Teil 12 | Chronik von St. Ludgerus – Kindergarten, Ökumene

Im zwölften Teil der Serie zur Chronik von St. Ludgerus stellt Manfred Franz Albrecht aus Sicht von 1999 den Kindergarten sowie mit Texten von Heinrich Schumacher die Ökumene Aurich und ihre Entwicklung vor.

Kindergarten Sankt Ludgerus
Von Doris Heindl, Kindergartenleiterin

Der Kirchenpatron Ludgerus ist auch heiliger Fürsprecher unseres Kindergartens. Am 8. Januar 1973 wurde er feierlich in den umgebauten Räumlichkeiten der ehemaligen kath. Schule am Fischteichweg eröffnet. 52 Kinder nahmen fröhlichen Besitz von ihrem neuen Zuhause. Neben Schwester Oberin M. Franziska übernahm Frau Beenen die Leitung. Ihr folgte ab Herbst 1973 Frau Schmalzl, unterstützt von Frau Dreyer, Frau Rotkegel und Frau Surmann. Für Frau Dreyer wurde am 1. April 1974 Frau de Haan eingestellt. Am 1. Februar 1991 ist Frau Heindl die Leitung des Kindergartens übertragen worden.

42! Jahre nach ihrer Einstellung wurde Antje de Haan 2016 verabschiedet: v.l. Pfarrer Johannes Ehrenbrink, Horst Stamm als Vorsitzender des Kita-Ausschusses, Antje de Haan und die Leiterin des Hauses für Kinder und Familien Tina Hardy.

Im Laufe der sechsundzwanzig Jahre wurde der Kindergarten entsprechend baulicher Notwendigkeiten und pädagogischer Erfordernisse öfters renoviert und saniert. 1977/78 ist durch Elterninitiative der Spielplatz kindgerecht gestaltet worden: Eine große Sandfläche und verschiedene Spielgeräte bringen den Kindern mehr Freude und Abwechslung. Ende 1980 wurden die Räumlichkeiten renoviert und ein Windfang eingebaut. 1990 folgten der Einbau neuer Holzdecken in den Gruppenräumen und ein neuer Farbanstrich. Im Frühsommer 1997 wurde eine grundlegende Sanierung des Kindergartens begonnen: Erweiterung eines Gruppenraumes, Erneuerung der sanitären Anlagen. Vergrößerung des Eingangsbereichs um einen Wintergarten, Einbau einer neuen Küche, Neuverfliesung der Flure, helle Farbgestaltung der Wände und der zum Teil abgehängten Decken. Im Herbst 1997 fand mit den Kindern und vielen Gästen aus der Gemeinde und der Stadt das Einweihungsfest statt. Groß und Klein freuten sich sichtlich über den „neuen“ Kindergarten. Im Juli 1999 wurde die Neugestaltung des Spielplatzes unter Beteiligung der Eltern in Angriff genommen.

Zur Zeit finden drei Kindergruppen mit je 25 Kindern Platz in unserem Kindergarten: vormittags die Schmetterlingsgruppe (Frau Orties-Hausschild als Erzieherin und stellvertretende Kindergartenleiterin gemeinsam mit Frau Marion Fleßner als Kinderpflegerin) sowie die Regenbogengruppe (Frau Heindl als Erzieherin gemeinsam mit Frau de Haan als Kinderpflegerin); nachmittags die Mäusegruppe (Frau Otten als Erzieherin gemeinsam mit Frau Volkerts als Kinderpflegerin). Der Kindergarten ist geöffnet von 07:30 bis 13.30 Uhr und von 14:00 bis 18:00 Uhr.

In diesem Jahr [1999] gab es als besondere Aktion das Motto: Formen und Farben. Die Kinder fuhren nach Emden zur Kunsthalle und wurden dort von Kunstpädagogen kindgerecht begleitet. Eine eigene Bildergalerie im Kindergarten war ein sichtbares Ergebnis. Ein weiteres Motto war: „In unserer Stadt kenne ich mich aus“. So zogen die Kinder los und besuchten den Imker, die Feuerwehr, das Rathaus und suchten manches Geschäft auf. Eimal ging es sogar nach Bremen zum Flughafen. Im April feierten Eltern, Kinder und Vertreter der Kirchengemeinde ein besonderes Jubiläum mit Frau de Haan. Seit fünfundzwanzig Jahren ist sie mit Herz und Phantasie in unserem Kindergarten tätig. Im regelmäßigen Rhythmus gehen die Kinder schwimmen und turnen.

Unser Kindergarten soll für die Kinder nicht nur ein Ort der Betreuung sein. Hier sollen sie vor allem soziales Verhalten erfahren und ausbilden. Mit eigenem Selbstbewußtsein gilt es, auf die anderen Kinder Rücksicht zu nehmen und zu spüren, wie wertvoll die Harmonie in der Gruppe für alle sein kann. Leitmotiv der Erzieherinnen ist es, die Kinder auf dem Weg zu einer eigenen Persönlichkeit zu begleiten und zu fördern. Vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes hat jedes Kind einen unverwechselbaren Charakter. Deshalb sind uns, soweit Platz ist, Kinder aller Konfessionen und Religionen willkommen. Zur Zeit sind ungefähr ein Drittel der Kinder katholisch, die meisten gehören der evangelischen Kirche an. Einige sind Moslime. Gern machen alle mit bei der Gestaltung der kirchlichen Feste wie Erntedank, Weihnachten und Ostern. Die Gottesdienste, die wir gemeinsam feiern, sind geprägt vom Ernst und von der Fröhlichkeit der Kinder.

Doris Heindl (die Dame mit kariertem Hemd und weißer Weste links) im Jahr 1999 vor dem Kindergarten, u.a. mit Dr. Thomas Nonte.

Luftaufnahme des Kirchengrundstücks mit „Gelbem Haus“ (vorn Mitte), Kirche und St. Ludgerushaus (langes Gebäude links hinten) im Jahr 1974. Im Ludgerushaus untergebracht waren (nach dem „Aus“ der Volksschule) der Kindergarten und die Schwesternstation.

 

Schwesternstation

Ab dem 30. Juli 1946 war eine Niederlassung der Schwestern von der hl. Elisabeth in Aurich.

Die Geschichte der Kongregation der Schwestern von der hl. Elisabeth und des Auricher Konvents ist ausführlich im Lexikon unter dem Buchstaben „E“ hinterlegt und zudem über die folgende Links erreichbar:

Teil I
Teil II
Teil III
Teil IV
Teil V

Die Informationen in Teil I bis Teil III fußen auf der Chronik von Manfred Franz Albrecht.

