Teil 11 | Chronik von St. Ludgerus – Bonihaus und Schule

Im elften Teil der Serie zur Chronik von St. Ludgerus stellt Manfred Franz Albrecht aus Sicht von 1999 Einrichtungen auf dem Kirchengelände vor – das Bonihaus und das Ludgerushaus, früher die kath. Volksschule.

Das St. Bonifatiushaus – „Bonihaus“

Für das Leben einer Gemeinde ist neben dem Gottesdienstraum – der Kirche – ein Haus der Begegnung von großer Wichtigkeit. Der Plan zum Bau eines Gemeindezentrums reichte bis in die 60er Jahre zurück, als der Kirchenvorstand unter Leitung von Dechant Lammers die Grundstücke neben der Kirche (Lindenstr. 8 und 9) erwarb. Konkret wurde das Bauvorhaben jedoch erst wieder im November 1974 durch den Kirchenvorstand aufgegriffen. Ein Jahr später konnte laut Schreiben des Bischöflichen Generalvikariates mit der Vorplanung für ein Gemeindezentrum und ein neues Pfarrhaus auf dem Kirchengelände begonnen werden.

Im Mai 1976 beriet der Kirchenvorstand die Baupläne, die von Architekt Feldwisch-Drentrup, Osnabrück, angefertigt worden waren. Zur weiteren Vorbereitung der Baumaßnahme wurde ein Ausschuß gebildet, dem, neben Mitgliedern des Kirchenvorstandes und Architekt Wilhelm Behrends von der Niedersächsischen Landgesellschaft (NLG) als Planungsfachmann, auch Pfarrgemeinderatsmitglieder angehörten. Die Planung kam gut voran; bereits im Oktober wurden die Entwürfe der NLG dem Bauausschuß vorgestellt und am 15. November 1976 durch Pfarrer Krümel Heinrich Hahnenkamp und H. Jordan dem Bischöflichen Generalvikariat unterbreitet. Von dort wurde im Dezember 1976 grundsätzlich „grünes Licht“ für das Bauvorhaben gegeben. Modell und Pläne sowie die Finanzierung des beabsichtigten Neubaues wurden Mitte Januar 1977 der Gemeinde vorgestellt.

Zunächst machten die jugendlichen Gemeindemitglieder noch Schwierigkeiten, weil sie ihre Freiheit im „gelben Haus“ bedroht sahen. Im übrigen war die angestrebte Bauweise etwas ungewöhnlich, der gewagte Stil stieß anfänglich auf Widerstand, an Spitznamen oder harschen Bemerkungen wurde nicht gespart. Als die Pläne und das Modell des Gemeindezentrums im Februar 1977 dem Bauausschuß der Stadt Aurich vorgestellt wurden, war die erste Bemerkung: „Der Bau sieht wie ein Stall aus“.

Anstoß erregten Pultdach und Materialwahl. Dabei hatten sich der Kirchenvorstand und die für den Entwurf verantwortlich zeichnende NLG von dem Gedanken leiten lassen, einen Zweckbau zu errichten, der möglichst geringe Folgekosten mit sich bringt. Man wollte kein Denkmal schaffen, sondern einen Treffpunkt für die Gemeindemitglieder; keinen Prunkbau, aber auch keinen Betonklotz. Es sollte kein Abklatsch des neu errichteten Rathauses mit seinem Flachdach, aber auch nicht der Kirchenform angeglichen sein. Das Gemeindezentrum mit Pfarrhaus sollte sich vielmehr zwischen beiden harmonisch einfügen. Deshalb wählte die NLG für das Dach die Pultform und als Baumaterial im unteren Bereich Klinker und im oberen Bereich Schindeln aus schwarzem, schieferartigem Eternit.

Nach dem Geplänkel im Februar wurde die Baugenehmigung von der Stadt Aurich zunächst nicht erteilt, sie mußte erstritten werden. Am 13. April 1977 fand eine Anhörung statt. Von der Bezirksregierung wurde „grünes Licht“ für den Bau gegeben, und zwar ohne Abstriche. Pultdach und Fassade konnten wie vorgesehen gebaut werden. Sofort wurde mit den Arbeiten begonnen, kaum eine Woche später begannen die Ausschachtungsarbeiten des Gemeindezentrums. Die Bauarbeiten waren schon recht weit fortgeschritten, die Mauern hatten Deckenhöhe bereits erreicht, als am 11. August 1977 das „gelbe Haus“ abgebrochen wurde, um mit dem Bau des neuen Pfarrhauses beginnen zu können.

Links im Bild das von vielen geliebte „Gelbe Haus“.

Ein Tropfen Wehmut trübte – nicht nur bei den Jugendlichen – die Freude auf das neue Gemeindezentrum, denn wieder einmal wurde ein Haus des alten Aurich der Moderne geopfert.

Pfarrer Norbert Krümel mit „tragfähiger“ Gemeinde beim Richtfest.

Am 30. September 1977 wurde das Gemeindezentrum im Beisein vieler Mitglieder der St. Ludgerusgemeinde und zahlreicher Gäste gerichtet.

Die Männer vom Bau hatten den „letzten“ Sparren am Schloßgraben beim Amtsgericht versteckt, und nach einem kleinen Abstecher zur Fußgängerzone wurde das Objekt dann doch von den Vertretern der Kirchengemeinde entdeckt und zur Baustelle gebracht.

Dann wurde der Richtkranz, dessen Bänder in den Kirchenfarben gehalten waren, auf das Gebäude gesetzt.

Das Richtfest war feucht-fröhlich, in der Kirchenchronik ist vermerkt: „Die Bauleute waren erstaunt, wie gut Katholiken feiern können.“

Richtfest.

Kirchengrundstück vom Fischteichweg aus gesehen, Anfang der 1980er-Jahre – Kommentar aus der Politik über die Neubauten: „… sieht wie ein Stall aus.“

Pfarrer Krümel konnte am 19./20. Mai 1978 in das neue Pfarrhaus einziehen. Er schreibt voll Freude in der Chronik: „Es geht relativ schnell. Schon nach zwei Tagen sind die Möbel wieder an Ort und Stelle. Zum ersten Mal besitze ich einen abgeschlossenen Wohntrakt, in den ich mich zurückziehen kann. Alles ist sehr schön geworden und findet Anerkennung. Inzwischen gewöhnen sich auch die Auricher an den etwas ungewöhnlichen Baustil.“

Die Einweihung des Gemeindezentrums fand vom 14. bis 21. Juli 1978 statt.

