Teil 7 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – 1986 bis 1996

Der siebte Teil der Serie zur Chronik von St. Ludgerus aus Sicht des Jahrs 1999 befasst sich u.a. mit den Pfarrern zwischen 1986 und 1996 bzw. mit Vakanzzeiten, die die Gemeinde teils unter Protesten zu bestehen hatte.

Im Frühjahr 1988 wurden sowohl ein Lesepult als auch ein Osterleuchter für die St. Ludgeruskirche angeschafft, gestaltet von Egino Weinert, einem Kölner Künstler. Es sind Bronzegußarbeiten mit Emaille-Bildtafeln.

Ambo (Teilansicht), gestaltet von Egino Weigert.

Egino Weinert hatte im II. Weltkrieg seine rechte Hand verloren und fertigte seine Werke mit der linken. Als Kind wohnte er mit seinen Eltern in der Nachbarschaft von Emil Nolde, von dem er wichtige Impulse für sein späteres Schaffen erhielt. Ambo und Leuchter sind Bronzegußarbeiten mit Ornamenten und bildlichen Darstellungen sowie Emaille-Bildtafeln.

[Eine ausführliche Darstellung der Innenausstattung der Kirche folgt gesondert im Rahmen dieser Serie.]

Ein Orkan überquerte in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar 1991 Norddeutschland mit Spitzengeschwindigkeiten von 150 Stundenkilometern aus Richtung Südwest bis West. Große Schäden wurden verursacht, zahlreiche Bäume entwurzelt, Dächer abgedeckt, teilweise war die Stromversorgung unterbrochen. Vor der St. Ludgeruskirche stürzte eine mächtige Linde um, zum Glück Richtung Georgswall.Am 4. Februar 1990 feierten Pfarrer Norbert Krümel und Pastor Hubert Heinelt ihr 25-jähriges Priester-jubiläum. Zu diesem Anlaß war auch Pater Jacob Malayatty aus Indien, mit dem die St. Ludgerusgemeinde seit Jahren verbunden ist, zu Gast in Aurich.

Pater Jacob wurde 1938 in Puduka (Kerala) geboren. Nach der vorbereitenden Ausbildung und einem Studium in Banglore wurde der Salesianer-Pater im Jahre 1968 zum Priester geweiht, um dann insgesamt fünf Jahre in Assam und Madras in der Missionsarbeit seines Ordens zu wirken. In Chadur (Provinz Andhra Pradesh) bildete er zunächst Jugendliche aus. Die Vermittlung von Allgemeinwissen in Verbindung mit dem christlichen Glauben an die meist aus armen Verhältnissen kommenden Jugendlichen ist ein Schwerpunkt in der täglichen Arbeit von Pater Jacob und seinen Mitarbeitern. Zu der segensreichen Tätigkeit gehört ebenfalls der Bau von Wohnhäusern für die armen Bevölkerungsschichten sowie die Anlage von Bewässerungsanlagen und Hilfe bei der Landkultivierung.

1980 wurde Pater Jacob für zwei Jahre nach Rom geschickt, um am Sitz des Generalkapitels des Salesianer-Ordens seine theologischen Studien fortzusetzen. In dieser Zeit kam er auch nach Aachen. Von dort aus übernahm Pater Jacob im Jahre 1982 für einige Wochen die Urlaubsvertretung in der St. Ludgerusgemeinde Aurich. Seitdem bestehen enge Kontakte zwischen Pater Jacob und unserer Kirchengemeinde. Die St. Ludgerusgemeinde unterstützt das Wirken von Pater Jacob in Indien bis auf den heutigen Tag in vielfältiger Form.

Kruxifix in der St.-Ludgerus-Kirche.

Liesel Russell schied nach über 20 Jahren Arbeit als Seelsorgehelferin bzw. Gemeindereferentin am 2. September 1990 aus dem Dienst. Ihr Dienstantritt fiel noch in die Amtszeit von Dechant Joseph Lammers. Sie war Nachfolgerin von Maria Kleine. Den Schwerpunkt der Tätigkeit von Liesel Russell nahm zu jener Zeit der Religionsunterricht ein, den sie auch in Petkum, Oldersum und Neermoor erteilte. Im Laufe der Zeit veränderte sich ihr Aufgabenfeld. So wurde Liesel Russell der Religionsunterricht an den Schulen in Sandhorst und Egels übertragen, und im zunehmenden Maße kümmerte sie sich um die Seniorenarbeit in der St. Ludgerusgemeinde. Ihre Nachfolgerin wurde Maria Elisabeth (Marlis) Prütz.