Die Ökumene in Aurich

Persönliche Erinnerungen an den Anfang der Ökumene – von Heinrich Schumacher

Der 28. Dezember 1968 ist als der Geburtstag des Ökumenischen Frühlings in Aurich anzusehen. Geburtsort ist die Privatwohnung des Ehepaares Klapproth. Das kam so: Der mit mir befreundete Oberbaurat Klapproth (luth.) hatte dem Leiter des lutherischen Männerkreises, Diakon Heger, berichtet, daß ich 1961 im Emsland die großen ökumenischen Kundgebungen angeregt, durch Vorträge in Meppen vorbereitet, die Kundgebungen 1962 publizistisch vorbereitet und mitorganisiert hätte. Herr Heger hatte seinerzeit von den Veranstaltungen gehört.

Zum 28. Dezember 1968 wurden meine Frau und ich in das Haus Klapproth eingeladen. Anwesend waren die Ehepaare Klapproth, Heger, Addicks (luth.) und Hartmann (luth.). Herr Heger stellte mir die Frage, ob man nicht in Aurich ähnliches wie seinerzeit im Emsland machen könne. Der Gedanke eines ökumenischen Arbeitskreises in Aurich wurde geboren. Jeder sollte nach interessierten Ehepaaren Ausschau halten und sie auf eine Teilnahme hin ansprechen. Grundsatz müsse sein, daß die Pastoren von dem Vorhaben rechtzeitig und voll informiert würden, und sie selber Mitglieder des Arbeitskreises werden könnten. Ich stellte die Verbindung zur reformierten Seite her. Die zu informierenden Pastoren waren Superintendent Meyberg von der lutherischen, Pastor Klüver von der reformierten und Dechant Lammers von der katholischen Gemeinde. Dechant Lammers sicherte sich durch Rückfrage bei Propst Frerker in Meppen ab. Von allen drei Geistlichen wurde das Vorhaben gebilligt.

Im März 1969 fand der erste Gottesdienst zum Weltgebetstag der Frauen auch mit den Frauen der katholischen Gemeinde statt.

Am 14. März 1969 führten auf Einladung des Ev. Männerwerks im Saal der Ostfriesischen Landschaft Professor Peter Meinhold und Monsignore Dr. Brandenburg einen öffentlichen Dialog zum Thema: Was uns eint, was uns trennt – Besinnung über das zwischenkirchliche Verhältnis nach dem Konzil. Nach dem Vortrag trafen sich die zukünftigen Teilnehmer des Arbeitskreises im Piqeurhof. Superintendent Meyberg und ich hielten kurze Ansprachen. Sup. Meyberg regte ein jährliches Treffen der drei Kirchenvorstände (Kirchenrat) an. Ich wies darauf hin, daß das ökumenische Miteinander von der größten Gemeinde, der lutherischen, abhängig sei. Daher sollte auch die Organisation bei ihr liegen. Herr Heger wurde als Organisator vorgestellt. Vertreter der einzelnen Konfessionen waren für die Lu-theraner Herr Heger, für die Reformierten Frau Decking, für die Katholiken ich.
Zum 17. April 1969 wurde von Herrn Heger schriftlich in das evangelische Gemeindehaus in Sandhorst zur ersten Sitzung des Ökumenischen Arbeitskreises Aurich eingeladen.

17. April 1969. Erste offizielle Zusammenkunft des Ökumenischen Arbeitskreises von Aurich im ev. Gemeindehaus Sandhorst. Superintendent Meyberg und ich hielten die Ansprachen. Pastor Klüver und Dechant Lammers sprachen Grußworte. Meyberg verwandte das Bild: Rad, Speichen, Nabe. Themen waren u.a. der Gebetsabend am 23. Mai 1969, die Einladung der Kirchenvorstände bzw. des Kirchenrates zu einer jährlich stattfindenden gemeinsamen Sitzung, die Gestaltung des Winterprogramms, Informationen aus der Ökumene.

Teilnehmer waren:
Lutherisch
Superintendent Meyberg und Frau
Diakon Heinrich Heger und Frau
Staatsarchivdirektor Dr. Günter Möhlmann u. (s. u.)
Landwirtschaftsoberrat Dr. Fritz Hartmann und Frau
Vermessungsoberrat Ralf Köster und Frau
Oberregierungsrat Jürgen Addicks und Frau
Frau Kribben u. (s.u.)
Oberbaurat Klapproth und Frau – gesamt 14 Personen

Reformiert
Pastor Klüver und Frau
Erster Staatsanwalt Greving und Frau
Frau Scholz u. (s.u.)
Frau Schumacher u. (s. u.)
Zahnarzt Decking und Frau
Architekt Dirk-Ludwig Schumacher und Frau
Frau Imke Rehbock – gesamt 11 Personen

Katholisch
Dechant Lammers
Frau Möhlmann u. (s.o.)
Vermessungsrat Richard Godemann und Frau [Margret]
Frau Dagmar Berning
Studienrat Norbert Backa und Frau [Anni]
Major Kribben u. (s.o.)
Kaufmann Scholz u. (s.o.)
Vermessungsoberrat Heinrich Schumacher u. (s. o.) – gesamt 10 Personen

23. Mai 69. Freitag vor Pfingsten. Ökumenische Andacht (Gebetsabend) in der Reformierten Kirche. Auch Baptisten und Methodisten sind beteiligt. Pastor Klüver hält die Begrüßung. In beiden Zeitungen (27. Mai 1969) erscheinen darüber von mir erstellte Berichte, und damit wird zugleich erstmals öffentlich die Bildung eines Ökumenischen Kreises in Aurich bekanntgemacht.

11. Juni 1969. Zweite Zusammenkunft des Ökumenischen Kreises (nicht mehr Arbeitskreis) in Aurich. Durch Beteiligung der Baptisten und Methodisten 42 Teilnehmer. Besprechung des Winterprogramms, Aktuelles aus der Ökumene.

10. September 1969. Dritte Zusammenkunft. Konfessionen stellen sich vor: Der Gottesdienst in der Katholischen Kirche. Referent: Norbert Backa. Leitung des anschließenden Gesprächs und Abschluß durch Heinrich Schumacher. Gemeinsamer Gottesdienstbesuch am Samstag, 04. Oktober 1969, in St. Ludgerus.

