Turmgeflüster 2.12. | Was zählt?

Während seiner Afrikareise fragten Journalisten den Papst nach dem Kondomverbot der Kirche. Die Frage lag nahe. Viel zu viele Menschen in Afrika sind an Aids erkrankt.
Franziskus meinte, das sei kniffelig zu beantworten, weil im konkreten Einzelfall abgewogen werden müsse zwischen der Verteidigung des Lebens und der Offenheit für neues Leben.

Der Papst sieht andere Probleme im Vordergrund wie Unterernährung und Sklaverei. Er sagte, so lange es in Afrika Hunger gebe, Menschen zu wenig Wasser hätten oder durch Umweltverschmutzung zu Tode kämen, werde er keine „derart kasuistischen Überlegungen“ anstellen. Auf den Punkt gebracht: Er sieht wichtigere Aufgaben, als sich mit Kondomen, ja oder nein, zu beschäftigen.

Mich erinnert diese Unbestimmtheit an eine Szene im Neuen Testament. Menschen wollen eine Sünderin steinigen. Jesus bleibt in seinen Aussagen ebenfalls unbestimmt. Ist die Frau nun eine Sünderin? Ja oder nein? Er dreht die Sache um und sagt in die Runde: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Er will die Männer nicht statt der Frau beschuldigen. Er will ihren Standpunkt ändern, will sie milder stimmen, indem sie ihre eigene Schwäche begreifen. Das Experiment gelingt. Die Männer lassen die Steine fallen und gehen.

Franziskus hat Steine gar nicht erst aufgenommen. Er schreibt den Menschen nicht pauschal bis ins Schlafzimmer hinein vor, was sie tun oder lassen müssen. Er hat den Mut, in dieser Frage unbestimmt zu sein. Er will sich um das kümmern, was sehr bestimmt angegangen werden muss: nicht ob Menschen einander mit oder ohne Gummi lieben, sondern dass wir uns um die Not in der Welt kümmern.

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