Der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Aurichs früherer Militärdekan Josef Weers, nahm am 15. Juli 1978 in Anwesenheit vieler Gäste die Weihe des Gemeindezentrums vor und gab ihm den Namen „St. Bonifatiushaus“. Aus seiner Ansprache: „Dieses Gemeindehaus, das heute geweiht und eröffnet wird, wird in Zukunft den Namen des Apostels des Nordens tragen. Es wird Bonifatiushaus heißen. Auch in unserer modernen Welt ist Gott heilswirksam. Wenn dieses Gemeindezentrum geweiht wird, ist es nicht zu einem „heiligen Bezirk“ geworden, der von der übrigen Welt abgeschnitten ist. Der Segen baut auch kein Schutzschild auf, der unabhängig vom Glauben der Benutzer und Mitarbeiter dieses Hauses wirksam wird. Die Segnung bedeutet eine Entscheidung – und zwar insofern, daß wir auf die treue Zusage und den Schutz Gottes vertrauen und daß in diesem Hause jeder Geborgenheit, Kraft, Hilfe und Freude finden soll, weil wir uns alle als Kinder des einen Vaters verstehen.“

Pfarrhaus und Kirche.

Aurichs Bürgermeister, Hermann Hippen, überbrachte die Grüße und guten Wünsche der Stadt, er führte unter anderem aus: „… ich meine aber doch sagen zu dürfen, daß ich einer der Auricher Bürger bin, der sich trotz mancher Kritik an dem Baustil erfreut. Ich bin froh, daß die kath. Kirche in Aurich durch den Neubau endlich in die Lage versetzt ist, ihren Gemeindemitgliedern und auch den Christen anderer Konfessionen räumlich gesehen Möglichkeiten für Veranstaltungen zu bieten, die gerade in der heutigen Zeit nicht nur von uns als Stadt, sondern auch bewußt von der Kirche verlangt werden. Ich wünsche Ihnen mit Gottes Hilfe, daß Ihr neues Gemeindezentrum in Frieden und Harmonie allen Besuchern viele frohe und besinnliche Stunden bringen möge, und daß das Gesamtgelände durch spätere Begrünung zu einem weiteren Anziehungspunkt unserer Stadt wird.“

Monsignore Dechant Josef Friese überbrachte die Glückwünsche des Dekanates Ostfriesland und äußerte in einem Festvortrag über das Thema „Freude im Alltag“ den Wunsch, daß das St. Bonifatiushaus eine Stätte der Begegnung werden möge, in der fröhliche Menschen ein- und ausgehen.

Baubeschreibung von 1978:

„Im St. Bonifatiushaus befindet sich ein Saal für maximal 80 Personen, eine Cafeteria mit 25 Plätzen, sowie zwei Mehrzweckräume, die u.a. für den Religionsunterricht vorgesehen sind. Ferner sind im Erdgeschoß eine Teeküche, die Garderobe und die sanitären Einrichtungen untergebracht. Im Kellertrakt ist ein Kaminzimmer eingerichtet. In halber Höhe zum Obergeschoß ist Platz für eine Bühne gelassen worden, und durch das Öffnen einer Schiebetür wird der Blick in den Saal frei. Im Obergeschoß selbst stehen zwei Räume für Gruppenarbeit zur Verfügung.“

Bis zum Frühjahr 1979 waren auch die Garagen und die Pflasterung fertiggestellt. Anfang April 1979 wurde mit der Gestaltung der Außenanlage begonnen. In Eigenleistung von zahlreichen Gemeindemitgliedern wurde zunächst Dränage verlegt und dann im Juni 1979 die Grünanlage angelegt.

Im Juli 1984 beschloß der Kirchenvorstand die Saalerweiterung. Ein sechstüriges Faltelement sollte künftig den Saal mit dem daneben liegenden Unterrichtsraum verbinden.

Der Kirchenvorstand beschloß am 21. Juni 1990, die Küche im St. Bonifatiushaus zu erweitern. Denn Frauen hatten sich in den letzten Jahren immer beklagt, die Küche sei aus männlicher Sicht geplant worden, unpraktisch und zu klein. Unter Regie von Frau Güldner, Frau Möhlenkamp, Frau Scholz und mit Hilfe von Architekt Wilhelm Behrends (NLG) wurde die neue Küche konzipiert. Der Umbau begann unter Leitung der NLG im September 1990. Mit einem gemeinsamen Frühstück wurde die neue Küche am 20. Oktober 1990 eingeweiht.

Im März 1998 wurde festgestellt, daß sowohl das Pfarrhaus als auch das St. Bonifatiushaus stark mit dem krebserregenden Giftstoff PCP (Pentachlorphenol) belastet waren. Die Gefahr wurde entdeckt, weil das Bischöfliche Generalvikariat Osnabrück eine Untersuchung aller Kindergärten in seinem Bereich angeordnet hatte, die in den 70er Jahren gebaut wurden. Denn damals wurden PCP-haltige Holzschutzmittel häufig verwendet, deren Gefährlichkeit seinerzeit jedoch noch nicht bekannt war. Das Gebäude des kath. Kindergartens war – Gott sei Dank! – nicht belastet.

Da St. Bonifatiushaus und Pfarrhaus in den „70er Jahren“ mit viel Holz gebaut worden waren, wurde die Untersuchung auf diesen Gebäudekomplex ausgedehnt. Das Bremer Institut, das die Untersuchung vornahm, stellte in beiden Gebäuden eine PCP-Belastung „in besorgniserregendem Ausmaße“ fest. Da wirklich Gefahr im Verzuge war, reagierte das Bischöfliche Generalvikariat prompt. Pfarrer Dr. Nonte wurde angewiesen, umgehend, bis zur erfolgten Sanierung, das Pfarrhaus zu räumen und eine Wohnung in Aurich zu beziehen. Der Betrieb des Pfarrbüros und des St. Bonifatiushauses wurde stark eingeschränkt, alle durften sich nur noch kurzfristig in den Räumlichkeiten aufhalten, die im übrigen regelmäßig gelüftet werden mußten.

Der St. Ludgerusgemeinde wurde uneingeschränkte Unterstützung durch den Bischöfli-chen Stuhl zuteil und großzügige finanzielle Hilfe zugesagt. Der Kirchenvorstand mußte in der Situation entscheiden, wie das Problem gelöst werden sollte. Drei Möglichkeiten boten sich an: sämtliche Holzteile mit einer Spezialmasse zu versiegeln, die Holzkonstruktion luftundurchlässig zu verkleiden, oder das Holzdach abzutragen und vollständig zu erneuern.

Da die ersten beiden Möglichkeiten lediglich die Symptome, nicht jedoch die Ursache des Übels beseitigt hätten – für wie lange? -, entschied sich der Kirchenvorstand dafür, das Holzdach, einschließlich der Asbestschindeln – mit denen die Gebäude im oberen Bereich verkleidet waren – abtragen zu lassen. Die Holzkonstruktion wurde erneuert und die Außenwände im oberen Bereich mit Zink verkleidet. Die Arbeiten zogen sich bis November 1998 hin; die Kosten hat zu 4/5 das Bischöfliche Generalvikariat getragen. Am 29. November 1998 konnte Pfarrer Dr. Nonte wieder in das Pfarrhaus einziehen, das Pfarrbüro war wie gewohnt geöffnet, die St. Ludgerusgemeinde konnte am ersten Advent 1998 ihr Gemeindezentrum wieder in Besitz nehmen. Nach der hl. Messe fand ein Mittagsbüfett im St. Bonifatiushaus statt, anschließend wurde der jährliche Basar – verbunden mit einem Gemeindefest – eröffnet.