Am 2. Oktober 1990 fand ein ökumenischer Gottesdienst zum Tage der Vereinigung Deutschlands statt.

Nach acht Jahren Tätigkeit in der Militärseelsorge Aurich verabschiedet sich Dekan Josef Wellner am 28. September 1991 von der St. Ludgerusgemeinde, mit der er oft Eucharistie feierte: er gehörte sozusagen zur Gemeinde. Nach der Vorabendmesse wurde er von den Gemeindemitgliedern im St. Bonifatiushaus herzlich verabschiedet. Dekan Josef Wellner schied aus der Militärseelsorge aus; er übernahm als Pfarrer die Gemeinden Otterndorf und Altenwalde bei Cuxhaven.

Am 1. Dezember 1991 fand im Benediktiner Priorat Damme eine Besprechung statt. Domkapitular Hawighorst eröffnete Pfarrer Krümel dort, daß er in 1992 versetzt werden sollte. Nach einer Woche Bedenkzeit stimmte Pfarrer Krümel der Versetzung nach Pinneberg zu. Die Entscheidung, nach Pinneberg zu gehen, wurde sicherlich dadurch erleichtert, daß seine Geschwister im Hamburger Umfeld leben. Am 6. Januar 1992 wurden die Mitarbeiter/innen informiert und am darauffolgenden Sonntag die Gemeinde. Die Überraschung war eine allgemeine.

Norbert Krümel.

Nach fast 22 Jahren konnte man sich die St. Ludgerusgemeinde ohne Pfarrer Norbert Krümel nur schwer vorstellen. Am Ostermontag, dem 20. April 1992, wurde Pfarrer Norbert Krümel im Rahmen eines Familiengottesdienstes und anschließenden Empfangs im St. Bonifatiushaus verabschiedet. Mit einem Fahrradkorso haben rund 70 Mitglieder der St. Ludgerusgemeinde ihren scheidenden Pfarrer schließlich am 21. April 1992 aus der Stadt heraus bis zur Middelburger Brücke begleitet und ihm dadurch ihre Sympathie zum Ausdruck gebracht. Für die Zeit der „Vakanz“ wurde Pastor Hubert Heinelt zum Pfarradministrator ernannt.

Doch schon nach kurzer Zeit fühlte sich die Herde, die ihren Hirten verloren hatte, anscheinend verlassen. Eine Gruppe führte die scheinbar ausweglose Situation interessierten Gemeindemitgliedern vor Augen. In einer turbulenten gemeinsamen Sitzung von Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand sowie den Hauptamtlichen und einigen Gästen wurde bereits am 11. Mai 1992 letztlich beschlossen, einen Offenen Brief an den Bischof von Osnabrück zu schreiben. Alternativ wurde vorgeschlagen, in Osnabrück eine „Demo“ zu veranstalten. Den Text des Schreibens wollte die Gruppe erarbeiten.

[Chronist Manfred Franz Albrecht beschreibt die Ereignisse wie folgt:]

Hier ging die Saat auf, die seit mindestens 1990 in der St. Ludgerusgemeinde schlummerte. Das verhält sich so: Im Kirchlichen Amtsblatt für die Diözese Osnabrück, Band 47, Nr. 32, Art 260 vom 18. August 1989 wurden Richtlinien und Grundsätze für den sonntäglichen Gottesdienst ohne Priester erlassen. In der Vorbemerkung ist zu lesen: „Die Zahl der Priester in unserem Bistum ist geringer geworden und die regelmäßige Sonntagsmesse nicht mehr überall in der bisher gewohnten Weise sichergestellt. Deshalb sollen den Verantwortlichen hiermit einige Grundsätze und Richtlinien an die Hand gegeben werden für den Umgang mit dieser Notsituation sowie für die liturgische Gestaltung von sonntäglichen Gemeindegottesdiensten ohne Priester.“

Der Pfarrgemeinderat (PGR) hatte in seinen Sitzungen dieses Thema aufgegriffen und in einer vierseitigen Schrift mit der Überschrift „Gedanken, Wünsche und Anregungen des Pfarrgemeinderates der St. Ludgerusgemeinde Aurich zum sonntäglichen Gemeindegottesdienst ohne Priester“ zu Papier gebracht. Hier einige Auszüge:

„Im ersten Absatz (des Amtsblattes) wird geschrieben, daß eine Notsituation eingetreten ist. Es stellt sich dem PGR die Frage, ob wirklich eine Notsituation eingetreten ist, oder ob nicht vielmehr hier eine Chance für eine lebendige Gemeinde, eine lebendige Kirche liegt. Schon in der Urgemeinde gab es keine Priester, sondern Vorsteher leiteten den Gottesdienst. Und so könnte es in der heutigen Zeit wieder werden. Dadurch würden mehr Christen an dem Gottesdienst beteiligt, das Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden, und die Gemeindemitglieder würden erkennen, daß sie es sind, die das Christentum lebendig halten und weitertragen….

