Holle, Stefanie | Geschäftsführerin Caritasverband

Geschäftsführerin des Caritasverbands Ostfriesland | Von Delia Evers

holle-steffi1_1Im Herbst 2012 wechselte Stefanie Holle ihren Beruf. Bis zum 31. Oktober arbeitete die damals 32-Jährige als Dekanatsjugendreferentin; seit dem 1. November 2012 ist sie Geschäftsführerin des neu strukturierten Caritasverbands Ostfriesland.

Längst sind ihr weitere Aufgaben zugewachsen. So setzt sie sich im gerade genannten Bereich zwar weiterhin mit ganzer Kraft, aber „nur“ noch mit halber Stelle ein. Die andere Hälfte investiert sie seit dem 1. April 2016 als Geschäftsführerin in das Emder Altenheim „Haus Simeon“. Es gehört unter’s Dach des Caritasverbands.

Eine gelernte Krankenschwester und Sozialpädagogin ohne Erfahrung in der freien Wirtschaft auf dem wichtigsten Posten des Caritasverbands? Geht das? Das Bistum Osnabrück, mit Holles Qualitäten seit vielen Jahren vertraut, hat die Frage erst gar nicht gestellt, sondern gleich mit „ja“ beantwortet. Es geht, wenn die ausgewählte Persönlichkeit Steffi Holle heißt.

Steffis Lebensgeschichte beginnt in Bösensell im Münsterland. Hier kommt sie als Nachzüglerin zur Welt: Am 10. April 1980 sind die zwölf Jahre alte Schwester Barbara und die beiden elf und neun Jahre alten Brüder Ulrich und Jürgen bereits auf dem Bauernhof von Maria und Hermann Holle zu Hause, umgeben von viel Land, Schweinen, Hühnern und Katzen.

„Ich hatte eine schöne Kindheit“, erzählt Steffi Holle, „wir lebten ein Stück weit in einer anderen Welt.“ Das verdankt sie ihrer Familie und dem bäuerlichen Alltag, „wir hatten immer Leben und Leute auf dem Hof.“

Zwar kann Steffis Vater Hermann, Jahrgang 1940, „sich schon mal deutlich aufregen“; doch zugleich entdeckt er mit schlafwandlerischer Sicherheit Menschen, die Hilfe brauchen; er ist ohne große Worte zur Stelle und steht ihnen bei. So hat es schon sein eigener Vater, Steffis Großvater, gehalten, der den Hof in der „braunen Zeit“ zu einem Zufluchtsort für Bedrängte gemacht hatte.

Steffi durchläuft ihre Grundschulzeit in Bösensell (Einschulung 1986) und ihre Realschulzeit in Senden (bis 1996; „ich war nicht sehr ehrgeizig und hab‘ mich ein bisschen durchgehangelt“).

Sie ist 15 Jahre alt, als sie in Bösensell den Pastoralassistenten Markus Hoffmeister kennenlernt. Er spricht Steffi so passend an, dass sie vorübergehend das Wörtchen „nein“ aus ihrem Sprachschatz suspendiert. Sie sagt „ja“, als er ihr, dem Teeny, eine Mitarbeit im Pfarrgemeinderat anträgt; sie kandidiert und wird gewählt. „Jetzt musste ich ran!“

Vier Jahre lang ackert die Bauerntochter auf einem etwas anderen Feld, rackert für Kinder und Jugendliche, „ich konnte mich schon immer für Dinge begeistern“ , geht mit ihrer frohen Art auf andere zu, „das hat mir noch nie was ausgemacht“, gewinnt viele Neue, bindet sie ein, entrümpelt im Konzert mit ihnen eine Abstellkammer im Gemeindehaus und macht einen Jugendraum daraus.

holle-steffi2Steffi Holle mit ihren Eltern Maria und Hermann Holle, Schwester Barbara Kröger, Nichte und Patenkind Franziska sowie Dechant Johannes Ehrenbrink (r.) bei Steffis Verabschiedung als Dekanatsjugendreferentin im Bonihaus zu Aurich.

Sie arbeitet gern und viel mit Markus Hoffmeister zusammen, dessen Inspirationen sie als Glücksfall für ihren Werdegang bezeichnet. „So jemanden habe ich gebraucht.“ Sie machen sich im Verein TheoMobil stark, der im Münsterland bis heute eine Fülle von religions- und kulturpädagogischen Veranstaltungen bietet, über Land fährt, um Erzieherinnen, Lehrer, Katecheten und Hauptamtliche zu schulen und um Kinder und Jugendliche erlebnispädagogisch und spirituell zu stärken.

