Schönes und Bedenkliches in Nürnberg

Fünfter Tag der Neuauwiewitt-Reisenden | Von Delia Evers

Kaum schickten sich die Unseren an, Regensburg Richtung Nürnberg zu verlassen, klarte der Himmel auf. Zur Ehrenrettung der Donaustadt sei gesagt, dass in der Nacht zuvor auch in Nürnberg einiges übergelaufen war…

… die Unterführungen in Zerzabelshofstraße und Münchener Straße standen randvoll mit Wasser.

Thomas umschiffte routiniert alle Gefahrenstellen, fuhr seinen Bus so gekonnt am ZOB vor, als gehörte der Platz ihm, und gabelte Stadtführerin Inge Krause-Zimmermann auf. Mit dem Versprechen: „Ich werde meine schöne Stadt zeigen“, pries sie die Vielfalt der freien Kreisstadt in Mittelfranken an.

Schönes Nürnberg: Im Hintergrund einer der runden Stadtmauertürme.

Sie schwärmte vom Christkindlmarkt, der Nürnberger Spielwarenmesse, überhaupt von dem reichen Handelstreiben und dem Germanischen Nationalmuseum.

Das Bordmikrofon und Inge verstanden sich nicht auf Anhieb, weshalb ein Teil der Reisegesellschaft sich vor der Lautstärke schützte und die Ohren zuhielt, während ein anderer in einer Art Stummfilm verweilte. Inge versprach, „Kreide und Sanftmut in die Stimme zu legen“. Und bald klappte es mit der Verständigung.

Nürnberg, so erzählte sie, ist keine alte Stadt. Die Römer hatten hier zur Abwechslung keinen geschichtsträchtigen Auftritt. Die älteste erhaltene Urkunde stammt aus dem Jahr 1050. Stadtrechte gab es 1219. Kaiser Friedrich II. ernannte Nürnberg zur Freien Reichsstadt. Damit war sie eine Art Staat im Staate.

Gern waren Kaiser in der reichen und schönen Metropole zu Gast, vor allem im 15. und 16. Jahrhundert. In dieser Zeit erlebte Nürnberg seine Blüte. Das lag an erstklassigen Handwerkern und der strategisch guten Lage als Handelsplatz.

Häuser an der Pegnitz, die mitten durch Nürnberg fließt.

Metall wurde herangeschafft und zu feinen Drähten gezogen. Handgehäkelte Kettenhemden waren der Exportschlager ebenso wie feinste Messinstrumente, Nadeln und Verschlüsse. Gewürz- und Fleischhandel gediehen.

Schon vor 700 Jahren mampften Stadtbewohner und Gäste mit Genuss Nürnberger Rostbratwürstchen: Brühwürste aus Schweinefleisch, gesalzen, mit Majoran verfeinert (und heute als geographische Herkunftsbezeichnung von der EU-Kommission besonders geschützt).

Die Nürnberger erkannten zudem den wirtschaftlichen Nutzen von Gutenbergs Buchdruck. In riesigen Druckzentren ratterten Maschinen.

Der Dreißigjährige Krieg beendete die fetten Jahre. Zwar wurde Nürnberg (bis zum 20. April 1945) nie militärisch eingenommen, aber wirtschaftlich stark geschwächt.

Ein Teil der Stadtbefestigung mit der Pegnitz, dem schlammigen Fluss.

Nach wechselvollen Zeiten mit Reformation, Kriegen und verschiedenen Reichszugehörigkeiten lebte Nürnberg im 19. Jahrhundert auf und mauserte sich zu einem der wichtigsten industriellen Zentren in Bayern. Großen Aufschwung gab die erste Eisenbahn in Deutschland: Ab 1835 verkehrte der Adler zwischen Nürnberg und dem nahen Fürth.

Der Lokführer war ein bedeutender Mann, stand mit Zylinder und Frack im Führerstand und verdiente mehr als der Chefaktionär der Bahn.

Der Ludwig-Donau-Main-Kanal, der fast zur gleichen Zeit fertig wurde, verband Nürnberg mit den großen Handelsplätzen Europas und Asiens.

Heute schwärmen Besucher von großartigen Bauwerken aller Stil-Epochen. Ein Gang durch die Stadt mit Stil-Augen erzählt Geschichte auf ganz eigene Weise mit Werken von Romantik, Gotik, Renaissance, Barock und Klassizismus. Natürlich sind auch Jugendstil, Moderne und Postmoderne zu bestaunen.

Blick auf den Hauptmarkt mit Schönem Brunnen und den Türmen der evangelischen Sebald-Kirche.

Einige Gebäude brachte Inge ihren Stadtgästen nahe, vor allem die alte, fünf Kilometer lange Stadtmauer samt dicken Türmen, einst eine gut bezahlte Auftragsarbeit für italienische Handwerker. Sie ist fast vollständig erhalten. Im 19. Jahrhundert, als andere Städte ihre Stadtmauern schleifen ließen und durch Boulevards ersetzten, erkannten die Nürnberger den historischen Wert der Befestigung und pflegten sie.

