Was die Welt im Innersten zusammenhält

Wissenschaftstage mit Vortrag von Prof. Dr. Judith Könemann | Von Delia Evers

Mancher Zuhörer hätte sich wohl gern ein bisschen auf die ewige Frage eingelassen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Doch das war bei den Auricher Wissenschaftstagen nicht Thema von Prof. Dr. Judith Könemann.

Die Wissenschaftlerin von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster sprach im Güterschuppen über „Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft. Moderne Formen des Glaubens und des Unglaubens“.

Die Rednerin kategorisierte und typisierte exakt. Das ist in Forschung und Lehre wichtig und aufschlussreich – auf einige Besucher des Abends wirkte der Vortrag jedoch merkwürdig zweidimensional, auch wenn es am Ende noch spannende Momente gab…

Könemann stellte 90 Minuten lang eine Sonderfallstudie aus der Schweiz über Religion und Spiritualität vor. Neue Erkenntnisse erwartete irgendwann im Saal wohl niemand mehr, denn beinah jedes Schaubild kommentierte Könemann selbst mit dem Hinweis, dass das Ergebnis ihre Zuhörer „sicher nicht verwundert“.

So war es: Die Institution Kirche verliert an Gewicht, stärker noch in der evangelischen als in der katholischen Kirche. Menschen distanzieren sich, wenden sich verstärkt alternativen und esoterischen Strömungen zu oder ganz von allem Göttlichen weg.

Prof. Dr. Judith Könemann sprach über eine Schweizer Studie. Könemann war von 2005 bis 2009 Direktorin des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) in St. Gallen und Geschäftsführerin der Pastoralplanungskommission der Schweizer Bischofskonferenz.

In den 1980er-Jahren seien viele davon ausgegangen, dass Religion, also die Rückbindung an eine göttliche Instanz, grundsätzlich aussterbe. Schon in den 1990er-Jahren habe es eine starke Rückbesinnung gegeben.

Menschen hätten sich allerdings weniger an Institutionen gekoppelt, sondern individuell geglaubt und sich freie Formen gesucht. Der religiöse Mensch sei nicht mehr „öffentliche Person“, er rücke seinen Glauben ins Private und entscheide selbst, wie er ihn gestalte.

Viele Wissenschaftler gingen davon aus, berichtete Könemann, dass die institutionalisierten Kirchen als öffentlich-rechtliche Einrichtungen und wegen mangelnder Konkurrenz über die Jahre „müde und schwach geworden“ seien. In der Ich-Gesellschaft von heute seien religiöse und caritative bzw. diakonische Angebote der etablierten Kirchen fast vollständig durch säkulare Angebote z.B. sozialer und staatlicher Einrichtungen sowie digitaler Netzwerke ersetzbar.

Dennoch habe die Institution Kirche ihren hohen Stellenwert im diakonischen Bereich behalten. Darüber beziehe sie einen Großteil ihrer Achtung. Glaubwürdigkeit hingegen werde ihr kaum noch zugesprochen.

Dass Könemann trotz ihres eher statischen Vortrags munter reden konnte, zeigte sich in der Fragestunde. Eine Dame aus dem Publikum meinte, der jungen Generation fehle es heute an Respekt und an Vorbildern. Das heize die Glaubensmisere an. Könemann konterte (und erntete dafür ihren einzigen Zwischenapplaus), Respektlosigkeit erlebe sie auch in der älteren Generation; zwar seien Menschen früher mehr in Glaubensformen verhaftet gewesen; das sage allerdings nichts über ihre Glaubensstärke aus.

Wer sich früher nicht an religiöse und gesellschaftliche Gepflogenheiten gehalten habe, sei aus der Gemeinschaft ausgegrenzt worden. So sei man als Katholik quasi gezwungen gewesen, sonntags in die Kirche zu gehen. Heute könne das jeder halten, wie er wolle, ohne Sanktionen fürchten zu müssen.

Aus hohen Mitgliedszahlen und Besuchszahlen in den Kirchen ließen sich keine Rückschlüsse auf die Glaubensstärke von Menschen ziehen.

Da leuchtete bei einigen im Plenum ein bisschen Hoffnung auf. Haben wir die „gute, alte Zeit“ der Kirchen überschätzt? Liegen wir gar nicht so schlecht da? Und wird es höchste Eisenbahn, dass wir volle Kirchen nicht mehr mit Glaubensfülle verwechseln? Ist am Ende vielleicht sogar der Glaube das, was die Welt – mit Gott verbunden – im Innersten zusammenhält?

Könemann sagte: „Man kann das [heutige Zustandsbild der Kirchen] nicht als Verfall interpretieren.“ Eher seien die äußeren Stützpfeiler weggebrochen. Das mache das Bild realistischer.

Angebote auf hohem Niveau könnten förderlich sein. „Die Predigt eines Pastors, die auf alle passt, gibt es nicht.“ Damit machte Könemann Mut, klare Kante zu zeigen und sich nicht durch beliebige oder anbiedernde Angebote der säkularen Konkurrenz anzugleichen, sondern zu zeigen, was die Institution Kirche von der säkularen Konkurrenz unterscheidet.

Kirche kann Nährboden für den Glauben an einen Gott sein, bei dem wir mit all unserer Menschlichkeit selbst im Tod noch aufgehoben sind. Bis es soweit ist, arbeiten wir daran, Seine Liebe durch unsere Hände gehen zu lassen.

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