St. Bonifatiushaus mit Pfarrhaus 1999 nach der Instandsetzung.

 

Das St. Ludgerushaus

Am 27. Januar 1952 fand die Einweihung des St. Ludgerushauses am Fischteichweg 14 statt. Dort war die kath. Volksschule untergebracht, und die Schwestern von der hl. Elisabeth hatten dort ihre Klausur.

Das St. Ludgerushaus stand bis zu dreißig Teilnehmern an religiösen Veranstaltungen offen, die dort auch übernachten konnten und von den Schwestern versorgt wurden. In den Jahren 1954/1955 fanden im St. Ludgerushaus mehrere Erstkommunionfeiern aus dem Lager Sandhorst statt. Jeden Sommer kamen auch auswärtige Pfadfinder ins St. Ludgerushaus. In den Sommerferien 1957 wurde ein Klassenzimmer für die neu errichtete Förderschule des Lagers Sandhorst angebaut. Seit den 60er Jahren bis 1978 war im St. Ludgerushaus ein Kinderheim untergebracht. Dort wohnten in der Woche Kinder aus den weiter entfernten Dörfern der St. Ludgerusgemeinde, die die kath. Volksschule besuchten. Die Kinder wurden von den Schwestern betreut.

Als die kath. Volksschule 1972 ihre Pforten schloß, wurde in den umgestalteten Räumen 1973 der kath. Kindergarten eröffnet. Der Kindergarten befindet sich noch heute im St. Ludgerushaus. Von 1979 bis 1996 war dort die Sozialstation der Schwestern von der hl. Elisabeth, die sich in Kooperation mit der Diakonie und anderen Gruppen auf Stadtebene der ambulanten Krankenpflege widmeten. Als die Schwestern 1998 ins „alte Pfarrhaus“ umgezogen sind, wurden die Räume im ersten Stock des St. Ludgerushauses als Dekanatsjugendbüro umgestaltet und 1999 bezogen.

Ein beredtes Zeugnis über die Freude und ein wenig auch den Stolz, mit der die St. Ludgerusgemeinde das St. Ludgerushaus 1951 in Besitz nahm, aber auch über die kleinen Verhältnisse und bescheidenen Ansprüche dieser Zeit gibt der folgende Auszug aus einem zeitgenössischen Bericht:

Das St. Ludgerushaus in Aurich öffnet seine Tore.

„Jetzt, wo es in Aurich schön wird, muß ich fort von hier.“ Kann man wohl echter und treffender die praktische Bedeutung des neuen St. Ludgerushauses für die Gemeinde kennzeichnen als durch den begeistert-bekümmerten Ausruf eines Jugendführers, der sich mit seiner Gruppe jahrelang nach einer zünftigen Heimstatt gesehnt hat und nun, da dieses Ziel wenigstens bis zu einem gewissen Grad erreicht ist, aus beruflichen Gründen Aurich verlassen muß?

In der Tat ist die Jugend in erster Linie Nutznießer des schönen Gebäudes, und darüber wollen wir uns ganz besonders freuen. Für die schulpflichtige kath. Jugend Aurichs stehen jetzt drei größere Klassenräume mit formschönem Mobiliar nach den neusten pädagogischen Erfahrungen zur Verfügung. Aus den früheren so nüchternen Schulräumen ist durch Aufstellung von kleinen Tischen mit je vier, bzw. zwei Stühlen eine ansprechende Schulwohnstube geworden, in der sich der Kontakt zwischen Lehrer und Schüler sehr viel schneller und zwangloser vollzieht als ehedem.

Das St. Ludgerushaus um 1952 (zwischen Gartenzaun und St. Ludgerushaus lag der schmale, unbefestigte Fischteichweg).

Von allen Schulfachleuten besonders begrüßt wird der sogenannte Stillbeschäftigungsraum, der sich an das größte Klassenzimmer anschließt und neben schulischen die vielfältigsten Verwendungsmöglichkeiten bietet. Mit geschmackvollem Mobiliar ausgerüstet, sollen hier abends ebenfalls die Jugendgruppen und die Kolpingsfamilie zusammenkommen. Hier kann der Kirchenvorstand ernsthafte Beratungen abhalten, hier kann aber auch die heitere und ernste Muse gepflegt werden, denn, etwas höher gebaut als das danebenliegende Klassenzimmer, kann der Raum als Bühne für kleinere Aufführungen benutzt werden. So wird es nun öfter vorkommen, daß frohes Lachen und schwungvolle Musik aus den geöffneten Fenstern tönt, wenn Volkstanz- und Singgruppen dort ihre Übungen abhalten. Beide Räume zusammen können sehr gut für Gemeindefeiern gebraucht werden.

Auch für den Zusammenhalt der übrigen Gemeindemitglieder bedeuten die neuen Räume viel. Jetzt endlich ist die Möglichkeit geboten, Vortragsreihen mit zeitnahen religiösen Themen für die Gemeinde abzuhalten, die Mütter zur gemeinsamen Vereinsarbeit zusammenzurufen und dem Kirchenchor einen geeigneten Übungsraum zur Verfügung zu stellen. Daß neben den Klassenräumen auch ein kleines Leh-erzimmer mit Blick auf den Schulhof vorhanden ist, sei nur am Rande erwähnt.

Die eigentliche Bedeutung des St. Ludgerushauses erfahren wir erst, wenn wir den oberen Stock besichtigen. Dort finden wir außer drei Einzelschlafzimmern zwei größere Schlafsäle mit einer Reihe bequemer, übereinander stehender Betten, die die Auricher Gemeinde ihren holländischen Freunden verdankt. Daneben soll eine praktisch eingerichtete Küche für das leibliche Wohl der Gäste sorgen.

Jeder, der die Verhältnisse in der ostfriesischen Diaspora kennt, weiß, wie viele Mütter sorgenvoll Ausschau halten nach einer geeigneten religiösen Erziehung ihrer Kinder. Was schon vor einigen Jahren im Notbehelf versucht worden ist, nämlich, daß die kath. Gemeinde in Aurich ihre abseits wohnenden Kinder zu einem Kommunikantensonntag zusammenrief, soll nunmehr in größerem Umfange möglich gemacht werden. Es sollen hier die religiös gefährdeten Kinder in längeren Kursen auf Erstbeichte und Erstkommunion vorbereitet und organisch in das kirchliche Leben „heimgeholt“ werden.