„Diese Zeit hat mich sehr geprägt“, erzählt Steffi Holle; sie arbeitet dort gern weiter mit, als sie sich nach ihrem Fachabitur (1998 in Lüdinghausen) im Universitätsklinikum in Münster zur Krankenschwester ausbilden lässt. Nach ihrem Abschluss 2002 wird sie in der Neurologie für Schlaganfallpatienten eingesetzt, übernimmt Nachtschichten, sieht Menschen leiden und sterben, erlebt die Verzweiflung der Angehörigen, muss hinnehmen, wie bürokratische Verrichtungen einen wichtigen Teil der Arbeitszeit schlucken, die sie sinnvoller mit den Patienten oder ihren Familien verbringen könnte, und will so nicht langfristig eingesetzt werden.

Sie interessiert sich für Sozialpädagogik und Sozialarbeit, bewirbt sich an der katholischen Fachhochschule Osnabrück, erhält eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, Schwerpunkt menschliche Kompetenz, glaubt nicht wirklich daran, einen Studienplatz zu bekommen, und erhält doch eine Zusage. Parallel schiebt sie weiter Wochenendschichten fürs TheoMobil und Nachtschichten in der Neurologie.
Sie ist dankbar für diese Zeit in der Universitäts-Klinik. Sie lernt im Team, Krisen auszuhalten und mit anderen Menschen durchzustehen. „Ich bin darum nicht abgebrüht“, sagt sie, „aber ich kann sicherer mit schweren Situationen umgehen und erkenne schnell, was gesagt oder getan werden muss.“

Auch im religiösen Miteinander – Steffi erinnert sich an ein vier Wochen altes Baby in der Kinder-Kardiologie, das operiert werden sollte. Die Chancen waren nicht die besten. Kurzentschlossen führten sie und liebe Kollegen mit den Eltern eine Nottaufe durch – die Eltern fanden zu einer bewegenden Stärke.

Als sie ihr Studium in Osnabrück aufnimmt, „konnte mich so schnell nichts mehr schocken.“ Das Lernen fällt ihr durch die Vorprägungen leicht. Steffi, die schon immer gern mehrgleisig durch die Welt gereist ist, packt sich eine Zusatzausbildung zur Theaterpädagogin in Unna auf. „Das hat mir später beim Umgang mit Kindern und Jugendlichen immer gut geholfen“, erzählt sie. Improvisationstheater und Rollenspiele erzählen ihr oft mehr über ihre Schützlinge als ein Gespräch.

Nach sechs Semestern Theorie und zwei Semestern Praxis ist Steffi staatlich geprüfte Diplom-Sozialpädagogin und absolviert im Dekanatsjugendbüro in Voerden ihr Anerkennungsjahr. Bald hat Steffi klar: „Ich will Jugendreferentin werden.“

Sie wendet sich an die Fachaufsicht des Bistums Osnabrück. Tatsächlich werden Stellen frei. Bis heute staunt sie darüber, dass sie am Ende genau dorthin verschlagen wird, wo sie auf keinen Fall hinwill: nach Ostfriesland. Doch der Leiter des Diözesanjugendamts Bruno Krenzel bleibt hartnäckig. Da die Stelle nun einmal angeboten ist, solle sie sich Aurich wenigstens ansehen. „Es war Schietwetter. Ich fuhr incognito hin, fand alles grau und trist und kehrte heim mit dem Entschluss: ‚Dahin nie!‘“

Doch Krenzel will ein Vorstellungsgespräch in Aurich, mindestens. „Ich bin also noch mal hingefahren“ – und trifft unter anderem auf Pfarrer Johannes Ehrenbrink und Bruno Krenzel. Sie erinnert sich, dass Johannes Ehrenbrink sie gefühlte drei Mal mit der Frage nervt, ob sie Autofahren könne. Langsam schwant ihr, dass das Dekanat irgendwie ein bisschen größer sein müsse als andere. Dann beschließen die Herren, Steffi möge sich draußen die Füße vertreten. Sie wollen zu einer Entscheidung kommen. Was Steffi will, ist vorerst nicht gefragt. Sie setzt sich auf einen der Findlinge im pfarramtlichen Vorgarten, und mit der zehnminütigen Wartezeit reift ihre Entscheidung: Wenn die anderen „ja“ sagen, wird sie mit „ja“ quittieren.

Sie beginnt im Jahr 2006 in Aurich.

Steffi räumt mal wieder auf. Sie beruft Renovierungswochenenden ein, schafft eine Anlaufstelle, die Leben anzieht, veranlasst die Sanierung der sanitären Anlagen und macht das Haus Zug um Zug zu einem Ort wirklicher Begegnung, in dem immer wieder Dutzende von Kindern und Jugendlichen zu Freizeiten, Fortbildungen und Projekttagen zusammenkommen. Sie leben hier gemeinsam, lernen und schlafen in Doppelstockbetten – ein letztes Überbleibsel mit dem spröden Charme von Jugendherbergs-Betten der 70er-Jahre.

