Zum Glück kam „der gute Mann“

Richard Godemann begann vor 50 Jahren Dienst in St. Ludgerus | Von Delia Evers

Am 11. November 1929 kam in Thiene nördlich von Osnabrück ein Junge zur Welt – zum Glück für seine stetig wachsende Familie und zum Glück für die katholische Kirchengemeinde St. Ludgerus Aurich: Richard Godemann.

Vor 50 (in Worten: fünfzig) Jahren begann er in der Pfarrei seine ehrenamtliche Tätigkeit.

„Glück muss der Mensch haben – und wenn er keins hat, muss er einen Menschen haben.“ Dieser Spruch steht in einem Erinnerungsbuch der Godemanns. Richard hat immer Menschen um sich gehabt. Er begleitete sie, und sie begleiteten ihn.

Das begann schon in seiner Kindheit. Richard ist auf einem alten Bauernhof in Thiene zu Hause. Der liegt in der Landschaft, als wäre er einem Hochglanzmagazin für schönste Anwesen entsprungen. Dort in Thiene leben seit 250 Jahren Godemanns. Ihre Vorfahren hatten sich während des 30-jährigen Kriegs aus Thüringen auf den Weg gemacht.

„Es waren drei Männer“, erzählt Richard Godemann, „zwei starben an der Pest.“ Der dritte gründete eine Familie. Die Thüringer hatten keinen Nachnamen mitgebracht. Sie hießen bei allen Einheimischen gode Manns: gute Männer. Aus dieser ehrenvollen Einschätzung wurde der Nachname.

Richard war das älteste von sechs Kindern und wuchs bis in die Haarspitzen bodenständig und katholisch auf.

Richard (l.) als Kind mit Geschwistern.

Er erinnert sich an die strenge sonntägliche Christenlehre – und an die Schläge, mit denen ein Pater seinen Schützlingen zusetzte. Auch Richard bekam welche. Er hatte bei der Vorbereitung auf seine Erste Heilige Kommunion eine Frage nicht beantworten können.

Richard litt schwer unter Bronchialasthma. Trotzdem wollte er kicken. Einmal traute er sich als Torwart in ein Spiel. Er dachte: „Da muss ich nicht so viel rennen wie die anderen. Ich bekam drei Schüsse. Alle drei gingen rein. Das war‘s.“

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war Richard zehn. An regelmäßigen Unterricht war irgendwann nicht mehr zu denken; so lernte er zunächst ein Jahr lang bei einem Kaplan vor allem Latein. 1941 wechselte er auf das Carolinum in Osnabrück, jene altehrwürdige Schule, die auf Karl den Großen zurückgeht und im Schatten des Doms liegt.

Die Mutter schlug ihm frühmorgens ein rohes Ei. Das war sein Frühstück. Richard stieg in den Zug, fuhr in die Bischofsstadt und überbrückte die Wartezeit bis zum Unterrichtsbeginn mit einer Heiligen Messe in der Kapelle gleich neben dem Dom.

Richard mit Geschwistern und Eltern.

1944 und 1945 zerstörten Bomben die Schule. Fortan lernte Richard in Bersenbrück. Er radelte in die nahe Stadt und wurde immer wieder von Tieffliegern in Gräben gezwungen. Kaum ein Tag verging ohne Alarm. Schließlich gab es keinen Unterricht mehr.

Erst 1951 legte er seine Reifeprüfung ab. „Wir haben zwei Jahre verloren.“

In Mathematik war er der Klassenbeste. Richard lächelt: „In Sport, Musik und Singen war ich ebenfalls gut, in Deutsch ziemlich schlecht. Latein ging so.“ Dann wollten ab der dritten Klasse noch Griechisch und Englisch bewältigt werden. Am Ende schaffte er seine Reifeprüfung. Von den 63 Abiturienten, die studieren wollten, wählten 16 Theologie.

Richard hatte andere Vorstellungen. Immer war er liebend gern mit Vater Franz über die Weiden gegangen und hatte alles aufgesaugt, was man rund um das Anwesen wissen konnte. Bauer wäre er gern geworden, aber auf dem Hof galt das Jüngstenerbrecht. Seine Eltern sahen ihren Sohn als Arzt, Tierarzt oder Anwalt. Richard hatte allerdings längst eine grundlegende Erfahrung gemacht.

