Teil 2 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Vorgeschichte

Im zweiten Teil unserer Serie zur Chronik von St. Ludgerus Aurich spannt der Autor Manfred Franz Albrecht einen großen Bogen in die spannende Geschichte der katholischen Kirche in Ostfriesland.

Die Geschichte der kath. Kirche in Ostfriesland von den Anfängen bis zur Gegenwart

Als im Jahre 1849 die neugegründete kath. Gemeinde in Aurich den hl. Ludgerus zu ihrem Kirchenpatron wählte, stellte sie sich damit unter den Schutz des Mannes, der neben dem Angelsachsen Willehad das heutige Ostfriesland für das Christentum gewonnen hat. Zwar hören wir schon vor der Zeit Liudgers und Willehads von dem Wirken der angelsächsischen Missionare Wilfrith und Willibrord im westlichen und mittleren Friesland unter den friesischen Stammeskönigen Aldgisl und Radbod. Bestanden bei Aldgisl gute Voraussetzungen für die Christianisierung, so fehlten sie bei seinem Nachfolger Radbod, gest. 719, völlig.

Eine erfolgversprechende Missionierung des östlichen Frieslands war erst möglich, nachdem Karl der Große im Jahre 785 das ganze Friesland bis zur Weser seiner Macht unterworfen hatte. Epochebildend war Weihnachten 785 die Taufe des Sachsenführers Widukind. Der Frankenkönig Karl übertrug im Jahre 787 den westlichen und südlichen Teil Ostfrieslands, den Emsgau (Groothusen, Emden, Leer, Weener) sowie den Federgau (Gebiet um Uttum und Norden) dem Friesen Liudger, während der Angelsachse Willehad den Osten des Landes (Dornum, Aurich, Esens, Wittmund) zur Missionierung erhielt. Als Willehad 787 Bischof von Bremen wurde, fiel sein Missionsgebiet, also auch Aurich, an das Bremer Bistum; ebenso behielt Liudger seine friesischen Gaue, als er im Jahre 805 zum ersten Bischof von Münster geweiht wurde. Das Andenken an das segensreiche Wirken des hl. Ludgerus wird heute noch in Ostfriesland durch die ev. Ludgeri-Kirche in Norden und durch die kath. Kirchen in Aurich, Norden und Norderney wachgehalten.

Da die schriftlichen Überlieferungen zur mittelalterlichen Kirchengeschichte Ostfrieslands verhältnismäßig dürftig bzw. lückenhaft sind, erfahren wir aus den Quellen nur wenig über die Weiterentwicklung der Kirche nach dem Tode des hl. Ludgerus. Die schwere Zeit des Normannensturmes im 9. und 10. Jahrhundert fügte der jungen christlichen Kirche in Ostfriesland wahrscheinlich großen Schaden zu, konnte sie aber nicht mehr vernichten. Bald nach dem Abebben der Normanneneinfälle finden wir gerade in Ostfriesland ein außerordentlich dichtmaschiges Netz von nicht weniger als 160 Pfarrkirchen (außer den im Dollart untergegangenen 40 Kirchen ), ein Zeichen, wie schnell und tief der neue Glaube im Volke Wurzeln geschlagen hatte, nicht zuletzt aber auch ein Beweis für den Hang der Ostfriesen zu eigenwilliger Absonderung in kleine selbständige Kirchengemeinden.

Kloster-Imagination Ihlow in unserer Zeit.