Ein weiterer Gedanke zum Begriff Notsituation. Was ist, wenn es einmal wieder mehr Priester gibt, würden dann die Laien wieder „in der Versenkung“ verschwinden? Das kann nicht das Ziel und der Sinn für den Einsatz von Laien sein. Wir (der PGR) meinen, der Gottesdienst ohne Priester darf nicht als Notfall eingestuft werden, sondern muß gleichwertig gegenüber einem Gottesdienst mit Priester stehen.“

Zusammengefaßt formulierte der PGR in dem Schriftsatz folge Anregungen und Wünsche:
„1. Wortgottesdienst ohne Priester – keine Notsituation, sondern Chance für die Gemeinde/Kirche.
2. Gemeindegottesdienst ohne Priester muß gleichwertig einem Gemeindegottesdienst mit Priester sein.
3. Sonntäglicher Gemeindegottesdienst ohne Priester mit Kommunionausteilung muß der Regelfall sein.
4. Auch wenn am Sonnabend/Sonntag ein Gemeindegottesdienst mit Priester stattfindet, muß es möglich sein, zusätzlich auch einen Gemeindegottesdienst ohne Priester mit Kommunionausteilung feiern zu können.“

Dieses Papier wurde dem Weihbischof, Herrn Theodor Kettmann, am 28. April 1990, anläßlich der Firmung in unserer St. Ludgerusgemeinde vorgelegt. Der Weihbischof sagte dazu eindeutig, die Eucharistiefeier am Sonntag sei die Feier der Gemeinde schlechthin. Es sei deshalb auch das Anliegen des Bischofs, in jeder Gemeinde der Diözese wenigstens eine hl. Messe am Sonntag zu feiern. Wie das Konzil in der Konstitution über die Liturgie ausführe, ist die Liturgie Gipfel und Quelle.

Vom konkreten Inhalt des obigen Schriftsatzes des PGR von 1990 haben die Gemeindemitglieder wenig erfahren. Allerdings sind ähnliche Formulierungen und Intentionen in dem Offenen Briefe von 1992 zu finden.

In der Einleitung des Offenen Briefes, der bereits am 15./16. Mai 1992 in den Gottesdiensten verkündet und in „auf ein wort“ der Gemeinde vorgestellt wurde, ist folgendes zu lesen:

„Sie alle haben mittlerweile erfahren, daß durch den Weggang von Pastor Krümel (am 20. April 1992) sich vieles in unserer Gemeinde verändert hat. Trotz großen Engagements der hauptamtlichen Mitarbeiter in unserer Gemeinde wird deutlich, daß eine Gemeinde ohne einen hauptamtlichen Leiter auf Dauer nicht überleben kann. Bei einer unveränderten Haltung der Kirche für die Zulassung zum Priesteramt muß angesichts einer immer dünner werdenden Personaldecke damit gerechnet werden, daß auch in Aurich, wie bereits in vielen anderen Gemeinden, kein Priester mehr der Gemeinde vorstehen wird.“

Der Offene Brief trägt die Überschrift „Wir sind das Volk Gottes“. Dabei stand offensichtlich der bekannte Slogan „Wir sind das Volk“, herausgegangen aus den Protestkundgebungen des Jahres 1989 in der untergegangenen DDR, Pate. Folgende Wünsche wurden in diesem Brief vorgetragen:

„1. Die geforderten Bezugspersonen (Laien) in unserer Gemeinde müssen wirklich den Leitungsdienst übernehmen dürfen.
2. Es muß überlegt werden, wie Männer und Frauen mit ihren Gemeinden Gottesdienst (auch die Mitte einer Gemeinde, die Eucharistie) feiern können.
3. Wir bitten, daß alle (Bischöfe, Priester und Gemeindemitglieder) endlich offen miteinander über die Aufhebung des Pflichtzölibats ins Gespräch kommen, mit der Absicht, verheiratete Personen zum Priesteramt zuzulassen.
4. Wir wünschen uns, daß endlich auch die Diakoninweihe und die Priesterinweihe kein Tabuthema mehr sind. Wir haben in unserer Gemeinde Seelsorgerinnen, denen wir diese Ämter zutrauen.“
Alle Gemeindemitglieder wurden letztlich aufgefordert, die Aktion durch ihre Unterschrift zu unterstützen.