Sein Vater war über 20 Jahre Bürgermeister in Thiene gewesen. Nach dem Krieg hatte er 23 Flüchtlingen auf seinem Hof eine Bleibe gegeben. Darunter war ein ehemaliger Wehrmachtssoldat aus Ostpreußen. Über zwei Jahre teilte sich Richard mit ihm das eigene Bett. Der Flüchtling schwor auf Vermessungstechnik. Jede freie Minute verschlang er in einem Alfhausener Vermessungsbüro Fachliteratur und steckte Richard mit seiner Begeisterung an.

Richard mit Vermessungsinstrument in Aktion.

Richard hatte sich schon immer darüber gewundert, dass die Ländereien des 35 Hektar umfassenden väterlichen Hofs auf 29 Stellen verteilt waren. Immer mal wieder hatte er vorgeschlagen, Grund und Boden mit anderen Landwirten zu tauschen, um die Arbeitsabläufe zu optimieren. Der Vater hatte abgelehnt. Er hing an jeder Scholle, egal wie ungünstig sie lag. Er glaubte fest, dass gerade seine 29 Flächen die höchste Qualität hatten.

Richard drängte weiter. So kam es später doch noch zu einer erfolgreichen Flurbereinigung.

Genau das reizte Richard an der Vermessung. Sie machte solche Neuordnungen möglich.

Richard war schon immer auch für Spaß zu haben.

Nach einem Praktikum schrieb er sich an der Technischen Hochschule Hannover für den Studiengang Geodäsie ein. Er wohnte in der Küche eines fremden Ehepaars. Seine Utensilien barg er in einem Brotkasten.

Sein Koffer ersetzte den Kleiderschrank. Später zog er in ein etwas komfortableres Gemach nahe der Hochschule.

In den Semesterferien arbeitete er beim Katasteramt Hannover als Messgehilfe.

Damals stand der Flughafen Hannover-Langenhagen vor dem Bau. Richard steckte mit seinen Kollegen die Umringsgrenzen ab und kam mit Landwirten in Kontakt, lernte ihre Anliegen und Bedürfnisse kennen und nahm sie ernst.

„Von meinem ersten Geld kaufte ich mir ein Radio“, erzählt Richard und freut sich noch heute über den ungewohnten Luxus.

Die Diplomarbeit reichte er 1955 ein. Sie war aufs Beste gelungen. Bis 1960 absolvierte er sein Referendariat, durchlief Stationen in Bersenbrück, Wilhelmshaven, Meppen, Osnabrück und Hannover.

Während dieser Zeit zog er einmal mit seinem Professor über Land. „Ich kannte mich in der Gegend gut aus – und in der Landwirtschaft ohnehin. Ich stellte ihm ein paar kluge Fragen.“ Der Professor  war beeindruckt und vermittelte Richard nach dem bestandenen zweiten Staatsexamen eine Stelle in Aurich.

Zum „Bund“ musste Richard wegen seines Bronchialasthmas nicht.

Seine erste Wohnstatt in Aurich war 1960 der Elisenhof am Ems-Jade-Kanal. Alles war feucht. „Der Keller stand unter Wasser.“ Aber sonst fühlte Richard sich wohl. Am 1. April 1960 begann er als Vermessungs-Assessor beim Kulturamt Aurich, eine Landesbehörde.

Zu diesem Zeitpunkt war er bereits seit drei Jahren glücklich verliebt.

Er war 1957 bei seinen Eltern auf dem Hof in Thiene gewesen, als eine Freundin seiner Schwester Agnes mit ihrem roten Moped zu Besuch kam. Sie war vom Haus ihrer Eltern in Hagen am Teutoburger Wald aufgebrochen: Margret Witte. Sie und Agnes gingen beide auf die Ursula-Schule in Haste-Osnabrück. In den Pausen tauschten sie ihre Brote. Agnes hatte selbstgebackenen Weizenstuten dabei. Margret, Tochter eines Fleischermeisters, wartete mit Wurststullen auf.

Freundschaft mit Folgen: Margret und Agnes.

Richard war von der Moped-fahrenden Margret sehr angetan. Im November schrieb er dem jungen Mädchen einen Brief. Er regte einen Spaziergang an. Margret fragte vorsichtshalber ihre Mutter: „Soll ich zurückschreiben?“ Sie meinte: „Ja“ – und die Liebesgeschichte, die 1962 mit der Hochzeit richtig in Fahrt kam, begann. Inzwischen hat ihre Ehe 55 gute Jahre gesehen.

Junges Glück.

1961 trat Margret ihre erste Lehrerstelle an der katholischen Schule in Emden an.