Auch sonst zeigen sich im friesischen Kirchenleben manche stammesgebundenen Sonderheiten. Da bei den Friesen ein besonders entwickeltes Freiheitsbewußtsein – auch gegenüber kirchlichen Würdenträgern – lebendig war (man spricht bekanntlich vom hohen Mittelalter als der Zeit der Friesischen Freiheit), haben sich im kirchlichen Leben eigene Züge entwickelt, die mit den strengen kanonischen Vorschriften nicht zu vereinbaren waren, die aber von den Bischöfen und Päpsten nach heftigen Auseinandersetzungen aus politischer Klugheit geduldet wurden, zumal es sich hier nicht um sittliche Verfallserscheinungen handelte. Zu diesen zählt u. a. die Einrichtung der Laienpröpste, die im friesischen Anteil der Diözese Münster die sonst nur von Klerikern wahrgenommene geistliche Gerichtsbarkeit ausübten. Ferner ist bekannt, daß es in Friesland trotz des kirchlichen Eheverbotes verheiratete Priester gegeben hat; die Nichtbeachtung des Zölibats war in Ostfriesland fast allgemeine Gewohnheit, ja gewissermaßen ein Rechtszustand.

Letztlich hat sich in Friesland das Recht der freien Priesterwahl viel länger gehalten als in anderen Gegenden Deutschlands. Die kanonischen Rechtsgrundsätze traten zurück vor dem Eigenrecht des Volkes.

Höhepunkt im religiösen Leben der Friesen im Mittelalter waren die Kreuzzüge. Besonders zahlreich beteiligten sie sich am letzten siebten Kreuzzug (1270). Der Abt Menko von Wittewierum berichtet in seiner Chronik über die Ausreise der friesischen Schiffe 1270. Praktische Erfolge haben die Kreuzzüge für die Friesen ebensowenig wie für andere Europäer gebracht. Wenn auch die Berichte über die Kreuzzugsteilnahme der Friesen stark legendarisch übermalt und später in verklärtem Licht erscheinen, so steht doch fest, daß dieses Volk hier erstmals in größerem Umfang zeigte, daß es dem Ruf der Kirche folgte und bereit und fähig war, sich den christlichen Glauben viel an Einsatz und Geld kosten zu lassen. Religiöse Begeisterung, Tapferkeit, vor allem jedoch seemännische Tüchtigkeit und Erfahrung befähigte sie zu besonderen Leistungen. Der größte Erfolg der Ostfriesen war beim fünften Kreuzzug die Eroberung des Kettenturms von Damiette in Ägypten im Jahr 1219.

Im Mittelalter blühte auch in Ostfriesland ein reiches klösterliches Leben. Hier gab es vermutlich 28 bis 34 Klöster verschiedener Orden mit etlichen Vorwerken und Höfen. Das mit Abstand älteste Kloster Ost-frieslands war Reepsholt, 983 von Kaiser Otto II. bestätigt. In Reepsholt waren Säkularkanoniker. Abgesehen von Reepsholt begannen nach allem, was wir wissen, die zahlreichen Klostergründungen auf ostfriesischem Boden erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts.

Der Autor der Chronik: Manfred Franz Albrecht.

Die erste Klostergründung in dieser Zeit war die des Benediktinerklosters Meerhusen, zwischen 1183 und 1198. Als weitere benediktinische Gründungen auf ostfriesischem Boden sind Thedinga, Sielmönken, Marienthal, Ihlow sowie Marienkamp anzusehen. Schon bald gingen die ersten Benediktinergründungen in Ostfriesland an die aus dem Benediktinerorden hervorgegangenen Zisterzienser über. 1216 bemühten sich Ihlow und 1219 Meerhusen um Aufnahme in den Zisterzienserorden, beider Aufnahme wurde 1228 bestätigt. Erst sehr viel später, nämlich 1421 bis 1424, gingen im Zuge der Windesheimer Kongregation Marienkamp und 1444 Sielmönken von den Benediktinern an die Augustiner-Chorherren über.

Etwa mit den Zisterziensern kamen die Prämonstratenser nach Ostfriesland. Genaue Gründungszeiten sind uns nicht bekannt, aber die Gründung von Palmar und Barthe werden um 1204 angesetzt. Weitere Prämostratenserklöster wurden in Langen bei Larrelt und Aland sowie in Hopels, Coldinne und Schoo gegründet. Die drei letztgenannten Niederlassungen gingen bereits im 15. Jahrhundert den Prämonstra-tensern verloren.

