„Urlaub ohne Koffer“ mit heller Freude

Das waren bewegte Tage: Acht Frauen zwischen 70 und 90 Jahren erlebten beim ersten „Urlaub ohne Koffer“ mit St. Ludgerus Aurich eine prall gefüllte Zeit. Sie verabschiedeten sich nach dem Abschlussgrillen in heller Freude.

Ein Organisatorinnenteam aus dem Anpackerkreis hatte zuvor ganze Arbeit geleistet und das Programm mit vielen kleinen und großen Ereignissen gespickt.

Urlaub ohne Koffer? Das ist ein neues Gemeindeprojekt. Steffi Holle hatte es im Anpackerkreis angeregt: Ältere Menschen, die kaum noch Gelegenheit haben, in Urlaub zu fahren, werden an zwei Tagen in Folge morgens daheim mit Bonibullis zu Ausflügen abgeholt, unterwegs mit allem versorgt, was eine gute Freizeit ausmacht, und abends nach Hause gebracht. Sehr schnell war ein Kreis von Helferinnen und Helfern beieinander, der die Dinge in die Hand nahm – an der Spitze die Organisatorinnen Mechtild Möhlenkamp, Elisabeth Funke und Sandra de Groot.

Das Trio fand attraktive Ziele und heckte ein Puzzlespiel aus, in dem alle Teilchen haargenau passten: Die Ziele mussten in annehmbarer Nähe auf einer Route liegen, für gehbehinderte Menschen zugänglich sein, Hunger und Wissensdurst stillen, Freude wecken und Zwischenpausen ermöglichen, um ohne Druck weitere „Örtlichkeiten“ aufzusuchen.

Fahrgäste und das Betreuungsteam vor den drei Bonibullis aus Aurich, Wittmund und Emden.

Die Organisatorinnen fuhren die Strecken und die Ziele ab, vereinbarten Besichtigungen, buchten Führungen, prüften Behindertentauglichkeit, organisierten Bonibullis, beluden sie mit ausreichend Getränkevorrat, packten für den Fall aller Fälle eine Notfalltasche und einen Rollstuhl ein, druckten Zettel mit wichtigen Rufnummern und Erste-Hilfe-Maßnahmen aus, teilten die Betreuerinnen und das Fahrerteam ein und taten vieles mehr, um Urlaub und Gäste bestmöglich auf den Weg zu bringen.

Der Plan ging auf. Vielleicht das Erstaunlichste: Die Urlaubsgäste hielten trotz körperlicher Einschränkungen bestens durch. Nichts wurde ihnen zu viel. Schon beim ersten Zwischenstopp sagte eine Dame, die die 80 weit überschritten hat: „Jetzt ist nicht die Zeit, über Wehwehchen zu klagen. Das machen wir ein andermal. Jetzt will ich etwas Neues erfahren.“

Die Acht meisterten trotz einer Bordwand, die mittels helfender Hände überwunden werden musste, eine herrliche Grachtenfahrt durch Emden mit Bootsmann Hermann Benjamins.

Bootsmann Hermann Benjamins von der Ems AG schilderte bunt ein bisschen von der Stadtgeschichte und erzählte vom Ottomännchen, das neuerdings Verkehrsampeln in Emden unsicher macht: Es erscheint bei Grün. Und alle bleiben stehen und gucken.

Kaum hatte sich die Reisegruppe gemütlich niedergelassen, bimmelten im nahen Kirchturm wie bestellt die Glocken ein Willkommen.

Sie lauschten Claudia Berkhout, der Chefin im Ladengeschäft einer Käserei in der Krummhörn, die umgehend ihren Vortrag verlängerte, als sie merkte, wie wissbegierig die Damen und ihr Betreuerteam waren.  Sie ließen sich schwere Käselaibe in die Arme legen, lasen vom Gewicht die „Tragkraft“ der Molkereifachleute ab, probierten Edles aus Kuh- und Ziegenmilch und forschten nach Hintergründen zu Unverträglichkeiten und Allergien.

In der Käserei gabs leckere Probehäppchen aus Rohmilchkäse.

Claudia Berkhout erklärte anschaulich, beredt und unterhaltsam, wie Käse nicht industriell, sondern in Handarbeit gemacht wird – und zwar aus Ziegen- und Kuhmilch im eigenen landwirtscchaftlichen Betrieb. Man nehme frisch gemolkene Milch, erwärme sie in einer Käsewanne auf Gerinnungstemperatur, gebe ein paar Zutaten hinzu, trenne die Molke vom Bruch, schöpfe den Bruch ab und verwerte ihn als Grundstock für einen Rohmilchkäse. Jetzt kommen je nach Geschmack noch Kräuter, Knofi, Chili oder andere Würzstoffe hinzu. Das Ganze wird gepresst, damit auch die letzte Molke aus dem Käse herauskann, und endlich hat man einen handfesten Käse. Ein Salzbad verstärkt das Aroma, ehe das gute Stück eingewachst wird. Insgesamt sind unzählige Handgriffe erforderlich, ehe der Käse in schummriger Atmosphäre auf Leckermäuler wartet, aber auch in den Regalen noch weiter gepflegt werden muss.

