Margret half drei Wochen mit Kölsch-Englisch in China

Knapp 30 Klüngeltüngels bevölkerten dicht an dicht das Kaminzimmer des Bonihauses von St. Ludgerus Aurich, um bei adventlichem Gebäck, Kaffee, Tee, Glühwein und Vorträgen gemütlich beisammen zu sein.

Der Nachmittag entwickelte sich im Dunstkreis artgerecht lodernder Kaminflammen gesellig und spannend. Klüngeltüngel-Mitglied Margret Müller-Bard war frisch aus China zurück. Drei Wochen lang hatte sie dort in einem Altenzentrum für den weltweit tätigen Senior Experten Service* ehrenamtlich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschult.

Die Klüngeltüngels ließen es sich im Bonihaus gutgehen.

Margret erzählte so informativ, bildreich, kölsch-komisch und humorig (sie stammt aus dem Rheinland), dass sie auf diese Weise ein kleines Manko ausglich. Eigentlich hatte sie den Vortrag mit zahlreichen Fotos untermalen wollen. Doch das Kaminzimmer war durch den Massenandrang der Klüngeltüngels zu eng, um eine Leinwand und einen Projektor in Position zu bringen.

Margret arbeitete also mit Sprachbildern und klaren Worten. Gleich ihr erster Satz klang nach schönster Lebensweisheit. „Menschen, die in Rente gehen, werden dadurch nicht automatisch blöd.“ Sie und ihr Mann Peter stellen ihr Wissen und ihre Erfahrung seit Jahren ehrenamtlich dem Senior Experten Service zur Verfügung. Der sucht vor der eigenen Haustür ebenso wie weltweit nach sozialen Aufgaben, in denen fachlich versierte Rentnerinnen und Rentner Gutes leisten können.

Als Margret die Anfrage bekam, ob sie sich, etwas entfernt von der eigenen Haustür, eine Mission in China vorstellen könne, war sie begeistert. Dafür musste sie allerdings zurück auf die Schulbank. Ihre bescheidenen Englisch-„Kenntnisse“ machten eine Erfrischungskur für Vokabeln und Grammatik bitternötig. „Ich habe morgens, mittags und abends wie eine Blöde Englisch gelernt.“

Ihr ureigenes Gewerk beherrscht sie im Schlaf: Die Krankenschwester und Altenpflegerin mit zahlreichen Weiterbildungen war in ihren letzten 25 Berufsjahren Einrichtungsleiterin in einem Wohnstift und Geschäftsführerin im Bereich ambulante Dienste. Die Verbindung zur Basis hat sie immer gehalten und liebend gern mit alten Menschen gearbeitet. Die besten Voraussetzungen also, um Expertinnenwissen in das Land des Lächelns zu bringen…

Empfang im Land des Lächelns: ihr Dolmetscher und die Projektleiterin der Alteneinrichtung, in der Margret tätig wurde.

Sie landete in Peking und bekam einen eigenen Dolmetscher. Der machte aus ihrer längst alltagstauglichen Englischkunst reines Chinesisch und wich ihr kaum noch von der Seite. Von der Hauptstadt ging es weiter in die Provinz Ganzu und mitten hinein in die Stadt Baiyin, die nach chinesischem Maßstab ein Dorf ist und in Deutschland mit gut 1,7 Million Einwohnern als Großstadt gelten würde.

Kaum hatte Margret die Alteneinrichtung inspiziert, um die sie sich kümmern sollte, kamen ihr Zweifel. „Was soll ich hier?“ Alles war vom Feinsten: der riesige Gebäudekomplex neuester Bauart ebenso wie die Wohneinheiten, die Einrichtung der Zimmer mit hochprofessioneller Technik für Pflege und körperliche Ertüchtigung aller Art sowie der schön angelegte Gemüsegarten für die Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtung und der Alten-Spielplatz ganz in der Nähe.

Doch schnell sah Margret, wo es haperte. Technik hilft nicht, wenn sie von Mitarbeitern mit Schmalspursicht bedient wird. Das Personal vor Ort hatte keinen Blick dafür, wie es die vielen Errungenschaften zum Besten der alten Menschen einsetzen konnte. Bis vor Jahren waren Senioren und Seniorinnen in ihren Familien alt geworden und gestorben. Heute haben sie dort – auch durch die Ein-Kind-Politik – oft keinen Raum mehr. Neue Berufsfelder wie die Altenpflege bilden sich erst. Margret war genau am richtigen Ort.