Sie schöpft für ihr Tun aus ihrem menschlichen Fundus, der durch gute und harte Zeiten geprägt ist, wirbelt in Ferienlagern, bei Fahrten und Freizeiten (ihre Ausbildung zur Krankenschwester hat ihr und anderen vielmals geholfen), bei Fortbildungen für Gruppenleiter, Firmvorbereitungen, beim monatlichen Gebet der Jugend, bei Jugendgottesdiensten, bei der Unterstützung ehrenamtlicher Teams, der Vertretung ihres Beritts in Bistum und Politik. „Überall war sie das Gesicht des Dekanats“, sagt Pfarrer Johannes Ehrenbrink zu ihrer Verabschiedung im Rahmen eines Gottesdienstes, in dem er und Pastor Carl B. Hack Steffi Holle würdigen.

Ein Beispiel für ihre Art zu helfen ist der Verein Subito e.V., den sie mit anderen gründet und der Menschen in finanzieller Bedrängnis unbürokratisch und schnell helfen möchte: Steffi will nicht großartig reden und Forderungen stellen, sondern wissen, was los ist, und zupacken, bis ein Ergebnis bei der Hand ist.

Ihre sechs Jahre im Dekanat waren anstrengend, „vor allem haben sie Spaß gemacht. Ich habe gern die Entwicklung der Teams begleitet. Und natürlich entwickelt und verändert man sich selbst. Ich bin mit der Zeit lockerer geworden.“ Wie gelingt ein solches Miteinander? „Es ist wichtig, echt zu sein. Kinder fühlen sofort, ob es jemand ehrlich mit ihnen meint.“ Und was braucht man noch? Bodenständigkeit und Erdberührung – alles Abgehobene mag sie nicht. „Außerdem kann ich mich sehr mit anderen Menschen freuen.“

Irgendwann wusste sie, dass sie nicht zehn Jahre Jugendarbeit machen wollte. Sie begann parallel eine theologische Ausbildung an der katholischen Fachhochschule in Paderborn. In vertrauensvollen Gesprächen sondierte sie mit Verantwortlichen im Bistum, wohin sie sich entwickeln könnte.

Und wieder kam es anders, als Steffi gedacht hatte. Das Bistum sah sie als neue Geschäftsführerin des Caritasverbands Ostfrieslands: mit der gesamten ostfriesischen Halbinsel samt dem ehemaligen Verbandsbereich Leer als Einsatzgebiet. „Ich wusste nicht, ob ich das konnte“, sagt sie offen. Das Bistum befand: „Sie können!“

Sie hegt einen großen Plan. Sie möchte den Caritasverband, der in manch anderem Bistum eher kühl nach den Regeln eines Wirtschaftsunternehmens geführt wird, eng mit der Pastoral verknüpfen. Das ist ein Risiko, denn Pastoral bindet Zeit, Geld und Personal, bringt aber keinen „Umsatz“. Diesmal hat Steffi Holle sich, wenn nicht die Quadratur des Kreises, dann doch einen Spagat vorgenommen – eine große Aufgabe mit einer froh machenden Chance.

Steffi Holle kann es schaffen, denn sie arbeitet anders als Menschen, die ihr Gewerk eher fachspezifisch angehen: Sie wirbelt als Generalistin, als Vielkönnerin und Organisationskünstlerin, funkt und empfängt auf allen Kanälen, ist hier Sozialarbeiterin, da Krankenschwester, Theaterpädagogin, Lebensbegleiterin, Netzknüpferin, Teamworkerin, Chefin oder auch mal eine unter vielen – meistens ist sie alles gleichzeitig.

Am 1. November 2012 hat Steffi Holle ihre Arbeit beim Caritasverband begonnen. In eine andere Stadt ziehen musste sie nicht. Ihr Büro bleibt am Georgswall in Aurich. Sie ist lediglich ins Bonihaus übergesiedelt. Jetzt wird sie wie gewohnt ein Netz spinnen und Menschen gewinnen, die mit ihr im Team Gutes tun. Und gewiss ist dies: Irgendwo wird sie wieder einen Raum entdecken, den sie entrümpeln kann, egal ob darin alte Nierentischchen vor sich hingammeln oder verstaubte Ideen.

Caritasverband Ostfriesland
Georgswall 17
26603 Aurich

Telefon: (0 49 41) 69 70 88 5
E-Mail: sholle@caritas-os.de
www.caritas-ostfriesland.de

Dieser Beitrag wurde unter Lexikon - H veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.  Beitrag drucken. Beitrag drucken.