Darüber hinaus möchte das Haus in der Zwischenzeit allen, die einmal ein paar Tage stiller religiöser Besinnung von der Unrast des Tages suchen, ein gastfreundliches Heim bieten, das neben der seelischen auch etwas körperliche Erholung zu bringen vermag. Die Räume sollen die Möglichkeit bieten, Einkehrtage abzuhalten, insbesondere für solche Katholiken, die weit draußen im Lande wohnen und einmal wieder den Hauch frischen religiösen Lebens in der Nähe des Gotteshauses verspüren und erleben möchten. Darüber hinaus sind geistliche Übungen für alle Stände, aber auch für Familien geplant. Daß das Vorhandensein der Schlafräume die Veranstaltung größerer Jugendtreffen ermöglicht, liegt auf der Hand.

Ganz besonders erfreulich ist es, daß auch die drei treusorgenden Grauen Schwestern von ihrem Notquartier in der Stadt erlöst wurden und nunmehr eine kleine, nette Wohnung als Klausur in einem abgeschlossenen Teil des I. Stocks beziehen konnten.

„So ist die ostfriesische Diaspora durch den Bau des St. Ludgerushauses seelsorgerisch einen großen Schritt vorangekommen; denn nicht nur der St. Ludgerusgemeinde Aurich, sondern allen kath. Kindern und Erwachsenen Ostfrieslands soll das neue Haus für Kommunikantenkurse, Einkehrtage und ähnliche religiöse Veranstaltungen zur Verfügung stehen.“

Selbstverständlich war die St. Ludgerusgemeinde nicht in der Lage, den Neubau aus eigenen Mitteln zu gestalten. Sie hat es sich jedoch nicht nehmen lassen, durch Zusammentragen kleiner Scherflein im sogenannten Monatsopfer, das jeweils im Gottesdienst des Herz-Jesu-Freitags dem Herrn dargebracht wurde, wenigstens das Fundament des Hauses zu legen. Alles andere verdanken wir der gütigen Mithilfe des Bonifatius-Vereins, der Diaspora-Kinderhilfe und des Schutzengel-Vereins, die die Hauptlast der Finanzierung trugen, ferner einer Anleihe des Nieders. Kultusministeriums, mehrerer kath. Gemeinden sowie manchen wohltätigen Firmen und Privatpersonen. Ihnen allen sei auch an dieser Stelle erneut der herzliche Dank der ostfriesischen Katholiken ausgesprochen.

Eine Gruppe von Spendern möchten wir aber besonders herausheben – das sind die Katholiken des benachbarten Holland. Obwohl die Erinnerung an die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges es ihnen wahrlich nicht leicht machte, den Deutschen gegenüber eine freundliche Gesinnung an den Tag zu legen, haben sie dennoch in echt christlicher Haltung nicht nur einen dicken Strich durch das Vergangene gemacht, sondern sich lebhaft für den sozialen und religiösen Aufbau in Deutschland interessiert und ihn, soweit sie vermochten, gefördert. Holländische Priester und Laien haben die kath. Diaspora in Deutschland besucht und sich an Ort und Stelle, auch in Aurich, von der Aufbauarbeit, aber auch von der seelischen und materiellen Not der Diaspora überzeugt.

Der heranwachsende Bau des St. Ludgerushauses in Aurich hat ihnen Freude gemacht; sie äußerten anerkennend, daß hier mit einfachen Mitteln ein formschöner, solider Bau für die seelsorgerischen Aufgaben obengenannter Art entstanden sei, der gut in unsere Zeit passe. Sie erklärten sich daraufhin gütigerweise bereit, an dem großen Werk mit-zuarbeiten und haben dies auch durch Lieferung der Betten nebst Matratzen, Decken und Bettwäsche in hervorragender Weise verwirklicht. Ihnen, besonders aber dem hochw. Pater Wiro van Acken („Lämmerpater“) , dem Leiter der holländischen Ostpriesterhilfe, sei daher ein besonderes „Vergelt‘s Gott“ zugerufen. Von großem Einfluß auf die geistige Annäherung der ostfriesischen und holländischen Katholiken mögen die werbenden Schilderungen unserer Diasporaverhältnisse in dem kath. Brabanter Tageblatt „Oost-Brabant“ gewesen sein, deren Redaktion eine Studienreise in die Deutsche Diaspora machte, um die Arbeit des Bonifatiusvereins kennenzulernen, und bei dieser Gelegenheit auch nach Aurich kam. Mögen die jetzt erneut angebahnten nachbarlichen Beziehungen zwischen den ostfriesischen und holländischen Katholiken nun nicht noch einmal durch politische Machenschaften oder gar Kriege gestört werden!

So war es ein im wesentlichen fertig eingerichtetes Haus, das am Sonntag, dem 27. Januar 1952 feierlich eingeweiht werden konnte. In dem größten Klassenzimmer hatte sich der Kirchenvorstand und ein Teil der Gemeinde versammelt, um den Herrn Pastor zur feierlichen Einsegnung des Hauses zu erwarten. Das Danklied des Chores klang auf: „Die Himmel rühmen des ewigen Ehre“. Die Gebete der Mutter Kirche und die Segensgewalt des Priesters gaben dem Haus nun erst das wahre Fundament: Christus.

Die Auricher Katholiken besitzen jetzt nicht nur ihr schlichtes kleines Kirchlein als Mittelpunkt der Gemeinde, sondern daneben ihre kath. Schule und ein der religiösen Betreuung gewidmetes Haus, das unter der gemeinsamen Mitwirkung von Priester und Laien im Sinne der kath. Aktion segensreiche Wirkungen auszustrahlen vermag. Möge der hl. Ludgerus neben der Kirche nunmehr auch das St. Ludgerushaus in seine schützende Obhut nehmen und Gottes Segen und Hilfe für die ostfriesische Diaspora erflehen!“

Rückblick auf die Geschichte der kath. Volksschule in Aurich

Gleich nach der Gründung der Gemeinde im Oktober 1849 begann deren erster Seelsorger, Rektor Brickwedde, mit der religiösen Unterweisung der Kinder. Im Februar 1850 berichtete er nach Osnabrück, daß er täglich 12 Kinder um sich habe, um ihnen Religionsunterricht zu erteilen. Er fände aber leider nicht genügend Zeit und Muße, um ihnen einen vollständigen Elementarunterricht zu vermitteln. Die Kinder besuchten daher vorerst noch weiter die evangelische Schule des Ortes. Gleichzeitig liefen Verhandlungen mit der Regierung, einen kath. Lehrer nach Aurich zu bekommen.

Entwurf der Schule 1848.

Noch im Jahre 1850 – nach Eintreffen des erbetenen Lehrers Hermann Cremering – konnte die kath. Schule eröffnet werden. Inzwischen ging auch der Schulbau, direkt hinter der Kirche, an der Stelle des heutigen Chores gelegen, zügig voran und wurde im Mai 1851 beendet. Neben der einklassigen Schule befand sich die Sakristei und im ersten Stock eine kleine Lehrerdienstwohnung mit Torfboden.

Verfügung der königlichen Regierung zum Schulunterricht.