Die Bereitschaft der Gemeindemitglieder, den Offenen Brief durch ihre Unterschrift zu unterstützen, war geringer, als es sich die Initiatoren erhofft hatten. Obwohl der Offene Brief den ca. 5.500 Katholiken der hiesigen Seelsorgeregion, d.h. den Gemeinden St. Ludgerus in Aurich, Maria – Hilfe der Christen in Wiesmoor, St. Willehad in Esens und St. Marien in Moormerland via Gemeindebrief vorgelegt wurde und zahlreiche Urlauber, insbesondere in der Kuratie Esens, per Kanzelverkündigung zum Mitmachen aufgefordert wurden, kamen ca. 500 Unterschriften zusammen, davon waren ca. 50 Unterschriften von Urlaubsgästen.

Die Sache wurde am 13. Juni 1992 in der hiesigen Presse öffentlich gemacht. In unserer Kirchenchronik ist vermerkt: „In der St. Ludgerusgemeinde ist viel Unruhe durch den Offenen Brief und dessen Veröffentlichung in der Zeitung.“ Somit wurde jedenfalls ein Teilziel erreicht, denn es ist ja indes bekannt: „Es muß Unruhe im Land herrschen, wenn man etwas verändern will!“

Im August 1992 hat sich der Priesterrat mit der Frage befaßt, wie man dem Problem des Priestermangels begegnen und die seelsorgerische Betreuung der Kirchengemeinden gewährleisten kann. Vertreter des Pfarrgemeinderates haben im September 1992 anläßlich einer Konferenz in Leer die Fragen des Offenen Briefes mit Domkapitular Hawighorst diskutiert. Schließlich hat am 21. Dezember 1992 Pfarrer Theodor Paul im Auftrag des Bischofs zum Offenen Brief vom 4. Juni 1992 Stellung genommen.

[Der Inhalt der Stellungnahme ist in der Chronik nicht hinterlegt.]

Von Juni bis Ende August 1992 war Pater Martin aus Kolumbien als Seelsorger in der St. Ludgerusgemeinde tätig, da der Pfarradministrator, Pastor Hubert Heinelt in Esens, durch die Urlaubssaison stark in Anspruch genommen war.

Dr. Max Freyland, ein Mitglied der St. Ludgerusgemeinde, hat in vierjähriger Arbeit einen Kreuzweg mit 15 Stationen geschaffen, den er der Kirchengemeinde als Dauerleihgabe überließ. Nach den Gottesdiensten am 4./5. April 1992 stellte er sein Werk der Gemeinde im St. Bonifatiushaus vor. Der Kreuzweg wurde in der Kirche an Stelle der bisherigen Stationsbilder angebracht.

[Der Kreuzweg ist im Lexikon der Webseite unter den folgenden Links in Wort und Bild ausführlich dargestellt.

Einführung und I. Station
II., III. und IV. Station
V. und VI. Station
VII., VIII. und IX. Station
X., XI. und XII. Station
XIII. und XIV. Station]

1999 besuchten Auricher Schülerinnen und Schüler im Rahmen der Wissenschaftstage Walter und Inge Jens auf dem „Tübinger Olymp“, auch „Professorenhügel“ genannt.

Im Rahmen der Auricher Wissenschaftstage 1999 besuchte der Tübinger Professor Dr. Walter Jens mit seiner Gattin unsere Pfarrgemeinde. Beide waren von den Stationsbildern tief beeindruckt: „Ostfriesland leuchtet, nur die Meditationen – der unvergeßliche Kreuzweg, in dem sich das Gestern zum Heute fügt – wirken [noch] weiter“.

