Zahnabdrücke als Zeichen der Wut

Der Julitermin führte die Klüngeltüngels zum Gut Altenkamp in Aschendorf, wo  die Ausstellung „Mosaik Syrien – Kunst und Leben“ zu sehen ist, auch mit Bildern der Trauer und der Wut.

Dort angekommen, erwartete sie schon die Führerin Editha Janson, die selber Künstlerin ist und maßgeblich an der Planung und dem Aufbau der Ausstellung beteiligt war, also die besten Voraussetzungen, um den Klüngeltüngels die Ausstellung nahe zu bringen.

Editha Janson führte die Klüngeltüngels engagiert und fachkundig durch die Ausstellung.

Sie setzt sich aus vielen kleinen Teilen zusammen, die dann im Ganzen das Mosaik Syrien ergeben. Zu sehen gibt es Fotos, Gemälde und Dinge des täglichen Gebrauchs sowie historische Exponate, die vom Islamischen Museum in Berlin zur Verfügung gestellt wurden, z.B. ein reich verzierter Kerzenständer aus Messing und Keramik aus der Mitte des 14. Jahrhunderts.

Als Kontrast zu unserem Bild von Syrien, das  in erster Linie als ein durch den andauernden Krieg zerstörtes Land wahrgenommen wird, zeigt der Fotograf  Issam Hajjar ein Syrien, wie es die Bewohner in Erinnerung haben: von ihrem Zuhause vor dem Krieg.

Die Bilder spiegeln die Vielfalt der Landschaft Syriens wider: das Küstengebirge mit seiner mediterranen Vegetation, weite fruchtbare Ebenen, Pistazien-  und Olivenhaine und im Süden die große Wüste.

Blick auf die Außenanlagen des Guts.

Ein Kuppelbau ist zu sehen, die traditionelle Hausform in der Wüste, bei dem durch ein ausgeklügeltes Belüftungssystem ein Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen von 20 ° C erreicht wird; außerdem werden Wüstenbewohner gezeigt, deren  Kopftuch und Gesichtsverhüllung – so hat es Editha Janson vom Künstler erfahren – nicht Ausdruck religiöser Zugehörigkeit sind, sondern ganz praktisch gegen den alles durchdringenden  Sand schützen sollen.

Es gibt Bilder von der intakten Stadt Aleppo, die als die älteste Stadt der Welt gilt. Aleppo hatte vor dem Krieg 1,5 Mill. Einwohner, heute leben in Aleppo noch 30.000 Menschen.

Weitere  Fotos zeigen die Wüstenoase Palmyra, die im Mittelalter an einer wichtigen Karawanenstrasse lag und in der sich durch Einflüsse aus allen Richtungen eine faszinierende Mischung aus östlicher und westlicher Kultur entwickelte. Das antike Palmyra gehört heute zum Weltkulturerbe, ist aber vom Krieg nicht verschont geblieben  und weiter zerstört worden.

Auf vielen Bildern versucht der Künstler, einen Eindruck von der Hauptstadt Damaskus zu vermitteln.  Zu sehen sind u.a. Wohngebäude, Suks, Innenhöfe und Straßen.

Klüngeltüngels im Park. Fotos: Wolfgang Holzbach

Editha Janson berichtete von einer Begebenheit, bei der ein junger syrischer Besucher beim Anblick eines Bildes plötzlich sagte: „In dieser Straße habe ich meinen Vater das letzte Mal gesehen.“

Syrien ist ein Land, das nach dem Aufstand 2011 sein altes Selbstbild verloren hat. Deshalb sind viele syrische Künstler auf der  Suche nach neuen Vorstellungen von ihrem Leben, ihrer  Zukunft und ihrem Land.

In der Ausstellung zeigen 16 international bekannte, zeitgenössische syrische Maler, die zum Teil heute im Ausland leben und deren Werke im Finanzrahmen von 15.000 bis 150.000 Euro gehandelt werden, zum überwiegenden Teil abstrakte Arbeiten.

Bei einigen Gemälden ist die Auseinandersetzung mit  dem Krieg unverkennbar. Auffällig bei allen Gemälden ist, dass sie sehr düster mit ganz wenig Farbe und oft nur in Schwarz-Weiß gemalt sind.

In einem weiteren Teil der Ausstellung geht es um syrische Wohnwelten. Hier ist u.a. ein Bettzeugstapel aus lauter bunt bestickten Decken aufgeschichtet.

Wenn in Syrien ein Fest gefeiert wird, ist es nicht unüblich, dass einige Hundert Gäste erwartet werden. Daher halten die Familien einen Bettzeugstapel vor, um ihre Besucher beherbergen zu können. Mit der Höhe des Stapels  repräsentieren die Dorfbewohnerinnen ihren Wohlstand.

Es gehört zur Tradition, dass vor einer Hochzeit die Braut mit dem Bettzeugstapel durch das Dorf zieht, damit alle sehen  können, wie wohlhabend sie ist.

Die Gastfreundschaft in Syrien ist legendär. So ist es selbstverständlich, dass ein Gast, auch wenn er nicht eingeladen wurde, eine Woche bleibt und von der Familie bewirtet wird. Erst am dritten Tag darf der Gastgeber nach dem Grund des Besuches fragen.

Editha Janson erzählte die Legende von einem Mann, der zu einer Familie kam, die nicht mit Reichtümern gesegnet war und die sogar das letzte Rennpferd, das sie noch im Stall hatte, schlachten musste, um ihren Gast beköstigen zu können. Als der Familienvater den Gast nach drei Tagen fragte, was sein Begehren ist, antwortete dieser, er würde gerne ihr Rennpferd  kaufen.

Ein beeindruckendes Kunstwerk schuf die Künstlerin Ali Al Ansai. Sie nennt es „2012“.

Im Jahre 2012 wurde der Familie von Ali Al Ansai mitgeteilt, dass ihr Bruder im Krieg gefallen sei. Als sie seinen Leichnam beerdigen wollten, stellten sie fest, dass der junge Mann durch einen Genickschuss hingerichtet worden war.

Um ihre Wut und ihre Trauer zu verarbeiten, schlug sie ihre Zähne in Keramikmasse und wiederholte dies solange, bis 2012 Gebissabdrücke entstanden waren. Die ständige Wiederholung bezeichnet sie selber als wichtige Beziehung zwischen Leben und Tod. Die Gebissabdrücke sind auf einem hohen fahrbaren Lazarettbett angeordnet  und sehen für den Betrachter im ersten Augenblick fast aus wie Muscheln.

Ausschnitt aus dem eindrucksvollen Werk der Künstlerin Ali Al Ansai: Zahnabdrücke als Zeichen der Wut.

Das hohe Bett symbolisiert für die Künstlerin einen Sarg, der auf den Schultern getragen wird, und die Rollen auf denen es steht, versinnbildlichen, dass der Tod sie verfolgt, auch wenn er Form und Ort jedes Mal ändert, wenn er sie berührt.

Nach der fast eineinhalbstündigen Führung durch die beeindruckende Ausstellung mussten die Klüngeltüngels sich erst einmal stärken und das Gehörte sacken lassen.

Also fuhren sie in das Arkadenhotel nach Papenburg, wo es Kaffee, Eis oder andere nette Kleinigkeiten zum Verzehren gab. Da das Hotel direkt neben der St.-Antonius-Kirche liegt, wurde diese natürlich auch noch besichtigt. Weil es sich bei der Antoniuskirche um die Heimatkirche von Hildegard Lüken handelt, bekam die Gruppe auch hier noch eine fachkundige Führung.

Die Klüngeltüngels vor Gut Altenkamp.

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