Im Jahr 1862 wurde der erste Schulvorstand gewählt. Weiter erfahren wir aus einem Bericht des Jahres 1863, daß damals 16 Schüler, acht Knaben und acht Mädchen, die Schule besuchten, die entsprechend ihrer Altersklasse in drei Abteilungen unterrichtet wurden. An den Vormittagen fanden im Sommer täglich 3 – 3½ , im Winter 2½ – 3 Stunden Unterricht statt, während am Nachmittag, außer mittwochs und sonnabends, zwei Schulstunden gehalten wurden.

Die Schule wurde im Winterhalbjahr 1885/86 von 42 Kindern, nämlich 26 Mädchen und 16 Knaben, besucht. Am 1. April 1886 wurde die kath. Volksschule Aurich endlich, nach 13-jährigen Verhandlungen, als öffentliche Schule anerkannt und ihr Lehrer im öffentlichen Schuldienst fest angestellt. Die Kinder wurden nach einem Bericht aus dem Jahre 1890 in folgenden Fächern unterrichtet: Religion, Deutsch, Schreiben, Rechnen, Raumlehre, Geschichte, Geographie, Naturbeschreibung und Naturlehre, Singen, Zeichnen, Turnen und weibliche Handarbeiten für die Mädchen. Alljährlich fand eine Schulinspektion sowie die Prüfung der 13-jährigen Kinder statt.

Da im Jahre 1903 die Kirche vergrößert wurde, mußte das Schulgebäude, das unmittelbar am Chor der Kirche anschloß, abgebrochen und in einigem Abstand von der Kirche in der Nähe des Fischteichweges neu aufgebaut werden. Die Errichtung des Schulgebäudes erfolgte durch die Stadt, jedoch auf kirchlichem Grund und Boden.

Nach Erlaß des Schulunterhaltsgesetzes vom 28. Juli 1906 mußten die politischen Gemeinden ab 1. April 1908 die öffentlichen Schulen unterhalten. Da dieses für die Stadt Aurich eine erhebliche Mehrausgabe bedeutete, leistete die Stadt heftigen Widerstand und beantragte beim Ministerium die Aufhebung der kath. Schule, zumal diese 1886 gegen den Willen der Stadt zu einer öffentlichen Lehranstalt erklärt worden war.

Georg Meyer.

Als sich der Bischöfliche Stuhl bereit erklärte, weiterhin jährlich aus der Müllerschen Schulstiftung 600,- Mk. zum Gehalt des Lehrers zu zahlen, entschied das Kultusministerium im Dezember 1907, daß die kath. Schule bestehen bleibe, und die Stadt deren Unterhalt zu übernehmen habe. Mit dem 1. April 1908 erlosch die Tätigkeit des kath. Schulvorstandes. An Stelle der Schulvorstände trat allgemein die städtische Schuldeputation, der der kath. Geistliche angehörte.

Ohne größere schulische Ereignisse verliefen dann die geschichtsträchtigen nächsten zwei Jahrzehnte. Die durchschnittliche Schülerzahl betrug etwa 35 Kinder. Lehrer war damals Georg Meyer, der 44 Jahre im Dienste der kath. Jugend stand. Er wurde 1929 in den Ruhestand versetzt, sein Nachfolger war bis 1937 Bernhard Zumstrull.

Pfarrer Paul Münch und Lehrer Georg Meyer mit Schulklasse 1928.

Nach 87-jähriger segensreicher Tätigkeit mußte die kath. Schule 1937 aufgrund drastisch geänderter politischer Verhältnisse unter den Nationalsozialisten ihre Tore schließen. Am 31. Mai 1937 wurden die Eltern der kath. Schüler durch den Bürgermeister Kurt Fischer zur Besprechung über die „Neuordnung der städtischen Schulverhältnisse“ vorgeladen. Dort wurde ihnen dann eröffnet, daß die Aufhebung der kath. Schule, die zu dieser Zeit von 27 Auricher und 9 auswärtigen Kindern besucht wurde, aus lokalen und schultechnischen Gründen angestrebt würde, die Kinder jedoch weiterhin kath. Religi-onsunterricht durch einen kath. Lehrer an der Stadtschule erhalten sollten.

Damals haben zwei Drittel der Eltern gegen die Aufhebung protestiert. Diese wurden jedoch in der dann folgenden Woche einzeln zum Rathaus zitiert mit dem Erfolg, daß schließlich nur noch wenige Eltern sich gegen die Aufhebung aussprachen, ihr Widerstand also aussichtslos geworden war. In der Gemeinderatssitzung vom 7. Juli 1937 wurde dann die Aufhebung des kath. Schulverbandes mit dem Hinweis auf finanzielle und schulische Gründe beschlossen. Ab dem 1. August 1937 war die kath. Volksschule also aus ideologischen Gründen geschlossen worden.

Von 1850 bis 1937 waren folgende Lehrer an der kath. Schule tätig:
1850 – 1861 Hermann Cremering
1861 – 1862 Heinrich Vornholt
1862 – 1863 Eduard Thole
1863 – 1870 Friedrich Huser
1870 – 1873 Hermann Kröger
1873 – 1874 Pastor Hermann Zuhöne (aushilfsweise)
1874 – 1882 Theodor Maßbaum
1882 – 1884 Carl Haverkamp
1884 – 1885 Franz Brockmeyer
1885 – 1929 Georg Meyer
1929 – 1937 Bernhard Zumstrull

Ende 1937 wurde das Schulgebäude für 500,- RM an die kath. Kirchengemeinde unter der Bedingung veräußert, es bis zum 31. März 1939 der Stadt unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Das Schulgebäude mußte ab Ostern 1942 der Stadt als Hilfsraum der Berufsschule und ab Ostern 1943 als Ausstellungsraum des Luftschutzes zur Verfügung gestellt werden.

Nach dem Zusammenbruch des NS-Staates am 8. Mai 1945 waren die kirchenfeindlichen Motive für die Schließung der kath. Volksschule fortgefallen und die Voraussetzung für die Wiedereröffnung grundsätzlich gegeben. Mit Genehmigung der britischen Militärregierung eröffnete Lehrer Zumstrull die Schule am 20. August 1945, doch schon nach einer Woche mußte sie wieder geschlossen werden, wie alle konfessionellen Schulen. Bei einer im Jahre 1946 stattgefundenen Abstimmung hatten bei 66 kath. Kindern die Eltern von 64 Kindern für die Bekenntnisschule gestimmt. Inzwischen hatte sich durch den Zustrom vieler Flüchtlingskinder die Zahl der kath. Schulkinder erheblich erhöht, so daß Regierung und Stadt Aurich den Rechtsanspruch der kath. Elternschaft auf eine kath. Schule anerkannten, zumal die zur Eröffnung einer Bekenntnisschule vorgeschriebene Mindestzahl an Schülern längst überschritten war. Die Schule sollte auf Anordnung der Regierung zu Ostern 1949 wiedereröffnet werden. Der Rat der Stadt Aurich lehnte in der Abstimmung vom 25. März 1949 den Antrag auf Wiedereröffnung der kath. Schule aus finanziellen Gründen mit den Stimmen von SPD, KPD und FDP gegen die Stimmen der CDU ab.