Bei einem Spaziergang genossen sie Greetsiel – einige mit Stock oder am Rollator. Sie blieben an Geschäften stehen, prüften Preise und die Stoffqualität von Halstüchern und kommentierten die gepflegten Häuser. Vier kauften sich vergnügt ein Eis auf die Hand, standen an der Kaimauer des Kutterhafens und bestaunten das geschäftige Treiben im hübschen Ort.

Reichlich zu essen und zu trinken gab es auch: Mittags waren sie Gäste im schönen Haus Simeon des Caritasverbands Emden gewesen, das eine Kaffee- und Teetafel mit Kuchen spendiert  hatte. Abends speisten sie im Fischrestaurant  de Beer.

Tee- und Kaffeetafel mit leckerem Kuchen im gastfreudlichen Haus Simeon des Caritasverbands in Emden. Unter den Gästen waren übrigens nur Frauen. Natürlich hätten auch Männer mitfahren können, allerdings hatte sich keiner angemeldet.

Immer wieder kamen Ausrufe wie diese: „Was wir alles erleben!“ – „Ihr schenkt uns so viel. Wie kommt ihr dazu?“ „So eine Menge erlebt habe ich in den letzten zehn Jahren nicht!“ – „Mir tun die Backen vom Lachen weh!“

Denn die Acht bekamen auch miteinander viel Spaß. Manche hatten sich erst während des Kennenlern-Frühstücks am Morgen im Bonihaus zum ersten Mal gesehen. Davon war bald nichts mehr zu spüren. Manchmal stützten sich einige gegenseitig; sie fassten sich unter und liefen als enggefugte Mauer durch die Fußgängerstraßen. Stets waren Betreuerinnen in unmittelbarer Nähe. Denn klar war: Wenn ein Teil der Mauer kippt, kippt der Rest gleich mit. Sie erwies sich als stand- und trittfest – eine gute Erfahrung für die Frauen. Sie schafften es meist mit eigenen Kräften.

Eine 90-jährige Dame, deren Beine müde geworden waren, nahm gern im „Notfall“-Rollstuhl Platz und genoss die neue Perspektive. Sie spürte jeden gröberen Pflasterstein im Kreuz und freute sich zugleich über jede Fahrspur, die halbwegs ruckelfrei war.

Eilts Dirks vor dem alten Kirchgestühl der Suurhuser Kirche, in dem früher jeder seinen festen (bezahlten) Platz hatte. Eilts Dirks erzählte auch vom schiefen Kirchturm, der auf 25,705 Meter Höhe einen Überhang von 2,47 Meter hat und sich damit 5,19 Grad über die Senkrechte hinauswagt. Der schiefe Turm von Pisa kam nur auf läppische 4,47 Grad und liegt nach einer Rettungsaktion jetzt bei 4,19 Grad. Über Jahrhunderte trugen Eichenbohlen das Gewicht des Suurhuser Turms: über 2100 Tonnen. Auch dieser Turm hat inzwischen eine aufwendige Rettungsaktion hinter sich. – Die Kirche wurde vor dem Jahr 1250 auf einer Warf errichtet. 1450 „kürzte“ die Gemeinde das Gotteshaus, um einen Turm anbauen zu können. Hierhin flüchteten sich Menschen bei Sturmfluten – wie bei der Allerheiligenflut 1570. Selbst die Kirche auf dem Hügel stand meterhoch im Wasser. Die ganze Küste zwischen Flandern und Eiderstedt war überschwemmt.

Auf solch einer Spur „parkte“ ein anderer Rollstuhlfahrer, der gefühlt 60 Jahre weniger auf dem Buckel hatte. Unsere Dame rief ihm lustig zu: „Machen Sie den Weg frei, junger Mann, wir sind in Fahrt!“ Der junge Mann setzte lachend zurück. Alle Umstehenden lachten mit. Die Dame sagte versonnen: „Wenn ich das heute Abend meinen Kindern erzähle…“

Vor der Heimfahrt wurde es eine Spur wehmütig. „Der erste Tag liegt schon hinter uns.“ Und: „Jetzt haben wir noch einen Blick auf die Kornfelder. Wie lange habe ich keine Kornfelder mehr gesehen.“

Auch diese Freude an den scheinbar kleinen Dingen des Lebens, die viele nicht mehr wahrnehmen, machte den Tag aus: die wogenden Kornfelder, die Stockrosen an einer Hauswand, der Seewind und die Sonne im Gesicht oder das Eis auf der Hand.

