Gassenhauer-Preis: Ammo brauchte ein einziges Wort

Das war ein Mammut-Marathon. Freitag, Samstag und Sonntag drehte die Filmcrew von 360 Grad Creations aus Hamburg Interviews mit 25 Gassenhauern. Die meisten standen einzeln eine volle Stunde Rede und Antwort.

Ann-Catherine Lukes, Friedrich Musolf und Dominik Dietrich, allesamt Filmfachleute mit Wurzeln in Aurich, haben nun das Vergnügen, aus der Fülle an Stoff nicht etwa eine neue Netflix-Serie mit ungezählten Folgen zu kreieren, sondern einen Streifen von fünf Minuten Kürze.

Mehr darf nicht sein. Die Theaterfamilie Gassenhauer hat, wie berichtet, den dritten Platz im bundesweit ausgeschriebenen Deutschen Amateurtheaterwettbewerb sicher. Der Auricher Super-Kurz-Film kann sie noch auf den zweiten oder ersten Platz hieven.

Unsere drei Experten für Bewegtbilder eröffnen in den nächsten Tagen eine Art Film-Materialschlacht, um alle Aufnahmen auszuwerten. Die Aufgabe bekümmert sie keineswegs: Sie stehen ohnehin morgens mit ihrer Arbeit auf und nehmen sie abends mit ans Bett. An große „Schnittmengen“ sind sie beim Cutten gewöhnt. Alles, was ihre geschulten Sensoren nicht unmittelbar in Wort und Bild anspricht, fällt der digitalen Schere zum Opfer. So filtern die jungen Leute die besten Sequenzen heraus und verdichten mehr und mehr den Kern der Botschaft „Theater ist Leben“.

Intensiv wie selten erfuhren die Betreuerinnen und Betreuer der Gassenhauer in den letzten Tagen von Interview zu Interview, was die Theaterfamilie ihren jungen Schützlingen bedeutet. „Sie haben oft unabhängig voneinander gleiche Wörter gefunden“, sagt Theaterpädagoge Claus Gosmann. Eindrucksvoller hätten die jungen Leute kaum zeigen können, wie sehr das Theaterspiel sie in einem besonderen Punkt eint: Sie erleben eine verlässliche Gemeinschaft, in der sich die Familienmitglieder aufeinander einlassen und verblüfft erkennen, dass der „Einsatz für alle“ die Talente jedes einzelnen stärkt, nicht nur auf der Bühne, sondern im echten Leben. Sie gehen mit gestärktem Selbstwertgefühl, mit Freude und mit Freunden nach Hause.

Dominik Dietrich (l.) und Friedrich Musolf an ihren Geräten. Der kleine Aufnahmemonitor zeigt Klaus Schütze, der ebenfalls ein Wörtchen mitzureden hatte.

Ein Gassenhauer zu sein, macht glücklich. Das sagte beim letzten Dreh am Sonntag Ammo. Er stammt aus Syrien. Schon vor seiner Flucht habe er in Damaskus zum Theater gewollt, erzählt er. „Ich wollte immer Theater spielen.“ Doch er sei nicht genommen worden. „Ich bin Kurde.“

Dreh mit dem kostümierten Ammo. Ganz links im Finstern ist Friedrich Musolf zu sehen, daneben Theaterpädagoge Claus Gosmann. Er führte die Interviews. Auf der Bank im Hintergrund hörten Isburga Dietrich und Klaus Schütze zu. Das Drehteam arbeitete im Güterschuppen quasi in Studio-Qualität im abgedunkelten Raum mit künstlichem Licht.

Isburga inmitten der Requisiten und Kostüme, die während der Dreharbeiten eingesetzt wurden.

Ein junges Mädchen sagte im Interview einen Satz, der den erfahrenen Gassenhauer-Betreuern für einen Moment die Sprache verschlug: „Das Theater hat mein Leben gerettet.“ Das Mädchen legte seine Erfahrungen offen.

Besonders in solchen Momenten fühlen die Verantwortlichen den Wert ihrer Arbeit und zugleich ihre Last. Sie geben den jungen Menschen unendlich viel, doch in ihrem kraft- und zeitgreifenden Ehrenamt können sie unmöglich alles Schwere abfedern, das viele Mädchen und Jungen mitschleppen. Die Gassenhauer bräuchten einen Sozialberater oder eine Sozialberaterin, sagt Isburga Dietrich, die die Familie gemeinsam mit Dr. Elke Warmuth leitet. Schon immer war das Betreuerteam gut mit den Lebenssituationen seiner Schützlinge vertraut; doch die vielen Interviews in den letzten Tagen haben ihnen noch einmal gebündelt vor Augen gestellt, wo weitere Lebenshilfe möglich und nötig wäre.

So hat der Theaterpreis schon jetzt einen hohen Wert. „Ohne Corona“, sagt Claus Gosmann, „wären vielleicht sechs Leute zur Preisverleihung gefahren“ – eine schöne Erfahrung, klar; doch durch die vielen Gespräche sind nun ungleich mehr Gassenhauer im besten Sinn zu Wort gekommen. Jeder und jede von ihnen konnte frei heraus formulieren, was ihnen die Gassenhauer bedeuten. Ammo brauchte ein einziges Wort: „Liebe.“

Text und Fotos: Delia Evers

Unmittelbar nach Abschluss der Dreharbeiten am Sonntag: v.l. Dominik Dietrich, Ammo, Klaus Schütze, Isburga Dietrich, Friedrich Musolf und Claus Gosmann, allesamt frisch desinfiziert und mit Sicherheitsabstand.

 

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