Katholische Volksschule um 1949.

Der Kirchenchronist berichtet:
„Das Jahr 1949 und die ersten Monate des Jahres 1950 standen im Zeichen eines schweren Kampfes um die kath. Schule in Aurich. Am 25. März 1949 hatte der Rat der Stadt den Antrag der St. Ludgerusgemeinde auf Wiedereröffnung der kath. Schule aus finanziellen Gründen abgelehnt. Auf dem Festakt der 100-jährigen Jubiläumsfeier der St. Ludgeruskirche hatte der Auricher Bürgermeister von Schleusen versprochen, „er werde sich für die berechtigten Ansprüche der Kirchengemeinde auf Wiedereröffnung der Schule in nicht allzuferner Zeit einsetzen“. Der Bischof von Osnabrück dankte ihm danach für sein Versprechen und sagte lächelnd: “Ich betrachte es als ein Jubiläumsgeschenk; Sie sagen, „in nicht allzuferner Zeit“, na, sagen wir – vor Ostern 1950“.

Anbau an das alte Schulgebäude 1950.

Schulklasse um 1950 mit Lehrer Gerhard Kubetschek.

Nichtsdestoweniger ging der „Schulkampf“ unvermindert weiter. Der Kirchenvorstand kam infolgedessen bald zu der Einsicht, daß durch Selbsthilfe der St. Ludgerusgemeinde der notwendige Schulraum hergerichtet werden müsse, um der Stadt den Vorwand zu nehmen, die Eröffnung der kath. Schule aus finanziellen Gründen weiterhin hinauszuschieben. Es wurde daher am 19. Februar 1950 beschlossen, den vorhandenen Schulraum mit Schulmöbeln zu versehen, sodann an das alte Schulgebäude eine Klo-settanlage und einen weiteren Raum anzubauen, der als zweites Klassenzimmer oder als Jugendheim Verwendung finden sollte. Die Geldmittel hierfür wurden durch Anleihen, Bewilligung des Bischöflichen Generalvikariates und des Bonifatiusvereins, durch Spenden und „durch die Opferwilligkeit der Gemeinde aufgebracht.“

Nachdem so wesentliche Voraussetzungen geschaffen waren, konnte sich die Stadt der Wiederbelebung der kath. Schule nicht länger entziehen. Endlich, am 18. April 1950, hundert Jahre nach der Gründung, wurde der Tag der Wiedereröffnung der kath. Volksschule festlich begangen.

Der Chronist berichtet:
„Es war ein taufrischer, herrlicher Frühlingsmorgen, als die Kirchengemeinde sich nach dem feierlichen Hochamte vor dem Schulgebäude versammelt hatte, um der feierlichen Eröffnung der Schule durch den Bürgermeister der Stadt Aurich und den Kreisschulrat beizuwohnen. Der Bürgermeister, Herr Hermann von Schleusen, gab seiner Freude Ausdruck, daß nunmehr ein Nazi-Unrecht wiedergutgemacht sei. Er forderte einen zielstrebigen Aufbau der Schule und würdigte die Verdienste des Pastors, Herrn Josef Lammers, um die Wiedereröffnung. Der Kreisschulrat wies auf die frische Kinderschar, die vor ihm stand, hin und sagte: „Sie sei ein Geschenk Gottes. Jede schulische Arbeit müsse in der Erziehung zu Gott gipfeln“. Pastor Lammers wies darauf hin, daß es keineswegs die Absicht der Bekenntnisschule sei, konfessionelle Unterschiede herauszustellen. Die Forderung der Bekenntnisschule sei den Katholiken eine Angelegenheit des Gewissens. Nicht religiös gleichgültige Menschen, sondern nur tief religiös erzogene Christen – Katholiken wie Protestanten – würden die gemeinsamen christlichen Anliegen fördern können“.

Die kath. Volksschule führte zunächst den Namen „Ansgari-Schule“, benannt nach dem hl. Ansgar, dem Missionar und dem Oberhirten des Erzbistums Bremen, dem Aurich in vorreformatorischer Zeit kirchlich zugehörte. Die Schule wurde zunächst mit den ersten zwei Grundschulklassen eröffnet, die getrennt in einem Klassenzimmer unterrichtet wurden. Die Leitung übernahm Lehrer G. Kubetschek. Im Laufe des Jahres 1950 wurde mit der Errichtung des zweiten Klassenzimmers und der Toilettenanlage begonnen, da dieser Klassenraum zu Ostern 1951 benötigt wurde. Der Anbau wenige Meter hinter der Kirche schloß direkt an das alte Schulgebäude von 1903 an. Als in der zweiten Hälfte des Jahres 1951 das St. Ludgerushaus gebaut wurde, wurde das alte Schulgebäude abgerissen und der Anbau im Ludgerushaus integriert.

Am 27. Januar 1952 fand die Einweihung des St. Ludgerushauses am Fischteichweg statt. Dort fand die kath. Schule ihr neues Domizil mit vier Klassenzimmern und einem Lehrerzimmer. Die kirchliche Weihe fand am 1. März 1952 durch Pastor Lammers statt. Die Schule erhielt nunmehr den Namen „St. Ludgeri-Schule“. Mit Beginn des Schuljahres 1952/53 war der Aufbau der kath. Volksschule abgeschlossen. Die kath. Kinder des fünften bis achten Schuljahres, die noch in der Stadtschule I unterrichtet wurden, erlebten am 17. April 1952 ihre Umschulung.

1. Klasse: 1. und 2. Schuljahr – 39 Kinder
2. Klasse: 3. und 4. Schuljahr – 54 Kinder
3. Klasse: 5. und 6. Schuljahr – 32 Kinder
4. Klasse:  7. und 8. Schuljahr – 30 Kinder

Die Schule zählte also 155 Kinder, 78 Mädchen und 77 Knaben, davon waren 72 Flüchtlingskinder. Die Kinder wurden von drei Lehrkräften unterrichtet, nämlich Hauptlehrer Franz Stimpel, Lehrer Josef Langnickel und Lehrerin Marianne Christoph.

Zu Beginn des Schuljahres 1956/57 wurde der Bestand der Schulklassen auf drei reduziert, da die Schülerzahl rückläufig war.

1. Klasse: 1. und 2. Schuljahr – 46 Kinder
2. Klasse: 3. und 4. Schuljahr – 35 Kinder
3. Klasse: 5. bis 8. Schuljahr – 36 Kinder

Die kath. Volksschule wurde also von 117 Kindern, 50 Mädchen und 67 Knaben besucht, davon waren 62 Flüchtlingskinder. Der Unterricht wurde erteilt von Hauptlehrer F. Stimpel, Lehrerin H. Kaltwasser und Lehrer P. Kubitschek.