In der ON vom 13. Oktober 1969 (Heger) wird über die Arbeit und das Programm des Ökumenischen Kreises berichtet. Da eine große Nachfrage zur Teilnahme bestehe, die Teilnehmerzahl des Kreises jedoch wegen der Möglichkeit des Gesprächs auf 42 beschränkt bleiben müsse, sollen weitere Kreise gebildet werden. Interessenten werden an Herrn Heger verwiesen. Daraufhin wird ein zweiter Kreis gebildet.

Teilnehmer des zweiten Kreises sind (Stand vom 31. März 1971):
Regierungsrat Georg Eggersglüss und Frau
Bauamtmann Cornelius Menssen und Frau
Kaplan Heinrich Munk
Frau Gras
Dr. Paul Fedke und Frau
Edzard Voget und Frau
Diakon Heinrich Heger
Staatsanwalt Dr. Werner Conring
Pastor G. Hierath und Frau
Pastor Fritz Schäfer, Loppersum, Pfarrhaus
Seelsorgshelferin Liesel Russell
Lehrerin Almuth Plenter
Frau Dr. Maria Welge
Max Rehmet
Frau Ruth Freese
Kreisbaudirektor Dr. Robert Noah und Frau.
Frau Hannelore Vocke
Frau Brigitte Scholtz
Pastor Loos und Frau, Neuschoo
Dozent Gerd Koch und Frau
Lehrer Peter Pasenau und Frau
Militärpfarrer H.-l. Grüner und Frau
Soldat Hubert Eick und Frau
Zusammen 34 Personen

28. Oktober 1969. Konfessionen stellen sich vor: Der Gottesdienst in der Evangelisch-lutherischen Kirche. Referent: Dr. Hartmann. Leitung des anschließenden Gespräches und Abschluß durch Herrn Addicks. Gemeinsamer Besuch des lutherischen Gottesdienstes in der Lambertikirche am Sonntag, 30. November 1969.

27. Januar 1970. Konfessionen stellen sich vor: Der Gottesdienst in der Evangelisch-reformierten Kirche. Referentin: Frau Thea Decking. Leitung des anschließenden Gesprächs und Abschluß durch Dirk Ludwig Schumacher. Gemeinsamer Besuch des Reformierten Gottesdienstes in Aurich am Sonntag, 08. Februar 1970.

19. Februar 1970. Konfessionen stellen sich vor: Der Gottesdienst in der Evangelisch-methodistischen Kirche. Referent: Pastor Friedrich Müller. Leitung des anschließenden Gesprächs und Abschluß: Heinrich Heger. Gemeinsamer Besuch des methodistischen Gottesdienstes am Sonntag, 22. Februar 1970.

10. März 1970. Konfessionen stellen sich vor: Der Gottesdienst in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten). Referent: Ernst Haus, Middels. Gemeinsamer Gottesdienstbesuch in der Kreuz-kirche, Sonntag, 15. März 1970.

09. April 1970. Jugendherberge. Ausspracheabend der beiden Ökumenischen Kreise mit Dr. Hubertus Brandenburg zu offenen Fragenbereichen der Katholischen Kirche.

Nachdem sich die Konfessionen einander vorgestellt hatten, war es so weit, daß die ersten ökumenischen Gottesdienste mit Austausch der Prediger anläßlich der Gebetswoche für die Einheit der Christen gehalten werden konnten. Eingeladen waren insbesondere die Mitglieder der Ökumenischen Kreise. Aber auch in der Öffentlichkeit wurde durch Artikel, die Superintendent Meyberg verfaßt hatte (11. Mai), sowie durch eine große gemeinsame Anzeige der fünf Konfessionen in Aurich auf das Ereignis hingewiesen.

12. Mai 1970, Dienstag, Katholische Kirche. Es predigt zum ersten Mal ein evangelischer Pastor (Superintendent Meyberg) in der Katholischen St. Ludgeruskirche.

14. Mai 1970. Donnerstag. Lutherische Lambertikirche. Es predigt zum ersten Mal ein katholischer Pastor (Dechant Lammers) in der lutherischen Kirche Aurichs. Von Dechant Lammers wird überliefert: „Als er die Kanzel betrat, war er überwältigt von diesem Augenblick. Unter Tränen begann er stockend zu sprechen: „Jetzt bin ich fast 30 Jahre in Aurich, aber zum ersten Mal in dieser Kirche und darf auch noch von der Kanzel sprechen.“

29. Mai 1970. Jugendherberge. Professor Meinhold kommt, um offene Fragen zur Thematik „Konfessionen stellen sich vor“ mit uns zu besprechen. Er wohnt bei Schumachers.

18. Juni 1970. Jugendherberge. Dr. Gerhard Nordholt, Landessuperintendent der Reformierten Kirche, spricht zu uns, um offene Fragen zur Thematik „Konfessionen stellen sich vor“ mit uns zu klären.

Ich faßte in der Sommerpause den Entschluß, ins zweite Glied zurückzutreten und schrieb am 21. August 1970 an die Teilnehmer des 1. Kreises, daß am 20. August 1970 ein Gespräch zwischen Frau Decking, Herrn Heger und mir stattgefunden habe. Herr Heger wolle – über den Konfessionen stehend – die organisatorische Leitung übernehmen. Die Lutheraner, Reformierten und Katholiken werden gebeten, sich jeweils einen neuen Vertreter zu wählen.

Frau Berning tritt an meine Stelle. Die Arbeit geht weiter mit „Taufe aus lutherischer Sicht“, katholischer Sicht usw. Auch 1971 finden am 24. und 26. Mai die Ökumenischen Gottesdienste in der luth. (Sandhorst) und der kath. Kirche statt. Herr Heger, der sich sehr engagierte, ja geradezu in der Aufgabe aufging, wird späterhin in die Oldenburgische Landeskirche versetzt. Die Leitung der Ökumene geht in die Hände der Pastoren (abwechselnd) über.

Wie die Aufstellung zeigt, war der Anfang eine Zeit des Aufbruchs. Es darf vielleicht erlaubt sein, von einer „Bewegung“ zu sprechen. Im Laufe der Zeit geht natürlicherweise der Schwung der Anfangsphase zurück. Ökumene wird zur Selbstverständlichkeit.

[…]

Ansprache von Heinrich Schumacher bei der ersten Zusammenkunft des Ökumenischen Kreises von Aurich am 17. April 1969 in Sandhorst. (Anwesend: 35 Personen aus drei Konfessionen mit ihren leitenden Geistlichen: Superintendent Meyberg, Pastor Klüver, Dechant Lammers.)