Gut zehn Monate nach der Heirat drängte der erste Junge auf die Welt. Drei weitere folgten in kurzen Abständen: 1963 kam Martin, 1964 Christoph, 1966 Bernd und 1967 Frank.

Als Margret den dritten Jungen austrug, legte sie eine „Unterrichtspause“ ein.

1972 vergrößerten sie und Richard wegen der älter werdenden Kinderschar ihr Haus, das sie am Amtmannskamp gebaut hatten.

Längst saß Richard in seiner Landesbehörde fest im Sattel. Er hatte die technische Leitung für große Flurneuordnungsverfahren u.a. im Steenfelder Bereich, in der Krummhörn und im Emder Bereich. Er war der jüngste von vier Dezernenten.

Glückliches Paar.

Mit 40 Jahren wurde er zum Oberrat befördert. Ab 1974 war er Vertreter des Amtsleiters.

Sieben Jahre später wurde er Vermessungs-Direktor und Leitender Technischer Beamter des Amtes für Agrarstruktur. Er plante und organisierte, teilte ein und sorgte für reibungslose Abläufe.

Sein Vorgehen war so ausgewogen, dass fast alle Verfahren ohne nennenswerte Widersprüche durchgeführt werden konnten. Richard gestaltete mithilfe der Flurneuordnungen die Küstenregion nachhaltig mit.

Der Bau der Autobahnen A 28 und A 31 mit besonders hohen Anforderungen an Raumneuordnungen und Auseinandersetzungen in Politik, Bürgerschaft und Landwirtschaft fiel in seine Zeit. „Das waren Riesenmaßnahmen!“ Er fuhr zu Bauern, deren Höfe für eine Aussiedlung in Frage kamen. Er redete mit ihnen, verhandelte und erreichte, dass 30 landwirtschaftliche Betriebe aus- bzw. umgesiedelt werden konnten.

Dabei kamen ihm seine guten landwirtschaftlichen Kenntnisse und sein verbindlicher Umgang mit den Bauern zu Gute.

Richard vergaß nie, dass er selbst gern Bauer geworden wäre, und sprach mit ihnen, „als wenn ich einen Hof gehabt hätte. Wir kamen zu guten Beschlüssen.“

Immer mal wieder geschah es, dass Richard – Frau und Kinder im Auto – zu seinen Arbeitsstätten aufs Land fuhr. Dann streifte er ausgiebig und hochinteressiert mit den Bauern übers Gelände und fühlte sich ein bisschen wie sie. Er regelte, was zu regeln war, und kehrte angefüllt mit Berufsfreude zum Auto zurück. Die Familie hatte (nicht immer geduldig) gewartet.

Richard und seine vier Jungs.

Vor einem Vierteljahrhundert, am 31. Januar 1992, ging Richard in den Ruhestand. Ein Vertreter der Bezirksregierung sagte damals über ihn: „Er war trotz der erbrachten Leistungen immer ein bescheidener Mensch, der das Dienen als Grundsatz seiner Arbeit gesehen hat.“ Und weiter: „Richard Godemann hat seine persönliche Neigung mit seiner beruflichen Arbeit nahtlos verknüpft.“

Und noch ein Lob gab es: Richard Godemann habe „wesentlich dazu beigetragen, dass Führungskräfte der Verwaltung hervorragend ausgebildet worden sind“.

Diese Qualitäten setzte Richard Godemann längst auch in seinem „Zweitjob“ ein. Von Beginn an war er in Aurich Kirchgänger noch unter Pfarrer Josef Lammers (im Amt von 1940 bis 1970) gewesen. Den angestammten Ludgerianern blieb nicht verborgen, dass Richard gern „handgreiflich“ zupackte und in allen technischen Dingen viel zu sagen hatte.

1967 – vor 50 Jahren – kandidierte er erfolgreich für den Kirchenvorstand und blieb mit einer kleinen Unterbrechung über alle Wahlen hinweg Mitglied bis 1996.

Richard mit Diakon Heinrich Voorwold *.

Wesentliche Projekte, die für die Gemeinde bis heute von großer Bedeutung sind, fielen in diese Zeit.

Die Gemeinde löste, angeführt von Pfarrer Norbert Krümel (im Amt von 1970 bis 1992), die alte Schule auf. Am 19. Juli 1972 saßen zum letzten Mal Kinder in den Bänken. Am 8. Januar 1973 zog nach einem Umbau der katholische Kindergarten ein.