Vom 18. bis zum 20. September 1992 fand der 1. Ostfriesische Kirchentag statt. Die ON berichtete: „Die Veranstalter des 1. Ostfriesischen Kirchentages in Aurich zogen eine positive Bilanz. Trotz des Regens am Sonnabend kamen über 10.000 Besucher. Allein an dem Gottesdienst auf dem Marktplatz nahmen 5.000 Menschen teil. Der Kirchentag war das bislang größte ökumenische Treffen in Ostfriesland. Die gute Teamarbeit zwischen den Lutheranern und den Reformierten war symbolisch für die Gemeinsamkeit der beiden Kirchen, sagte Landessuperintendent Walter Herrenbrück (ev.-ref.). Pastor Jann Schmidt meinte, die kirchliche Landschaft Ostfrieslands sei nach diesem Ereignis eine andere als vorher: „Lutherische und Reformierte Gemeinden haben festgestellt, es gibt auch noch andere Mitchristen.“ Der Ökumene-Gedanke müsse aber noch gestärkt werden, hieß es, z.B. durch aktivere Beteiligung der Katholiken. Das Kirchentags-Motto „Weest nich bang“ sei gut angekommen, fand Pastor Siek Postma. Die Leute hätten sich durch dieses Leitwort in ihren „Grundbefindlichkeiten und vielschichtigen Ängsten“ angesprochen gefühlt und seien ermutigt worden, miteinander zu überlegen, wie diesen Ängsten zu begegnen sei.“

Indes wurden die Ängste der St. Ludgerusgemeinde wegen des Fehlens eines Pfarrers durch den Bischöflichen Stuhl bald zerstreut. Bereits Anfang Oktober 1992 wurde bekannt, daß zum 1. November 1992 Pastor Dr. Burkard Sauermost zum Pfarrer von Aurich ernannt werden sollte. Am 16. November 1992 stellte sich Pfarrer Dr. Burkard Sauermost den Gremien der St. Ludgerusgemeinde vor. Er wurde am Sonntag, dem 13. Dezember 1992, von Dechant Herbert Brockschmidt in sein neues Amt eingeführt. Nach der Eucharistiefeier fand ein Empfang im St. Bonifatiushaus statt. Die St. Ludgerusgemeinde schätzte sich glücklich, wieder einen Hirten zu haben.

Burkard Sauermost wurde am 9. Februar 1947 in Nordhorn (Kreis Grafschaft Bentheim) geboren, dort machte er am neusprachlichen Gymnasium 1966 sein Abitur. Von 1966 bis 1968 studierte er Philosophie in St. Georgen in Frankfurt a.M. 1969 erwarb Burkhard Sauermost in Innsbruck das Philosophische Lizentiat. Von 1969 bis 1972 studierte er Theologie in Tübingen und Münster, das Studium schloß er zunächst mit dem Diplom ab. Die Studienzeit war von 1970 bis 1971 aus politischen Gründen durch eine Zuchthaushaft in Ungarn (Budapest und Vac) wegen Fluchthilfe unterbrochen.

1972 bis 1974 bereitete sich Burkard Sauermost in Innsbruck auf die theol. Promotion vor und erwarb dort das theol. Lizentiat. Er war von 1975 bis 1977 Assistent am Seminar für Pastoraltheologie des kath.-theol. Fachbereiches der Universität Münster bei Prof. DDr. D. Emeis und Prof. DDr. H. Steinkamp. Die Diakonweihe empfing Burkard Sauermost 1977 in Osnabrück. Von 1978 bis 1979 war er erster Direktor der Stiftung Kloster Frenswegen bei Nordhorn, einer ökumenischen Bildungs-, Besinnungs- und Begegnungsstätte, deren Aufbau er 1975 bis 1977 als Geschäftsführer geleitet hatte. 1980 wurde er im Hohen Dom zu Osnabrück zum Priester geweiht.

Er war dann von 1980 bis 1984 Kaplan in Melle mit Diensten in Gemeinde, Gymnasium, Jugendarbeit, Erwachsenenbildung und Klinik. 1985 schloß er das Theologiestudium mit der Promotion in Innsbruck ab, der Doktorgrad wurde ihm 1987 verliehen. Von 1985 bis 1988 war Burkard Sauermost Rektor der Akademie und Heimvolkshochschule Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen/Ems mit Schwerpunkten u. a. in der spirituellen, theologischen und katechetischen Bildungsarbeit sowie in der niedersächsischen Lehrerfortbildung. Anschließend war er von 1988 bis 1992 Pastor in der Kirchengemeinde St. Barbara und Hedwig in Barnstorf bei Diepholz. Dort begann er dann mit ersten vorbereitenden Arbeiten zur geplanten theol. Habilitation „Lebenserfahrung und Glaube“.
Vom 3. Adventssonntag 1992 bis zum Hochfest Fronleichnam 1995 war Burkard Sauermost Pfarrer an St. Ludgerus in Aurich. Er wurde dann durch den Bischof von Osnabrück für die Habilitation an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster freigestellt. Die Habilitationsschrift „Lebenserfahrung und Gaube“ fertigte er von 1995 bis 1997.