Mit sieben, später sogar zehn Kommenden waren die Johanniter der in Ostfriesland mit den meisten Niederlassungen vertretene Orden. Das Gründungsdatum ist von keinem der Klöster bekannt. Jemgum wird schon 1284 erwähnt, Dünebroek, Muhde, Langholt, Hasselt, Hesel, Abbingwehr, Heiselhusen und Burmönken werden zuerst 1319 genannt. Boekzetel ist erst im 15. Jahrhundert urkundlich sicher bezeugt.

Von den großen Bettelorden des Mittelalters kamen als erste die Dominikaner nach Ostfriesland. 1264 wurde in Norden das Dominikanerkloster gegründet. Das zweite Dominikanerkloster befand sich in Dykhusen. Es war als Augustinerinnenkloster 1376 von Osterreide aus gegründet und wurde spätestens 1451 von den Dominikanern übernommen. 1317 wurde in Faldern in unmittelbarer Nachbarschaft von Emden ein Franziskanerkloster gegründet. Die letzte Klosterneugründung auf ostfriesischem Boden war das Karmelitenkloster in Appingen im Jahre 1436.

Schon diese kurze Übersicht läßt erkennen, daß die mittelalterliche Kirche durch die Klöster vom Ende des 12. bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts eine außergewöhnlich große Rolle im Lande spielte. Die meisten ostfriesischen Klöster lagen, den Ordensregeln folgend, abseits der Straßen und Städte über-wiegend in unwirtlichen Gebieten, die erst durch harte Kultivierungsarbeit erschlossen werden mußten. Damit erfüllten die Klöster auch eine kolonisatorische Aufgabe in Ostfriesland, deren Wert im Mittelalter besonders hoch einzuschätzen ist. Die wirtschaftliche Bedeutung der Klöster war groß, am Sielwesen und Deichbau waren sie führend mitbeteiligt. Ein ganz erheblicher Teil der Gesamtbevölkerung wohnte in Klöstern oder war von ihnen als Pächter oder Bediensteter mittelbar oder unmittelbar abhängig.

Die Klöster hatten auch eine erhebliche politische Bedeutung in Ostfriesland. Die Äbte der Klöster besiegelten Verträge, die sie wohl selbst mit ausgehandelt hatten, vermittelten in Fehden und waren an der Rechtsprechung beteiligt. Um 1430 wurde das Siegel des Ihlower Abtes stellvertretend für das Auricher Land benutzt. Dr. Hajo van Lengen nimmt an, daß im Kloster Ihlow das „Totius-Frisiae“-Siegel des Upstalsboom, des ideellen Zentrums der „friesischen Freiheit“, verwahrt und von dort aus die „Verwaltung“ des Bundes betrieben wurde. Bei den Landständen begegneten uns immer als erster Stand die Prälaten, die Klostervorsteher. Erst nach der Reformation rückte der Adel an ihrer Statt an die erste Stelle.

Doch von der einstigen Größe ist nichts geblieben, von den Bauwerken steht – mit Ausnahme einiger Grundmauern – kein Stein mehr auf dem anderen. Nicht einmal die genaue Zahl der Klöster, die es im Laufe des Mittelalters in Ostfriesland gegeben hat, ist mit Sicherheit anzugeben, da die Urkunden der Klöster bei deren Aufhebung im Zuge der Reformation grundsätzlich vernichtet wurden. Als 1497 die letzte Klostergründung in Ostfriesland stattfinden sollte, wurde u.a. mit dem Hinweis darauf, daß es zur Zeit bereits 26 Klöster im Lande gebe, die Neugründung verhindert. Leider sind diese 26 nicht namentlich aufgeführt. In der heutigen einschlägigen Literatur werden von den einzelnen Autoren jeweils 27 bis 33 verschiedene Klöster genannt, die in der Summe 35 Klöster ergeben. Davon sind drei Klöster bis zum Ende des 15. Jahrhunderts in den Fluten des Dollart versunken, nämlich Goldhorn, Osterreide und Palmar, ob jedoch Goldhorn und Osterreide selbständige Klöster waren, ist fraglich. Die erste Klostergründung Ostfrieslands in Reepsholt ist schon lange vor der Reformation eingegangen. Ob ein Kloster zu Timmel -zumindestens kurzfristig – bestanden hat, ist nicht restlos aufgeklärt, einiges spricht jedoch dafür.

