20.01.16 | Und dann noch Opfer von Missachtung

Tageszeitungen berichten heute über den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche. Geistliche und Mitarbeiter haben sich auf schlimmste Weise an ihnen vergriffen. Längst geht die Kirche offensiv damit um. Viele Fälle liegen so weit zurück, dass die Täter strafrechtlich nicht mehr zu verfolgen oder inzwischen verstorben sind. Immerhin kann die Kirche das Leid der Opfer anerkennen, und das tut sie. Sobald eine Schilderung plausibel ist, nimmt sie sie an. Was wirklich passiert ist, wird sich in vielen Fällen kaum klären lassen – auch nicht, ob Priester möglicherweise verleumdet werden.

Die Kirche muss es hinnehmen. Sie darf nicht Gefahr laufen, jemanden, der den eigenen Missbrauch schildert, zum zweiten Mal zu einem Opfer zu machen. Eine heikle Mission.

Vor Jahren wurde in meiner alten Heimat vor Gericht der Fall eines Hautarztes verhandelt, der über Jahrzehnte Mädchen und Frauen missbraucht hatte. Darunter war eine, die als 16-jährige Auszubildende in seine Gewalt geraten war. Ihr Fall war zur Zeit des Prozesses verjährt. Aber sie hatte ihn mit in Gang gebracht. Sie hatte sich an unsere Zeitung gewandt.

Die Schilderungen, die uns vorlagen, waren so ungeheuerlich und das Versagen von Behörden, die von Opfern Beweise verlangt und nichts unternommen hatten, so groß, dass wir ohne jede Namensnennung die Aussagen publik machten. Plötzlich vertrauten sich unserer Redaktion immer mehr Frauen an, die über Jahrzehnte in die Fänge des Arztes geraten waren. Wir schalteten die Staatsanwaltschaft ein. Viele der Frauen stellten sich als Zeuginnen zur Verfügung. Es kam zum Prozess.

Die meisten der Betroffenen teilten ein Schicksal: Sie hatten sich Menschen in ihrer Umgebung anvertraut. Die hatten ihnen nicht geglaubt oder abzuwiegeln versucht. So waren sie noch einmal zu Opfern geworden.

Auf der Webseite katholisch.de sind ein Interview und ein kleiner Film u.a. über Präventionsarbeit zu sehen (Link zur Seite). Darin heißt es, dass ein missbrauchtes Kind sieben Erwachsene ansprechen muss, ehe es zum ersten Mal Hilfe erfährt. Sieben Erwachsene. Sieben Mal Überwindung. Sieben Mal Zurückweisung. Sieben Mal erneutes Opfersein. Dann nicht Opfer von Missbrauch, sondern Opfer von Missachtung – der eigenen Eltern, der eigenen Freunde, des Trainers, der Polizei, des Pfarrers.

Wie viele Kinder fragen erst gar nicht sieben Mal.

Der Hautarzt wurde damals zu einer hohen Haftstrafe verurteilt und noch im Gerichtssaal festgenommen. Nicht behelligt wurden all die, die weggesehen und den fortgesetzten Missbrauch möglich gemacht hatten.

Herzlich eure
Turmflüsterin

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