In den Sommerferien 1957 wurde ein Klassenzimmer für die neu errichtete Förderschule des Lagers Sandhorst angebaut.

St. Ludgerushaus, katholische Volksschule, Schwesternwohnung und Tagungsstätte um 1960.

Mit dem neuen Schuljahr 1962 erhielten die Mädchen der letzten Jahrgänge Unterricht in den Fächern Kochen und Hauswirtschaft durch Frau Meyer und die Jungen erhielten Werkunterricht durch Lehrer Hans Weisser.

Mit dem Schuljahr 1962/63 begann auch die neunjährige Schulpflicht. Die Kinder des neunten Schuljahres sollten künftig am Unterricht der Reilschule bzw. der Lambertischule teilnehmen. Die Eltern der Kinder protestierten erfolgreich gegen diese Entscheidung der Schulbehörde. Die Kinder des neunten Schuljahres wurden als selbständige Gruppe anhand eines Staffelplanes an der kath. Schule weiter unterrichtet. Dies war nur möglich, da die Lehrer einige Unterrichtsstunden über die Pflichtstundenzahl hinaus erteilten. Die Kinder des neunten Schuljahres wurden jedoch ab 1. April 1966 endgültig der Lambertischule zugeteilt. Diese Regelung erfolgte aufgrund des zweiten Gesetzes zur Änderung des Gesetzes über das öffentliche Schulwesen in Niedersachsen vom 5. Juli 1965.

Die Jahrgänge wurden ab 1962 aus pädagogischen und methodischen Gründen wie folgt zusammengefaßt:

1. Klasse: 3. und 4. Schuljahr – 32 Kinder
2. Klasse: 2., 5. und 6. Schuljahr – 44 Kinder
3. Klasse: 1., 7. und 8. Schuljahr – 35 Kinder
Sondergruppe 9. Schuljahr 6 Kinder

Die St. Ludgerusschule wurde also von 117 Kindern, 53 Mädchen und 64 Knaben, besucht, davon waren 56 Flüchtlingskinder.

Ab Ende 1962 wurden im Kirchenvorstand Pläne diskutiert, eine neue, größere kath. Bekenntnisschule in der Lambertistraße zu bauen, da die Schülerzahl in den kommenden Jahren stark zunehmen werde. Das entsprechende Grundstück an der Lambertistraße – heute hat dort die AOK ihre Niederlassung – hatte die Kirchengemeinde bereits im März 1963 käuflich erworben. Am 19. August 1964 fand in nichtöffentlicher Sitzung des Rates der Stadt Aurich die Beratung und Beschlußfassung über den Schulneubau statt. Anstelle der in der Vorlage vorgeschlagenen 150.000 DM sollten nunmehr 250.000 DM von der Kirchengemeinde aufgebracht werden. Dieser Beschluß wurde kontrovers diskutiert, die Planung ging indes weiter. Im Oktober 1965 lagen korrigierte Entwürfe des Architekten Feldwisch-Drentrup aus Osnabrück vor. Deren Verwirklichung schien zum Greifen nahe.

Doch nicht zuletzt aufgrund der Schulgesetznovelle vom 5. Juli 1965 – Einführung von Grund- und Hauptschule sowie Förderstufe – wendete sich bereits im Mai 1966 das Blatt. In den Ostfriesischen Nachrichten vom 2. September 1966 ist folgendes zu lesen:

„Der alte Streit um den Neubau einer kath. Volksschule, der nach der Beschlußfassung des Rates der Stadt Aurich als der Schulträgerin vom 19. August 1964 zwischen den Verfechtern und den Gegnern des Vorhabens entbrannt war, ist in diesen Wochen mit womöglich noch schärferen Tendenzen wieder aufgeflackert. Über die Fragestellung „Braucht Aurich für eine Volksschüler-Minderheit einen besonderen Schulbau und wird sich dieser in Zukunft als lebensfähig erweisen?“ hat sich diesmal nicht wie 1964 die breite Öffentlichkeit, sondern inzwischen auch unüberhörbar die kath. Elternschaft in zwei Lager gespalten. Ein Teil der kath. Elternschaft sieht weder die Rentabilität noch die Leistungsfähigkeit eines Neubaues der Bekenntnisschule als gegeben an, zumal selbst der Fortbestand der alten Schule – als zweistufige Grundschule – unter den zu erwartenden Verhältnissen – sinkende Schülerzahlen – kaum noch als restlos gesichert gelten kann.“

Im August 1966 haben sowohl der Vorsitzende des Elternrates als auch ein Klassen-Elternratsvorsitzender ihre Ämter niedergelegt und ihre Kinder von der kath. Volksschule abgemeldet. Die Zeichen standen also auf Sturm. Im übrigen gab es – verknüpft mit dem Problem – noch einen Nebenkriegsschauplatz: den Generationskonflikt zwischen dem allseits geachteten Dechant Josef Lammers und dem Kaplan Hubert Wessels, der als junger kath. Geistlicher neue Wege beschritt, hinter dem die Jugend fast geschlossen stand. Die Sache nahm Formen an, die man nur als unerfreulich bezeichnen kann. Fazit: Kaplan Hubert Wessels wurde am 1. Oktober 1966 nach Osnabrück versetzt, Hauptlehrerin Zybon wurde am 1. August 1967 auf eigenen Wunsch nach Göttingen versetzt, das Projekt „Neubau einer kath. Schule“ wurde fallengelassen.

Durch die Schulgesetznovelle vom 5. Juli 1965, insbesondere durch die Einführung von Förderstufe und Hauptschule, konnte die kath. Volksschule nur noch als zweistufige Grundschule (Jahrgänge eins bis vier) fortgeführt werden. An der Lambertischule wurde zum 1. Dezember 1966 die Förderstufe für das gesamte Stadtgebiet einschließlich Kirchdorf eingerichtet. Also wurden alle Kinder des fünften Schuljahres an der Lambertischule zusammengezogen.

Ab 1. Dezember 1966 wurde die St. Ludgerischule als Grundschule weitergeführt. Die Kinder des damaligen vierten und siebten Schuljahres der kath. Volksschule gingen ab 1. Dezember zur Lambertischule, die Kinder des fünften und sechsten Schuljahres zur Reilschule.

Das Schuljahr 1967/68 begann erstmals am 15. August. Es waren zwei Kurzschuljahre vorgeschaltet: vom 1. April bis zum 30. November 1966 und vom 1. Dezember 1966 bis zum 31. Juli 1967.

Schülerstand
1968/69: 49
1969/70: 38
1970/71: 52
1971/72: 41

Im Jahre 1971 wurden die Zukunftsaussichten der Kath. Grundschule auf verschiedenen Elternversammlungen sowie mit Vertretern der St. Ludgerusgemeinde und einem Vertreter des Bischöflichen Stuhls diskutiert. Anlaß zu den Überlegungen gab die angelaufene Reform der Grundschule, die zügig durchgeführt wurde. Es stand eine Novelle in Aussicht, nach der nur noch Schulen mit mehrzügigen Jahrgangsklassen weitergeführt werden können.