Hinsichtlich Pansath bei Esens und Oldekloster bei Schoo ist die Frage offen, ob es sich um unselbständige Klöster gehandelt hat, nämlich Pansath als Teil des Klosters Marienkamp und Oldekloster wiederum als Teil des Klosters Schoo. Vor allem bedingt durch wirtschaftliche Schwierigkeiten, haben einige Ordenshäuser im 15. Jahrhundert ihre Selbständigkeit verloren. Hopels wurde um 1450 und Schoo bereits um 1420 Marienkamp unterstellt.

Standorte ostfriesischer Klöster.

Die Kommende Heiselhusen wurde 1492 Abbingwehr und die Kommenden Hesel 1495 und Boekzetel 1500 Hasselt unterstellt. Stiekelkamp war Vorwerk von Hesel und Nortmoor Vorwerk der Johanniter-kommende Hasselt. Ob Stiekelkamp zeitweise selbständiges Kloster war, läßt sich nicht mit Sicherheit ausmachen.

Somit wurden vermutlich 21 selbständige Klöster mit ihrem umfangreichen Grundbesitz im Zuge der Reformation in Ostfriesland säkularisiert. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden es folgende Klöster gewesen sein:

2 Benediktinerklöster : Marienthal in Norden, Thedinga bei Nüttermoor,
2 Zisterzienserklöster: Ihlow (Schola Dei) und Meerhusen bei Aurich,
3 Prämonstratenserklöster: Aland bei Wirdum, Barthe bei Hesel und Blauhaus (vormals Langen bei Larrelt),
1 Augustinerkloster: Coldinne bei Arle,
2 Augustiner-Chorherrnklöster: Marienkamp bei Esens und Sielmönken bei Freepsum,
2 Dominikanerklöster: Dykhusen und Norden,
1 Franziskanerkloster: Faldern in Emden,
1 Karmeliterkloster: Appingen bei Greetsiel,
7 Johanniterkommenden: Abbingwehr, Burmönken, Dünebroek, Hasselt, Jemgum,
Langholt und Muhde.

Im übrigen vermutet G. Streich – allerdings mit einem dicken Fragezeichen versehen -, daß selbst auf Borkum ein Prämonstratenserkloster bestanden habe, denn die Ortsbezeichnung „Balna Insula“ spreche für Borkum, und er ist der Ansicht, in Tjüchen sei eine Johanniterkommende gewesen, die erst später Burmönken als Vorwerk angegliedert worden sei.

1527 wurde das Dominikanerkloster in Norden als erstes der ostfriesischen Klöster säkularisiert. Graf Enno II. (1528 – 1540) nutzte die Reformation schamlos aus, sich am Klostergut zu bereichern. Dr. Walter Deters schreibt dazu: „Er verlieh der in der deutschen Reformation allgemeinen Aufhebung der geistlichen Anstalten in Ostfriesland eine nirgends sonst erreichte brutale Note. Das vordergründige Ziel war, den materiellen Besitz der Klöster in bares Geld umzuwandeln. Der Graf ließ aber zu, daß Helfer und Helfershelfer sich an diesem über Jahre erstreckenden Raubzug beteiligten und daß von Kontrolle oder Abrechnung nicht die Rede war. Die Vernichtung ging bis in die Bausubstanz der Anstalten, die buchstäblich vom Erdboden getilgt wurden, und bis in ihre Bibliotheken und Archive, welche zur Vertuschung des Unrechts durchweg spurlos beseitigt wurden.