Ein weit größeres Projekt folgte: der Bau des Gemeindezentrums mit Pfarrhaus 1977 (Einweihung 1978). Die Geschichte war nicht ohne Blessuren abgegangen: Heftige Debatten hatten für heiße Köpfe gesorgt. Drei betagte Häuser der Gemeinde, fast idyllisch wie das heutige Schwesternhaus am Georgswall gelegen, sollten für das neue Gemeindezentrum mit Pfarrhaus weichen.

Die einen waren dafür, die anderen dagegen. Eine Nacht- und Nebelaktion setzte den aufregenden Schlusspunkt: Von heute auf Morgen waren zwei der Häuser ohne städtische Genehmigung weg. Umstände ungeklärt! Und auch das sogenannte „Gelbe Haus“ musste schließlich weichen.

Dabei gab es bereits Kummer mit „Aurich“. Der Bauausschuss des Stadtrats wollte das Bonihaus nicht genehmigen, denn, Zitat:  „Der Bau sieht aus wie ein Stall.“ Die Bezirksregierung musste es richten. Sie gab ihr Ja-Wort.

In diese Zeit fiel ein schreckliches Unglück. Ihr Sohn Christoph, 13 Jahre jung, fuhr mit einem Freund an der Oldersumer Straße ganz in der Nähe des Elternhauses Rad. Dem Freund sprang die Kette ab. Christoph stieg vom Rad, um zu helfen. Er beugte sich neben der Straße auf dem Grünstreifen zur Kette nieder. Ein Laster, gesteuert von einem betrunkenen Fahrer, riss Christoph zu Boden.

Die Familie hörte das Martinshorn. Christoph starb.

Eines der letzten Fotos mit Christoph.

Margret Godemann sagt heute: „Mein Glaube war unheimlich fest. Die Gemeinde hat uns damals mitgetragen. Sie hat uns Halt gegeben.“

Die Trauer erschütterte beide zutiefst. Vor den Kindern versuchte Margret stark zu sein. Sie wollte nicht, dass die drei anderen Jungen, die schmerzlich ihren Bruder vermissten, nach dem Unfall ängstlich würden.

Es dauerte lange, bis Richard Fuß fasste. Er denkt mit zärtlicher Liebe an Christoph, der gut zeichnete und handwerkelte, gern in der Natur war, im elterlichen Garten eigene Beete beackerte und vielleicht, sagt Richard lächelnd, ein guter Landwirt geworden wäre.

Margret sagt bestimmt: „Ich habe das Gefühl, dass es Christoph gut geht.“

Richard fand damals allmählich in seine angestammten Aufgaben zurück.

Das Zuhause der Godemanns am Amtmannskamp.

Anfang der 1980er-Jahre feierte Richard mit der Kirchengemeinde einen politischen Erfolg: Der Carolinenhof war in Planung – viel höher als später tatsächlich ausgeführt. Immer wieder liefen die Unseren Sturm gegen das „Monstrum“, zunächst ohne Ergebnis. Richard zettelte eine Unterschriftenaktion an.

Mit 280 „Autogrammen“ im Gepäck sprach er bei der Bezirksregierung vor und hatte Erfolg. Der Carolinenhof, 1983 fertig geworden, stellt St. Ludgerus bis heute nicht in den Schatten.

1986 und 1987 stand die Kirchenrenovierung an.

In den 1990er-Jahren wurde ein Orgelneubau nötig. Das alte Instrument befand sich in einem desolaten Zustand. Richard Godemann begab sich u.a. mit seinem Sohn Bernd, heute Kirchenmusiker und Orgelsachverständiger im Bistum Aachen, auf eine spannende Orgelrundreise bis in die Schweiz, um einen geeigneten Orgelbauer zu finden.

Das Vorführinstrument der renommierten Schweizer Orgelbaufirma Edskes überzeugte die kleine Delegation so sehr, dass die Firma den Auftrag für einen Neubau erhielt. So thront auf der Empore der St.-Ludgerus-Kirche Aurich heute eine der schönsten Pfeifenorgeln im Bistum Osnabrück.

Richard reist bis heute gern. Das Foto zeigt ihn malerisch auf Mallorca.

Ein weiteres Mal noch wurde der freundlich-verbindliche Richard direkt. Richard, der im Kirchenvorstand die Niederschriften verfasste, legte entschiedenen Protest gegen eine geplante Neuerung ein. Pfarrer Dr. Burkhard Sauermost hatte eines Tages in den 1990er-Jahren nur noch Ergebnisprotokolle haben wollen. Doch für Richard gehörte der Werdegang eines Beschlusses mit den grundliegenden Argumenten zwingend in die Niederschrift – als Beleg für eine schlüssige Diskussion und als Basis für folgende Entscheidungen. Richard setzte sich durch.