Sehr verehrte Damen und Herren,

erlauben Sie mir bitte, ein paar Gedanken zu diesem Ökumenischen Kreis zu sagen. Meine Hoffnung ist, daß dieser Kreis ein ökumenischer Kreis sein möge! Der Name verpflichtet, stellt eine ständige Aufgabe dar. Man muß an dieser Stelle unbedingt auf das 13. Kapitel des ersten Korintherbriefes hinweisen, auf das Hohe Lied der Liebe, das Ihnen allen bekannt ist.

Ökumenisches Denken hat auch etwas mit Demut und Buße zu tun. Ein Besiegenwollen des anderen verträgt sich nicht damit. Das Gegenteil gilt: Achtung und Ehrfurcht vor der Überzeugung des anderen zu haben, auch wenn man dessen Standpunkt nicht teilen kann. Die Bereitschaft, sich erneuern zu lassen, vom anderen zu lernen, gehören ebenso zum Geist der Ökumene wie Wahrhaftigkeit und Offenheit.

Wenn wir nun hier, so, wie es an vielen Orten schon geschehen ist, aus den drei großen Konfessionen – wir wollen hoffen, daß es gelingt, auch noch Vertreter anderer Gemeinschaften zu gewinnen – zusammengekommen sind, so bekennen wir damit unsere gegenseitige Verbundenheit. Wir sind uns nicht gleichgültig. Es drängt uns, nach Wegen zu suchen, in irgendeiner Weise zusammenzuarbeiten. Treffend hat hierzu m.E. der reformierte Pastor Immer in Emden in der Ostfriesenzeitung geschrieben, als er vor einigen Wochen die Ökumenische Bibelwoche ankündigte. Sie wissen vielleicht, daß in Emden sich in einer Woche des Jahres Abend für Abend Lutheraner, Reformierte, Altreformierte, Baptisten und Katholiken in der Schweizer Kirche versammeln, um sich die Predigten über biblische Themen von den Geistlichen der entsprechenden Konfessionen anzuhören. In der Ankündigung schreibt Pastor Immer u. a. :
„Man kann es einfach nicht mehr ertragen, daß Christen gegeneinander stehen, statt miteinander zu reden. Es hat sich ergeben, daß man zu wenig voneinander weiß, und daß die Gemeinden deshalb in Vorurteilen befangen sind, die endlich durchbrochen werden müssen.“

Nun werden vielleicht einige von Ihnen fragen, wieso können eigentlich katholische Christen am ökumenischen Gespräch teilnehmen. Warum Ihr Katholiken? Ihr habt doch immer für die Rückkehr der anderen gebetet, konntet Euch die Wiederherstellung der Einheit doch nur durch die Rückkehr in den Schoß der Katholischen Kirche vorstellen? Der großen Einigungsbewegung, dem Weltkirchenrat gegenüber hat sich die katholische Kirche doch mehr als reserviert verhalten! Ja, das müssen wir klar zugeben, das stimmt, genauer gesagt, das stimmte. Es gab allerdings trotz der reservierten Haltung der Kirche eine kleine Gruppe, die den ökumenischen Gedanken und ökumenische Kontakte pflegte. Es waren die Leute der Una Sancta. Was ihr damaliger Leiter, Pater Thomas Sartory, 1961 in einem Aufsatz über das Thema „Luther in katholischer Sicht“ schrieb, möchte ich Ihnen kurz vorlesen. Er schreibt darin, was man sich unter einem katholischen Ökumeniker vorzustellen hat. Ich zitiere:

„Was verstehen wir nun unter einem katholischen Ökumeniker? Zunächst: Was ist er nicht? Ein Ökumeniker ist kein Mann im nebulosen Niemandsland zwischen den Konfessionen; das heißt, er steht nicht zwischen den Linien in einem billigen Kompromiß, der die Wahrheitsfrage ausklammert, oder er bezieht auch nicht einen Ort außerhalb der geschichtlichen Verwirklichung des Christentums, also bei einer Art imaginärer Überkirche. Er flüchtet nicht vor der geschichtlichen Wirklichkeit, indem er etwa die Einheit der Kirche als eine zukünftige oder unsichtbare Größe betrachtet. Er ist also in keiner Weise ein Indifferentist, der sich in dem Gedanken einnistet: wir sind ja alle Gottes Kinder und darum ist es gleich, ob ich nun katholisch oder protestantisch bin.

Der Ökumeniker ist somit kein Außenseiter für seine Kirche, eine Art Pirat und Freibeuter, der auf eigene Faust auf Entdeckung auszieht und sich wenig darum kümmert, was seine Kirche zu den Fündlein sagt, die sein frommes Herz entdeckt hat. Er weiß und bekennt sich vielmehr als Glied seiner Kirche, der er gehorsam ist und deren Entscheidungen er sich – wo es die Wahrheit erlaubt – aus Liebe zu Christus unterwirft. Auf der anderen Seite ist er aber auch kein sturer Polemiker, der unter allen Umständen versucht, über seinen Gegner zu triumphieren, oder der sich persönlich das Charisma der Unfehlbarkeit anmaßt, der verdammt und verketzert, als spräche die unfehlbare Kirche durch seinen Mund. Er verabscheut den bitteren Eifer, den Fanatismus, der sich die Überzeugung beigebracht hat, daß die eigene Sache Gottes Sache sei, und daß Gottes Sache absolut der Sicherung durch sein Eintreten für sie bedürfe. Er ist auch kein kirchlicher Prahlhans, der sich und seine Kirche unter allen Umständen zur Geltung bringen will und dabei seinen Nächsten, das heißt, den Bruder in der anderen Konfession, heimlich verachtet; er weiß, daß dieses im Grunde eine verborgene Verachtung Gottes als des gnädigen Gebers aller Gaben und Vorzüge wäre. Der Ökumeniker versucht, in der Kontroverse immer sachlich zu bleiben, weil er die Wirklichkeit liebt.