Am zweiten Tag besuchten die Urlaubsgäste den schiefen Turm von Suurhusen und seinen knorrigen Gästeführer Eilts Dirks.

Der sorgte mit seinem Wissen rund um das alte Gotteshaus und seinen „schiefsten Kirchturm der Welt“ sowie mit zahlreichen Geschichtchen für neues Wissen und viel Gelächter.

Eilts Dirks erklärte den Urlauberinnen eine 100 Jahre alte „Kirch-Fußbodenheizung“. In den unteren Teil eines Kastens kam glühender Torf, auf den Deckel stellten die Frauen ihre Füße und hüllten gern ihre weiten Röcke über das Stöfchen. So blieben weitere Körperteile mollig warm.

Im Landarbeitermuseum gleich nebenan erkannten die Damen einen Teil ihrer eigenen Geschichte wieder. Sie sahen Gegenstände, die ein halbes Jahrhundert zuvor zu ihrem Alltag gehört hatten, und plauderten zwischendurch so angeregt ihre Erinnerungen heraus, dass Gästeführer Helmut Gerdes erst mal eine Pause einlegte.

Landarbeitermuseum mit spärlichem „Mittagstisch“… Das Innenleben des Zimmers, in dem eine ganze Familie, oft mit drei Generationen, unterkommen musste, weckte viele Erinnerungen.

Helmut Gerdes ist einer von elf „Rentnern“, die in Suurhusen allerhand pflegen und auf die Beine stellen und z.B. ein Landarbeitermuseum unterhalten. Helmut Gerdes erzählte spannend vom Leben armer Leute und von harter Arbeit schon für Kinder.

Sieht idyllisch aus, wars aber nicht. Bauern konnten Kinder jederzeit aus der Schule holen und für Feldarbeiten einsetzen, wie hier zum Unkrautstechen.

Kinder schleppten mit Hilfe eines Jochs schwere Kübel.

Weiter ging‘s nach Norddeich an die Mole: noch einmal Seeluft schnuppern und das Meer sehen, das sich im Watt blicken ließ, auch wenn es nicht in Hochform war. Wie bestellt lief die Frisia XI ein, und ein Bootsmann warf genau dort die Leinen aus, wo die Auricher Gruppe sich gerade noch zum Foto versammelt hatte.

Prompt sprachen einige Frauen ein Hoch auf die Organisationskunst des Betreuerteams aus: „Wie habt ihr das so passgenau hinbekommen?“  Sie beobachteten das Anlegemanöver wie einen Krimi.

Gruppenbild mit Fähre.

Arm in Arm an der Mole.

An der Hafenmauer 1.

An der Hafenmauer 2.

Bis zum Abend hatten weitere Mitglieder des Anpackerkreises einen Grillabend mit allerlei Fleisch- und Wurstwaren, mit leckeren Salaten, Saucen und viel frischem Gemüse vorbereitet.

Wie schon am Mittag beim Picknick in der gastfreundlichen St.-Ludgerus-Gemeinde in Norden und bei einem Kaffeebesuch in Norddeich ließen es sich Gäste und „Gästeführer“ schmecken.

Picknick in der Norder St.-Ludgerus-Gemeinde. Die frisch gebackene Gemeindereferentin Lea Wenker begrüßte die Gäste herzlich (Bild rechts hinten). Im September wird sie gesendet. Herzliche Segenswünsche!

Am Ende bedankte sich Elisabeth: „Wie schön, dass Sie sich alle auf das Experiment, den ersten ‚Urlaub ohne Koffer‘, eingelassen haben.“ Eine Dame rief: „Wir sind es, die sich bedanken möchten.“ Und dann hagelte es Komplimente. Vielleicht das Schönste: „Heute war es für uns wie in einer Familie.“ Eine Frau wünschte sich: „Lassen Sie uns nicht einfach so auseinander gehen, sondern noch gemeinsam etwas singen.“

Der Vorschlag kam genau richtig, denn das hatte Mechtild bereits geplant. Als Erinnerung überreichte sie jedem ein selbstgefaltetes Papierschiffchen mit Großsegel und Fock; darauf stand ein Segensgebet für den künftigen Weg. Liederzettel hatte sie auch dabei. Der Text war wie gemacht für den Urlaub ohne Koffer: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud.“

Die war in den zurückliegenden Tagen reichlich gefunden worden.

Den Abend der ersten Aktion „Urlaub ohne Koffer“ beschloss ein Fahrer mit dem Ruf: „Und bevor Sie nach Hause gehen, achten Sie bitte darauf, dass Sie aus den Bullis auch wirklich alle Koffer mitgenommen haben!“

Der nächste „Urlaub ohne Koffer“ kommt bestimmt!

Text und Fotos: Delia Evers

Mechtild verteilte ihre selbst gefalteten Schiffchen auch ans Betreuerinnenteam.

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