Eine 40 Jahre alte Weihnachtserzählung

„Wie geht es ihr! – „Gut! Es geht ihr gut.“ – „Kann sie schon…“ – „Nein.“ – „Schade!“ – oder: „Wie furchtbar für das Kind!“ Der Nächste bitte! „Wie geht es ihr?“ – „Den Umständen entsprechend. In einer Woche kommt sie raus.“

Arbeitskollegen fragten. Nachbarn fragten, alle fragten. Weihnachten ohne Ehefrau? Ohne die Mutter in der kleinen Familie? Die Leute schütteten das Füllhorn ihres konzentrierten Mitgefühls aus. Sein Schädel brummte, der Mund brabbelte Höfliches, im Herzen brutzelte gezähmter Zorn.

Kein heiliger, das wusste er. Aber das herzliche Weihnachtskonzentrat gesammelter und aufgesparter Gefühle, eingemacht wie im Weckglas, war ihm zuviel, weil es sich alle Jahre zu pünktlich einstellte und diesmal ihn selbst traf. War er ungerecht?

Er hatte kneifende Angst vor Heiligabend, weil um halb fünf bei der Bescherung drei Menschen auf den Tannenbaum im Wohnzimmer schauen würden: er und seine neunjährige Tochter und seine Frau aus der Ferne, aus dem Krankenhaus, wo es ihr den Umständen entsprechend gut ging.

Er hatte dem empfindsamen Mädchen versprochen, dass es trotzdem schön werden würde. Außerdem brauchten sie sich wegen ihrer Mutter wirklich nicht mehr zu sorgen.

Ersatz für die sonst selbstgebackenen Plätzchen war reichlich eingekauft, unterm Baum lagen dicke Pakete, dicker und zahlreicher als sonst, damit das Mädchen länger beschäftigt und abgelenkt würde, denn bis zum Einschlafen und bis zum Besuch am nächsten Morgen im Hospital mussten einsame Stunden überbrückt werden.

Gegen „Sieben“ machten er und das Mädchen sich an fünf Bockwürste und eine riesige Schüssel Kartoffelsalat. Wenn seine Tochter ihn da nicht mit ihrer Frage, wann die Christmette beginne, daran erinnert hätte, dass er jedes Jahr, gleichwohl allein, gefahren war, dann hätte er die Mette diesmal glatt vergessen gehabt.

„Ich lasse dich hier nicht allein herumsitzen“, sagte der Mann. Das Mädchen freute sich.

„Oder willst du mitkommen?“

„Ich bin doch evangelisch.“

„Das regele ich schon“, sagte ihr Vater und musste grinsen, als das Kind ein gnädiges „Na gut“ verlauten ließ.

Die Kirche sog die Menschenmassen auf wie ein Schwamm, der es nach längerer Abstinenz mit Wasser zu tun bekommen hatte. Der Vater drückte seiner Tochter ein Gotteslob in die Hand, in dem sie etwas unbeholfen herumblätterte. Später fand sie sich mit dem kurzen Zeittakt zwischen Liednummernanzeige und Orgeleinsatz zurecht.

Außerdem zischte die Tochter schon bald von Mal zu Mal: „Das kenn‘ ich!“ und sang fröhlich mit, während der Vater sich wie gewöhnlich mit der Tonlage abquälte.

Nach gut einer Stunde erhoben sich die Leute und gingen nach vorne. Der Mann rührte sich nicht, bis das Mädchen ihm einen leichten Rippenstoß gab und fragte: „Was ist da? Warum gehen wir nicht?“

Die Frau mit der schwarzen Persianerkappe vor ihnen drehte sich um. Als sie wieder nach vorn guckte, flüsterte er: „Das ist das Abendmahl. Kriegst du erst mit fünfzehn.“

Augenblicke später gab sich der Mann einen Ruck. „Bleib du sitzen!“, sagte er seiner Tochter leise. „Pass auf die Gesangbücher auf.“

Sie schaute ihm nach, verlor ihn in der Menge aber bald aus den Augen. Sie bemerkte ihn erst wieder, als er sich in ihre Bank einreihte. Er setzte sich ganz eng neben das Mädchen, brach hinter der hohlen Hand eine winzige, weiße Schreibe Brot, steckte die eine Hälfte in den Mund und reichte die andere der Tochter.

„Darf ich das denn?“

„Natürlich. Ich regele das schon.“

Und dann regelte er das in einem Gespräch zwischen sich und ihm.

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Diese Weihnachtserzählung
nach einer wahren Begebenheit
veröffentlichte der Journalist Martin Willing †
vor 40 Jahren an Heiligabend 1979
in der Rheinischen Post,
einer Düsseldorfer Tageszeitung,
deren Lokal- und Bezirkschef in Geldern Willing damals war.

2012 baute er die Webseite unserer Pfarreiengemeinschaft Neuauwiewitt völlig neu auf und gab ihr den heutigen Rahmen.

Die Weihnachtserzählung über Jahrzehnte aufbewahrt und über die Zeit gerettet hat Franz-Josef Drißen, ehrenamtlicher Archivar in Winnekendonk (Ortsteil von Kevelaer). 2018, lange nach dem Tod von Franz-Josef Drißen, fand Sohn Georg Drißen, ebenfalls ehrenamtlicher Archivar, den Zeitungsausriss und sandte ihn Delia Evers zu.

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