Prof. Dr. Burkard Sauermost lehrt heute am Philosophisch-Theologischen Studium der Erzdiözese Berlin; die Hochschule wurde im Sommersemester 1999 der Päpstlichen Hochschule Gregoriana (SJ) affiliiert.

Pfarrer Dr. Burkard Sauermost beschrieb in „auf ein wort“ seinen Wunsch, mit dem er nach Ostfriesland kam, mit dem Zitat aus dem Römerbrief Kap.1, Vers 11 ff:
„Ich wünsche sehr, euch zu sehen; ich möchte euch geistliche Gaben vermitteln, damit ihr dadurch gestärkt werdet, oder besser: damit wir, wenn ich bei euch bin, miteinander Zuspruch empfangen durch euren und meinen Glauben.“

Am 6. Juli 1993 wurde die Führung der Kirchenchronik der St. Ludgerusgemeinde offiziell Helena Günther übertragen. Sie schrieb dazu: „Zur Anregung bzw. Nachahmung bekomme ich den Band für das Jahr 1989 – geführt von Pfarrer Norbert Krümel – zu treuen Händen ausgehändigt, Zeitungsnotizen, Vermeldungen, Gemeindebriefe – als „fliegende Strohhalme“ in einer Klappmappe gesammelt – zur Bearbeitung überreicht, und das Ganze mit freundlichen Worten von Pfarrer Dr. Sauermost erläutert, wie er sich die Erstellung dieser Chronik vorstellen könnte. Die erste Durchsicht der „Buchführung“ meines Vorgängers macht mich verzagen. Eine solch akribisch genaue Festlegung der Gemeindeaktivitäten wird nicht möglich sein, weil ich als Außenstehender nicht den Einblick in den „Ludgerusalltag“ haben kann. Mir wird mit Erstaunen klar, worum sich ein Pfarrer zu kümmern hat.“

Aus meiner Sicht [Manfred Franz Albrechts Sicht], der ich die Chronik unserer Gemeinde von Dechant Lammers‘ Zeiten bis heute für meine Arbeit ausgewertet habe, kann ich Frau Günther nur bestätigen, daß ihr Teil der Chronik ein ebenso brauchbares Arbeitspapier ist wie der Teil ihrer Vorgänger.

Heinrich Voorwold 2014 in Neuauwiewitt.

Im Rahmen der Heiligen Messe nahmen am 12. September 1993 die Diakone Heinrich Voorwold und Norbert Halm Abschied von der St. Ludgerusgemeinde. Der Grund dafür war die Neuordnung der kath. Seelsorgebezirke in Ostfriesland. So ist über Jahrzehnte hinweg die St. Mariengemeinde Moormerland von Aurich seelsorgerisch betreut worden, und damit waren auch die beiden Diakone aus dieser Gemeinde oft in Aurich anwesend. Mit der Neuordnung gehört Moormerland nun zur St. Michaelgemeinde in Leer. Nach dem Gottesdienst bedankte sich die St. Ludgerusgemeinde bei Diakon Heinrich Voorwold und Diakon Norbert Halm mit einem Abschiedsempfang.

Seit November 1993 dringen im Sonntagsgottesdienst fernöstliche Klänge an unsere Ohren: das Evangelium – das PHUC AM – wird unseren vietnamesischen Geschwistern im Glauben in ihrer Landessprache verkündet. So ist es bis auf den heutigen Tag guter Brauch geblieben. Lektoren sind Tran van Sieu und Nguyen van Thu. Zur St. Ludgerusgemeinde gehören sechs vietnamesische Familien. Von diesen Christen gehen wertvolle Impulse für unsere Gemeinde aus. Trotz der materiell bescheidenen Verhältnisse, in denen sie leben, geht von ihnen eine innere Zufriedenheit aus, die ihre Wurzeln in dem tiefen Glauben dieser Menschen hat, die nicht zuletzt ihres Glaubens wegen ihre Heimat verlassen mußten. Wie wichtig ist der tägliche Umgang mit dem Glauben für diese Christen, um sie zu befähigen, ihr schweres Los gleichmütig zu ertragen. Sie zeigen immer ein frohes Lächeln, das uns Beispiel sein sollte. Sie beteiligen sich intensiv am Gemeindeleben: die Älteren helfen, wo sie können, die Jüngeren sind als Meßdiener/innen sehr aktiv, Trung-Tuan-Dung Le wurde 1997 in den Pfarrgemeinderat gewählt. Aus der Gemeinde sind unsere Vietnamesen schon nicht mehr wegzudenken. Sie sind für alle auch ein sichtbares Zeugnis für die Universalität der kath. Kirche.