Und ein letztes Mal wollte er sich im Amt nicht beirren lassen. Als es zwischen Gemeindemitgliedern und Pfarrer Dr. Thomas Nonte 1996 zu unüberbrückbaren Differenzen und Verletzungen kam, legte Richard wie mehrere andere Aktive seine Ämter nieder.

Sie gründeten einen Familienkreis und pflegten in privaten Veranstaltungen gutes, christliches Leben. Diesen starken Familienkreis gibt es bis heute.

Und weil’s so schön ist, noch ein Foto aus dem Familienalbum.

Richard Godemann sorgte nicht nur drei Jahrzehnte lang in Kirchenvorstand und Bauausschuss mit seinem Fachwissen für bestes Vorankommen, er stützte die Projekte auch über den Bauverein. Diese Initiative unterfütterte die Maßnahmen mit eingeworbenen Spendengeldern.

Gründungsmitglieder waren damals neben Richard auch Norbert Backa, Johannes Funke, Ludwig Geyer, Roman Greulich, Friedrich Meyer, Hans Pohl, Manfred Rauer, Gretchen Rüter, Bärbel Schenke und Hans Staden.

30 Jahre lang chauffierte Richard Godemann Menschen aus dem Umland, die nicht selbst zum Gottesdienst kommen konnten, mit dem Bonibulli zur St.-Ludgerus-Kirche. Unterwegs war er jeweils rund fünf Stunden zwischen Wahrsingsfehn und Georgsheil.

30 Jahre lang spielte er in einer Freizeitsportgruppe Volleyball.

Richard ist dankbar für sein Leben. Er zählt nicht nur den schwersten Verlust, sondern legt das Glück mit seiner Familie und sein eigenes Überleben in die Waagschale.

1988 wollte er nach Weihnachten mit Margret ihren Sohn Martin, Banker in London, besuchen. Schon bei der Nachtfahrt im Bus schmerzten ihm die Beine. Als sie London erreichten, konnte er nicht mehr laufen. Martin hatte zwei befreundete Ärzte zu Besuch. Gemeinsam sorgten sie dafür, dass Richard sofort in ein Krankenhaus kam.  Sein Organismus hatte zu stark auf einen Blutverdünner reagiert.

„Mein ganzer Körper war voller Blut.“ Richard bekam 16 Transfusionen.

Er schwebte zwischen Leben und Tod. Die Familie stellte sich auf das Schlimmste ein. Sohn Frank, habilitierter Psychiater, kam, um den Vater zu sehen. Richard erzählt heute: „Das war der Wendepunkt.“ Bald ging es ihm besser.

Richard freut sich an seinem Leben, an Margret, seinen Kindern, Schwiegerkindern und Kindeskindern.

Die Enkelkinder.

Er freut sich an seinen Freunden und Nachbarn, an seinem Glauben und daran, Teil der St.-Ludgerus-Gemeinde zu sein. Seinen Beruf hat er immer gemocht – und die Erde auch: An Wochenenden war er gern auf dem elterlichen Hof und besichtigte mit seinem Vater die Felder.

Oder er und Margret packten die Kinder ein und fuhren nach Kastelruth zu Tante Micki und Onkel Zacki oder sonst wohin in die Berge nach Regensburg und in die Schweiz oder nach Langeoog oder mit dem Schlitten in den Auricher Wald.

Große Reisen führten Margret und Richard in die Sowjetunion, nach Rom, nach Chile, nach Israel, zum Nordkap, nach Mallorca, in die Türkei, mit der ganzen, großen Familie nach Dänemark und zu vielen anderen Orten.

Richard und Margret heute.

Doch Zuhause fühlt er sich seit Jahrzehnten in Aurich an der Seite seiner Gefährtin.

Sie kocht wie eine Meisterin und freut sich, wenn sie die ganze wachsende Familie mit zehn Enkelkindern bewirten darf. Dann sitzt Richard mittenmang, schaut umher und staunt friedlich darüber, was ihm mit 87 Jahren noch Gutes geschenkt wird.

Nicht mit einem einzigen Gedanken kommt er darauf, dass er, der Godemann, der gute Mann, selbst ein Geschenk ist.

Richard – seit 50 Jahren St. Ludgerus verbunden.

* Heinrich Voorwold siehe auch hier.

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