Es bleibt die ewige Schande für Graf Enno, kurzfristiger materieller Vorteile halber veranlaßt zu haben, daß die mittelalterliche Geschichts- und Kulturüberlieferung Ostfrieslands auf immer zerstört worden ist.“ Die Mönche von Sielmönken sollen bei ihrer Vertreibung aus dem Kloster – nach dem Kirchenhistoriker Jhering – folgendes an die Wand geschrieben haben:

„QUAS QUONDAM PIETAS NOSTRORUM STRUXIT AVORUM, AEDES,
HAEREDES DEVASTANT MORE LUPORUM“,
(Die Tempel, die der Ahnen frommer Sinn errichtet, werden durch der Erben Wolfsgier vernichtet) .

Ein entscheidender Schritt der Gräfin Anna den Klöstern gegenüber erfolgte durch Erlaß vom 11. Ok-tober 1559, welcher in den Klosterkirchen die Abhaltung der hl. Messe und des kath. Gottesdienstes überhaupt verbot. Als letztes Kloster wurde Thedinga aufgelöst, 1616 starb die letzte Priorin des Klosters, Frauke von Jemgum. Mit ihrem Tode hörte das klösterliche Leben in Ostfriesland auf.

Die Klosterkirchen wurden vielfach schon kurze Zeit nach der Auflösung der Klöster abgebrochen, die Steine zum Neubau lutherischer Kirchen oder oftmals zum Bau landesherrlicher Anlagen als begehrtes Baumaterial wiederverwendet. Die verlassenen Klostergebäude sind im Laufe der Zeit auch von der Bevölkerung als Steinbruch verwendet worden. Spätestens im 18. Jahrhundert sind die letzten Kloster-gebäude abgebrochen worden; nur das Franziskanerkloster in Emden ist bis in das 20. Jahrhundert hinein -zumindestens teilweise – erhalten geblieben. Die Klosterkirche (Gasthauskirche ) des Franziskaner-klosters ist jedoch 1938 einem Brand zum Opfer gefallen, dadurch wurde das letzte noch erhaltene Ge-bäude eines der vormals zahlreichen ostfriesischen Klöster für immer vernichtet.

Durch archäologische Forschung der Ostfriesischen Landschaft wurde die Geschichte der Klöster Ihlow und Barthe in jüngster Zeit erhellt. In Ihlow wurde ein großer Teil der noch im Boden befindlichen Grundmauern der großen Klosterkirche soweit freigelegt, daß man den vollständigen Grundriß ermitteln und durch Ziegelsteine an der Oberfläche sichtbar machen konnte. Abgesehen davon, leben nur in Flurbezeichnungen, Orts- und Straßennamen heute noch Klöster bzw. deren Vorwerke oder Höfe fort. Die Flurnamensammlung der Ostfriesischen Landschaft enthält das Wort „Kloster“ selbständig bzw. in Wortverbindungen 279 mal. 156 Flurnamen enthalten die Bestandteile „mönk“, „münk“ usw. Das sind zusammen 435 Flurnamen, die an früheres klösterliches Leben erinnern.

So blühte im allgemeinen ein reiches kirchliches Leben, als die Reformation, angekündigt von ver-schiedenen geistigen Bewegungen, in Ostfriesland ihren Eingang fand. Edzard der Große, Graf von Ostfriesland (1491 – 1528), studierte zwar die Schriften Luthers, ließ sie im Lande verbreiten und bat Luther um einen evangelischen Prediger, mischte sich aber im übrigen in konfessionelle Fragen nicht ein, sondern ließ die reformatorische Bewegung sich entwickeln. Unter seinem Schutz breitete sich die neue Lehre jedoch rasch aus, eifrig gefördert durch Ulrich von Dornum, den ersten Ratgeber des Grafen. In Aurich bekannte sich schon 1519 Hinrich Bruns, Prediger an der Lambertikirche, öffentlich zur neuen Lehre. Doch erst Edzards Sohn, Enno II. (1528 – 1540), säkularisierte die ostfriesischen Klöster und zog ihre Güter ein. Unter der Gräfin Anna (1540 – 1561) und dem von ihr ernannten ersten Superintendenten Johannes a Lasco (1543 – 1549, er verließ 1555 Ostfriesland) wurde der kath. Glaube immer mehr verdrängt. Nach dem o.a. Erlaß vom 11. Oktober 1559 zu urteilen, durfte ab diesem Zeitpunkt kein kath. Gottesdienst mehr gefeiert werden, die Ausübung des kath. Glaubens war also verboten.

