Reizender Klimawandel in Lamberti

In Aurich ist es traurig? Manchmal ein bisschen, aber vorwiegend heiter, selbst wenn der Stadtfestgottesdienst in die Lamberti-Kirche verlegt werden muss, weil Regen, der noch gar nicht runternieselt…

… die Gemüter und die empfindlichen Akkustikanlagen reizen könnte. Womit wir mitten im Thema sind. Aurich – was reizt dich? So hatte die ökumenische Arbeitsgemeinschaft die Feier betitelt. Wer oder was reizt dich? Wer oder was reizt mich? Was ist reizend – wahlweise schön oder schandalig.

Miniinterviews im Kirchenrund offenbarten die reiz-volle Vielfalt menschlicher Erfahrungen: von den Autofahrern, die im Stau keine Rettungsgasse bilden, über Fahrgäste, die in Aurich keinen Bahnhof finden, bis hin zu Bürgerinnen und Bürgern, die in ihrer Stadt zwar keine Sonne an den Himmel zaubern, sich aber für unterschiedlichste Menschen erwärmen und so ein Klima – und vielleicht sogar einen Klimawandel – der eigenen Art schaffen.

Miniinterviews aus dem Stegreif mit guten Kommentaren.

Mithilfe der Menschen offenbart sich der Gott, der ohnehin keine Unterschiede macht. Das wurde in einem Gebet deutlich.

Nicht einmal Jesus Christus hat Menschen verurteilt. Das zeigte die Lesung.

Eine aufgebrachte Menge schleppt eine Ehebrecherin zu Jesus. Die Leute wollen sie steinigen. Doch was reizt sie wirklich, die Frau qualvoll zu erschlagen? Ihr Ehebruch? Oder dieser Jesus, den sie mit dem mosaischen Gesetz „schlagen“ wollen, da er von sich erklärt hat, er verurteile niemanden. Eigentlich wollen sie nicht die Frau anklagen. Sie wollen ihn zur Strecke bringen.

Sie lassen Jesus in der brodelnden Menge zwei Möglichkeiten. Entweder er entscheidet sich für das Gesetz, verurteilt die Frau zur Steinigung und steht als Lügner da, oder er bricht mit dem Gesetz und überführt sich als Aufrührer.

Jesus wählt, was Menschen viel zu selten wählen. Er denkt, fühlt und verantwortet sein Tun  selbst. Er bückt sich in aller Ruhe und schreibt in den Sand. Er nimmt sich Zeit. Die Menge sieht verblüfft diesem Jesus zu, der sich nicht in die Sackgasse drängen lässt. Jesus offenbart ohne Gegenwehr oder Angriff einen dritten Weg. „Wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“. Der Satz trifft die stein-bewehrten Menschen und schlägt ihre Niedertracht. Sie schauen wie in einem Spiegel ihre eigene Schuldhaftigkeit an. Er muss ihnen nicht sagen, was sie sehen. Sie erkennen sich selbst.

Im Gottesdienst werden die Steine von heute deutlich: Hass, den manche Menschen anderen Menschen entgegenschleudern, Vorverurteilung, Ausgrenzung – und wie damals Gewalt.

Zu Beginn der Feier haben alle Gläubigen im vollen Gotteshaus einen kleinen Stein in die Hand bekommen. Während der Feier drücken sie ihn und spüren seine Härte. Am Ende tauschen fast alle diesen Stein gegen ein knopflochgroßes Herz ein. Es hat tatsächlich zwei Löchlein. Es lässt sich annähen – an einer Bluse oder einem Hemd über dem Herzen oder ganz woanders: überall dort, wo die Trägerinnen und Träger sich daran erinnern lassen wollen, dass dort kein Stein steckt.

Nach dem Gottesdienst tauschen Gläubige den Stein gegen ein Herz.

Große Freude trug der Kreis junger Erwachsener aus St. Ludgerus mit seinen gesungenen Botschaften in Kopf, Herz und Sinne der Feiergemeinde und erntete schon nach dem ersten Lied Applaus. Auch der Posaunenchor erhob die Herzen und beendete nach weiteren wertvollen Impulsen, Gemeindegesängen, Abkündigungen, Fürbitten und Segen den guten Gottesdienst.

Mit Schwung dabei: der Kreis junger Erwachsener.

Nach der Feier genossen viele Gottesdienstbesucher besten Krintstuut und Gegrilltes, dargeboten von der Wallster Koch- und Backgruppe.

Text: Delia Evers; Fotos: Holm Eggers und Delia Evers

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