Die Ökumene in Aurich feierte am Pfingstsonntag, dem 23. Mai 1994, ihr 25-jähriges Bestehen mit einem ökumenischen Gottesdienst in der ev.-ref. Kirche. Die Festpredigt „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“ (Eph 4,5) hielt Landessuperintendent W. Herrenbrück aus Leer. Dem Festgottesdienst folgte ein geselliger Abend im Gemeindehaus der ev. luth. Lambertigemeinde unter dem Motto „Dank für die Vergangenheit – Ja zur Zukunft“. Die Ökumene in Aurich besteht aus der evangelisch-reformierten, evangelisch-lutherischen, methodistischen, evangelisch-freikirchlichen und katholischen Gemeinde.

In der Pfarrgemeinderatssitzung am 27. April 1994 gab Marlis Prütz bekannt, daß sie mit Abschluß ihrer Ausbildung zur Gemeindereferentin Ende August 1994 ihren Dienst in der St. Ludgerusgemeinde beenden werde. Sie ging als Lehrerin an die Grundschule Upstalsboom in Haxtum.

Seit 1. September 1992 arbeitete Marlis Prütz als Gemeindeassistentin zur Berufseinführung in den Dienst der Gemeindereferentin. Ihre wesentlichen Handlungsfelder und Verantwortungsbereiche waren die Gemeinde- und Sakramentenkatechese, die Kinder- und Jugendarbeit, die Familien- und Kindergottesdienste neben schulischem Religionsunterricht und verschiedener Projektarbeit. Mit großem Einsatz und Herz hat Marlis Prütz ihre zahlreichen Aufgaben in der St. Ludgerusgemeinde wahrgenommen. Nach dem Gottesdienst am Sonntag, dem 17. Juli 1994, wurde sie von der Gemeinde herzlich verabschiedet.

Marlies Prütz bei einem Kindertreff ca. 1990 mit Johannes Funke.

Die Nachfolge hat Hildegard Goeman angetreten. Die gelernte Erzieherin gehörte bis dahin zur Esenser St. Willehadgemeinde. Eine Frau von der Basis für die Basis – diesen Weg ging sie bisher, indem sie Gemeinde auf vielen Ebenen kennengelernt hatte. Nach und nach reifte in ihr der Gedanke, ihr ehrenamtliches Engagement in eine berufliche Qualifikation umzuwandeln. Den ersten Schritt wagte sie 1994, als sie das Angebot, Gemeindekatechetin in der St. Ludgerusgemeinde zu werden, annahm. Die missio canonica erwarb Hildegard Goeman im September 1995. Die Ausbildung zur Gemeindereferentin schloß sie am 24. Juni 1998 ab. Im September 1998 wurde sie vom Bischof als Gemeindereferentin offiziell in unsere Kirche gesandt. Mit Kompetenz, Einfühlungsvermögen und gewinnender Freundlichkeit nimmt sie seidem die zahlreichen Dienste ihres Amtes in der St. Ludgerusgemeinde wahr.

Am 4. Januar 1995 erhielten die Mitglieder des Kirchenvorstandes und des Pfarrgemeinderates von Pfarrer Dr. Sauermost eine kurzfristige Einladung. Thomas Greulich schrieb damals in „auf ein wort“: „Es lag eine beklemmende Stimmung in der Luft, als wir zwei Tage später im Wohnzimmer des Pfarrhauses dem Ereignis entgegensahen, das sich im Wortlaut der Einladung bereits konturenhaft abzeichnete. Als Pfarrer Dr. Sauermost dann den Brief des scheidenden Bischofs, Herrn Dr. Ludwig Aver-kamp, vorlas, der seine [Sauermosts] Beurlaubung zum 1. Juli 1995 beinhaltete, verzog sich der Nebel der Ungewißheit. Nach zweieinhalb Jahren stand nun wieder eine „Vakanz“ bevor.“

Ludwig Averkamp 2007 bei der Wallfahrtseröffnung in Kevelaer.

Als Pfarrer Dr. Burkard Sauermost im Advent 1992 nach Aurich kam, ließ er die St. Ludgerusgemeinde darüber nicht im unklaren, daß es sich um eine relativ kurze Amtszeit handeln werde. Denn er hatte schon vor Beginn seiner Amtszeit in Aurich mit seiner Habilitation begonnen. Eine der letzten Amtshandlungen des scheidenden Bischofs von Osnabrück, bevor er als Erzbischof von Hamburg eingeführt wurde, war die Freistellung von Dr. Sauermost zur Fertigstellung seiner Habilitationsschrift „Glaube und Erfahrung“. Die St. Ludgerusgemeinde nahm erschrocken zur Kenntnis, wie kurz jedoch sein fruchtbares Wirken an St. Ludgerus sein sollte.