Doch schon ab Anfang 1971 hatte die Kath. Grundschule keine Chance mehr. In der Pfarrgemeinderatssitzung vom 17. Februar 1971 wurde nach vorangegangener Diskussion folgender Vorschlag einstimmig angenommen:

1. Im Herbst 1971 wird nicht mehr neu eingeschult.
2. Im Herbst 1972 werden die jetzigen Klassen 1 und 2, die dann das 3. und 4. Schuljahr beginnen, in die Lambertischule eingegliedert.
3. Man läßt sich vom Schulrat schriftlich die Zusage geben,
a) daß die kath. Kinder an der Lambertischule immer in einer Klasse zusammengefaßt werden,
b) daß diese Klassen jeweils kath. Lehrer bekommen,
c) daß die kath. Eltern der ganzen Stadt Aurich die Möglichkeit haben, ihre Kinder auf die Lambertischule zu schicken.
4. Als nächster Schritt muß mit dem Elternrat darüber gesprochen werden.

So wurde am 11. März 1971 die Elternschaft der Kath. Grundschule zu einer Besprechung eingeladen. Als einziger Besprechungspunkt stand auf der Tagesordnung die Frage: „Wie sieht die Zukunft unserer Schule aus?“

Die Eltern der Kinder, die in der Ludgerischule für das erste Schuljahr angemeldet waren, baten den Schulrat mit Schreiben vom 27. Juli 1971, die Kinder in die Lambertischule einzuschulen, da die Zukunft der Kath. Grundschule nicht mehr sicher sei. Die Eltern befürchteten, daß nach Auflösung der Ludgerischule die einzelnen Kinder ihrem Wohnbezirk entsprechend auf verschiedene Schulen im Stadtgebiet verteilt würden. Der Bitte wurde am 9. September 1971 entsprochen.

Sowohl die Schulleiterin Lucia Schulte als auch die Lehrerin Maria-Therese Pöker teilten der Elternschaft auf der Elternversammlung vom 3. Februar 1972 mit, daß sie die Kath. Grundschule zum 1. August 1972 verlassen werden. Pastor Krümel gab bekannt, daß die Gemeinde ab 1. August 1972 personell nicht mehr in der Lage sei, auswärtige Schüler mit dem Kleinbus zur Schule zu befördern. Auf dieser Elternversammlung informierte der Schulrat Goldau über Neuerungen im Schulverwaltungsgesetz und insbesondere über Reformbestrebungen für Grundschulen.

• Nach der Novelle zum Schulverwaltungsgesetz können nur Schulen mit mehrzügigen Jahrgangsklassen bestehen bleiben. Es ist eine Frage der Zeit, wann die weniger gegliederten Schulen in größere Systeme überführt werden.
• Die Kath. Grundschule hat nach alledem keine Zukunftsaussichten; es wurde vorgeschlagen, die Kinder zum neuen Schuljahr 1972/73 in die Lambertischule umzuschulen.
• Der Schulrat erläuterte das Verfahren einer Abstimmung um den Erhalt der Kath. Schule. Er betonte jedoch abschließend, daß die St. Ludgerischule nicht fortbestehen könne, auch wenn sich die Eltern nicht zur Umschulung ihrer Kinder entschließen könnten und den Fortbestand der Kath. Grundschule wünschten. In diesem Falle würde die Lambertischule als Angebotsschule für die kath. Kinder nicht gelten, und die Kinder müßten die Schulen ihrer Wohnbezirke besuchen.

Der Schulrat informierte die Stadt Aurich als Schulträger über das Abstimmungsergebnis. Sodann teilte die Stadt dem Vorsitzenden des Kirchenvorstandes der St. Ludgerusgemeinde mit, daß von 43 Erziehungsberechtigten 31 für die Auflösung der Kath. Grundschule gestimmt haben, 3 dagegen und 9 sich der Stimme enthalten hätten.
In der Sitzung vom 9. Mai 1972 stellte der Rat der Stadt Aurich die Aufhebung der Kath. Ludgerischule gem. § 5 des Schulverwaltungsgesetzes fest. Der Beigeordnete Johannes Diekhoff (FDP) sprach dazu für die Koalition: „Wir sind besonders froh über die Folgen dieser Schulschließung!“ Für die CDU betonte der Beigeordnete Baumgarten: „Nach § 5 des Gesetzes hatte die kath. Grundschule keine Zukunftsaussichten mehr.“

Am 15. Juli 1972 nahmen die Schüler und Schülerinnen der St. Ludgerischule gemeinsam mit ihren Eltern, Lehrern und Seelsorgern in einer besinnlichen Feierstunde Abschied von ihrer Schule.

Da war die katholische Volksschule noch voller Leben: Schulklasse um 1952 mit Lehrer Josef Langnickel.

Schulklasse um 1953 mit Lehrerin Hildegard Kaltwasser.

Schulklasse um 1958 mit Lehrer Peter Kubitschek.

Schulklasse um 1969 mit Hauptlehrerin Lucia Schulte.

Die letzte Eintragung der Schulchronik lautet prosaisch:

„Am Mittwoch, dem 19. Juli 1972, war der letzte Schultag. Nach der Zeugnisverteilung schloß der Unterricht in der Katholischen Volksschule Aurich nach der dritten Unterrichtsstunde.“

Zum 1. August 1972 wurde die Kath. Volksschule nach 122 Jahren fruchtbaren Dienstes an der Jugend aufgelöst. Mit Beginn des neuen Schuljahres wechselte der größte Teil der Kinder mit der bisherigen Schulleiterin, Lucia Schulte, zur Lambertischule. Frau Schulte übernahm dort als Klassenlehrerin die dritte Klasse, die sich überwiegend aus den Kindern der Ludgerischule zusammensetzte.

Mit dem 19. Juli 1972 endete nicht nur ein Schuljahr, sondern eine schulische Epoche in Aurich. Die Stafette, die am Ende der Biedermeierzeit begonnen hatte, die nur in Deutschlands dunkelster Zeit, dem Nationalsozialismus, unterbrochen war, endete in der Zeit materieller Übersättigung und beginnender geistiger Orientierungslosigkeit.

Teil 1 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – der Patron
Teil 2 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Vorgeschichte 1
Teil 3 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Vorgeschichte 2
Teil 4 | Chronik von St. Ludgerus Aurich Ortsgeschichte 1 Jahre 1632 bis 1930
Teil 5 | Chronik von St. Ludgerus Aurich Ortsgeschichte 2 – Jahre 1931 bis 1966
Teil 6 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Ortsgeschichte 3 – Jahre 1967 bis 1985
Teil 7 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Ortsgeschichte 4 – Jahre 1986 bis 1996
Teil 8 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Ortsgeschichte 5 – Jahre 1997 bis 1999
Teil 9 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Innenausstattung Kirche 1
Teil 10 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Innenausstattung Kirche 2

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