Wenn Sie mich fragen, woher ich diese Maßstäbe hole, dann verrate ich Ihnen gern, daß ich zur Orientierung 1 Korinther 13 aufgeschlagen habe, das sogenannte Hohe Lied der Liebe. Wenn sich der Ökumeniker von der Liebe leiten läßt, dann hat das nichts mit Verschwommenheit oder Gefühlsseligkeit zutun. Dies muß betont werden, da ein Theologe bei manchen Leuten, die sich mit ihrem Wahrheitseifer brüsten, geradezu in den Verdacht des Enthusiasmus und des Schwärmertums gerät, wenn er von der Liebe spricht.“ Die Katholische Kirche verbot die Tätigkeit der Una Sancta zwar nicht, erkannte sie aber offiziell nicht an.

Ja, und dann kamen die „Ökumenischen Mobilmachungen“. So hat der damalige Generalsekretär des Weltkirchenrates, Dr. Visser’t Hooft, die Weltkirchenkonferenz in Neu Dehli und das Zweite Vatikanische Konzil genannt. Der Weltkirchenrat hatte immer mehr an Bedeutung gewonnen. Mitte der Fünfzigerjahre traten die Orthodoxen Kirchen, die einen Kirchenbegriff haben wie etwa den, den die katholische Kirche hat, dem Weltkirchenrat bei. Damit umfaßt der Weltkirchenrat fast alle nicht-römisch-katholischen Kirchen. Diesem Einheitssog konnte sich auch die katholische Kirche nicht entziehen.
Ja, und dann kam der ökumenisch denkende Johannes XXIII., der die Fenster aufmachte. Er entsandte Beobachter zur Weltkirchenkonferenz nach Neu Dehli – vorher hatte es keine offiziellen Beobachter gegeben – und umgekehrt lud er alle Kirchen ein, Beobachter zum Konzil zu entsenden. Zum ersten Male in der Geschichte der Konzilien wurde in aller Offenheit in Gegenwart der Beobachter beraten.

Seit dem 2. Vatikanischen Konzil ist der Ruf zur Umkehr verstummt! Die Sprache, die vorher die Una Sancta-Leute sprachen, die sprach jetzt die offizielle Kirche.
Wie die Einheit einmal aussehen wird – wir werden es wohl nicht erleben – sollten wir getrost dem Herrn überlassen. Als katholische Christen können wir in dieser Beziehung die Entschließung der Synode der EKD zum 2. Vatikanischen Konzil voll unterschreiben:
Die Synode weiß sich mit den römisch-katholischen Brüdern einig in dem Bekenntnis, daß der Glaube an Jesus Christus, den einen Hirten, die Hoffnung auf die eine Herde in sich beschließt. Mit der gesamten Christenheit beten wir darum, daß Gott die Einigung aller Kirchen herbeiführen möge zu der Zeit und in der Gestalt, die ihm gefällt. Wir sind überzeugt, daß wir nur durch die Kraft des Heiligen Geistes im gemeinsamen Hören auf sein Wort in Buße vor Gott und in gegenseitiger Vergebung zu einer fruchtbaren Annäherung kommen können.

Die wesentliche Bedeutung der Teilnahme von katholischen Christen an ökumenischen Kreisen können wir jetzt positiv mit den Worten des Ökumenismusdekrets ausdrücken, das von über 2000 Bischöfen angenommen wurde. Es heißt dort u.a.:

Auf der anderen Seite ist es notwendig, daß die Katholiken die wahrhaft christlichen Güter aus dem gemeinsamen Erbe mit Freude anerkennen und hochschätzen, die sich bei den von uns getrennten Brüdern finden. Es ist billig und recht, die Reichtümer Christi und die Wirksamkeit der Tugenden im Leben der anderen anzuerkennen, die für Christus Zeugnis gegeben, manchmal bis zum letzten Blutstropfen; denn Gott ist immer wunderbar und bewunderungswürdig in seinen Werken.

Man darf auch nicht übergehen, daß alles, was von der Gnade des Heiligen Geistes in den Herzen der getrennten Brüder gewirkt wird, auch zu unserer eigenen Auferbauung beitragen kann. Denn was wahrhaft christlich ist, steht niemals im Gegensatz zu den echten Gütern des Glaubens, sondern kann immer dazu helfen, daß das Geheimnis Christi und der Kirche vollkommener verwirklicht werde. —

Damit hat das Konzil das ausgedrückt, was doch verschiedene Katholiken selbst erfahren haben, wenn sie gläubigen evangelischen Christen begegnet sind. Ich bekenne, daß der Lehrer, der mir am meisten mitgegeben hat, der einem Vorbild war, ein reformierter Synodaler war. Einige von Ihnen kennen ihn, es ist der Oberstudiendirektor Horstmeyer aus Emden, der auch hier in Aurich vorher als Lehrer am Seminar tätig war. Er überzeugte durch seine väterliche Güte, auch uns Katholiken gegenüber, durch seine aufrechte Gesinnung und einen tiefen biblisch fundierten Glauben. —

Ähnliche Gedanken finden sich im Ökumenischen Direktorium, gewissermaßen eine Übersetzung der Gedanken des Ökumenismusdekrets in die Praxis. Ich zitiere daraus über die Frage des Gottesdienstbe-suches bei anderen Kirchen:

Die gelegentliche Anwesenheit von Katholiken beim liturgischen Gottesdienst der getrennten Brüder – bei der immer der Empfang der Eucharistie ausgeschossen ist – soll die Teilnehmer zur Hochschätzung der unter ihnen vorhandenen geistlichen Reichtümer hinführen und ihnen gleichzeitig die Last der Trennung deutlicher zum Bewußtsein bringen.

Ebenso wie nun das 2. Vatikanische Konzil eine ökumenische Mobilmachung war, war auch die Weltkirchenkonferenz im vorigen Jahr in Upsala eine ökumenische Mobilmachung. Man stelle sich vor, in der Bischofsstadt des Begründers der Weltkirchenkonferenz, des lutherischen Bischofs Söderblom, trafen sich die Vertreter aller christlichen Kirchen der Welt, um gemeinsame Probleme zu beraten, aufeinander zu hören, sich in den Gottesdiensten kennenzulernen. Mit Zustimmung der Vollver-sammlung wurde die Katholische Kirche offizielles Mitglied einer der drei tragenden Säulen des Weltkirchenrates, der Kommission für Glaube und Kirchenverfassung (Faith and Order). Damit stellt diese Kommission die umfassendste Repräsentation christlicher Kirchen auf der Erde dar, worauf der Präsident dieser Kommission, Lucas Vischer, mit Recht besonders stolz sein konnte.

