Teil 1 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – der Patron

In leicht gekürzter Fassung veröffentlicht die Redaktion der Webseite die Chronik, die Manfred Franz Albrecht 1999 zum 150-jährigen Bestehen der St.-Ludgerus-Kirche Aurich
erstellt hat.

Herausgeberin war seinerzeit die Katholische Kirchengemeinde, die das umfangreiche Werk als Festschrift zum Kirchenjubiläum anbot. Die Redaktion der Webseite gibt die Chronik in einer Serie wieder. Sie ist zudem im Lexikon (Button-Leiste rechts unter K wie Kirche) nachzulesen. Manfred Franz Albrecht beginnt sein Werk inhaltlich mit einem Porträt des Pfarrpatrons Ludgerus, Erbe des Hl. Bonifatius.

TEIL I

St. Ludgerus,
der Erbe des hl. Bonifatius

Der hl. Ludgerus (Liudger), der erste Bischof von Münster, Apostel der Friesen und Sachsen, wurde um das Jahr 742 nordwestlich von Utrecht geboren. Liudger stammte aus einer friesischen Adelsfamilie, welche bereits in der zweiten und dritten Generation von den politischen und religiösen Auseinandersetzungen der Zeit betroffen war. Sein Großvater Wurssing nahm mit seiner Familie um 714 den christlichen Glauben an und half bei der Missionierung Frieslands. Liudgers Großeltern mütterlicherseits, Nothrad und Adelburg, sind wahrscheinlich von Willibrord getauft worden. Ihre Tochter Liafburg heiratete Wurssings Sohn Thiatgrim – die Eltern Liudgers. Hier handelt es sich also um eine der friesischen Adelsfamilien, welche sich die Förderung und Ausbreitung des christlichen Evangeliums zur Aufgabe gemacht hatten.

Wandteppich auf der Orgelempore der St.-Ludgerus-Kirche: Der Heilige Ludger.

Für die Ausbildung Liudgers sorgte der fränkische Abt Gregor, ein Schüler und Nachfolger des hl. Bonifatius, welcher der Domschule zu Utrecht -Martinsstift- vorstand. „Ein anderer wird sich aufmachen und an den Meeresküsten Frieslands das Licht neu entzünden, das einst Bonifatius hierher getragen“, lehrte ihn Gregor. Als Zwölfjähriger war Liudger in seinem Elternhaus dem hl. Bonifatius – dem Apostel der Deutschen – begegnet und berichtet vierzig Jahre später noch mit spürbarer Ergriffenheit: „Ich habe ihn selber mit meinen Augen gesehen, einen Greis im Silberhaar, schwach am Körper, stark im Geist!“ Neben seinem Lehrer Gregor von Utrecht rechnete Liudger Willibrord und Bonifatius zu seinen geistlichen Vätern. Von seiner Familie und von seinen Lebensvorbildern her war die Spiritualität Liudgers von früher Jugend an missionarisch bestimmt. Die befreiende Botschaft vom Heliand (Heiland) zu verbreiten, in dessen Gefolgschaft Sünde, Angst und Tod besiegt werden können, das erschien ihm als großes Lebensziel und erfüllende Aufgabe.

Als Diakon studierte Liudger von 767 bis 772 in York (England) bei dem hochberühmten Alkuin. Hier bot die Bibliothek nach dessen Worten „die Denkmäler aus der Zeit der Väter, was Römerweisheit auf den Boden Latiums geschrieben, was Griechenland den Lateinern hatte geben können und was den Hebräern durch des Himmels Gunst war eingegeben worden.“ Im Jahre 777 empfing Liudger aus der Hand des Kölner Bischofs Rikulf die Priesterweihe. Als erste Station wurde ihm der friesische Ostergau zugewiesen. Seinen Sitz nahm er in der Pauluskirche in Dokkum am Ufer des Doorn. Von hier aus hat Liudger sieben Jahre lang segensreich gewirkt. Es war derselbe Ort, an dem am 5. Juni 754 Bonifatius mit 48 seiner Gefährten den Märtyrertod fand.