Spielplatz für Erwachsene.

Sie sah staunend, wie alte Menschen sich reihenweise an großartigen, elektrischen Handwärmern verbrannten – nicht die Finger, sondern den Bauch, auf dem die Puschen auflagen. Eine ganze Gruppe von High-Tech-Handwerkern war beauftragt, Abhilfe zu schaffen. Sie verfielen auf irre Ideen. So konstruierten sie Abstandshalterungen. Margret hatte eine bessere Lösung. Sie führte kurzerhand die gute, alte Wärmflasche ein und hatte am schönen Gegensatz und an der Hilfe für die Menschen ihre Freude.

Auf einer Station begegnete sie einer Frau, die zusammengekrümmt und mit hängendem Kopf in einem Rollstuhl saß. Sie hatte den Kopf aus Schwäche seit Wochen nicht mehr gehoben. Margret erinnerte sich an einen Pflegerollstuhl, den sie irgendwo gesehen hatte und ließ ihn kommen. Niemand konnte das teure Teil bedienen. Sie zeigte dem Personal, wie es funktioniert. Bald saß die alte Frau aufrecht im neuen Gefährt und schaute geradeaus. „Sie hat geweint vor Freude“, erzählt Margret.

Einweisung in die Funktionsweise eines Pflegerollstuhls.

Gehen am Stock – auch das will gelernt sein. In der Bildmitte eine Mitarbeiterin.

Sie zeigte, wie Rollstühle geschoben werden und Menschen an Rollatoren gehen, wie pflegebedürftige Menschen gelagert und Drückgeschwüre verhindert werden. Sie wies auf tausenderlei weitere Dinge hin und war ganz in ihrem Element. Sie sah in Schränken Ordner mit Hinweisen zur Qualitätssicherung stehen. Die Hinweise waren herausgenommen und sauber abgetippt worden. Die Ordner wanderten, ohne Wirkung zu zeitigen, in die Schränke zurück. Margret erklärte den Sinn.

Gleich mehrfach betont sie während ihres Vortrags im Kaminzimmer, dass Chinesen selbstredend die gleichen Gefühle kennen wie wir. „Ihre Kultur kam mir nie fremd vor.“ Das Personal geht liebevoll mit den alten Menschen um und will ihr Bestes. An ihrer Achtsamkeit für die Bedürfnisse der Betreuten arbeiten sie auch dank Margret.

Die deutsche Langnase mit blonden Haaren und „runden Augen“ war nicht nur auf den Stationen eine Fotoattraktion. Immer wieder stand sie Modell für Selfies. Für ihre Arbeitsleistung bekam sie viel an positiver Rückmeldung – auch von der kommunistischen Partei. Es gab häufig und viel zu essen. Allerdings waren Stäbchen angesagt. Margret trocken: „Zunehmen tust’e da nicht.“

Chinesische Essenstafel.

Margret mit einer Bewohnerin des Altenzentrums. Sie kam mit allen gut aus.

Viel Freude über intensive Zuwendung.

Sie stellte drei Abschlusspräsentationen zusammen, die das Wissen rund um die Altenpflege vertieften, und zog Vergleiche auch zur deutschen Pflegeversicherung. Das Riesenreich sieht sie als Modell. Noch gibt es im Land der Mitte keine entsprechenden Strukturen. Als Altersabsicherung betagter Menschen gelten in China die eigenen Kinder.

Nächstes Jahr möchte Margret noch einmal nach China. Englisch kann sie ja jetzt, auch wenn es ziemlich kölsch klingt. Sie freut sich sehr auf die zweite Auflage.

Text und Foto (1): Delia Evers, weitere Fotos: Archiv Margret Müller-Bard

* Der Senior Experten Service ist eine gemeinnützige Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit GmbH. Die deutsche Entsendeorganisation vermittelt ehrenamtliche Fach- und Führungskräfte im Ruhestand oder in einer beruflichen Auszeit weltweit in Projekte.

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