So ist mein Wunsch, daß auch dieser Kreis in Aurich ein kleines Abbild dieser großen Kirchenversammlung von Upsala sein möge. Ebensowenig wie der Weltkirchenrat keine neue Kirche sein will, sondern nur ein Forum, um die Einheit zu erleichtern, ebensowenig sollte dieser Kreis eine vierte Konfession darstellen, eine Versammlung von Menschen, die sich in ihrer eigenen Kirche nicht wohlfühlen. Im Gegenteil, nur in ihrer Kirche Verwurzelte sind fähig, den ökumenischen Dialog zu führen.

M.E. können wir kontroverse Fragen nicht klären. Diese Aufgabe dürfte den offiziell damit beauftragten Kirchenvertretern überlassen bleiben. Der erste Schritt zur Einheit ist jedoch, sich kennenzulernen, Vorurteile abzubauen. Dies können wir für unseren Bereich tun. Dann wächst das Vertrauen zueinander. Woher kommt denn das Mißtrauen zwischen den Konfessionen?: Weil ihre Vertreter sich nicht kennen! Goethe sagt im Torquato Tasso: „Wer die Menschen meidet, wird sie bald verkennen.“ Das gilt ebenso für das Verhältnis zwischen den Konfessionen.

Das Zentrum unseres religiösen Lebens ist der Gottesdienst. Wie wäre es, wenn wir im nächsten Winter abwechselnd durch entsprechende Liturgiker uns die Gottesdienstformen und ihre Geschichte erklären lassen, um jeweils am Sonntag darauf den entsprechenden Gottesdienst gemeinsam zu besuchen?

Als wir mit Professor Meinhold zusammensaßen, regte Herr Superintendent Meyberg an, daß sich die drei Kirchenvorstände einmal im Jahr treffen sollten. Auch diese Anregung sollten wir dankbar aufnehmen und die Kirchenvorstände bzw. den Pfarrgemeinderat daraufhin ansprechen.

Ferner möchte ich anregen, daß wir unsere Abende mit einer fünf- bis zehnminütigen Bibellesung und -betrachtung beenden. Die Bibel ist uns allen gemeinsame Glaubensquelle.

Meine Damen und Herren, der Landesbischof Lilje, der seit Upsala einer der Präsidenten des Weltkirchenrates ist, hat in seinem Sonntagsblatt in einem Bericht über das Geschehen in Upsala einen ganz besonders bedeutungsvollen Satz geschrieben! Er lautet: „Ohne den wachsenden Willen zur Einheit kann man heute nicht mehr Christ sein.“
Ohne den wachsenden Willen zur Einheit kann man heute nicht mehr Christ sein. Ein anspruchsvoller Satz. Dieser Satz sollte als Mahnung über allen unseren Zusammenkünften stehen.

Abriß der Entwicklung

Die folgenden Streiflichter aus der Auricher Ökumene erinnern an Anfänge, Wege und Erfahrungen der Ökumene in Aurich, und sie vergegenwärtigen die heutigen Aufgaben und Dienste. Sie bringen aber auch Anspruch und Wunsch für die Zukunft zum Ausdruck.

Einheit in der Vielfalt

In den ersten sechs Jahren gab es manche heute kaum verständlichen Probleme. „Konfessionen stellen sich vor“ war der erste große Themenkreis. Nach Vorstellung des Gottesdienstes der jeweiligen Konfession, wurde der Gottesdienst in ihrer Kirche an einem der folgenden Sonntage besucht. Durch diese Form erhielt der Arbeitskreis so viele Themen, daß die Arbeit, zumindest inhaltlich, auf lange Sicht gesichert war.
An diesen Zusammenkünften nahmen viele Ehepaare teil. Das hat sich als besonders hilfreich erwiesen. Man konnte nach der Veranstaltung mit dem Partner über manche weitere Fragen nachdenken. Zuwei-len bildeten sich nach der Veranstaltung noch kleine Gesprächsgruppen, die dann in Privatwohnungen zusammenkamen.

Die Jugend bis zu 25 Jahren fehlte weiter bei den Zusammenkünften. Die konfessionellen Unterschiede waren und sind für junge Menschen offenbar weniger wichtig und werden als zeitwidrig empfunden. Grundsatz: „Wir leben in der Gegenwart; uns interessieren die geschichtlich gewachsenen Probleme nicht. Wir wollen eher Aktionen und keine Aufarbeitung vorhandener Probleme.“

Der ökumenische Arbeitskreis hat sich immer wieder bemüht, diese jungen Menschen anzusprechen. Mit diesem Problem werden sich nicht nur die ökumenisch Interessierten, sondern auch die verantwortlichen Vertreter der einzelnen Gemeinden stärker auseinandersetzen müssen. Nur sollte man hier-über nicht die so ermutigend begonnene ökumenische Arbeit vernachlässigen oder aufgeben. Sicherlich wird es an anderen Orten auch andere Situationen geben.

Es wurden u. a. folgende Themen bedacht: „Was heißt Ökumene am Ort?“; „Brautleute auf dem Wege zur konfessionsverschiedenen Ehe nach den neuen Bestimmungen der katholischen Kirche“; „Das Taufverständnis nach dem Neuen Testament“; „Die Taufe aus katholischer Sicht – die Taufe: das erste Sakrament“; „Taufe aus lutherischer Sicht“; „Fragen zum baptistischen Taufverständnis heute“; „Kirche im Verständnis des Neuen Testamentes“ (Begriff und Entwicklung); „Augsburg – Ökumene auf Sparflamme?“; „Gegen-Ökumene“ (Kritische Stimmen aus Protestantismus und Katholizismus); „Er-fahrungsaustausch mit den ökumenischen Bestrebungen in Emden, Leer und in der weiteren Region“.

[…] Seitdem hat sich manches im ökumenischen Sinne in Aurich gewandelt. In den ersten sechs Jahren fanden fünf Zusammenkünfte der Mitglieder der Kirchenvorstände und Gemeindebeiräte der verschiedenen Kirchen in unserer Stadt gemeinsam statt. Dabei wurden Überlegungen zu weiteren Begegnungen und weitreichende Beschlüsse gefaßt, u. a.: Beschlußfassung über die Einrichtung gemeinsamer Passionsgottesdienste; gemeinsamer Gottesdienste am Volkstrauertag oder zu besonderen Gelegenheiten; Herausgabe eines Begrüßungsschreibens für Neuzugezogene. Um die Aufgaben der Ökumene am Ort finanzieren zu können, wurden Gelder für die gemeinsame Arbeit von den Kirchen bereitgestellt.