Eine Unterbrechung seiner Missionstätigkeit erfuhr er durch den Freiheitskampf des heidnischen Sachsenführers Widukind gegen Karl den Großen im Jahre 784. In dieser Zeit unternahm Liudger eine Romfahrt zu Papst Hadrian I., dem er seine Missions- und Klosterpläne unterbreitete. Von hier aus begab er sich nach Montecassino, dem Mutterkloster des Benediktinerordens, wo er sich zweieinhalb Jahre lang aufhielt.

Wer sich in das Leben des hl. Ludgerus vertieft, dem fällt auf, wie stark es geprägt ist von der Spannung zwischen Wunsch und Pflicht. Als in den Jugendjahren sein sehnlichster Wunsch erfüllt wurde, lesen und schreiben zu können, zu studieren, als er schließlich mit großem Erfolg in Utrecht und York seine Studien abgeschlossen hatte, wäre er am liebsten als Lehrer in einer der beiden Klosterschulen geblieben, um sich einzig und allein der Wissenschaft zu widmen. Dennoch war ihm klar, daß ein anderer Weg, eine andere Aufgabe notwendig und wichtig war: die Mission, die Verkündigung des Evangeliums bei seinen eigenen Landsleuten.

Ein zweites Mal geriet Ludgerus in die Spannung zwischen Wunsch und Pflicht bei seinem Aufenthalt in Montecassino. Ihn faszinierte die Stabilitas loci, dieses Leben an einem Ort nach festen Regeln. Der stete Wechsel zwischen „ora et labora“ gab seinem Leben einen Rhythmus, der Ruhe und Geborgenheit vermittelte. Aber auch diesem Wunsch stand die Pflicht entgegen: Der Frankenkönig Karl brauchte den begabten Missionar, um die zwangsbekehrten Sachsen innerlich für den christlichen Glauben zu gewinnen. So nahm Liudger das unruhige Leben eines Wandermissionars auf sich.

Karl der Große beauftragte Liudger 787 mit der Mission Frieslands. Für einige Zeit muß Liudger wegen der Sachsenaufstände sein Missionsgebiet verlassen. Jedoch hing er mit ganzer Seele an den noch gottesfernen Sachsen. Das beweist die Tatsache, daß er es in dieser Zeit abgelehnt hat, den ältesten deutschen Bischofssitz aus dem dritten Jahrhundert, den Bischofsstuhl von Trier, zu übernehmen.

Ehemalige Abteikirche und heutige Pfarrkirche St. Liudger Essen-Werden, Grabeskirche des hl. Ludgerus.

Im Jahre 792 sandte Karl der Große Liudger auch zu den Westsachsen. Als seinen Sitz errichtete Liudger auf einem Hügel am rechten Ufer der Aa am Schnittpunkt zweier Fernstraßen eine Kirche, daneben ein honestum monasterium, ein stattliches Münster oder Stift: Mon(a)stere, die Urzelle der heutigen Stadt Münster in Westfalen. Die Domschule, die er ins Leben rief, ist im heutigen Gymnasium Paulinum noch erhalten. Im Jahre 799 gründete Liudger ein Benediktinerkloster im unteren Tal der Ruhr, am Ort mit der Flurbezeichnung Werethinum (Werden). Es wurde eine bedeutende Pflegestätte der Wissenschaft und Kultur. Man vermutet, daß hier im neunten Jahrhundert der Verfasser der altsächsischen Evangeliendichtung Heliand-Lied gelebt hat. In Nottuln (Münsterland) gründete Liudger dann ein Frauenstift. So waren das Domstift Mimigernaford, die „Domburg“ in der heutigen Stadt Münster, das Benediktinerkloster Werden und das um 804 errichtete Frauenstift Nottuln starke Stützen seines Missionswerkes.

