„St. Ludgerus“ hat alles, was der Petersdom in Rom hat

Einen herzlichen Geburtstags-Gottesdienst feierte die St.-Ludgerus-Gemeinde. Ihre Kirche wurde 170 Jahre. Das ist kein großes Jubiläum und doch Anlass, die Bedeutung lebloser und lebendiger Steine ins Visier zu nehmen.

Kaum hatte die Begrüßung begonnen, öffnete sich das Kirchportal. Fröhlich und laut spazierte die geballte Kinderkirche ein und schmetterte ein Segenslied. Carsten begleitete die kleinen Gratulanten mit seiner Gitarre. Sie schleppten singend riesige Kreppblumen Richtung Altar. Teils hielten sie sie zu zweit wie eine Leiter liegend zwischen sich. Die Festgemeinde kam aus dem frohen Staunen kaum heraus. So schön war der Geburtstagszug!

Hereinspaziert – die Kinderkirche mit Blumen am Stiel.

Nicole nahm vorn die blumigen Grüße in Empfang und stopfte sie in eine Vase. Dann entschwanden die Kinder mit ihren Eltern in ihren eigenen Gottesdienst für Kurze, versprachen vorher aber noch schnell, zum Ende der Messe mit einer besonderen Arbeit zurückzukehren.

Nach dem Evangelium tat sich Merkwürdiges. Dabei fing alles harmlos an. Horst fragte sich, was die Kirche wohl aus ihrer 170-jährigen Geschichte berichten würde, wenn Steine reden könnten. Und er dachte laut: „Manchmal haben ja auch unbelebte Dinge viel zu erzählen.“ Kaum hatte er diese Weisheit ausgesprochen, begannen unbelebte Dinge genau dies zu tun. Eine der Kirchbodenfliesen (Isburga) und eine Kirchenbank (Turmflüsterin) kamen ins Gespräch.

Sie entblätterten Schicht um Schicht ihre eigene Sicht auf die Kirche, auf die Geschichte, die Bedeutung und die Ausstattung. Ein bisschen Größenwahn war wohl auch dabei („eigentlich hat unsere Kirche alles, was auch der Petersdom in Rom hat.“) Manchmal sachlich, manchmal lustig und immer voller Achtung stellten die beiden die Schätze der Kirche vor.  Schnell war offenkundig: Selbst treue Kirchgänger lernten Neues über ihr Gotteshaus und seine Ausstattung.

Dann lag etwas wie Ehrfurcht im Raum, als Bodenplatte und Kirchenbank von den Menschen erzählten, die seit 170 Jahren in dieser Kirche zur Taufe, zur Kommunion, zur Hochzeit – und manches Mal im Sarg zu ihrer letzten Ruhestätte gekommen seien. Durch diese Kirche schreite das Leben mit all seinen Stationen, mit Freude und Hoffnung, mit Trauer und Leid.

„Abertausende von Menschen haben dort in 170 Jahren gebetet, gehofft, getrauert, Abschied genommen, Trost und Zuversicht geschöpft. Sie haben die Geheimnisse des Glaubens gefeiert und sich dem Höchsten nah gefühlt. Diese Kirche hat Geschichte. Es ist auch die Geschichte ihrer Gläubigen, in deren Tradition wir stehen: Es gibt nicht viele Orte, an denen sich so viel an Gottverbundenheit, Gefühl und Erfahrung – an Leben bündelt und verdichtet wie in einer Kirche.“

Die Kinderkirche im Gottesdienst.

In St. Ludgerus, so erklärten Bodenplatte und Kirchenbank weiter, nähmen Gläubige das Wort Gottes nicht allein mit dem Verstand auf, der viel zu wenig von den tiefen Aussagen begreife, sondern auch mit dem Herzen – gewissermaßen mit Haut und Haaren. Letzteres behauptete jedenfalls die Kirchenbank und versetzte nicht nur die Bodenplatte in Staunen, die das Wort für ziemlich gewagt hielt. Die Bank konterte sogleich, mit Haut und Haaren bedeute das gleiche wie katholisch. Nämlich allumfassend. Also auch mit allen Sinnen.

Da sich über die Sprachlogik einer Kirchenbank bekanntlich nicht streiten lässt, wollen wir das leicht schräge Bild im Raum stehen lassen und uns der tieferen Aussage zuwenden. In St. Ludgerus erfahren die Gläubigen Liturgie katholisch und zugleich mit allen Sinnen. Bodenplatte und Bank beschrieben die vielen Möglichkeiten zu sehen, zu riechen, zu schmecken, zu fühlen, zu tasten – und zu hören. Genau im passenden Moment begann Martje, der Orgel zarte Töne zu entlocken. Sie improvisierte zu einer hymnischen Medodie. „Ein Haus voll Glorie schauet.“ Schön und erhebend!

Natürlich standen nicht allein unbelebte Steine und Schätze im Mittelpunkt. In Wirklichkeit ging es vor allem um die lebendigen Steine unserer kleinen St.-Ludgerus-Kirche und der großen Mutter Kirche.

„Sie alle, wir alle, sind lebendige Bausteine der Kirche Christi. Wir sind Seine Kirchen-Einrichtung und die Glieder seines Leibs. Er handelt durch unsere Hände. Auf unser Tun, auf unsere Kraft zur Begegnung und zum offenen Miteinander von vornherein, kurzum: auf unsere Liebe kommt es an.“

Zur Kommunion strömten die Kleinen der Kinderkirche herbei und füllten den Altarraum. Sie hatten eine Geschichte zum Heiligen Ludgerus gehört und aus Legosteinen zwei überaus schöne Kirchen gebaut – vielleicht ein kleiner Fingerzeig in die Zukunft: Die Kleinen von heute, die die Großen von morgen sind, gestalten ihre Kirche bunt und fantasiereich.

Text und Fotos: Delia Evers

Und hier noch einmal zum näheren Hinschauen: die Kinder mit ihren fantasievoll gestalteten Kirchen.

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