Auf einer Weser-Ems-Ausstellung in Tannenhausen hatten die Auricher Kirchen einen gemeinsamen Ausstellungsstand und verkauften Erzeugnisse aus Entwicklungsländern. Der Erlös kam einem Projekt der kirchlichen Entwicklungshilfe in Peru zugute. Im Juni 1972 waren 38 Teilnehmer aus Aurich zu einer deutsch-niederländischen ökumenischen Begegnung in Stadskanaal.

Um Kontakte mit anderen ökumenischen Gruppen aufnehmen zu können, wurde eine Anschriftenliste von Ökumenischen Kreisen im Raum Niedersachsen-Bremen zusammengestellt.

Durch das Männerwerk der ev.-luth. Landeskirche Hannovers wurde eine Arbeitshilfe mit Erfahrungsberichten herausgebracht. Weitere Aufgaben und Möglichkeiten ergaben sich aufgrund der besonderen örtlichen Situation im Laufe der Zeit. Vor übereiligen Aktionen konnte nur gewarnt werden, da sie das mühsam Aufgebaute leicht zurückwerfen konnten.

Nach den bewegten und bewegenden Anfangsjahren zeichnete sich eine gewisse Konsolidierung und Ernüchterung ab. Die 1974 zuerst gehaltenen gemeinsamen Passionsgottesdienste wurden beibehalten – bis heute. Jede der fünf an der Ökumene in Aurich beteiligten Kirchen gestaltet einen dieser Gottesdienste, meist mit einem übergreifenden Schwerpunkt, z. B. 1984 „Menschen unter dem Kreuz“, 1985 die Felder und Bilder des (1984 restaurierten) Ihlower Altars in der Lambertikirche. Der Ort der Passionsgottesdienste wechselt jährlich zwischen den beteiligten Kirchen. So konnte inzwischen eine Vertrautheit mit den verschiedenen Kirchenräumen in Aurich entstehen, auch wenn es da einmal ein Mißverständnis gab, als ein treues lutherisches Kirchenmitglied beim Verlassen der katholischen Kirche seine Kollekte in das Weihwasserbecken warf – mit sprühender Wirkung.

Zur Passionszeit gehört in der ersten Märzwoche der Weltgebetstag, den eine Gruppe von Frauen aus den verschiedenen Kirchen vorbereitet und durchführt. Ein ökumenischer Chor, zusammengesetzt aus den verschiedenen Kirchenchören, gestaltet sowohl den Weltgebetstag als auch den ökumenischen Got-tesdienst mit, der seit 1974 alljährlich am Volkstrauertag in der Lambertikirche gehalten wird. Dabei übernehmen jeweils zwei Pastoren aus verschiedenen Kirchen die Predigt. Vertreter der anderen Kirchen sind mit Lesungen und Gebeten beteiligt.

Die jährlich durchgeführten Bibelgesprächsabende standen oft in Zusammenhang mit dem Thema, das für spätere Vortrags- und Gesprächsabende vereinbart worden war. 1978 hat die Ökumene in Aurich zum ersten Mal – vierzig Jahre nach dem 9. November 1938 – an der Stelle der ehemaligen Synagoge in der Kirchstraße eine Gedächtnisfeier gehalten.
1978 folgte ein Gesprächsabend zum „Gespräch zwischen Juden und Christen“ und ein Vortrag von Pinchas Lapide: „Judentum – Einheit in der Vielfalt“. 1988 war die Gedenkfeier begleitet von zwei Bibelgesprächsabenden: „Judenschelte im Neuen Testament“ und „Das Heil kommt von den Juden her“.

Im November 1981 stand das Bibelseminar ebenso unter dem Generalthema „Frieden“ wie es zwei Gesprächsabende Anfang 1982 waren: „Äußerungen der Kirchen zu Friedensfragen“, „Sichert die Bundeswehr den Frieden?“ (mit Oberstleutnant Nassua und Militärdekan Weinbrenner). Am 7. Mai 1983 lud die Ökumene in Aurich zum ersten Mal zu einem „Friedensgebet“ ein, das dann über mehr als fünf Jahre hinweg jeden Sonnabendmittag von etlichen Pastoren und Laien in der katholischen Kirche gehalten wurde. Besonders stark waren Jugendliche an den Friedensgebeten beteiligt. Im November 1984 fand im Lambertigemeindehaus ein Gespräch der Auricher Ökumene mit den christli-chen Friedensgruppen über deren Arbeit statt.

Im Oktober 1983 feierte die Lambertigemeinde das 150jährige Bestehen ihres Kirchenbaus und lud dabei zu einem ökumenischen Abend ein. An einem ökumenisch sehr gemischten Tisch kam da zur Sprache, wie sehr über die entstandenen persönlichen Kontakte hinaus das Zusammenkommen von Menschen verschiedener Konfessionen neue Zugänge zu Bibel und Gottesdienstformen ermöglicht und erleichtert hat.

Stärker noch ist mittelbar die Wirkung der Ökumene in Aurich in der Arbeit im Fachbereich Religion am Gymnasium Ulricianum zu spüren gewesen. Enge Zusammenarbeit der Lehrer und Pastoren aus verschiedenen Kirchen in den Fachkonferenzen, vor allem auch bei den Abiturprüfungen (hier ist übrigens auch die IGS einzubeziehen), in der Oberstufe die Arbeit in konfessionell gemischten Kursen. Dabei wurde den Vertretern der Arbeitsgemeinschaft bewußt, wie sehr das Zusammenfinden der Kirchen sich in der Sprache ausgewirkt hat. Bei Schülern – vielleicht auch bei den Lehrern? – war sprachlich die konfessionelle Herkunft nicht mehr erkennbar. Manchmal tauchte dabei die Frage auf, ob damit nicht auch ein Stück Identität, die Kenntnis der eigenen Wurzeln, verlorengeht. Letztlich ist es jedoch ein großer Gewinn, wenn sich der gemeinsame Glaube auch in sprachlich verbindender Form ausdrücken kann.

In den Jahren 1984 bis heute wurden in der Ökumene in Aurich all die Veranstaltungen fortgeführt, die schon in den Vorjahren begonnen hatten: Am Jahresanfang je ein bis zwei Sonderveranstaltungen zu wechselnden Themen, dann Passionsandachten, der Weltgebetstag der Frauen, die Zusammenkunft der Leitungsorgane der fünf beteiligten Gemeinden, die Bibel- bzw. Gesprächsabende im Herbst und der Gottesdienst zum Volkstrauertag in der Lambertikirche.