Die Reformation nahm in Ostfriesland einen ziemlich turbulenten Verlauf und zersplitterte sich sehr bald in verschiedene Richtungen. Dies wurde dadurch begünstigt, daß Enno II., wie sein Vater Edzard I., keine religiöse Verantwortung in sich fühlte und sich daher eher von der Notwendigkeit des Tages beeinflussen ließ. Seine Passivität in geistlichen Angelegenheiten führte jedenfalls zu einem nahezu chaotischen geistlichen Leben in Ostfriesland, wo alle Reformer des katholischen Lebens ihre Stimmen erheben konnten.

Wenn man von den vielen kleinen Gruppen absieht, bereitete sich neben dem Luthertum, vor allem auch unter niederländischem Einfluß, die Lehre Zwinglis bzw. Calvins schnell aus. Wenn im Reformationsjahrhundert in Ostfriesland von Gegensätzen die Rede ist, sind es die zwischen Lutheranern und Reformierten, die gelegentlich äußerst scharfe Formen annahmen, zumal sie zugleich eine politische Komponente hatten; denn der Landesherr war Lutheraner und die Stände unter Führung der Stadt Emden überwiegend reformiert. Grob skizziert, war der Westen Ostfrieslands mit Emden, Leer, dem Rheiderland und der Krummhörn calvinistisch, die anderen Landesteile mit Aurich, Norden und dem Harlingerland lutherisch geworden. Der Katholizismus spielte keine Rolle mehr. Als 1616 die Priorin des Klosters Thedinga gestorben war, gab es in Ostfriesland nur noch vereinzelt Katholiken, die öffentlich nicht in Erscheinung treten durften.

An Versuchen, das Land dem Katholizismus zurückzuführen, hat es nie ganz gefehlt. Teils gingen diese Bestrebungen vom Ausland aus und hatten in dem ab 1514 auch über Groningen herrschenden Herzog Karl von Geldern und später (1529/30) in Erasmus von Rotterdam ihren Mittelpunkt. Teils wurden sie von Mitgliedern des ostfriesischen Grafenhauses betrieben. Der bereits oben erwähnte Enno II. trug sich kurz vor seinem Tode, vermutlich aus politischen Gründen, mit dem Gedanken, in Ostfriesland die kath. Religion wieder aufleben zu lassen, ein Plan, der von dem Theologen Hermann Blanckfort im Auftrage der Kölner Universität durchgeführt werden sollte, jedoch über die ersten Anfänge nicht hinauskam. Die ostfriesischen Stände fürchteten ähnliche Bestrebungen von dem Bruder Ennos II., Johann von Falkenburg, der wieder katholisch geworden war und nach dem Tode Ennos (1540) bis zur Volljährigkeit von dessen Söhnen Möglichkeiten zum Eingreifen in die Regierung des Landes hatte. Die Stände huldigten daher rasch der Witwe Ennos, der Gräfin Anna, und fanden Johann mit Geld ab. Weiterhin kehrten zwei Söhne des Grafen Edzard II. (1561-1599) zum kath. Glauben zurück, ohne jedoch auf die religiösen Verhältnisse im Lande nennenswerten Einfluß zu nehmen.

Die nächste Folge setzt die Geschichte der katholischen Kirche in Ostfriesland fort.

Teil 1 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – der Patron

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