Blick auf unsere Reisegruppe mit Frauenkirche im Hintergrund.

Verbunden ist der Name Nürnberg mit dem unseligen Nazi-Deutschland. In der „braunen Zeit“ war die Metropole mit Reichstagsgelände, Zeppelintreppe und Kongresshalle die Stadt der Reichsparteitage und der Massenaufmärsche. Hier lief die furchtbare Propaganda-Maschinerie der Nationalsozialisten; hier verabschiedeten sie die Nürnberger Rassegesetze.

Jeder, der Ohren hatte zu hören, wusste ab dem 15. September 1935, dass die NSDAP ihre antijüdische Ideologie juristisch wasserfest gemacht hatte. Der Startschuss für das Grauen aus Hass, Verfolgung, Enteignung, Vertreibung und Vernichtung war getan.

Darüber berichtete Inge sachkundig und ruhig. Sie zeigte die Kongresshalle. Dieser Monumentalbau ist das größte Relikt der Nazi-Bautätigkeit.

Die Arkaden der Kongresshalle. Sie wirken fast wie ein Klostergang.

50.000 Menschen sollten hier Platz finden. Die Außenfassade erinnert an das Colloseum in Rom, die Arkaden wirken wie ein Klostergang. Ganz bewusst spielten die Nazis mit starken sakralen Anleihen: So demonstrierten sie ihren Anspruch auf eine höhere Macht als Herrenmenschen.

Heute lagern dort die Buden für den Christkindl-Markt, Baumaschinen und Schuleinrichtungen.

Ein großes „Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände“ ist eingerichtet, in dem Inge Krause-Zimmermann als Historikerin mitarbeitet.

Nürnberg ist allerdings nicht nur mit Hitler-Deutschland verknüpft. Die Stadt ist nach dem Krieg auch der Ort der Nürnberger Prozesse gegen Naziverbrecher gewesen. Die ganze Welt schaute zu, als Richter Recht sprachen.

Für viele in der Gruppe war neu, dass Rüstungsminister Albert Speer, der sich bei den Prozessen geschickt verteidigt hatte und mit 20 Jahren Haft glimpflich davongekommen war, anderen Kriegsverbrechern mit ihren Untaten kaum nachgestanden hat. Auch den Holocaust hat er direkt mit zu verantworten. Das belegen jüngere Forschungen aufgrund alter und inzwischen zugänglicher Dokumente.

Straße der Menschenrechte am Germanischen Nationalmuseum, geschaffen von dem israelischen Künstler Dani Karavan: ein Bekenntnis zur Menschlichkeit auf 28 Säulen. Sie sind beschriftet mit den Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte – eine Antwort auf die Gräuel von Nazi-Deutschland.

Ein Höhepunkt der Stadtführung war der Gang über den Rosen-Friedhof an St. Johannis mit seinem ganz besonderen Flair. Die Verstorbenen ruhen unter genormten, liegenden Grabsteinen und Grablegen, die mit Kübeln voller Rosen und anderen Blumen geschmückt sind.

Stadtführerin Inge erklärt den Rosenfriedhof.

Schwester M. Magdalena betrachtet staunend den Friedhof.

Tausende von Rosen blühen dort.

Ursprünglich waren dort Leprakranke beigesetzt worden.

Berühmte Persönlichkeiten sind hier beerdigt, darunter die Maler Albrecht Dürer und Anselm Feuerbach, der Philosoph Ludwig Andreas Feuerbach, der Dichter und Meistersinger Hans Sachs sowie William Wilmsen, der erste Lokomotivführer in Deutschland mit Frack und Zylinder auf der Adler.

Kleines Vorkonzert in der Frauenkirche.

Zum Abschluss schlenderten die Ostfriesen gemütlich durch die Straßen der Stadt, besuchten auf eigene Faust das Dürerhaus oder eine der zahlreichen Kirchen.

Einige nahmen Platz in einem der vielen kuscheligen Restaurants mit Biergärten und Terrassen und bestellten, na, was denn? Nürnberger Rostbratwürstchen, diese weltberühmte Masse mit feiner Struktur im Schafsaitling, rund acht Zentimeter lang.

Hmmm, waren die lecker! Egal ob es drei in einem Weggla (einem Brötchen), sechs oder zwölf mit Kraut auf einem Zinnteller waren: Beim Mampfen herrschte Ruhe.

Einen beindruckenden Abschluss fanden viele in der Frauenkirche am Hauptmarkt. Hier spielte sich der Organist für ein abendliches Konzert ein und überraschte die Besucher mit einem kleinen Marien-Potpourri. Der Musiker beendete die unerwartete Generalprobe mit Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen…“

Ein guter Abschuss dieses erlebnisreichen Tags.

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