In der vergangenen Zeit gab es thematisch verschiedene Schwerpunkte, die jeweils auch die „Tagesordnung der Weltökumene“ widerspiegeln. So stand in den Jahren 1984 bis 1986 schwerpunktmäßig das Gespräch über Taufe, Abendmahl und die Ämter der Kirche an, ausgelöst vor allem durch die sog. „Limapapiere“, die auch in Aurich diskutiert wurden. 1987 bis 1989 ging es dann um Frauen in der Bibel, in der Kirche und in der Gesellschaft. Besonders im Jahre 1990 stand im Vordergrund die Mitarbeit an den Fragen des „Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“.

1991/1992 war dann – gleichsam als Pendant – die Bibel das Hauptthema. Es folgte eine gründliche Auseinandersetzung mit Auslegungsfragen zum Alten und Neuen Testament, die Erprobung neuer Methoden im Umgang mit Bibeltexten, z.B. „Bibel Teilen“. Jüngstes Kind der Ökumene in Aurich ist der „Hirtenstall“, der jeweils auf dem Auricher Adventsmarkt aufgestellt wird, und in dem die verschiedenen Gemeinden der Ökumene unterschiedliche Aktivitäten und Angebote einbringen.

Vielen Laien, vielen Pastorinnen, Pastoren und Pfarrern ist Dank zu sagen für die treue und engagierte, oft auch schwierige Mitarbeit in den vergangenen Jahren.

[…]

Fortschritte in der Beseitigung von Verwerfungen:
hier zu Frage 80 des Heidelberger Katechismus

In den Gesangbüchern der Evangelisch-reformierten Kirche ist der Heidelberger Katechismus abgedruckt. Frage 8o lautet: Was ist für ein Unterschied zwischen dem Abendmahl des Herrn und der päpstlichen Messe?

Das Abendmahl bezeugt uns, daß wir vollkommene Vergebung aller unserer Sünden haben durch das einmalige Opfer Jesu Christi, das er selbst einmal am Kreuz vollbracht hat, und daß wir durch den Heiligen Geist Christus werden eingeleibt, der jetzt mit seinem wahren Leib im Himmel zur Rechten des Vaters ist und daselbst will angebetet werden. Die Messe aber lehrt, daß die Lebendigen und die Toten nicht durch das Leiden Christi Vergebung der Sünden haben, es sei denn, daß Christus noch täglich für sie von den Meßpriestern geopfert werde, und daß Christus leiblich unter der Gestalt des Brotes und Weines sei und deshalb darin soll angebetet werden. Und ist also die Messe im Grunde nichts anderes, als eine Verleugnung des einzigen Opfers und Leidens Jesu Christi und eine vermaledeite Abgötterei.

Am 23. August 1985 stellte Heinrich Schumacher an den Landeskirchentag der evangelisch-reformierten Kirche Nordwestdeutschlands den schriftlichen Antrag, zu beschließen, daß in allen Gesangbüchern, die die reformierten Gemeinden vorhalten, die Frage 80 des Heidelberger Katechismus folgende Ergänzung findet: „Auffassung der reformierten Kirche im 16. Jahrhundert, ist nicht die Auffassung der evangelisch reformierten Landeskirche Nordwestdeutschlands.“

Der Kirchenpräsident, Pastor Schröder, sagte am 15. Oktober 1985 Herrn Schumacher nach „ausgiebiger Beratung im Landeskirchenvorstand“ schriftlich zu, daß bei einer Neufassung des Gesangbuches bei der Frage 80 mit Sicherheit eine Fußnote angebracht wird. Ihm wird ferner zugesagt, daß in den Gemeinden der Ev. ref. Kirche in Nordwestdeutschland im kirchlichen Unterricht die Frage 80 nicht gelehrt wird.
Bereits im Frühjahr 1992 beschließt die Gemeindeversammlung der reformierten Gemeinde Aurich, ihre Gesangbücher durch Einkleben der Erklärung des Moderamens des Reformierten Bundes aus dem Jahre 1977 zu ergänzen: „Der Katechismus spricht hier die harte Sprache des Kampfes, der in der Reformationszeit um die rechte Lehre geführt wurde. Der Gegensatz der Auffassungen über die römisch-katholische Messe und das evangelische Abendmahl besteht auch heute noch. An die Stelle der Verdammung ist aber das ökumenische Gespräch zwischen den Kirchen getreten.“

Im 4. Quartal 1993 stellt der III. Synodalverband-Aurich auf der Landessynode den Antrag auf Änderung der Frage 80.

Das 1996 neu herausgegebene Gesangbuch für die Evangelisch-reformierte Kirche bringt zu der Zeile „und eine vermaledeite Abgötterei“ der Frage 80 folgende Fußnote:
„Das Moderamen des Reformierten Bundes hat hierzu erklärt: Diese Verwerfung wurde vor 400 Jahren formuliert; sie läßt sich nach Inhalt und Sprache in dieser Form nicht aufrechterhalten: Die Polemik gegen die Wiederholung des einmaligen Opfers Christi am Kreuz und die Anbetung der Elemente (Brot und Wein) wird dem nicht gerecht, was im ökumenischen Gespräch inzwischen an Verständigung erreicht werden konnte. Der bleibende Lehrunterschied besteht darin, daß die Eucharistie in der römisch-katholischen Kirche als „Opfer“, das Abendmahl im evangelischen Gottesdienst als „Mahlfeier“ begrif-fen wird; doch sollte sich dieser Unterschied nicht kirchentrennend auswirken.“

Teil 1 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – der Patron
Teil 2 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Vorgeschichte 1
Teil 3 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Vorgeschichte 2
Teil 4 | Chronik von St. Ludgerus Aurich Ortsgeschichte 1 Jahre 1632 bis 1930
Teil 5 | Chronik von St. Ludgerus Aurich Ortsgeschichte 2 – Jahre 1931 bis 1966
Teil 6 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Ortsgeschichte 3 – Jahre 1967 bis 1985
Teil 7 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Ortsgeschichte 4 – Jahre 1986 bis 1996
Teil 8 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Ortsgeschichte 5 – Jahre 1997 bis 1999
Teil 9 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Innenausstattung Kirche 1
Teil 10 | Chronik von St. Ludgerus Aurich – Innenausstattung Kirche 2
Teil 11 | Chronik von St. Ludgerus Aurich Bonihaus und Schule

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