Wesentliche Punkte seines Wirkens in Aurich waren: den Konsens in der St. Ludgerusgemeinde im wesentlichen wieder herzustellen, die Finanzierung der neuen Orgel zusammen mit dem Kirchenvorstand und dem Bauverein auf eine sichere Grundlage zu stellen. Den Fortbestand des Kindergartens nach der Umstrukturierung aufgrund des Kindertagesstättengesetzes zu sichern und den notwendigen Ausbau voranzutreiben, seine erfolgreichen Bemühungen, die Schwesternstation für die St. Ludgerusgemeinde zu erhalten und sein Bestreben, neue Formen der ambulanten Krankenpflege zu suchen, denn durch das Pflegeversicherungsgesetz konnten die Aufgaben durch die Schwestern von der hl. Elisabeth nicht mehr wahrgenommen werden.

Dank seines tatkräftigen und umsichtigen Wirkens hinterließ Pfarrer Dr. Sauermost ein wohlbestelltes Haus. Die St. Ludgerusgemeinde konnte gelassen in die Zukunft sehen, denn der neue Pfarrer, Thomas Nonte, war vom Bischof schon ernannt, zum Pfarradmistrator war Dechant Herbert Brockschmidt bestellt, und für die Zeit der „Vakanz“ wurde der Claretiner-Pater Ansgar Schmidt als Seelsorger eingesetzt. Das alles machte den Abschied jedoch nicht leicht: so wurde Pfarrer Dr. Burkard Sauermost am Hochfest Fronleichnam 1995 von der St. Ludgerusgemeinde herzlich verabschiedet.

Die Zeit bis zum Eintreffen von Pater Schmidt überbrückte als Urlaubsvertretung Pater Dr. Jacob Hevi aus Ghana.

Im August 1995 traf der für die gesamte Zeit der Vakanz bestimmte Seelsorger Pater Ansgar Schmidt in Aurich ein. Er ist der leibliche Bruder unserer Chorleiterin Isburga Dietrich. Ansgar Schmidt wurde am 28. Februar 1957 in Vreden (Westfalen) geboren, machte das Abitur in Lüdenscheid und studierte Theologie in Frankfurt und Münster. Nach seinem Eintritt in die Ordensgemeinschaft der Claretiner wurde Ansgar Schmidt 1982 zum Priester geweiht. Pater Schmidt beabsichtigte den Orden zu verlassen, um Weltgeistlicher zu werden mit dem Ziel, später eine Pfarrstelle zu besetzen. So ist es Usus, daß der Ortsbischof, der sich bereit erklärt, den Ordensgeistlichen in seine Diözese aufzunehmen, den „Kandidaten“ zunächst in verschiedenen Pfarreien einsetzt. Für Pater Ansgar Schmidt war Aurich die erste Station auf seinem Weg aus dem Orden in die Welt. Ansgar Schmidt fühlte sich in der St. Ludgerusgemeinde sichtlich wohl. Er setzte neue Akzente: So hörten wir sein Gitarrenspiel des öfteren im Gottesdienst und erlebten einen Priester, der – wie er es selbst einmal ausdrückte – mit uns auf der Suche nach einem sinnvollen, glücklichen Leben war, und der mit uns versuchte, Jesu Botschaft vom Reich Gottes an- und ernstzunehmen. Mit einer Feier im St. Bonifatiushaus wurde Pater Ansgar Schmidt am 27. Juli 1996 verabschiedet. Als zweite Station auf seinem Weg trat er im Anschluß an seine rein seelsorgerische Tätigkeit in unserer St. Ludgerusgemeinde die Stelle des Pfarradministrators an St. Bonifatius in Wittmund an.

Teil 1 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – der Patron
Teil 2 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Vorgeschichte 1
Teil 3 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Vorgeschichte 2
Teil 4 | Chronik von St. Ludgerus Aurich Ortsgeschichte 1 Jahre 1632 bis 1930
Teil 5 | Chronik von St. Ludgerus Aurich Ortsgeschichte 2 – Jahre 1931 bis 1966
Teil 6 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Ortsgeschichte 3 – Jahre 1967 bis 1985

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