nach der Führung nutzte die Reisegruppe die feine Akkustik der Kirche für den Kanon „Lobet und preiset ihr Völker den Herrn“. Die Stadtführerin freute sich sehr. Noch nie habe eine ihrer Gruppen in der Kirche gesungen.

Frohgemut fuhr die Reisegruppe zurück ins Hotel, wo sich noch eine Besonderheit ereignete, die Dank Johannes für die Ewigkeit im Bild festgehalten werden konnte.

Zum allerersten Mal in ihrem Leben saß Schwester M. Franziska am Samstagabend, 18. Mai 2019, 21.02 Uhr Ortszeit, auf einem Barhocker an einem richtigen Tresen und ließ sich, passend zu sonstigen Aktivitäten in der Gemeinschaft, einen Malteser schmecken. Ihr Kommentar: „Bisher habe ich noch nie an der Theke gesessen. Und ich bin zum ersten Mal im Kölner Dom gewesen.“ Wenn das keine Reiseausbeute ist: geistige Getränke und geistige Erbauung.

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