Liudger, der den Bischofsstuhl von Trier abgelehnt hatte, sah wenige Jahre später ein, daß er am Bischofsamt nicht vorbeigehen durfte, wenn er seiner Missionsarbeit eine feste Basis geben wollte. So wurde er Bischof von Münster, nicht aus Wunsch, sondern aus Notwendigkeit. Liudger wurde im Jahre 805 vom Kölner Erzbischof Hildebrand (Hildibald) zum ersten Bischof von Münster geweiht. Altfried berichtet über sein Wirken: „Er gab der ihm anvertrauten sächsischen Herde in aller Klugheit und Bescheidenheit die Lehren des Heils, um sie mit Hilfe Gottes zum vollkommenen Glauben zu bringen. Den fünf Gauen, die er in Friesland aus dem Heidentum zur Erkenntnis der wahren, unteilbaren Dreifaltigkeit geführt hat, stand er auch als Bischof vor. Er war ein Vater der Armen, ein Verächter seiner selbst. So suchte er nach den Worten des Apostels allen alles zu werden“.

Liudger gehört zu den ersten christlichen Glaubensboten unserer Heimat. Noch über Jahrhunderte hinweg können wir sein geistiges und geistliches Profil deutlich erkennen. Seine missionarische Spiritualität enthält ein starkes kämpferisches Element, war am Evangelium orientiert, den geistlichen Vätern verpflichtet. Liudgers Frömmigkeit wirkte ansteckend und zog die Herzen der Menschen an. Solidarisch mit der Kirche seiner Zeit, aber auch kritisch, erweist er sich in einer Zeit blutiger Auseinandersetzungen als Bote des Friedens. In einer Epoche, die nicht mehr heidnisch und noch nicht christlich war, diente er der Evangelisation mit großer Entschiedenheit und Geduld.

Federzeichnung von Pfarrhaus und St.-Ludgerus-Kirche in Aurich aus der Zeit um 1900 – abgedruckt vorn in der Chronik.

Im Jahre 809 nach der Menschwerdung des Herrn ist Liudger am 26. März in Billerbeck gestorben. Er wurde, wie es sein Wunsch war, im Benediktinerkloster Werden zur letzten Ruhe gebettet. Die ehemalige Abteikirche, die sich über das Grab des hl. Ludgerus erhebt, wurde von Papst Johannes Paul II. am 12. Juli 1993 zur Päpstlichen Basilika erhoben.

Für die Verehrung des hl. Ludgerus ist seine Grabstätte bis in unsere Tage das Zentrum geblieben. Vierundfünfzig Kirchen in aller Welt – bis hin nach Südamerika und China – tragen sein Patrozinium. Das von der Abteikirche umfangene Grab strahlt vom ersten Tag seiner Existenz Kraft und Leben aus. An diesem Namensgeber wird, nicht nur Jahr für Jahr am ersten Septembersonntag, wenn in feierlicher Prozession seine heiligen Gebeine durch die Straßen Werdens getragen werden, die menschliche und geistige Größe seiner wahrhaft anziehenden Gestalt sichtbar, sondern darüber hinaus wird auch seine im Leben schon bewunderte Kraft spürbar, die Seinen zu lieben und in dieser Liebe gegenwärtig zu bleiben. Sein Gottvertrauen, seine Begeisterung und Menschenfreundlichkeit können uns auch jetzt noch bei der Verkündigung des Evangeliums inspirieren. „Welch eine Aufgabe ist dies für jeden von uns!“

Heilige veralten nie;
sie verlieren nie ihre Gültigkeit.
Sie bleiben ständig Zeugen für die Jugend der Kirche.
Sie werden nie Menschen der Vergangenheit,
Männer und Frauen von gestern.
Im Gegenteil:
sie sind immer Männer und Frauen von morgen,
Menschen
der im Evangelium verheißenen Zukunft des Menschen
und der Kirche,
Zeugen der kommenden Welt.

Die nächste Folge befasst sich mit der Geschichte der katholischen Kirche in Ostfriesland.

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